MAGAZIN #28

Umverteilung wider Willen

Digitale Fotografie ist ja so billig. Stimmt: aber nur für die Verlage. Für Fotografen ist das Gegenteil richtig. Sie bleiben auf den Kosten für teure Ausrüstung und dem erheblich höheren Aufwand bei der Bildbearbeitung sitzen

Text –

Manfred Scharnberg

Fotos –

Martin Zitzlaff

Unnützes Teufelszeug – das waren digitale Kameras in den Augen vieler Fotografen noch vor zehn Jahren. Denn die Digitalära war zunächst ein Flop. Miserable Bildqualität, katastrophale Akkustandzeiten und eine Fülle technischer Mängel verhinderten zu Anfang ihren Erfolg.  Fotografische Qualität und digitale Technik schlossen sich gegenseitig aus.

Einhergehend mit dem technischen Fortschritt ließen sich in der Zwischenzeit  immer mehr Fotografen von den neuen Möglichkeiten überzeugen. Doch arbeiteten sie erst einmal digital, kam das böse Erwachen. Fotografen mussten viel Neues lernen und tief in die Tasche greifen. Die Produktionszyklen der Kamerahersteller, Softwareentwickler und Computerhersteller richteten sich nicht nach ihrem Budget. Konnte zu analogen Zeiten zwischen fünf und zehn Jahren mit einer Kamera gearbeitet werden, so war nun alle zwei Jahre ein neues Gehäuse fällig, was auch noch ein Vielfaches der analogen Kameras kostete. Darüber hinaus mussten Computer und Software aufgerüstet werden. Kurzum, sie waren in einen digitalen Teufelskreis geraten, aus dem kein Entrinnen mehr möglich war. Denn auch die Verlage hatten schnell verstanden, dass sie mit der neuen Technik Geld sparen konnten.

Das tun sie bis heute. Kosten für Filme, Entwicklung, Kontakte und Fotoabzüge entfallen. Adé Kuriere und Verlagspersonal, die Fotomaterial physisch hin und her schafften. Tschüss Labor-, Scan- und Repromitarbeiter. Durch den digitalen Workflow wird die Verlagsarbeit nicht nur wesentlich effektiver, sondern vor allem günstiger.

Der »Digitalfotograf« dagegen ist heute nicht mehr allein Urheber, der dem Verlag die Nutzungsrechte seiner Fotos überträgt. Jetzt ist er außerdem Laborant, Bildbearbeiter, Lithograf und Archivar in einer Person. Post-Production ist nun Fotografensache. »Ihr macht das schon« – damit lehnen sich Verlage bequem zurück. Dass die Fotografen bei der Umverteilung das dickere Ende erwischt haben, stößt bei Auftraggebern oft auf mitleidiges Unverständnis. Bis heute kolportieren noch manche den ältesten Witz der digitalen Fotografie: »Wieso? Ist doch alles billiger geworden«. Nein, liebe Leute. Im Vergleich zu professionellen analogen Kameras kostet die digitale Variante immer noch ein Mehrfaches – trotz sinkender Kamerapreise.

Und wie werden die Mehrleistungen vergütet? In bewährter Verlagsmanier: bloß keine Transparenz. Hier zahlt man einen Tag mehr für die digitale Bearbeitung, dort eine so genannte Digitalpauschale. Der eine erhielt Geld für angelieferte High-Res-Daten, ein anderer – und das war die Mehrheit – nichts als den üblichen Tagessatz. Alles in allem eine gewollt undurchsichtige Honorarpolitik.

Und der Druck auf die Fotografen wurde noch weiter erhöht. Mehr oder weniger dezente Hinweise auf die Anzahl der noch vor der Tür stehenden Fotografen waren dabei nicht zu überhören. Einen neuen und sehr unerfreulichen Höhepunkt hat diese Entwicklung im letzten Jahr gefunden. Da die technische Entwicklung den Einsatz von Mittelformat-Kameras akzeptabel macht, sollen Fotografen nun auch in diesem Bereich auf digitales Equipment umsteigen. »Vergessen« hat man jedoch auch hier wieder, der Kosteneinsparung auf Seiten der Verlage, die überdimensionale Mehrbelastung der Fotografen gegenüber zu stellen.

