MAGAZIN #28

Print unter Druck

Nachrichten auf Papier sind out, die Branche sucht den Aus­weg aus der Krise im Internet. Der Wandel ist schmerzhaft, aber die Möglichkeiten sind groß. Eines ist sicher: Multimedia ist die Zukunft

Text –

Klaus Jarchow

Fotos –

Gustoimages.Com

Auch bei meiner Zeitungsfrau ist die Medienkrise angekommen: »Komisch«, sagt sie, »früher passten hier am Sonnabend keine vier Zeitungen in den Fächer. Jetzt fasst er problemlos sieben oder acht«. Das seien aber doch nur jene Zeitungen, die Kleinanzeigen ans Internet verloren haben, tröste ich sie, die Hochglanzmagazine machten das wieder wett. »Ach watt«, ereifert sie sich und kurbelt am Zeitungskarussell: »Bei den Magazinen kamen jahrelang drei, vier im Monat neu hinzu, bis ich manchmal nicht mehr wusste, wohin damit. Jetzt schrumpft die Zahl der Titel rapide«. Und wirklich zählt der Popkulturjunkie auf seinem Retromedia-Blog schon 93 Publikumszeitschriften, die allein im Jahr 2008 eingestellt wurden. Für Schreiber und Fotografen sind das 93 Möglichkeiten weniger, ihre Arbeiten zu publizieren.

DIE REVOLUTION DER MEDIEN

»Wir stehen vor einer Medienkrise mit einer unbekannten Dimension. So etwas haben wir alle noch nicht erlebt.« Mit diesen Sätzen begann Burda-Chef Philipp Welte in diesem Jahr seine Neujahrsansprache an die Belegschaft. Hubert Burda Media – das publizistische Großreich von Freundin, Focus, Elle, Bunte, Chip oder TV Spielfilm – galt bisher als nahezu krisenresistent, als der gesündeste aller deutschen Großverlage. Auch diesen Tanker trifft die Leserwanderung und der nachfolgende Anzeigenverlust jetzt direkt im Maschinenraum. Die Finanzkrise mit ihren Folgen kommt in den nächsten Monaten noch obendrauf. Sie wird den Niedergang von Printmedien weiter beschleunigen.

In anderen Großverlagen ist der Wandel in vollem Gange: Die WAZ-Gruppe fasst nahezu sämtliche Lokalredaktionen unter einem Dach zusammen und baut ein Drittel der Redakteur-Stellen ab. Gruner & Jahr legt sämtliche Wirtschaftstitel zu einer Zentralredaktion (neudeutsch: »Newsdesk«) zusammen, Texte in Financial Times, Capital, Impulse und Börse Online kommen damit gewissermaßen »aus einer Hand«. Ein Verfahren, das in Verlegerkreisen diskret »Synergie« genannt wird: Inhalte werden als »Content« schlicht mehrfach verwertet. Und hier beginnt dann die Suche nach den wahren Ursachen des Niedergangs der mächtigen »Dead-Tree Industries«, wie die einstigen Zeitungs-Großmächte in den USA längst genannt werden.

Denn es wäre zu einfach, nur den Anzeigenschwund als Ursache anzuführen, wie es Verleger gern tun. Die Zeit kryptischer Kleinanzeigen – »Biete EFH i. 1A-Lage, 6 Zi, F.bd.hzg.« usw. – die eben nur deshalb so kryptisch waren, weil der regionale Zeitungsherausgeber für vier kurze Zeilen schon 30 Euro kassierte, ist sicherlich vorbei. Diese Erlöse verloren die Verlage durch technischen Wandel: Stellenvermittlung, Autoverkäufe, Immobilienverkauf – so etwas kann das Internet viel preisgünstiger und auf einem viel größeren Marktplatz vermitteln. Zwischen 2000 und 2006 verloren überregionale Zeitungen knapp 70 Prozent des Anzeigenaufkommens bei den Stellenanzeigen; bei den Kfz-Anzeigen waren es mehr als 80 Prozent.

Weitere Gründe für den Verlust des Publikums sind sicher vielfältig: Die Uniformität der Zeitungssprache wäre zu nennen, jener normierte, objektivitätsbetonte dpa-Stil, der den Autor zugunsten des Schreibautomaten und Content-Schmieds abschaffte. Der Verlust des Informationsvorsprungs kommt hinzu: Jede Zeitung bringt – bedingt durch die technische Verzögerung des Rotationsdrucks – Nachrichten immer erst dann, wenn TV und Internet sie längst abgefeiert haben. Sie kommt also notwendigerweise immer zu spät.

