MAGAZIN #20

Visuelle Amnesie

Manche Fotos werden berühmt, viele werden gesammelt – doch immer weniger davon können angeschaut werden. Im Dunkel der Archive gerät das Bilderbe in Vergessenheit. 

Editorial –

Kay Dohnke

Der Mann mit der Zunge, die Frau mit dem wehenden Kleid, ein tödlich getroffener Soldat – Fotos, die man sieht, ohne sie noch einmal anzuschauen. Wiederholte mediale Präsenz machte sie zu Ikonen. Viele Bilder schaffen diese Hürde jedoch nicht – hunderttausende für den Tagesgebrauch entstandene Fotos, die zwar ebenso Dokumente der Gegenwart und künftiger Geschichte sind, aber anonym bleiben und vordergründig bedeutungslos.

Denn steht hinter einem Foto kein bekannter Name, sind die Chancen dürftig, dass es dauerhaft zugänglich bleibt. Während die Werke zu Stars aufgebauter Fotokünstler Rekorde schreiben, steht es für solche Aufnahmen schlecht, die es nicht in eine Sammlung geschafft haben. Denn irgendwann gilt es, über ihren Verbleib nachzudenken – und fast immer heißt das: entsorgen, also fortwerfen, ob es sich nun um einen Fotografennachlass oder das Bildarchiv einer kleinen Zeitung handelt.

Findet ein solcher Bildbestand den Weg in ein Archiv, ist das oft eine Sackgasse – es mangelt an Mitteln zum Erhalt und schon gar zur Präsentation der Bestände. Spendet jemand Fotos, bringt das nur Probleme.

Kein Zweifel: Fotografie muss es schwer haben, als ein zentrales Element der Kultur Anerkennung zu finden, wenn die Bilder selbst zur Last werden und das visuelle Gedächtnis immer größere Lücken bekommt.