MAGAZIN #24

Stillose Bildmenge

von

Peter Bialobrzeski

Foto

Melanie Dreysse

Fotografen werden weiterhin den Zustand der Welt beschreiben und interpretieren. Es wird eine deutliche Trennung zwischen Autor und Dienstleister geben. Das Gros der Berichterstattung über Katastrophen und Kriege wird von Agenturen und Amateuren bewerkstelligt, der interpretierende Autor wird viel zu langsam sein, um beim schnellen Liefern weltweiter, digitaler Daten noch teilhaben zu können. Von den neuen Pressefotografen ist stillose Bildmenge gefragt, die sowohl im Internet als auch auf Zeitungsseiten einen schnellen Hingucker liefert. Gleichzeitig konkurrieren sie mit ihren Lesern, die immer und überall mit Digitalkamera und Handy schneller sein werden. Das nur noch digital und fragmentarisch vorhandene Lebenswerk der neuen Reporter wird im Gegensatz zu klassischen Fotografen wie Lebeck, Moses oder Hoepker fotografiegeschichtlich nur eine Fußnote sein.

Die Fotografie entwickelt sich wie der Rest des Kapitalismus: Die Mittelschicht löst sich auf, weltweit wird es 500 Fotografen geben, die sich ums Einkommen keine Sorgen machen müssen, hunderttausende werden ihre digitalen Daten zu Dumpingpreisen zu Markte tragen. Fotoblogs wie flickr, photonet oder fotocommunity werden von Getty und Corbis gekauft, das Material wird verschlagwortet und dem Markt zur Verfügung gestellt. Das Angebot der klassischen Agenturen wird sich analog verändern. Alles, was leicht zugänglich ist – Strände, Städte, Landschaften – wird hundertfach und billig angeboten, Sujets mit schwierigem Zugang, mit individueller Ästhetik werden exklusiv und teuer.

Trotzdem, die Welt wird sich weiter drehen, das Medium entwickelt sich. Die digitale Aufzeichnung ermöglicht alle Schattierungen. Nicht mehr Schwarzweiß oder Farbe ist die Entscheidung, sondern alle Zwischentöne sind möglich. Komposition ist längst nicht mehr das Abdrücken im richtigen Augenblick, sondern die Vorstellung, wie das Bild aussehen soll, und das entsprechende Mixen der Zutaten.

Im künstlerischen Dokumentarismus gehört eine solche Strategie längst zum Alltag. Der Journalist, der sich an diesen ästhetischen Konzeptionen messen zu müssen glaubt, sieht sich verführt, diesem Paroli zu bieten. Für die Redaktionen wird es wichtig werden, kompetente, gut ausgebildete Bildredakteure zu beschäftigen, die Nachrichtenfotografien auf mögliche Manipulationen untersuchen. Zwangsläufig wird es zu einer dezidierten Trennung zwischen einer Nachrichtenfotografie mit Beweischarakter und einer Fotoillustration mit eher feuilletonistischem Anliegen kommen müssen.

Statt eines Bildes gibt es nur eine beliebig wandelbare Masse an Pixeln, die es für den Druck zu übersetzen gilt. Was bis dahin passiert, liegt in der Fantasie der Fotografen. In zehn Jahren wird schlicht jedes Bild vom Betrachter angezweifelt werden – zu Recht. Fotografien müssen uns nicht mehr beweisen, dass im Libanon geschossen wird oder in Hoyerswerda Häuser verfallen. Ihr fiktionaler Charakter ermöglicht eine viel unmittelbarere Erfahrung als das Diktat der Chefredakteure, die im Foto häufig nur die Berechtigung sehen, die eigene Bildunterzeile zu belegen. Überzeugen kann den Betrachter nur eine bildimmanente Authentizität, nicht aber die Behauptung der Wahrhaftigkeit der Entstehungsbedingungen. So wird die Fotografie, endlich von der Last der Wahrheit befreit, zu einer kulturellen Ausdrucksform wie Malerei, Musik und Sprache. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass Musik, die klingt wie aus dem Ghetto, von Musikern gemacht wird, die dort leben? Entscheidend ist das Verständnis der zu transportierenden Erfahrungen.

Und was bedeutet das für die Entwicklung der Fotografie? Sie kehrt an ihre Anfänge zurück: Die ersten Lichtbildner des 19. Jahrhunderts waren engagierte Amateure, die Zeit, Geld und vor allem Leidenschaft in ihr eigenes Ausprobieren investierten. Fotografen, die in zehn Jahren stilbildend tätig sein wollen, brauchen einen ähnlichen Hintergrund und eine gute Ausbildung. Wer es schafft, sein Verhältnis zur Welt in zeitgemäße Bilder zu übersetzen, wird eine Chance haben, sich von der Masse abzuheben. Aber die Gräben werden tiefer. Hatten vor zehn Jahren auch die Fotografen noch ein gutes Auskommen, die nicht in der allerersten Liga spielten, wird in Zukunft folgendes Szenario wahrscheinlich: Während die Polidoris der nächsten Generation ihre Lambda-Prints für 25.000 Dollar verkaufen können, wird die B-Riege für 80 Euro plus Rahmung in Lumas-ähnlichen Postershops verramscht. Während die neuen Elleringmanns, Ginters, Blickles ihre Themen und Bilder exklusiv über feine Agenturen vermarkten können, tritt die B-Riege auf Royalty-Free-Servern mit dem lustvollen Handyfotografen in Konkurrenz.

Aber es passiert auch etwas Hoffnungsvolles: Es wird, analog zur Musik, eine Independent-Szene geben, getragen von jungen Fotografen, die tagsüber ihr Geld im Dunstkreis von Museum, Galerie und Agentur verdienen. Nach Feierabend mieten sie leerstehende Ladenlokale, initiieren Ausstellungen, betreiben Websites und Blogs, schließen sich zu informellen Netzwerken zusammen. Sie werden Off-Festivals veranstalten, und natürlich erregen sie damit die Aufmerksamkeit der Etablierten. Eigentlich wird es sein, wie es immer ist mit der Zukunft: Man kann sich darauf verlassen, dass sich ständig alles ändert.

___
Peter Bialobrzeski,
freier Fotograf. World Press Photo Award 2003 in der Kategorie Art/Stories, Master in der World Press Master-class 2003. Seit 2002 Professor für Fotografie an der HfK Bremen. Bücher u.a.: Neontigers (2004), Heimat (2005). Lebt in Hamburg