ABSCHIED VON DEN KERNAUFGABEN

Vor allem aber haben Printmedien ihre politisch-soziologische Kernaufgabe ohne Not und um der Selbstvermarktung willen aufgegeben: Sie setzen nicht länger als »Gatekeeper« die Agenda, eine öffentliche Meinung kann sich mit ihrer Hilfe nicht mehr bilden, weil auflagenfixierte Zeitungen nur noch nach Quote und »Awareness« jagen. So meint die typische Redaktion heute dies und morgen das – zu einem gegebenen Zeitpunkt aber meinen alle das gleiche: »Rudeljournalismus« hat sich hierfür als Begriff durchgesetzt. Zwischen den gleichförmigen Artikeln über Dschungel-Camp und Ypsilanti-Jagd wird dem Publikum sein Printmedium zunehmend »wurscht«, völlig losgelöst und »fragmentiert« tummeln sich die ehemaligen Leser unter Gleichgesinnten in den Weiten des Netzes – und sie entwickeln dort ganz subjektive Überzeugungen, fernab von Habermas und anderen Theoretikern aus der massenmedialen Vorzeit.

Vor allem die Jugend wandert in Scharen ins Netz ab, weil sie sich nicht länger medial bevormunden, nicht mehr verwirren und verblöden lassen will. Aber nicht, weil sie verblödet wäre, wie es die Nationale Initiative Printmedien suggeriert, mit deren Hilfe Verleger, Grossisten und Bundesregierung einer angeblich abnehmenden Lektürekompetenz unter jungen Menschen begegnen möchten. Dabei nimmt die Lektürefähigkeit junger Menschen in Deutschland nicht ab, sie wächst seit einigen Jahren. Die Netzkultur des Web 2.0 lässt sich sogar als genuine Lese- und Schreibbewegung einer jungen Generation fassen, die neuartige kommunikative Fähigkeiten wie Bloggen, Twittern, Chatten, Simsen entwickelt hat, wofür bekanntlich einiges an Schreibkunst erforderlich ist. Die heutige Medienkrise existiert, um ein altjournalistisches Argument polemisch umzukehren, weil den Lesern die Medien schlicht zu dumm wurden.

DIE EVOLUTION DER MEDIEN

Wir stecken also mitten drin in einer gewaltigen Revolution der Medienlandschaft, die viel mehr umfasst als nur den heuchlerisch beklagten Anzeigenschwund: Es geht um den Abschied vom gedruckten Leitmedium als gesellschaftlicher Instanz. Wie aber wäre das Neue zu beschreiben, das sich aus dieser Krise der Printmedien entwickeln wird?

Zunächst einmal verschiebt sich die publizistische Relevanz eindeutig vom Analogen ins Digitale, vom Dunkel der Druckerschwärze ins Licht der Monitore. Die Zukunft des Journalismus speißt sich nicht länger aus politischen »Hintergrundgesprächen« in Halbdunkel der Kulissen – ein Journalist wird künftig auch nicht mehr »nur« schreiben oder »nur« fotografieren dürfen. Er wird sich selbst als »Multimedium« erfinden, er muss sich – ob allein oder in einem Team – mindestens die Kompetenzen eines Rechercheurs, eines Autors, eines Gestalters und eines Informationstechnikers aneignen, weil das neue Netz dies von ihm verlangt. Das Web 2.0 bewirkt kein Sinken der Standards, es verlangt schlicht ein Mehr an Kompetenzen.

Ein Zoombild, wie es die New York Times am 20. Januar 2009 online stellte, um die Reaktion jedes einzelnen »Promis« bei der Vereidigung Obamas zu zeigen, wird für Pressefotografen künftig Standard sein: Das Standfoto aus der guten alten Zeit verwandelt sich, es wird beweglich, es lässt sich zoomen und drehen, es ist über und über mit Tags und redaktionellen Hinweisen versehen. Es ist kein »Abbild« mehr, sondern durch und durch zum »Sinnbild« geworden.

Der Ton kommt zu den Bildwelten hinzu. Die erzählerisch unterlegten Bewegt- und die Standbilder, dazu Grafiken und Trickzeichnungen bilden förmlich Filmsequenzen, die ablaufen werden wie eine Reportage im TV. Die gesprochene Sprache verdrängt immer öfter den geschriebenen Text. Ob Texte oder Bildwelten – alles wird subjektiver und »ich-hafter«, es wird immer mehr erzählt statt berichtet: Die Literatur kehrt in die Medien zurück.

Die Aufgaben für alle Informationsgestalter – ob nun »Mund« oder »Auge«, ob »Reporter« oder »Fotograf« – werden darüber hinaus sehr viel artifizieller und wohl auch zunehmend »künstlerischer«. Ein »Verfall« des Könnens durch das Netz ist also nicht zu erwarten. Erst recht, wenn der Wahn der »Page-Impressions« und das kommerzielle »Google-Betrügen« durch »Search Engine Optimizer« sich erst einmal als absurd entlarvt haben wird. Ein Journalist entwickelt künftig die Zusatzqualifikation eines Regisseurs in eigener Sache – sein »role model« lautet Steven Spielberg, keineswegs wird er zum SEO-Schreiberling aus dem Prekariat, schon deshalb, weil es für Müll auf Dauer kein Publikum gibt.

