MAGAZIN #09

Raumschiff FreeLens

Große Veränderungen kündigen sich meist leise an. So war es auch in der FreeLens-Schaltzentrale im Winter des Erdenjahres 1998

Text –

Julia Mahn

Sie kamen und gingen auch wieder, die Männer der vogonischen Bauflotte, die durch unser liebgewonnenes Büro zogen, um dem angegrauten Ambiente der freelensianischen Schaltzentrale einen neuen Touch zu verpassen.

Kreatives Chaos verwandelte sich über Nacht in undurchschaubares Chaos, und daß zu guter Letzt nicht auch noch der Fußboden rausgesprengt wurde, haben wir nur dem schnellen Eingreifen unseres neuen Captain M zu verdanken. Jetzt ist die Küche auf einmal im Keller, die Büroreserven auch, und der neue Mann auf der Kommandobrücke hat seine eigenen vier Wände – eigentlich sind es acht, mit Durchbruch.

Mittlerweile ist an Bord der FreeLens-Schaltzentrale wieder Ruhe eingekehrt. Jeder hat jetzt sein eigenes Telefon, obwohl die technischen Raffinessen einer ISDN-Systemanlage noch immer Stress und nervöse Spannung bei der einen oder anderen Schaltzentralenfee auslösen. Die Computer sind miteinander vernetzt, was aber noch lange nicht bedeutet, daß das gleiche Programm auf zwei Bildschirmen simultan erscheint. Und der Drucker steht – dank sei dem Webmaster – nicht mehr in direkter Konkurrenz zum Kopierer, wenn es um die Kür der langsamsten Büromaschine geht.

Keine Panik, lautet wieder die Devise, wenn in anderen Gegenden der freelensianischen Galaxis wirklich ernste Probleme zu lösen sind. »Wie krieg ich mein Paßwort für die FreeLens-Homepage?«, »In zwei Stunden geht mein Flieger, und ich brauch’ unbedingt noch die FreeLens-Kamera-Versicherung!«, »Hilfe, meine Fotos sind geklaut worden, kann ich mal schnell die Nummer vom Anwalt haben?« – das sind noch die eher harmlosen Fälle des täglichen Fotografen-ADACs.

Aus Erfahrung weiß die Schaltzentralencrew zu berichten, daß dies für einen FreeLenser ein vollkommen normales Verhalten ist. Überall, immer wieder und immer häufiger treten diese eigenartigen Panikschübe, hektischen Flecken, cholerischen Ausbrüche oder lethargischen Resignationen je nach Grad des persönlichen SuperGAUs auf!

In solchen Momenten ist das Telefon die letzte Rettung – »FreeLens wirds schon richten!«, denkt er, der FreeLenser, und lehnt sich erleichtert zurück. Frage: Wer, bitte schön, ist FreeLens?

Ist es die neunköpfige Vorstandsraupe, die sich einmal im Monat durch sämtliche Problembereiche des fotografischen Horroralltags frißt? Oder sind es die vielen galaktischen FreeLenser, die über die Jahre unermüdlich beim Eintüten des FreeLens Magazins und anderer Postsendungen geholfen haben?

Sind es die Frauen und Männer, die auch in den entlegensten Ecken unserer Republik versuchen, Kollegen zum Erfahrungsaustausch an einen Tisch zu bringen? Oder sind es die Webmaster, die sich dafür eingesetzt haben, daß FreeLens auch in den unergründlichen Weiten des Cyberspace einen klangvollen Namen hat?

Ist es das Mäuschen G., das sich trotz aller Widerstände immer wieder für Kunst und Kultur einsetzt? Oder, oder, oder?

Irgendwie sind wir ja alle ein bißchen FreeLens, lautet die kosmische Erkenntnis. Für den neuen Mann Captain M aber wird sich zukünftig wohl noch öfter die Frage stellen, ob es wenigstens theoretisch möglich ist, die Gesamtheit des kreativen Chaos aus FreeLensern, Vorständlern, Anwälten, Chefredakteuren, Bänkern, Gewerkschaftsfunktionären, Bürofeen, Schreibern, Steuerberatern, Versicherungsvertretern und Grafikern, ihre Umlaufbahnen, ihre Zusammensetzung, ihre Wirtschafts- und Sozialgeschichte zu koordinieren?

Und nach der Theorie kommt bekanntlich noch die Praxis… Wünschen wir ihm auf diesem Wege schon mal einen fähigen Gehirnwartungsexperten.

… und so arbeiten wir dahin, unerschütterlich, der Sonne entgegen.