MAGAZIN #08

Titelproduktion

Von der Idee bis zum Coverfoto

Text –

Anke Thedens

Für manchen Fotografen mag es wie eines der letzten Wunder dieser Welt erscheinen – warum ausgerechnet das eine Motiv auf den Titel wanderte und nicht das andere, warum ein Foto gedruckt wurde und das andere vermeintlich bessere gar nicht. Doch hinter dem Weg von der Idee einer Fotoproduktion bis hin zur gedruckten Geschichte steckt alles andere als ein Wunder. Es ist ein Ablauf, an dem viele Menschen beteiligt sind und der im Groben jedesmal ähnlich aussieht. Am Beispiel meiner Redaktion – also TV Spielfilm – will ich versuchen zu erklären, was zwischen Start und Ziel passiert.

Am Anfang steht entweder eine Bildidee – oder ein prominenter Wunschkandidat, der fotografiert werden soll. Festgelegt wird das meistens in kleineren Konferenzen. Die Vorschläge kommen von der Chefredaktion, dem Chefreporter oder eben von mir. Nachdem man sich geeinigt hat, setze ich mich mit dem Management der gefragten Person in Verbindung. Wir verabreden nun – und zwar hoffentlich bald – einen möglichst naheliegenden Termin und den Ort für die Produktion. Zwei bis drei Bildideen habe ich dann auch schon im Kopf, so daß ich mir überlegen kann, welcher Fotograf für diese Person oder das gefragte Thema der ideale ist, möglichst in der entsprechenden Stadt.

Als erstes buche ich diesen Fotografen, einige mich dann mit ihm über die Maske und das Styling. Wenn es möglich ist, machen wir einen Termin für ein persönliches Gespräch aus, um über die Bildumsetzung zu sprechen. Mit Händen und Füßen erklärt es sich schließlich immer leichter, als am Telefon – vor allem, wenn es um noch nicht existente Bilder geht. Außerdem entwickeln sich dabei unter Umständen auch neue Ideen.

Wir haben bei TV Spielfilm das Glück, redaktionell arbeiten zu können. Es gibt keine genau festgeschriebenen Layouts. So kam es auch schon bei einer Produktion vor, daß eine Maskenbildnerin einen tollen Einfall hatte, den wir direkt umsetzen konnten. Normalerweise wird aber vorher alles grob festgelegt, damit die Stylistin ein konkretes Briefing bekommen kann. Am Tag der Produktion treffen wir uns alle im Fotostudio – ein arbeitsreicher Tag und kreative Teamarbeit liegen vor uns. Beim Einrichten der Motive schaue ich immer zwischendurch mit auf die Polaroids. Nicht etwa, weil mir das Bild nicht gefallen könnte, sondern eher um darauf zu achten, daß das Licht und der Stil TV Spielfilm gerecht sind. Mir gefallen zwar persönlich oft die Arbeiten besser, die die Fotografen in ihren Mappen haben, aber vieles davon ist zumindest für unseren Titel nicht geeignet. Da ist ein klarer Wiedererkennungswert gefragt. Trotzdem verwirklichen wir oft ein Motiv, das etwas aus dem Rahmem fällt – in der Hoffnung, es könnte innerhalb der Geschichte layoutet werden.

Zwei Tage später halte ich das Resultat in den Händen. Der Fotograf hat in der Regel schon eine Auswahl gemacht. Was ich seiner Sicht als Künstler nachvollziehen kann. Er möchte schließlich keine Fotos gedruckt sehen, die seinem Qualitätsanspruch nicht genügen. Allerdings fehlen manchmal ganze Motivreihen, und das ist auch mit »geschlossenen Augen« nicht mehr zu begründen. Material nachträglich einfordern zu müssen ist mühsam, die Arbeit wird dadurch unnötig erschwert und verzögert. Denn ob ein Foto druckbar ist oder nicht, kann die Art-Direction oder der Bildredakteur sicher ebenso entscheiden.

Doch wie gesagt, an einer großzügigen sinnvollen Vorauswahl gibt es grundsätzlich nichts auzusetzen. Am besten ist es aber, wenn der Fotograf mir die Produktion komplett zuschickt. Gerne auch mit seinen Hinweisen auf den diversen Diasheets – zum Beispiel »3. Wahl« oder »hier nur der Kopf brauchbar« oder ähnliches. Auf meine Favoriten, die meistens mit denen des Fotografen konform gehen, weise ich den Graphiker gerne hin. Schließlich liegt es auch in meinem Interesse, eine schöne und runde Fotostrecke im fertigen Heft vor Augen zu haben.

Nach Erhalt präsentiere ich die Bilder unserer Chefredaktion, die nicht selten mit Spannung darauf wartet. Von dort gehen sie direkt in die Grafik, sofern es sich um eine mögliche Titel-Produktion handelt. Wir suchen das aus unserer Sicht Beste heraus. Das allerwichtigste Kriterium ist dabei die Qualität, also die Schärfe. Jetzt heißt es warten, warten, warten. Der Grafiker macht verschiedene Layouts. Die werden dann dem Chefredakteur gezeigt. Aber: Diese Eigenproduktion wird nicht allein in die Waagschale geworfen. Gleichzeitig werden angekaufte Motive von internationalen Stars als Cover aufbereitet. Insgesamt liegen also pro Ausgabe etwa vier bis fünf Personen und bis zu 20 Titelversionen vor. Nach eigener Auswahl nimmt der Chefredakteur einen Teil davon mit in die Sitzung der Chefredakteure und der Verlagsleitung.

Über die Titel wird dann mehr oder weniger demokratisch entschieden. Jetzt kann es sein, daß die Eigenproduktion durchfällt, oder daß sie zwar gefällt, aber das Motiv nicht als besonders glücklich erachtet wurde. Dann müssen wir die Fotos ein weiteres mal nach titelfähigen Motiven durchforsten. Diese Alternativ-Motive sind eventuell aus der Sicht des Grafikers, aus meiner Sicht und aus der des Fotografen zweite Wahl. Aber solche Gedanken müssen hintenan gestellt werden. Vor allem, wenn das Bild jetzt besser ins Layout paßt. So kommt es, daß Fotos ausgesucht werden, die nach meinem Ermessen oder dem des Urhebers nicht in die engere Auswahl fallen würden – aber über Geschmack läßt sich ja bekanntlich nicht streiten.

Sobald der Titel feststeht, hole ich noch das Einverständnis der fotografierten Person ein. Falls das nicht gelingt, fangen wir an dieser Stelle wieder von vorn an. Zum Glück gibt es damit meistens kein Problem. Wenn bis hierhin alles glatt gelaufen ist, dürfen zu guter letzt bloß nicht die Credits vergessen werden. Das ist bei dem möglichen hin und her und dem daraus entstandenen Zeitdruck oft nicht einfach. Aber am Ende erhalten wir ein Produkt, bei dem alle Beteiligen zwar einen kleinen Kompromiß eingegangen, aber dennoch zufrieden sind.

___
Anke Thedens
arbeitet seit knapp 8 Jahren als Bildredakteurin bei TV Spielfilm.