MAGAZIN #18

Produktiv verunsichern

Der Blick von außen gibt Impulse für die Innenansicht – manche Städte engagieren sich dafür einen Stadtfotografen auf Zeit.

Text –

Kai-Uwe Scholz

»Stadtfotograf«, steht in großen Buchstaben auf dem Opel Corsa. Mit seinem Dienstwagen erregt Günter Bersch im westthüringischen Eisenach Aufsehen. Während Stadtschreiber üblicherweise im stillen Kämmerlein vor sich hin wirken, gehen in einigen Gemeinwesen öffentlich bestallte Fotografen vor aller Augen auf die Jagd nach Motiven. Bersch ist einer von ihnen.

Den Anstoß gab ein Oberbürgermeister am anderen Ende Thüringens. »Toll«, sagte Ralf Rauch Mitte der 90er nach einer beeindruckenden Präsentation von Fotos aus Sizilien. »Solche Bilder müsste es auch von Gera geben!« Die Idee war geboren: 1996 wurde Johannes Backes hier zum ersten Stadtfotografen erkoren, vier sind es seither geworden. Und das Projekt soll – wenn das Geld im Stadtsäckel reicht – in den nächsten Jahren fortgeführt werden.

Für jeweils acht Wochen haben die Fotografen in Gera freie Unterkunft und bekommen ein Stipendium. Am Ende steht eine Präsentation der Ergebnisse im Museum für Angewandte Kunst (MAK). Ein Satz der ausgestellten Arbeiten geht in den Besitz der Stadt über. Sie kann die Fotos zu Publikations- und Werbezwecken verwenden, wobei das Urheberrecht beim jeweiligen Fotografen verbleibt.

Doch geht es den Geraern nicht darum, touristische Idyllen ins Bild setzen zu lassen. Sie wollen »wahrhaftige Bilder« vom Leben in der Stadt. »Fremde Blicke fangen oft Überraschendes ein«, meint Hans-Peter Jakobson, Direktor des MAK, das alle zwei Jahre den Aenne-Biermann-Preis für Deutsche Gegenwartsfotografie vergibt. Jakobson ist für die Ausschreibung des Preises (s. S. 42) wie auch des Stadtbilder-Projektes zuständig, mit der Gera zur »Förderung der individuellen künstlerischen Entwicklung junger Fotografen« beitragen will.

Die Ausschreibung richtet sich daher jeweils an eine Ausbildungsstätte: Backes kam von der Universität Essen, Sibylle Fendt von der Fachhochschule Bielefeld, David Graeter von der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Die Stadtfotografin des letzten Jahres stellt eine Ausnahme dar: »Warum nehmen Sie denn immer nur junge Fotografen?«, fragte Jutta-Regina Ammer, Fotografie-Dozentin in München mit engen Beziehungen zu Gera. »Nehmen Sie doch mal eine alte.« Jakobson schlug ein.

»Fortschrittliche Fotografie ist eine Methode, die Welt zu überlisten, statt sie frontal zu attackieren.« Backes, der wohl erste Stadtfotograf der Republik überhaupt, nahm diesen Satz von Susan Sontag als Motto. Er fotografierte Geraer Straßenszenen und Gebäude, Halbwüchsige im »Klub der Jugend und Sportler« und zuhause. Überlistet sieht diese Welt auf seinen Fotografien nicht aus. »Wahrhaftige Bilder« sind sie allemal.

Einen Schritt weiter gehen Kulturreferent Thomas Knubben und Kurator Claudio Hils im baden-württembergischen Ravensburg. Das Städtchen stellt sich in seiner Werbung gern als »die liebenswerte Mitte Oberschwabens« dar – Knubben und Hils hingegen wollen, dass die Stadt von radikalen Positionen und aus extremen Blickwinkeln betrachtet wird.

Ihr 2000 begonnenes Projekt ist auf fünf Jahre und ebenso viele Künstler angelegt. In Ravensburg hält der Kurator die Fäden in der Hand: Er wählt die Fotografen aus, wobei die Ergebnisse des jeweils vorjährigen Amtsinhabers entscheidenden Einfluss auf die Wahl des nächsten haben. Hils will die kalkulierte Konfrontation, will Kontraste zum Stadt-Klischee in den Köpfen, Kontraste zu den Sehweisen der anderen Fotografen. Durch die Bilder soll die Stadt etwas Unbekanntem, Unerwartetem begegnen – »und doch sich selbst«.

