MAGAZIN #23

Suche Fotos – finde Frust

Immer mehr Bilder werden im Internet angeboten oder dort gesucht – die Ergebnisse und Erlebnisse, die man dabei macht, sind höchst unterschiedlich. Ein Praxisbericht.

Text –

Ute Noll

Ich recherchiere Fotografen im Internet. Ich bin Bildredakteurin und freie Kuratorin. Gebe in der Suchmaschine einen Namen ein. Finde den Link. Lande auf der Portfolio-Seite. Warte. Die Bilder werden geladen – und es dauert und dauert. Ich werde ungeduldig.

Endlich, die Einstiegsseite hat sich aufgebaut. Ich sehe Fotos, die mich interessieren. Leider erscheinen sie nur in einer mittleren Größe und nehmen noch nicht mal ein Viertel der Seite ein. Keine Möglichkeit, das Gefundene zu vergrößern. Warum musste ich dafür so lange warten? Ich will die Bilder in mein Recherchearchiv übernehmen. Klicke auf den Download-Button – und nichts passiert.

Ich schiebe das Foto auf meinen Desktop, das klappt. Aber warum gibt der Fotograf das Low-Resolution-Bild nicht zum Download frei? Dann könnte ich das Motiv gleich in einem entsprechenden Ordner speichern. Das wäre komfortabler.

Wo wohnt der Fotograf? Ich suche die Adresse: Fehlanzeige. Ich will ihn anrufen, aber finde keine Telefonnummer. Es gibt nur eine Pop-up-E-Mail – da kann ich noch nicht einmal die E-Mail-Adresse abschreiben, falls ich das wollte. Warum gibt es keine Telefonnummer?

Ich recherchiere weiter. Finde einen anderen Fotografen, eine andere Webpage. Adresse und Telefonnummer entdecke ich hier sofort. Ich will beides in meine Adressdatenbank kopieren – wieder Fehlanzeige.

Wenn ich mit Fotografen spreche, sage ich ihnen, wie lästig es ist, die Ergebnisse einer Recherche von Hand dokumentieren zu müssen. Als Antworten höre ich: »Ach, das war mir gar nicht so klar« und »Du kannst dir ja Screen-Shots machen« und »Ich bin sehr vorsichtig mit Angaben zu meiner Adresse, sonst weiß jeder, wo mein Kamera-Equipment steht«.

Okay, ich brauche keine Straße, aber ich muss wissen, wo der Fotograf wohnt, wenn ich erwäge, ihn zu beauftragen.

Fotografen sollten davon ausgehen, dass auch Interessenten auf ihre Seiten kommen, die sie nicht persönlich kennen und deswegen auch nicht wissen, wo sie leben.

Ich will auf die Seiten eines Lieblingsfotografen. Anstatt der gewünschten Webpage erscheint aber nur ein graues Feld auf meinem Bildschirm. Sonst nichts. Ich versuche es bei einer Lieblingsfotografin. Auch hier schaffe ich es nicht, auf die Seite zu kommen. Mir wird eine Download-Option für Flash-Software angeboten. Das versuche ich auch, doch der Rechner in der Redaktion reagiert nicht. Es gibt eine Firewall, die verhindern soll, dass hier jeder irgendwelche Software runterlädt.

Ich rufe die Fotografin an, weil ich wirklich gerne ihre Arbeiten sehen möchte. Sie verweist mich auf ihre Webpage. »Da komme ich leider nicht rein«, sage ich. »Ach«, sagt sie, »wegen Flash, oder?«. Sie schickt die Daten dann per Mail. Ich bin anscheinend nicht die einzige, die es schwer hat mit ihrer Seite.

Ein Kollege meint dazu: »Ich will mir nicht vorschreiben lassen, mit welcher Software ich arbeite.« Und ich habe mich schon oft gefragt, was Fotografen dazu bewegt, die neuesten Flash-Programme zu verwenden, wo es doch gut funktionierende Webseiten gibt, die mit gängigen Programmen arbeiten.

