MAGAZIN #30

Stars in der Manege

Bekanntlich ist das Leben ein großer Zirkus – ganz besonders in der Berliner Politikszene. Fotografen haben in diesem Zirkus eine spezielle Stellung: Sie sind so nah dran wie kaum jemand, trotzdem nur Beobachter am Rande. Aber dafür sorgen die Hauptdarsteller wenigstens für Unterhaltung.

Text –

Marco Urban

Fotos –

Nicole Maskus & Marco Urban

Die Kanzlerin empfängt einen Amtskollegen mit militärischen Ehren, der Außenminister trifft diesen später im Hotel Adlon, die Opposition hat mindestens eine andere Meinung, der Verteidigungsminister besucht die Truppe, die Familienministerin einen Kindergarten, der Untersuchungsausschuss vernimmt einen Minister, der Parteivorstand tagt, die Gesundheitsministerin lässt sich von Experten einen neuen Virus vorführen, im Bundestag wird eine mehr oder weniger hitzige Debatte geführt, Greenpeace seilt sich von irgendwas ab, der Arbeitsminister gibt eine Pressekonferenz über Geld, das er braucht und der Finanzminister eine über Geld, das er nicht hat, Mietdemonstranten protestieren im Sinne und Auftrag einer Lobbyorganisation, ein Politiker stellt sein neues Buch vor, der Bundesrat ist dagegen, irgendjemand verkündet irgendwas auf der Bundespressekonferenz. Tusch!

Willkommen in der Manege, sehen sie große und kleine Tiere, Politiker, Lobbyisten, Sensationen. Allerhand Kunststücke werden geboten, Zaubertricks, gerne auch Laienspiel.  Wie sieht das für die stillen Beobachter hinter der Linse aus? Hat sich der Lichtbildner gerade eingefunden, seine Kollegen freudig begrüßt und ist er bereits in Erwartung großer Ereignisse, droht Ihm schon das erste Ungemach: An freie Platzwahl ist nicht zu denken. Schon aus lauter Gewohnheit bekommt manch einer Schwindelgefühle, wenn er keine rote Kordel findet, hinter der er stehen darf oder nicht weiß, auf welche Seite der Kordel er gehört. Da wird aber sicher geholfen. Die Mitarbeiter der Pressestelle, in der Rolle des Platzanweisers, gerne auch mal in der des Dompteurs, bringen eventuell umher vagabundierende Töchter und Söhne des Lichts schnell auf den Pfad der Tugend – also hinter die Kordel – zurück. Ob Perspektive und Standort die richtigen sind, einerlei, diese Begriffe werden im Politikbetrieb ohnehin nicht mit Fotografie in Verbindung gebracht. Hauptsache es stört keiner die Vorstellung.

Ziehen oder drücken? Was im Anhörungssaal verhandelt und worüber in den Gängen gesprochen wird, bekommen die Journalisten meist nicht mit.

Ziehen oder drücken? Was im Anhörungssaal verhandelt und worüber in den Gängen gesprochen wird, bekommen die Journalisten meist nicht mit. Foto: Marco Urban

Die Freude über solche Bevormundung hält sich in jedem Fall in Grenzen, zumal die Maßnahmen im Sinne der Ordnung oder Sicherheit oft nicht wirklich nachvollziehbar sind. Grundsätzlich gilt: Die Stars der Manege und deren Gefolge betrachten Fotojournalisten gerne mit Argwohn, versteht doch keiner so recht, was sie eigentlich mit welchem Hintersinn tun. Die unzähligen Versuche, die umherwuselnde Bande unter Kontrolle zu bringen, muss schon deshalb scheitern, weil der anderen Seite jedes Verständnis für unsere Arbeit fehlt. Aus dem gleichen Grund sind aber auch keine Verbesserungen irgendwelcher Art zu erwarten.

Dankbarer sind die vielen Kleinkünstler, die man hier an jeder Ecke trifft. Sie freuen sich über jede Aufmerksamkeit, die man Ihnen entgegenbringt. Aber nicht aus jedem ambitionierten Youngster wird auch ein Star: Viele sind guten Willens, einige sind talentiert aber nur wenige werden später auch gewählt. Und die gilt es frühzeitig auszumachen. Allgemein bekannt ist: Angst vor menschlicher Nähe ist für Politik-Knipser wenig  hilfreich, es kann schon mal etwas eng werden, wenn allen bewusst wird, dass nur ein Standpunkt der beste ist. Aber was von außen wie ein unentwirrbares Knäuel aussieht, beruht auf einer Art chaotischer Ordnung im Inneren. Die Herrschaften kennen sich ja gut und mit ein bisschen gutem Willen, schieben und drücken, passt es dann schon. Nach der Vorstellung trifft man sich gerne noch auf einen Kaffee.

