MAGAZIN #06

Spendet Bilder!

»Wir sind für Sie da« – so begrüßt Greenpeace-Online den Besucher auf seinen Internet-Seiten. Doch die Greenpeace-Fotografen sind damit offensichtlich nicht gemeint. Die wurden schließlich nichtmal gefragt, ob ihre Fotos im Internet verwendet werden dürfen. Offenbar herrscht bei Greenpeace eine Art Doppelmoral: Die Organisation hebt den Zeigefinger, wenn es zum Beispiel um die Freibeuter der Meere geht, die mit ihren Netzen die Fanggründe plündern. Bei der Nutzung von digitalen Netzen wirft Greenpeace allerdings die Moral über Bord – und schippert fleißig in der Flotte der digitalen Freibeuter mit

Text –

Manfred Scharnberg

Wie das Leben so spielt: Da sucht ein Fotograf im Internet nach seinem Namen, und plötzlich spuckt die Suchmaschine als Fundstelle die Web-Adresse von Greenpeace aus. Verwundert ruft er die Seiten auf und stellt fest, daß dort seine Fotos mit etwa Tausend anderen Bildern verwendet werden – ohne daß er informiert oder gefragt wurde.

Dabei gilt doch gerade Information als eine Stärke von Greenpeace. Nach Ansicht einiger Kritiker ist der Ökoriese sogar eher ein gut funktionierender Medienkonzern als eine Umweltorganisation. Doch ob nun die Medienwirksamkeit der Aktionen das Konzept von Greenpeace bestimmt oder nicht: Entscheidend ist, daß etwas bewirkt wird. Und das gelingt offensichtlich, dank einer aktiven Pressestelle und Medienabteilung – sowie etlichen Fotografen.

Wann immer Aktionen oder Kampagnen von Greenpeace laufen, sind freie Fotografen dabei – ob im Schlauchboot, bei der Blockade eines Werkstores oder bei der Entdeckung eines wilden Chemiemüll-Lagers. Und sie arbeiten zu ganz besonderen Konditionen für die Umweltschützer.

Wohlgemerkt handelt es sich bei dieser sogenannten Aktionsfotografie ausschließlich um Material für den Greenpeace Verein. Das Greenpeace-Magazin arbeitet völlig anders. Dessen Redaktion geht mit seinen Fotografen ein ganz normales Auftragsverhältnis ein – keine Syndication.

Beim Greenpeace e.V. gehen die Fotos ins eigene Greenpeace-Archiv über. Die Fotografen haben die Möglichkeit, bestimmte Originale zu markieren und bekommen diese nach Ablauf der Pressearbeit im Rahmen der Aktion zurück. Greenpeace arbeitet in diesem Fall mit Duplikaten. Das Greenpeace-Archiv syndiziert die Fotos mit 50 Prozent Fotografenanteil an professionelle Kunden. Außerdem können sie ohne Begrenzung kostenlos für Greenpeace Eigenwerbung in Broschüren oder Ausstellungen verwendet werden. Auch für die Informationsarbeit anderer Umweltgruppen und Initiativen darf Greenpeace die Fotos unentgeltlich weitergeben. Alles für ein einmaliges Tageshonorar. Nur für die eigenen, kommerziellen Veröffentlichungen im Greenpeace Umweltschutz Verlag gibt es ein Honorar – etwa bei Büchern, die verkauft werden.

Die Fotografen sind damit einverstanden, akzeptieren eine Reihe von Einschränkungen bei Urheberrecht und Honorierung. Und das hat einen speziellen Grund: Viele sehen ihre Arbeit als eine Unterstützung für die Ziele von Greenpeace an – eine Art von Sponsoring als Beitrag für eine fortschrittliche Umweltpolitik. Sie überlassen Greenpeace freiwillig erweiterte Nutzungsmöglichkeiten, die sie anderen Auftraggebern nicht einräumen würden.

Nun sollte man meinen, daß sich dieses Engagement auch in einem besonders guten Verhältnis der Greenpeace-Mitarbeiter zu den Fotografen niederschlägt. Zwar lud Greenpeace die Fotografen, die vorher auf reiner Vertrauensbasis gearbeitet hatten, zu Gesprächen über neue Verträge ein. Doch dabei verschwieg man einen wichtigen Grund dafür, daß Greenpeace überhaupt Verträge einführen wollte: Man möchte sich von Schadensersatzforderungen bei Verlusten von Dias freihalten. »Wir können nicht garantieren, wenn jemand 963 Dias bei uns im Archiv hat, daß er nach zehn Jahren auch alle 963 wieder zurückbekommt«, sagte Bildredakteurin Conny Böttger später im Gespräch mit einem Fotografen. »Bei uns gehen nunmal Dias verloren, da können wir nichts machen.«

Noch einen Punkt erwähnte die Greenpeace-Bildredaktion nicht, als man im Sommer ’96 im Greenpeace-Büro zusammensaß und über die neuen Verträge verhandelte: Nämlich daß die Fotos bereits seit Mai des Jahres über Greenpeace-Online im Netz zu sehen waren.