UNKLARE KATEGORIEN

Ich komme dann auf eine Seite, wo ich zwischen den Kategorien »Fashion und People«, »Porträt und Business« sowie »Personal Work« wählen kann. Die jeweiligen Unterkategorien heißen Gallery 1, 2, 3, 4. Ich verliere etwas den Überblick, in welcher Kategorie und in welcher Gallery ich mich gerade befinde. Warum ist jene Aufnahme in dieser und nicht in der anderen Kategorie zu finden? Weil die Infos zu den Motiven fehlen, habe ich keine Ahnung, wer auf den Porträts zu sehen ist und von wem sie in Auftrag gegeben wurden. Außerdem dauert das Laden der Bilder ewig, und Angaben über die verbleibende Ladezeit fehlen. Ich halte mich dort nicht länger auf – eine potenzielle Kundin weniger.

Wie benennen andere Fotografen ihre Kategorien? Ich finde folgende Einteilungen: Porträts, Jobs, Contact, Vita * Portfolio 1, Portfolio 2, New, Gallery und Tearsheet * Newest Work, Celebrities, Archive, Exhibitions, Contact und Client Access * Portfolio, Info, News * Projekte, Commissions, About me * Galerie, Profil, Impressum * Clients, Portfolio, Books, Contact, Vita * Art Work, Editorial, Commercial * Portfolio, Vita, Kontakt.

Offenbar ist es nicht einfach, Kategorien zu definieren, die für die Darstellung des eigenen Profils sinnvoll sind. Doch je klarer die Rubriken und Unterabteilungen sich inhaltlich und begrifflich unterscheiden, umso übersichtlicher wird die Seite.

Hin und wieder stößt man auf die Kategorie »Tearsheet«. Das sind Abbildungen von Veröffentlichungen; sie werden verkleinert im jeweiligen Magazin-Layout präsentiert. Für eine Übersicht ist die Unterkategorie »Veröffentlichungen« hilfreich, denkbar als Liste der Publikationen, die nach einem Klick das Bild mit der jeweiligen Veröffentlichung zeigt.

Die Kategorie »Vita« ist ein guter Platz für Informationen zu Biografie, Veröffentlichungen, Ausstellungen, Auszeichnungen etc. Kontakt und Impressum sollten immer von der Startseite zugänglich sein. Hier muss auch die Grundnavigation ersichtlich werden. Ein ausführliches Impressum ist hilfreich, mit Infos zu Inhaberin, Copyright und Hinweisen zu Haftungsfragen. Hier könnten auch AGBs stehen. Bei kommerziellen Seiten ist ein Impressum übrigens vorgeschrieben. Glück-licherweise gibt es zunehmend mehr Seiten mit klarem Aufbau. Unter dem groß dargestellten Bild einer Serie ist eine Navigationsleiste mit den Thumbnails der weiteren Motive platziert. So bewahrt der Betrachter stets den Überblick über die komplette Serie und kann komfortabel mit einem Klick weitere Motive vergrößern. Bei freien Projekten sollte ein aussagekräftiges kurzes Statement die Fotos ergänzen.

Alle Unterkategorien der Seite werden zeitgleich angezeigt, die gewählte Rubrik ist farblich hervorgehoben. Ich kann mich einfach und schnell orientieren.

Auf einer anderen Webseite finde ich ebenfalls mehrere Überblicksbilder zum Anklicken, aber sie zeigen nicht das gesamte Foto, sondern nur einen Ausschnitt. Nach dem Klick wird das Bild zwar groß, aber die anderen Bilder der Navigationsleiste verschwinden. Das ist schade. Gäbe es ein Überblickskästchen pro Bild oder eine Zahlenleiste, wüsste ich wenigstens, wie viele Motive in der Kategorie noch geladen werden bzw. zu sehen sind.

LAYOUT IST FUNKTION

Es ärgert mich auch, wenn man Motive nur in einer festgelegten Reihenfolge in kleiner oder mittlerer Größe fortlaufend zum Durchklicken und ohne Vergrößerungsoption betrachten kann. Sicher ist es die Angst der Fotografen und Fotografinnen vor dem Bilderklau, die dazu führt, dass Fotos auf den Seiten immer kleiner dargestellt werden. Aber soll man deswegen sein Angebot so schwer zugänglich machen?