Die staatstragende Pose gehört zum Repertoire jedes Spitzenpolitikers – natürlich auch bei Angela Merkel.

Die staatstragende Pose gehört zum Repertoire jedes Spitzenpolitikers – natürlich auch bei Angela Merkel. Foto: Nicole Maskus

Wer dann mal raus will, aus dem Zirkuszeltmief, der denkt vielleicht, ein Gastspiel in einem fremden Land, das wäre doch mal sehr aufregend.  Aber zum einen nehmen die Stars der Manege natürlich nicht jeden mit, die Plätze im Regierungsflieger sind genauso rar wie begehrt. Kost und Logis werden natürlich nicht bezahlt und der Flug ist auch kein Last-Minute Angebot. Wer einen Platz ergattert und bezahlt hat, stellt fest: In der Fremde wird das gleiche Stück aufgeführt wie daheim: Händeschütteln vor blauem Hintergrund heißt die Nummer. Nur die anderen Zuschauer sind nicht so nett wie daheim, denn  sie wollen Ihre angestammten Plätze nicht ohne weiteres aufgeben.

Nein, es mangelt ganz sicher nicht an Unterhaltung, schade nur, dass der überwiegende Teil der Schau am nächsten Tag schon wieder vergessen ist. Denn nur über echte Sensationen wird dann auch berichtet.

Und so heißt es: Obacht, kleiner Fotojournalist, überlege gut, was Du hier tust. Dank der Kollegen von den Nachrichtenagenturen, die unablässig unglaubliche Mengen an Bildern in die Redaktionen senden – mehr geht kaum und bunter auch nicht – müht sich kaum noch ein Fotoredakteur, selbst noch jemanden in die Manege zu schicken. Aufträge sind also Mangelware, am Honorar wird selbst in Zeiten gespart, in denen ein wahrhaft großes Programm geboten wird, wenn die Artistentruppen in den Wettstreit treten und um die Gunst des Publikums buhlen, oder jemand eine wirklich riskanten Drahtseilakt probt. Wer auf eigenes Risiko fotografiert, kann nicht sicher sein, dass es am Ende noch für’s Popkorn reicht.

Also schrumpft die tapfere Schar der Politik-Knipser beständig, und wer der Politik dennoch treu bleiben will, muss auch fremdgehen können. So verdingt sich der eine oder andere – und am Ende jeder – bei der Vielzahl an Parteien, Verbänden, Stiftungen, Gewerkschaften – quasi der Jahrmarkt vor dem Zirkuszelt – als Dokumentare von Veranstaltungen jeder Art und als Porträtisten der Vorstandsetagen. Ja warum soll man sich nicht ein paar Groschen damit verdienen, das eine oder andere Raubtier mal richtig gut aussehen zu lassen. Interessenkonflikt? Nun ja, man muss halt wissen, wann man für wen wo steht. Geht schon irgendwie, muss ja.

Und trotz alle dem: Es macht immer wieder Freude, die Vorstellungen zu besuchen. Die Besitzer von Dauerkarten kennen sich gut und erzählen sich gerne Schwänke aus der letzten Saison, es gibt immer mal neue Künstler zu bestaunen, viele Zauberkunststücke können bestenfalls die schreibenden Kollegen durchschauen, junge Talente verbiegen sich bei Ihrer Bodenakrobatik bis zur Unkenntlichkeit, es wird viel auf dem Seil getanzt und dabei auch oft genug abgestürzt. Es ist schon so mancher Pudel von einem Löwen verspeist worden, aber es gab auch schon Pudel, die Löwen in die Flucht geschlagen haben. Und hinten in der Ecke herzt der Muskelmann den schmächtigen Schlangenbeschwörer, wo sich der eine doch normalerweise nur ganz links und der andere nur ganz rechts in der Manege aufhält.

Und die Clowns, sie tanzen herum, treiben Schabernack und niemand macht sich die Mühe, sie zu verstehen. Bei all dem ist es nicht zu vermeiden, dass einem der eine oder andere Künstler etwas ans Herz wächst. Umso schlimmer, wenn er mit verstauchtem Gelenk und verbittertem Gesicht durch die Sägespäne humpelt. Aber so ist das eben, wie im richtigen Leben. Es wird gewonnen, es wird verloren, es wird gelacht, es wird geweint und die Leute kommen und werden gegangen. Und wir machen ein Bild davon.

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Marco Urban,
freier Fotojournalist, begleitet seit 14 Jahren die Politikszene der Hauptstadt und ist Sprecher der freien Fotografen in der Bundespressekonferenz