Das Konzept scheint viel versprechend und im Ansatz bereits gelungen. Als erster wurde Zoltán Jókay eingeladen. Der Münchner Fotograf mit ungarischen Vorfahren stellte Menschen in den Mittelpunkt seiner Arbeit, die aus anderen Ländern stammen: die Muslimin mit buntem Kleid und schneeweißem Kopftuch, den Greis mit Stock und Mütze, im kleinkarierten Jackett, aber in kerzengerader Haltung, eine Mutter mit ihrem Neugeborenen, halbwüchsige Jungs mit Fußball und der Aufschrift »A Chance of Winning« auf dem T-Shirt. der, die, das betitelte Jókay lapidar seine Bilder, mit denen er daran erinnert, dass selbst im kleinen Ravensburg Menschen aus rund 90 Nationen leben.

Der Gegensatz zu Nachfolger Matthias Hoch könnte nicht größer sein. Begrenzte Übersicht heißt der Katalog seiner Arbeiten – Aufnahmen menschenleerer Gebäude und architektonischer Details. »Atemnot vor Idylle« befiel den Leipziger beim ersten Besuch in der Stadt. Kurator Hils musste ihn regelrecht bearbeiten, um ihn für das Projekt zu gewinnen. Das Ergebnis sind grafisch strenge Ansichten, die einem unterkühlten, ja kalten Blick entsprungen sind und mit denen Hoch die Bürger »produktiv verunsichern« will. Dazu gehört, dass er seine Fotos nicht betitelt, sondern einfach durchzählt. Orte des Alltags wie Spielefabrik, Gewerbeschule, Radwege und Schnellstraße werden zu bloßen Strukturen reduziert.

Man sieht vorspringende Gebäudewinkel (# 13), S-förmig ineinandergeschmiegte Asphaltbänder (# 25), rektanguläre Fensterlöcher in einer Fassade (# 6), verschachtelte Betonflächen mit einem Pfeil, der ins Nirgendwo zeigt (# 24). Den nächsten Schritt dieser städtischen »Selbsterkundung« macht derzeit die junge Berlinerin Eva Bertram, die architektonische und persönliche Eindrücke wieder zusammenführen und ins Narrative wenden will. Sie hat sich intensiv mit dem Medium des Films beschäftigt.

In Darmstadt lädt die Werkbundakademie zur Stadterkundung mit der Kamera ein. Ausgewählt werden die Kandidaten hier von einer Jury, zu deren Mitgliedern Stadtplaner und Gestalter, Architekturredakteure und Fotografen gehören. Aufgabe ist neben einer »sachlich-kritischen Darstellung« und einer »künstlerischen Verdichtung und Zuspitzung« des Gesehenen erklärtermaßen die »pädagogische Vermittlung vielschichtiger Probleme von Stadt und Umwelt«. Während Marcus Düdder 2001 mit Bildern von Campus und TU-Gebäuden den Wissenschaftsstandort Darmstadt dokumentierte, will der gegenwärtige Amtsinhaber Albrecht Haag den Ort von außen einkreisen und die verschiedenen Stadteingänge untersuchen: Im Westen liegt die Autobahn, im Osten erstrecken sich noch große Felder; Annäherungen aus vier Richtungen stehen auf dem Programm.

Eine Sonderform der »Stadtfotografie« stellt das Symposium für Dokumentarfotografie in Bad Herrenalb dar, das in diesem Jahr zum vierten Mal stattfand. Zum Symposium, das sich Themen wie dem Begriff des Dokuments, der Reportage oder der subjektiven Wiedergabe erlebter Situationen widmet, wird ein Wettbewerb ausgeschrieben, dessen Gewinner zu einem einwöchigen Workshop nach Bad Herrenalb eingeladen werden. Jeweils sechs Berufsfotografen werden gemeinsamen in einer Pension am Ort untergebracht; im Kurhaus werden Dunkelkammer und Arbeitsplätze eingerichtet, Zwischen- und Endergebnisse präsentiert. Die drei besten Bildfolgen erhalten den Fotopreis der Stadt Bad Herrenalb. In der Auseinandersetzung mit »Menschen und Situationen in einer kleinen Schwarzwaldstadt«, aber auch mit den unterschiedlichen Blickwinkeln der Kollegen entsteht ein vielfach facettiertes Bild des Kurorts.