Erinnern wir uns noch einmal an das zusätzlich benötigte technische Equipment: Digitale Kamera – finanziell vergleichbar mit einem Mittelklasseauto – Computer der gehobenen Preisklasse, Monitore der höchsten Preiskategorie, um farbsichere Bilder zu liefern, Software und Updates, Speicherplatz zur Sicherung der Bilder, Laptop, Lesegeräte und so weiter. Dies alles sehen die Verlage als selbstverständliche Leistung an. Ganz zu schweigen von dem Know-how und dem Zeitaufwand für die Bearbeitung der Bilddaten. Was in der Analogfotografie Spezialisten (Fachlabore, Bildbearbeiter etc.) erledigten, wurde von den Verlagen völlig selbstverständlich und angemessen bezahlt. Warum soll das in der Digitalfotografie anders sein? Ob Fachprint oder High-Res-Bild, der Bearbeitungsaufwand ist vergleichbar. Solche Leistungen – und die damit verbundenen Kosten – haben sich nicht in Luft aufgelöst, sondern lediglich verlagert.

Das Verhalten der Verlage führte manchmal zu kuriosen Behelfslösungen: Es gab Fälle, in denen Fotografen wieder analog arbeiteten, weil man keine Digitalkosten übernehmen wollte, obwohl es dem Verlag wesentlich teurer kam, als mit der digitalen Variante. Das Argument der Bildredaktion: Analoge Materialkosten seien im Gegensatz zu Digitalpauschalen ohne Probleme durchzukriegen – eine absurde marktwirtschaftliche Logik.

Mitte des letzten Jahres hat sich eine Gruppe von 300 renommierten Magazinfotografen zusammengefunden, die für eine bessere und vor allem auch gerechte Entlohnung von Bildern kämpft. Es kann nicht sein, dass die Honorare in den letzten zehn Jahren in seltenen Fällen gestiegen, häufig genug geschrumpft sind, und die Anforderungen immer größer werden. Der Vorstoß der Magazinfotografen hat bislang nur vereinzelt Erfolge erzielt. Auf ihren Brief an die Redaktionen, in dem sie ihre Argumentation mit realistischem Zahlenmaterial belegten, kam es zu einem Gespräch mit dem Stern. Ein Workshop führte dann zu einem Kompromiss mit deutlich verbesserten Honoraren (siehe Kasten »Die Honorierung«).

Ist den anderen Redaktionen der Inhalt ihrer Blätter egal? Hört man nur noch auf die Erbsenzähler und schaut wie paralysiert auf die rückläufigen Auflagenzahlen? Vielleicht – Gedankengang eines Fotografen – hat das mit einem fast vergessenen Attribut zu tun: Qualität. Bekommen die Redaktionen überhaupt noch die Geschichten, die sie bräuchten, um auf dem Markt zu bestehen? Fakt ist, dass sich immer mehr Top-Fotografen lukrativeren Märkten zuwenden. Verkaufszeitschriften sind für die meisten Profis sowieso nur noch für ein Nebengeschäft gut. Wollen wir als Gegensatz erst gar nicht Henri Nannen bemühen, der alle guten Fotografen vom Markt wegkaufte, weil er um die Macht guter Bilder wusste – zum finanziellen Vorteil des Verlages. Nein: andere Zeiten, andere Sitten. Moderne Verleger jedenfalls, bestellen mehr als sie bezahlen wollen.

Doch bei diesem Spiel, in dem der schwarze Peter eindeutig verteilt ist, müssen Fotografen nicht mitmachen. Wer Kunden aufwendig ausgefeilte Bilddaten ohne eine entsprechende Vergütung liefert, spielt mit seiner Existenz und wird auf Dauer vom Markt verschwinden. Denn niemand kann sich letztlich ökonomischen Gesetzmäßigkeiten entziehen, weil Aufwand und Erlös im vernünftigen Verhältnis stehen müssen. Da ist es wohl angebracht, den Ausdruck für die Monitordarstellung, WYSIWYG, zeitgemäß umzuwandeln, in: What you pay is what you get.