Zur Illustration ist vielleicht ein Blick auf das amerikanische MediaStorm-Portal nützlich, auf jenes grandiose Projekt des Brian Storm, ehemals Multimedia-Geschäftsführer bei MSNBC. Die Titelseite des MediaStorm ist pechschwarz, nirgends locken Covergirls oder Prominentenbildchen, nirgends wird gehupt oder gehypet wie in den Printmedien – vielmehr laufen auf einem stillen Insert-Band zentrale Sätze aus grandiosen Reportagen. Einige starke Fotos fesseln die Aufmerksamkeit, sobald der Mauszeiger des Betrachters sie berührt, ertönt ein Kommentar zu den Aufnahmen. Vor allem aber: Es gibt keinerlei Werbung! Bis auf einen kleinen, dezenten Hinweis rechts oben, der besagt: »Sponsored by washingtonpost.com«.

Die »Wirtschaftlichkeit« dieses Blogportals verbirgt sich unter der Oberfläche – MediaStorm ist heute ein kombiniertes Verlags-Schulungs-Reportage-Sponsoring-Technik-und-Entwicklungshilfe-Projekt, eine Multimedia-Galerie und dazu ein »Harvard« für künftige Multimedia-Journalisten im Web 2.0: Es gibt Workshops, DVDs, Bücher, T-Shirts undundund… Greifen wir uns das Projekt »Rape of a Nation« einfach mal heraus, das von der katastrophalen Situation der Menschen im Kongo berichtet. Mit dem ersten Klick auf das zentrale Foto startet eine elfminütige Multimedia-Präsentation des Afrika-Fotografen Marcus Bleasdale (u.a. Geo, New Yorker, Newsweek, Time, National Geographic): Ein Zähler registriert die vielen zivilen Toten dieses endlosen Bürgerkrieges, eine ouvertürenhafte Musik untermalt die erste Fotostrecke, plötzlich setzt aus dem Off die Reportage mit ihren harten Fakten ein, Grafiken wechseln jetzt mit Fotos, der Autor ist selbst als Sprecher im Film zu sehen, Schüsse im O-Ton pfeifen am Betrachter vorbei, Interviews mit vergewaltigten kongolesischen Frauen rütteln am Gewissen, immerzu knüppeln Zahlen, Daten, Fakten aus dem Off auf den Betrachter ein, den dieses multimediale Großereignis sicherlich nicht unbeeindruckt lässt, zumindest wird er künftig wissen wollen, aus welcher mehr oder minder trüben Quelle das Coltan in seinem Handy stammt.

Davon zeugen auch die Kommentare im Blog, das sich direkt unterhalb dieser »Leinwand« anschließt. Eng verlinkt ist der Beitrag ferner mit Human Rights Watch, mit den Ärzten ohne Grenzen usw. Multimedia präsentiert sich hier als eine machtvolle Möglichkeit, ein Netzwerk und »Communities« zu bilden, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Sehr viel mehr als dies Text, Foto oder Film jemals allein tun könnten. Es ist daher keine Kunst, zu prophezeien, dass das neue Netz »multimedial« sein wird. Während die wirkungsärmeren Printmedien zuvor nur das Bild und den Text kannten. Wer jetzt aber glaubt, dass in den USA für die neuen Medienschaffenden Milch und Honig fließen, dass dort das Leben eines Fotojournalisten sehr viel einfacher sei, weil doch Multimedia in den USA ein akzeptiertes, gesuchtes und lohnendes Business sei, der soll sich auf dem gleichen Portal die »Home-Story« der deutschstämmigen Multimedia-Fotografin Evelyna Dann Peterkin anschauen. Sie denkt – bei all ihrer Begabung – aufgrund der beengten Wohnverhältnisse und aufgrund der desolaten sozialen Situation in New York ernsthaft über eine Rückkehr nach Deutschland nach. Weil dort alles so viel einfacher sei.

Was uns der Blick auf die neue Medienlandschaft damit auch lehren kann, gleicht der Variante eines berühmten Kennedy-Satzes: »Schaue nicht, was die Kunst für dich tun kann, sondern schaue, was du für die Kunst tun kannst«.

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Klaus Jarchow
Der promovierte Germanist und Historiker, Jahrgang 1953, kam als Quereinsteiger zum Journalismus. Ehemals politischer Pressesprecher und Ausbildungsleiter, betreibt er von Bremen aus Kundenkommunikation, schreibt für www.medienlese.com und www.stilstand.de.