MAGAZIN #12

The Tibetans, politische Bilder vom Dach der Welt

Seit der Besetzung durch China 1959 wurde Tibet zum Synonym für Unterdrückung, Menschenrechtsverletzung, Unfreiheit. Ein neuer Bildband zeigt das buddhistische Land aus faszinierenden Perspektiven

Text –

Peter Lindhorst

Der amerikanische Fotograf Steve Lehman nutzt den Raum zwischen den Buchdeckeln souverän aus, um ein äußerst komplexes Thema vorzustellen und eine fundierte Analyse zu bieten. Sein Bildband The Tibetans ist ein üppiges Konglomerat, zusammengesetzt aus vielfach übereinandergelegten Informationsschichten. Lehman verwertet unterschiedlichste Materialien wie Landkarten, Zeitungsausschnitte, Propagandamaterial, kombiniert und kontrastiert diese mit seinen Fotos und fügt Texte hinzu, um das Verständnis für das Thema voranzubringen. Er wendet verschiedene fotografische Techniken an, arbeitet mal in Farbe, dann in Schwarzweiß, mal mit Mittelformat und an anderer Stelle mit der Kleinbildkamera.

Und doch hat man das Gefühl, dass der junge Fotograf trotz der Vielzahl benutzter Mittel und Techniken genau weiß, wie er visuelle Informationen einsetzen und Texte dosieren muss, damit eine Wirkung beim Adressaten erreicht wird. Dabei ist das Buchergebnis ganz und gar nicht gefällig, vielmehr wirkt es an manchen Stellen regelrecht sperrig. Hier versucht jemand, ein differenziertes Thema mit einer ebenso vielschichtigen Annäherungsweise in den Griff zu bekommen.

Tibet – da werden in uns zunächst einmal diffuse Assoziationen freigesetzt von unberührten Plätzen im innerasiatischen Hochland, von buddhistischen Mönchen und Nomaden, von der asketisch-spirituellen Lebensweise eines Volkes. Häufig werden wir mit derartigen Stereotypen bedient, kennen sie aus Hollywood-Filmen oder Reiseberichten. Eine pittoreske Szene, in der ein Ausschnitt eines Felsenfreskos mit religiösen Darstellungen gezeigt wird, ist wohl nicht ganz unabsichtlich als einleitendes Bild ausgewählt worden. Doch die damit erzeugten Erwartungen werden schnell gebrochen.

Lehman führt uns Unerwartetes vor. Einerseits beschreibt er mit seinen Fotos am Anfang des Buches die angespannte Situation in Tibet, das vor allem in den letzten Jahren dramatische Auseinandersetzungen zwischen demonstrierenden Unabhängigkeits­kämpfern und chinesischer Polizei erlebt hat. Auf der anderen Seite konfrontiert er uns genauso mit konkreten Problemen des alltäglichen (Zusammen-)Lebens, aus denen sich der Protest letztendlich nährt. Menschenrechtsverletzungen, Zustrom chinesischer Einwanderer, religiöse Verfolgung, Umweltschutz, Bildungspolitik – alles Themen, um die Lehmans Fotos kreisen.

1984 fährt Steve Lehman das erste Mal nach Tibet, um ein anthropologisches Thema über Höhlenbewohner fotografisch zu erarbeiten. Nach einem Hundebiss sucht er medizinische Hilfe bei einer Familie. Mit dem Mann, der ihn versorgt, kommt er ins Gespräch. So erfährt er, dass dieser 15 Jahre in Haft gesessen hat, weil er sich öffentlich für die Befreiung Tibets eingesetzt hat. »Ich hatte wenig politisches Bewusstsein«, schreibt Lehman in seinem Vorwort, doch er ist tief beeindruckt von der Kompromisslosigkeit dieses Aktivisten. Jene Begegnung mag die letztendliche Initialzündung für Steve Lehman gewesen sein, sich stärker mit Reportagethemen auseinanderzusetzen.

1987 ist er ein zweites Mal in Tibet, genau zu der Zeit, als der Dalai Lama vor dem amerikanischen Kongress in Washington die Missachtung der Menschenrechte anklagt. In Lhasa fühlt sich daraufhin eine kleine Gruppe von Mönchen ermutigt, offen für Unabhängigkeit einzutreten. Jampel Tsering ist einer der Mönche, der diese Demonstration organisiert hat. Sein eindrucksvoller Bericht, der die Vorbereitungen und den Verlauf, aber auch die bitteren Konsequenzen des Protestmarsches beschreibt, leitet in dem Buch eine Serie von Bildern ein, die Lehman zwischen 1987 und 1989 während verschiedener Demonstrationen aufgenommen hat. Die chinesische Polizei geht mit unglaublicher Gewalt gegen die Demonstranten vor. Der Fotograf bewegt sich mit großem Risiko inmitten dieser Auseinandersetzungen.