Die unterschiedlichen Gesichter einer Stadt porträtieren will schließlich auch der erste Eisenacher Stadtfotograf, Günter Bersch. »Die zentrale Stadt der Region stellt eine eigenartige Melange dar«, meint Kulturamtsleiter Helmut Lorenz. In Geschichte und Gegenwart treffen konservative und progressive Tendenzen aufeinander. Hier stehen die Wartburg, Zufluchtsort Luthers und Treffpunkt von Burschenschaftlern, und die Taufkirche Johann Sebastian Bachs; Eisenach ist aber auch wichtiger Standort der Automobilindustrie, Wiege der hier 1869 gegründeten SPD und Heimat einer lebendigen Jazzclub-Szene, die sich bereits in den 20er Jahren etablierte.

Wie kann man vor diesem widersprüchlichen Hintergrund die Stadt als Heimat definieren, fragt sich Lorenz.

Im März 2003 soll ein wissenschaftliches Symposium darauf Antworten geben. Zuvor wird der aus Berlin stammenden Bersch eine optische Bestandsaufnahme erarbeitet haben. Opel – in Eisenach mit einem Werk ansässig – hat spontan einen Wagen gesponsert, von März bis September hat Bersch recherchiert und fotografiert, pünktlich zur Konferenz wird eine Schau von etwa 100 Fotografien zu sehen sein.

Bersch hat seine Recherche unter das Motto Sehnsuchtsort Eisenach gestellt. »Aber ich bin nicht hier, um Burgen und und Sonnenuntergänge festzuhalten«, fügt er gleich hinzu. Bersch will keine Klischees bedienen; in Quedlinburg – UNESCO-Welterbestadt – fotografierte er keine Fachwerkhäuser, sondern Angehörige der Autonomenszene, in München porträtierte er die schwule Volkstanzgruppe »Schwuplattler«, im Ruhrgebiet besuchte er einen Taubenzüchterverein, deren Mitglieder ihre fliegenden Boten nicht mehr beringen, sondern mit Mikrochips versehen auf die Reise schicken. Bersch will Neues zeigen, Ungewohntes, Ansichten und Situationen festhalten, die zum Nachdenken bringen. Welche Rolle Heimat im Zeitalter der gesellschaftlichen Verwerfungen und Globalisierung spielt, fragte sich der Fotograf schon 2000 in seiner Publikation Startbahn Ost.

Seine Streifzüge in Eisenach bringen auch hier Brüche und Widersprüche ans Tageslicht. Unter der abblätternden Farbe einer Häuserwand kommt die verwaschene Inschrift »Rotfront!« zum Vorschein. Und auf einer Wahlveranstaltung der Rechtsaußen-Partei »Die Republikaner« verteilt ein Dunkelhäutiger im schneeweißen Hemd Flugblätter, auf denen die »Rückführung der Ausländer« gefordert wird. – Bersch will kein »Gefälligkeitsfotograf« sein, sondern Stadt und Land einen Spiegel vorhalten. Konsequent fotografiert er in Schwarz-Weiß, Farbe sei ihm zu »geschwätzig«.

Doch könnte der erste Eisenacher Stadtfotograf schon der letzte gewesen sein. Denn bei der fotografischen Dokumentation will die Stadt nicht stehen bleiben; Geschichte kann in verschiedenen Medien geschrieben werden, sagt der Kulturamtsleiter – und kann sich auch Stadtkünstler, -architekten oder -historiografen vorstellen. »Wir wollen jedenfalls Beiträge zur kulturellen Substanz anregen«, so Lorenz, »die auch in 50 oder 100 Jahren noch Wesentliches zum Bild der Stadt beitragen«.

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Workshop
Martin Langer
Im Jahr 2002 wurde Martin Langer mit dem Fotopreis der Satdt Bad Herrenalb ausgezeichnet – diese Prämie erhalten die drei besten Teilnehmer des örtlichen Workshops für Dokumentarfotografie.

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Buch
Matthias Hoch
Begrenzte Übersicht
Ravensburg: Städtische Galerie/
Köln: Schaden Verlag 2002.
72 Seiten, Paperback

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Kai-Uwe Scholz
Dr. phil., freier Autor und Journalist in Hamburg. Publikationen über Architektur, Design, Kunst und Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts