MAGAZIN #17

Unterwegs sein, knipsen, Geld verdienen

Exotische Verhältnisse provozieren den Griff zur Kamera. Und immer wieder versuchen Amateure, über Reisefotografie in die Profilaufbahn einzusteigen. Ein Erfahrungsbericht.

Text –

Karl Johaentges

Seit es das Lichtbild gibt, wird mit der Kamera gereist. Schon 1845 – gerade mal sechs Jahre nach der Erfindung der Daguerreotypie – lichtete Jules Itier im fernen Asien die ersten »Exoten« auf Metallplatten ab. Bis zur Erfindung der Gelatine-Trockenplatten durch Frederick Scott Archer im Jahr 1880 und zum Bau »handlicher« Balgenkameras mussten die Fotografen noch komplette Labore in die entferntesten Weltwinkel schleppen. Denn die von Henry Fox Talbot entwickelte Kalotypie konnte nur mit Erfolg belichtet werden, solange die Fotoplatten noch feucht waren. Talbot taufte sein Negativ-Positiv-Verfahren nach dem griechischen Wort »kalos« gleich »schön« – Motto für die Zunft, denn Reisefotografen fällt es bis heute nicht schwer, selbst Armut und Elend ins rechte, sprich malerische Licht zu rücken.

Schon die ersten Reisefotografen waren Ausreißer: Samuel Borne, der große Indienfotograf, wollte nicht als Bankangestellter in Rente gehen. Nilfahrer Francis Frith verließ das Schreibpult seines Lebensmittelhandels in Liverpool. Der Schotte John Thomson – ursprünglich Architekturfotograf – entwickelte sich 1870 zum Pionier der Reportagefotografie. Seinen sozialkritischen Bildern aus China sieht man die 10-Sekunden-Belichtung kaum an. Wieder daheim, wendete er sich ganz sozialen Themen zu und veröffentlichte schon 1877 einen Bildband über Stadtstreicher und Straßenhändler: Street Life of London.

Mit der Erfindung der Kleinbildkamera waren dem Bildjournalismus wie der Reisefotografie keine Grenzen mehr gesetzt. Auf der Jagd nach den letzten »unberührten« Paradiesen ziehen wir nun heerscharengleich in die entlegensten Gebiete der Erde – immer auf der Suche nach den »letzten Naturvölkern«, nach Ursprünglichkeit und Traditionen, die in unserer technisierten Canon-Welt als längst verloren gelten. Es scheint heute fast unnatürlich, ohne »gläsernes Auge« unterwegs zu sein. Da verwundert es kaum, dass viele Aussteiger – nach anderen beruflichen Karrieren – über den Umweg Reise in die Fotografie einsteigen.

Am Anfang stehen meist über Jahrzehnte gepflegte Träume. Bei mir war der Auslöser eine Retina zur Kommunion; Heinrich Harrers Sieben Jahre in Tibet und die Jahresbände Durch die weite Welt erledigten den Rest. Aber es blieben einfach lange nur Träume, eine Leidenschaft, die man allenfalls auf Urlaubsreisen ausleben konnte. Ich fand den Absprung recht spät – nach fünf Berufsjahren als Architekt startete ich als 33-Jähriger zu einer mehrjährigen Weltreise, begann meine architektonischen und fotografischen Wanderjahre, reiste, um zu fotografieren. Resultat: das selbst verlegte Buch Bilder einer Weltreise, dem viele andere KaJo-Bände folgten.

In meiner Zeit als Verleger stellten sich auf der Frankfurter Buchmesse jedes Jahr zahllose Hobbyfotografen mit ihrer Urlaubsausbeute vor. Die meisten waren Träumer wie ich, vom Alltag frustrierte Ärzte, Programmierer oder Lehrer, die sich von der Kamera den Freischein zum Weltenbummeln erhofften. Die meisten leider mit naiven Vorstellungen und mittelmäßigen Bildern. Ein paar Bettler in Calcutta dienten als Beweis für soziales Denken, ein paar lachende Kinder als Garantie für die Nähe zum Alltag. Marokko in drei Wochen als Buch – mit Reisefotos verdienen wollen viele, den Sprung ins Berufsleben schaffen damit nur wenige.

Für Sebastião Salgado wurde 1973 eine Urlaubsreise zum Auslöser, er lieh sich spontan von Ehefrau Lélias die Kamera, fand gefallen am Fotografieren und ging kurze Zeit darauf zur Agentur Sygma, später für ein paar Jahre zu Magnum.

Der Franzose Eric Valli (Honigjäger, Himalaya) war Schreiner, bevor es ihn mit der Kamera nach Nepal zog. Dort lebte er jahrelang aus dem Rucksack, fotografierte mit hohem Risiko, verkaufte seine spektakulären Geschichten erfolgreich an das National Geographic Magazine. Bei seinem NG-Kollegen Michael Yamashita war – ebenfalls 1973 – ein erster Aufenthalt in Japan der Auslöser. Was als Urlaubsreise zu seinen kulturellen Wurzeln begann, führte den gebürtigen New Yorker in eine Karriere, die diese zwei unbändigen Leidenschaften verband: Reisen und Fotografieren.

In Frankreich oder Dänemark schaffen auffallend viele Quereinsteiger über die Kriegs- und journalistische Fotografie den Weg ins Metier. In Deutschland hingegen war die Reisefotografie immer das bessere Sprungbrett. Kein Wunder, sind wir Teutonen doch nach wie vor Rekordhalter im Weltenbummeln. Nirgendwo gibt es so viele Reisemagazine (Tendenz rückläufig), nirgendwo sind die Regale der Buchhändler so randvoll mit Reisebildbänden (mit dramatischen Einbrüchen in den letzten Jahren) wie bei uns. Selbst eine mittlere Hannoversche Buchhandlung kann auf diesem Gebiet mühelos mit den größten Fachgeschäften in Sydney, Hong-kong oder San Francisco mithalten. Reisen ist einfach ein Thema. Und proportional zur Zahl der Reisenden ist die Zahl der Träumer und derjenigen, die mit den Bildern von unterwegs tatsächlich den Einstieg schaffen.

Fulvio Zanettini von Laif arbeitete als Schlosser in Rom, bevor ihm mit einer Reisegeschichte der Sprung in die Professionalität gelang. Seinen Agenturkollegen Andreas Hub, Sohn eines dpa-Pressefotografen, zog es zuerst in die schreibende Zunft. Die ersten Schritte im Lernprozess zum fotografischen Autodidakten bestanden bei ihm – in eigener Rückschau – aus gnadenlosem Abgucken und Kopieren, bis er schließlich zum persönlichen Stil fand. Sein Durchbruch kam mit dem Eintritt bei Laif.

Der durch seine Afrikaprojekte (Wüsten Afrikas) bekannte Look-Kollege Michael Martin paukte sich nur pro forma durchs Geografen-Diplom. Den Lebensunterhalt bestritt er schon längst mit von Besuchern überlaufenen Diavorträgen. Visum-Fotograf Dirk Renckhoff wechselte nach neun Jahren Tätigkeit als Orthopäde mit eigener Praxis in eine unsichere Zukunft. Jörg Modrow begleitete schon als 13-Jähriger seinen Onkel Willi auf Fotosafaris, wurde dann aber Druckformenhersteller bei Gruner & Jahr, bis er den Sprung ins kalte Wasser wagte und seit seiner ersten Reisegeschichte in der Brigitte vor zehn Jahren fast 90 Prozent seines Umsatzes mit Reisebildern erzielt.

Auch den Rostocker Volker Handloik trieb die so lange unterdrückte Reiselust nach dem Fall der Mauer in die Ferne; die Fotografie wurde zur Eintrittskarte in die weite Welt. Er lebte mit der Kamera als Mönch im Himalaya und jobbte für eine Geo-Reportage als Fensterputzer in Hong-kong. Und dann ging es für den Stern nach Afghanistan, wieder eine Reise wider das Fernweh, nach Taliban-Bin-Laden-Land, ein Abstecher in den Krieg. Die Mitfahrgelegenheit auf einem Schützenpanzer der Nordallianz führte den Reisereporter direkt in den Tod. Volker Handloik wurde im November 2001 in einem Hinterhalt erschossen.

Ende eines schönen Traums im Albtraum. In der Regel löst aber unsere Tätigkeit als reisende Knipser nur wehmütigen Neid aus. Und so wird sich in Zukunft nichts an der Tatsache ändern, dass meine Nachbarn mir, wenn ich mal wieder mit Koffern vor dem Haus auf ein Taxi zum Flughafen warte, nur einen schönen Urlaub wünschen. Mit Reisen und Knipsen auch noch Geld verdienen – das kann doch nur Urlaub sein!