Bilderjäger im Netz machen über kurz oder lang dieselbe Erfahrung: Es gibt Webseiten, die so aufwändig gestaltet sind, dass die Bilder nur noch als Teil der Gesamtpräsentation erscheinen und mit flimmernden Balken, blinkenden Icons und cooler Musik konkurrieren. Auf solchen Seiten bekommt man garantiert eines – einen guten Überblick über die aktuellen Möglichkeiten des Webdesigns. Animationen rauben Zeit und Nerven und lenken vom Foto ab. Wer dennoch darauf nicht verzichten will: Ein »Skip intro«-Knopf an zentraler Stelle ist oft hilfreich. Wenn die Webseite mit Musik unterlegt ist, sollte man sie abstellen können. Mancher Fotograf will seinem Auftritt etwas Individuelles hinzufügen. Das sollten aber nicht von den Inhalten ablenken oder die Ladedauer erhöhen.

Es ist erstaunlich, wie wenige Fotografen zweisprachige Webseiten haben. Manche deutsche Fotografen begnügen sich mit einer englischen Seite, manche mit einer deutschen. Aber nicht jeder versteht Begriffe wie etwa »leisure time«, »barred« und »laid back« – Kategorien, die ich auf der Seite eines deutschen Fotografen gefunden habe. Ohne Übersetzung. Zweisprachige Webseiten werden im internationalem Bildgeschäft immer wichtiger, und es wäre schade, wenn ein amerikanischer Bildredakteur auf einer nur deutschsprachigen Seite landet.

Wer professionell fotografiert, sollte sich beim Entwickeln der Webseite deren Funktion genau überlegen: Soll sie eine virtuelle Galerie mit einem virtuellen Portfolio, ein digitaler Flyer oder vielleicht sogar ein digitales Bildarchiv sein? Wer ein Bildarchiv auf seiner Seite einrichtet, sollte nicht vergessen, die Dateiinformationen im Bild mitzuliefern. Das ist nur selten der Fall, und so kann nach dem Download oft nicht zugeordnet werden, wer der Urheber ist und worum es geht.

ONLINE-PORTFOLIO

Auf einigen wenigen Websites werden PDFs zum Download angeboten. Wichtig ist dabei, dass sie nicht zu viele Seiten haben, gut editiert sind und das Herunterladen nicht zu lange dauert. Und in diesen PDFs sollten immer Name, Adresse, E-Mail und Telefonnummer zu finden sein – sonst wird es schnell eine tote Datei.

Ich komme nun auf die Seite einer Fotografin mit einer Unterkategorie »client access«. Wenn ich mich registriere, erhalte ich ein Passwort und kann High-Resolution-Dateien herunterladen. Das ist praktisch, sofern ich die Motive tatsächlich verwenden will und man nicht lange auf die Reaktion warten muss. Aber umgekehrt will ich mich nicht registrieren und meine Daten preisgeben, noch ehe ich überhaupt Bilder ansehen kann.

Ich gelange auf eine Webpage, auf der zwölf Fotos zum Anklicken stehen mit dem Hinweis, dass es weitere vier Seiten gibt. Keine Adresse, keine Telefonnummer, keine Kategorien. Nichts steht auf der Seite – außer dem Datum: Es ist der 8. Oktober 2001. Ich überlege kurz, ob die Fotografin noch im Job ist. Aber dann fällt mir ein, dass ich erst kürzlich ein schönes Booklet von ihr in der Post hatte.

Webseiten sollte man pflegen – man weiß nie, wann wer aus welchem Grund dort landet. Es ist anders als bei einem Portfolio, wo man möglicherweise den Besuch in der Redaktion oder Agentur zum Anlass nimmt, es zu überarbeiten. Internetseiten müssen kontinuierlich aktualisiert werden – am besten werden sie gleich so angelegt, dass neue Bilder und Kategorien ohne großen Aufwand hinzugefügt werden können.

Funktional sind Webseiten, die die Idee einer gut strukturierten, gut editierten und nicht überfrachteten Mappe aufgreifen. Ein unaufdringliches Layout unterstützt die Bilder. Knappe Infos, die der Fotograf bei der Präsentation der Mappe im Gespräch mitteilen würde, dürfen nicht fehlen.
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Ute Noll
ist Bildredakteurin beim Magazin der Frankfurter Rundschau und freie Kuratorin. Seit 2005 lehrt sie Bildredaktion an der Fachhochschule Dortmund.
Info: www.on-photography.com