Zuwachsrate: Der Faktor Zeit

Belichteten Fotografen früher ihre Filme, beschrifteten sie und erstellten Notizen dazu, war das Tagwerk damit meist erledigt. Etwas Annäherndes gibt es heute nur noch in der aktuellen Berichterstattung, bei der die geschossenen JPGs dem Auftraggeber sofort gesendet werden. Bei aufwendigeren Magazin-Aufträgen dagegen, wird im RAW-Modus fotografiert – schon wegen der technisch besseren Bildqualität. Damit erhöht sich der Zeitaufwand bereits während des Auftrages gewaltig. Bei mehrtägigen Jobs müssen Speicherkarten auf Festplatten übertragen – am besten doppelt gesichert – die Daten kontrolliert, grob strukturiert und beschriftet werden.

Richtig viel Zeit kostet dann aber die Bearbeitung der Rohbilddaten der von der Redaktion ausgewählten Fotos. An der Ausarbeitung der High-Res-Daten sitzen Fotografen oftmals länger als sie für das Fotografieren des Auftrages benötigt haben. Das ist eine Arbeit, die vergleichbar mit dem Ausarbeiten von Fachprints im guten alten chemischen Fotolabor ist. Dieser zusätzliche Aufwand muss sich unbedingt in der Honorierung niederschlagen.

Post-Production: Die Honorierung

Eine Digitalpauschale wird von einigen Verlagen zwar seit geraumer Zeit bezahlt, doch was diese beinhaltet und wie sie sich errechnet, bleibt undurchsichtig. Zudem variiert die Höhe von Magazin zu Magazin. Einige gewähren einen zwanzigprozentigen Zuschlag auf das Tageshonorar, wie der Spiegel. Andere veranschlagen eine fixe Summe für einen Auftrag – egal wie lange dieser dauert. Und dann gibt es immer noch solche Redaktionen wie Focus, die völlig darauf verzichten wollen.

Als bisher einziges Magazin hat der Stern auf die Vorstellungen seiner Fotografen reagiert. Die hatten in einer detaillierten Aufstellung realistische Erstellungskosten ermittelt. Heraus kamen 150 Euro als Kleinbild-Digitalpauschale, die ein umfangreiches Low-Res-Editing beinhaltet, sowie 250 Euro als Mittelformat-Pauschale. Der Stern handelte einen Kompromiss aus: In seinen Honorarrichtlinien ist eine Kleinbild-Pauschale von 80 Euro sowie eine Mittelformat-Pauschale von 150 Euro festgeschrieben – damit liegt er hinter den Vorstellungen der Fotografen – vergütet jedoch, wie gewünscht, die High-Res-Druckdaten mit jeweils 30 Euro für jedes angeforderte Foto.

Beispielrechnung: Kosten versus Nutzen

Als Beispiel rechnen wir einen konkreten Fotoauftrag für einen kleinen Verlag durch. Ein Tagesjob ohne besonders aufwendige Vorarbeit und Nachbereitung. Zeitaufwand:

  • TätigkeitenStunden Briefing- und Termingespräche, Vorbereitung 1,0
  • Fototermin vor Ort 5,0
  • Hin- und Rückfahrt 4,0
  • Bilder überspielen und ordnen 0,5
  • Auswahl unter 180 Fotos, JPGs erstellen, beschriften, versenden 2,5
  • 12 ausgewählte Fotos von RAW konvertieren und bearbeiten (Darunter nur 3 mit erhöhtem Bearbeitungsaufwand) 4,0
  • Daten senden und Nachbesprechung 0,5
  • Pauschaler Aufwand zur Erhaltung der Technik (Software aktuell, Monitor kalibrieren, Kameras und Zubehör instand halten…) 1,0

Gesamtstunden:18,5

Für gut 18 Stunden Arbeit erhielt der Fotograf ein Tageshonorar (8 Std.) von 350 Euro. Dazu eine Digitalpauschale von 75 Euro. Insgesamt entspricht das einem Stundensatz von 22,97 Euro, der noch zu versteuern und sozialabgabenpflichtig ist. (Zum Vergleich: Ein Klempner berechnet einen Stundensatz von 48 Euro) Um den Auftrag zu erledigen, setzte der Fotograf ein Equipment im Wert von etwa 17000 Euro ein.

Die identische Produktion mit analoger Technik: Das Equipment hätte nur einen finanziellen Einsatz von etwa 6000 Euro erfordert. Der Auftraggeber dagegen müsste insgesamt 618 Euro Materialkosten für Filme, Entwicklung, Kontakte, Prints, Kuriere und Scankosten zahlen.