MAGAZIN #29

Sind küssende Nazis zumutbar?

»A kiss is just a kiss« heißt es in einem Songtext. Wenn Nazis küssen, ist das nicht so selbstverständlich. So ein Bild bleibt zumeist unveröffentlicht, weil es nicht den gängigen Klischees entspricht 

Text –

Bernd Euler

Dies ist die Geschichte eines guten Bildes, das kommerziell nie erfolgreich war. Ein Foto, das selten richtig verstanden wurde.

Anfang der Neunzigerjahre war der Fotograf Andreas Herzau für den Spiegel auf Recherche im Osten Deutschlands unterwegs. Dabei verabredete er sich mit einer Gruppe von Neonazis. »Die Jugendlichen posierten die ganze Zeit für mich, ich war ihr Publikum,« sagt er. Sie traten zwar martialisch auf, prahlten und protzten mit ihren Totschlägern, es gab keinen Grund, sich wohl zu fühlen, aber wirkliche Gewaltexzesse gab es, außer den üblichen Rangeleien von alkoholisierten jungen Leuten, nicht.

Das Bild entstand sehr spät am Abend. Die Gruppe hatte es mittlerweile leid für den Fotografen zu posieren und feierte weiter feuchtfröhlich durch die Nacht. Andreas Herzau war glücklich über das Bild, als er es auf dem Kontaktbogen markierte. Bei über 50 Bildaussendungen zum Thema »Neonazis in Ostdeutschland« lag es dabei, gedruckt wurde es nur selten, und wenn, häufig als Ausschnitt. Einmal mehr ist dieses Bild ein Beispiel dafür, wie wirtschaftlich erfolgreiche Bilder den visuell vorgefassten Meinungen im Kopf, den Abziehbildern gerecht sein müssen. Nazis küssen nicht, Nazis können nicht zärtlich sein. Das Bild tut weh, weil es unsere gängigen Klischees durchbricht.

Was stimmt hier nicht? Denn irgendwas an dem Klischee der tumben, kritik- und selbstkritikunfähigen, saufenden, gewalttätigen Menschen, die sich zu Horden zusammenrotten und blind gegen anders denkende, anders farbige, anders empfindende Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zuschlagen, stimmt doch! Es gibt leider die bitteren Wahrheiten von Rostock und anderen Orten, die diese Klischees aufs traurigste belegen! Was ist falsch?

»Nazis sind Pop« nannte Andreas Herzau sein Projekt, das er im Jahre 2000 realisierte. Titel und Anregungen hatte er dabei von einem Buch von Burkhard Schröder übernommen. Herzau wollte in seiner Serie die »Attitude des Martialischen« zeigen. Es galt darzustellen, dass Jugendliche in der Übernahme von ästhetischen Symbolen und Verhaltensweisen nicht in erster Linie bewusstseinsgesteuert sind, sondern getrieben werden von einem hohen Provokationspontential. Die Jugendlichen im Osten konnten mit der Übernahme der Nazisymbolik größtmöglicher Aufmerksamkeit sicher sein. Sowohl im Osten als auch im Westen. Das martialische Gehabe in Nazi-Kluft war Teil der Selbstinszenierung des jugendlichen Narzismus.

Im Fotografen suchten sie die Bühne, und als die Show vorbei war, blieben sie das, was sie waren: eine Gruppe Orientierung suchender junger Leute, die in Nazikluft die Liebe entdecken. Es ist also durchaus richtig, dass Bildredaktionen dieses Foto zur Bebilderung von Neonazi-Gewalt-Geschichten beiseite ließen. Ginge es aber um das Thema Jugendkultur, um Punk, Hip-Hop, Pop, um die Verführung von Jugend durch die Abziehbilder, an denen sich Jugendliche orientieren, gehört dieses Bild veröffentlicht.

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Bernd Euler
lebte einige Jahre in Brasilien. Heute arbeitet er wieder freiberuflich in Hamburg, als Fotograf, Autor und Redakteur.