Erschütternde Szenen werden von ihm festgehalten: Ein Undercover-Polizist zielt mit seiner Waffe auf eine Menschengruppe, in der sich auch der Fotograf befindet. Ein achtjähriger Junge – von einer Kugel in den Rücken getroffen – wird von einem Mann weggetragen. Ein buddhistischer Mönch läuft in eine brennende Polizeistation, um Gefangene zu befreien. In einer Szene sieht man Menschen auf Lehman zustürzen, die den Kugeln der Polizeigewehre ausweichen. Es verwundert nicht, dass Lehmans Bilder, die von spektakulärer, aber beängstigender Nähe zu den Geschehnissen zeugen, von allen wichtigen amerikanischen Tageszeitungen eingekauft wurden.

Der Fotograf kehrt – obwohl mehrfach des Landes verwiesen – immer wieder zurück und sammelt Material über die gesellschaftlichen Zustände. Die Extremsituationen, die sich während dieser Demonstrationen ergeben haben, sind der Ausgangspunkt, das Thema zu erweitern. In dem Buch wird diese Entwicklung deutlich gemacht. Nach den eher spektakulären Szenen führt er seine Fotografie in eine gänzlich andere Richtung. Er mixt eigene Bilder mit Fremdmaterial und schafft damit eine wesentliche Erweiterung: Einen Zeitungsausschnitt aus einem Magazin, auf dem ein Gefängnis gezeigt wird, kombiniert er mit einem Songtext, den ein Inhaftierter geschrieben hat. Unmittelbar daran schließt sich das Standbild eines Videos an, das einen brutal von der Polizei gefesselten Mönch zeigt. Dann präsentiert uns das Buch ein Bildmosaik mit Porträts politischer Gefangener, die der Fotograf zusammengesucht hat. Eine Serie von ruhigen Schwarzweiß-Porträts folgt, die ehemalige Aktivisten im Exil in Indien vorführt. Man stolpert über bunte Bildlernkarten, die indirekt auf die Schulsituation verweisen: Viele Kinder haben nur die Möglichkeit, sich an chinesischen Schulen fortzubilden. Die Lernkarten dienen dazu, chinesische Sprachkenntnisse zu festigen. Die eigene Sprache eines Volkes geht immer weiter verloren.

An anderer Stelle zeigt uns Lehman Szenen von chinesischen Immigranten; er weist auf die Probleme hin, die mit der überproportionalen Einwanderung verbunden sind. Für das Land ist es äußerst schwierig, diese große Anzahl von chinesischen Zuwanderern aufzunehmen. Lehman setzt sich fotografisch mit Fragestellungen auseinander, die vor allem um Prozesse der Assimilation und der Identitätswahrung kreisen. So sucht er auch immer wieder Tibeter im Exil auf, um deren Situation darzustellen.

Eine Kuh durchstöbert eine Müllhalde nach Futter, ein Nomade spielt in einer chinesischen Bar Billard, eine chinesische Prostituierte bietet ihre Dienste an. Es finden sich drastische Beispiele, die darauf hinweisen, wie stark sich die Rahmenbedingungen für die tibetische Gesellschaft geändert haben. Deutlich wird dies, wenn Lehman Szenen aus der Hauptstadt Lhasa vorführt, deren Erscheinungsbild mittlerweile von chinesischer Architektur dominiert wird. Im letzten Teil richtet der Fotograf seine Aufmerksam­keit auf die Nomaden, die im Hochland Viehzucht betreiben. Auch deren originäre Lebensweise hat sich durch die chinesische Herrschaft geändert, obwohl man sich fernab jeglicher Stadtzivilisation wähnt. Mit Szenen, in denen Mönche im Exil ihre buddhistische Religion ausüben und ein letztes Stück ihrer Freiheit zu wahren versuchen, schließt das Buch.

Bei weitem können hier nicht alle Facetten aufgezählt werden, die der intelligent gemachte Band bietet. Erwähnt werden soll aber der lesenswerte Essay über die politische Situation in Tibet, den der Journalist und Tibet-Experte Robert Barnett für dieses Buch geschrieben hat. Und Robert Coles denkt in seinem Beitrag darüber nach, ob und welche Bedeutung heutiger Fotojournalismus für gesellschaftliche Veränderungen haben kann. The Tibetans ist an vielen Stellen wohltuend analytisch, obwohl seine Form oft an die eines persönliches Reisejournals oder gar Tagebuchs erinnert.

Wie wir aus seinem Vorwort erfahren, hat Lehman mittlerweile eine sehr dezidierte Haltung zu den Ereignissen in Tibet angenommen. Es ist somit auch ein Buch, das die politische Bewusstwerdung eines Fotografen zeigt. Nur gut, dass wir als Betrachter/­Leser an diesem Prozess teilhaben dürfen.

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Peter Lindhorst
ist zuständig für den Buchvertrieb und das Lektorat des Hamburger Kruse Verlages für Fotografie