Erst als die Fotoredaktion mitbekam, daß es am Rande des Hamburger FreeLens-Regionaltreffens im November Diskussionen über Greenpeace-Online gab, wurde sie aktiv. Wenige Tage später teilte die Greenpeace e.V. Bildredaktion den Fotografen schriftlich erstmals mit, daß ihre Fotos seit rund einem halben Jahr im Internet verwendet werden. In dem Brief heißt es, daß die Verwendung von Fotos im Internet »… in der Branche ein neues nicht ganz geklärtes Feld, was Copyright und Honorare angeht ist«. Stimmt.

Obwohl sich Computer-Nutzer leicht Fotos aus der Online-Datenbank herunterladen können, hatte die Bildredaktion von Greenpeace e.V. dies nicht als kritischen Punkt angesehen. Für sie bestand nichtmal die Notwendigkeit mit den Fotografen darüber zu reden.

Sensibel sei die Online-Nutzung von Fotos »insofern, weil es damit einfacher geworden ist, sich Bilder herunterzuladen. Aber mit einem Scanner können Fotos genauso geklaut werden«, versucht Bildredakteurin Conny Böttger das Ignorieren von Urheberrechtsproblemen zu rechtfertigen.

Tatsächlich hat aber das Kopieren vom Internet eine andere Qualität als das Einscannen, weil es zum Bilderklau verführt. Ein einfacher Mausklick und schon »gehört« einem das Bild. Zwar haben die Fotos eine ziemlich geringe Auflösung und sind nur relativ klein druckbar. Doch was damit gemacht werden kann, zeigen wir mit den Bildern zu diesem Artikel. Alle Fotos sind mit Genehmigung der Urheber aus der Greenpeace-Datenbank »geklaut«.

Greenpeace fordert auf seiner Homepage praktisch sogar zum Foto-Klau auf: »In den Photo- und Video-Abteilungen haben Sie die Möglichkeit … nach bestimmten Themen zu suchen und Dateien … zu laden.« Mehr als Tausend Bilder sind Online verfügbar, einige sind im Archiv unter »Photo« zu finden, andere stehen themenbezogen gemeinsam mit Texten. Täglich kommt eine neue Internet-Seite hinzu. Etwa 1200 Online-User schauen pro Tag in die Greenpeace-Homepage, durchschnittlich betrachtet jeder Nutzer dabei etwa fünf Internetseiten. Potentiellen Daten-Dieben steht damit ein umfangreicher Fundus an Umwelt-Fotos zur Verfügung. Und welcher Internet-Nutzer weiß schon etwas über Urheberrecht oder respektiert es. Warum soll er auch, wenn es nicht einmal Greenpeace tut.

Unabhängig davon ist das Greenpeace- Fotoarchiv mit einem professionell geführten nicht zu vergleichen. Zwar gibt man sich alle Mühe, etwa durch Anzeigen in Fachzeitschriften, sich ein professionelles Image zu geben. Auch will man demnächst die Fotos in hoher Auflösung kommerziellen Nutzern über eine digitale Datenbank anbieten.

Doch neben dem »systembedingten« Schwund an Originaldias gibt es noch einen andern Kritikpunkt am Greenpeace-Bildarchiv: Dort wird nicht etwa kontrolliert, ob die an Zeitschriften und Magazine herausgegebenen Fotos gedruckt und bezahlt werden. Es wird abgewartet, ob die Zeitschrift aus eigenem Antrieb zahlt. Eingehende Beträge werden auch korrekt mit den Urhebern abgerechnet. Wenn aber ein gedrucktes Foto nicht freiwillig honoriert wird, wäre das für Greenpeace zwar nachvollziehbar – nur beschäftigt sich damit niemand. So befürchten einige Fotografen, daß manche Veröffentlichung unhonoriert geblieben ist, weil mancher Nutzer vielleicht meinte, er drucke Greenpeace-PR-Material.

Auch die weltweite Nutzung von Greenpeace-Fotos ist sehr nebulös. Von jeder Greenpeace-Aktion oder -Kampagne gehen Fotos an ein zentrales Bildarchiv, das zur Zeit in Amsterdam ansässig ist. Von dort werden die Bilder weltweit vermarktet.

Erstaunlicherweise kommen aber fast keine Honorare bei den deutschen Fotografen an. Bei der Masse an Fotos und dem riesigen Weltmarkt eigentlich unvorstellbar. Selbst die zuständige Bildredakteurin Conny Böttger sagt, daß sie nur einen Fotografen kenne, der überhaupt eine Auslandszahlung erhalten habe. In sieben Jahren ständiger Arbeit für Greenpeace also lediglich eine Auslandsüberweisung.

Bei der Gleichgültigkeit im Umgang mit Fotos ist für die Zukunft noch Schlimmeres zu befürchten, denn Greenpeace will weiter in den digitalen Bereich vorstoßen. So ist eine Selbstdarstellungs-CD-Rom mit Fotos geplant und bereits finanziell genehmigt. Da ist zu befürchten, daß sich die Rechte der Fotografen bei dem digitalen Aktionismus in Pixel auflösen.