MAGAZIN #17

Von der Bebilderung fremder Bedürfnisse

Strände, Berge, pittoreske Orte – Fotos aus der weiten Welt sind immer gefragt. Der Kanon der Motive wird jedoch eher vom aktuellen Reisemarkt als von der Wirklichkeit bestimmt.

Editorial –

Kay Dohnke

Auf den Kanaren regnet es nie – das wissen wir aus Bildern, folglich muss es stimmen. Gleiches gilt für Schweden, Frankreich, ja den ganzen Rest der Welt, wo man gut Urlaub machen kann. Und bringen Reisefotografen nicht immer wieder neue optische Beweise dieser Tatsache mit?

Von der Idee, mit der Kamera zu reisen und so ihr Geld zu verdienen, träumen viele Kollegen. Reisefotograf – das ist vermutlich der einzige Beruf mit Schönwettergarantie, jedenfalls den publizierten Bildern nach zu urteilen. Keine Autobahnen verschandeln das Pa­norama, keine Hochhaussiedlungen stören den neugierigen Blick, man sieht nur die Sonnenseiten des Lebens, und wenn doch einmal ärmliche Menschen auftauchen, strahlen sie meist fröhlich über das ganze Gesicht! Längst passé ist die Kultur, dass Journalisten in unbekannte Weltgegenden ziehen und dann einfach über das berichten, was sie sahen und hörten. Im gegenwärtigen Medienbetrieb geht es zu weiten Teilen beim Stichwort Reise vor allem darum, Erwartungen zu erfüllen, nicht jedoch vorgefasste Meinungen zu verändern. Gebraucht werden visuelle Appetithäppchen, also eine zweckorientierte Fotografie für Lifestylemagazine und Wochenendbeilagen, die sich an Klischeevorstellungen und dem Anzeigenumfeld orientiert und auch direkt in die Prospekte der Reiseveranstalter passen könnte.

Der Widerspruch zwischen der Wirklichkeit und dem, was redaktionell gewünscht wird, manifestiert sich spätestens anhand der Bilder, die es bis zur Publikation schaffen. Denn hier tauchen mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder die Klischees auf – und hat sie ein Fotograf nicht mitgebracht, springen gern die Agenturen ein. Ersetzt man das Wort »Reise« durch »Urlaub«, wird deutlicher greifbar, welcher Ausschnitt von Welt – gefiltert durch die eigene Auswahl, durch Bildredaktion und Art-Director – an die Öffentlichkeit gelangt. Mit Postkarten-Ästhetik ist man jedenfalls auf der sicheren Seite, und wer Glück hat, kann vielleicht ab und an mal einem der wenigen Magazine eine Geschichte verkaufen, die tatsächlich noch für Neues offen sind.

Marktgängige Reisefotografie muss nicht per se unehrlich sein – nur sollte sich niemand darüber hinwegtäuschen, dass Material von unterwegs in den meisten Fällen sehr zweckbestimmt verwendet wird. Es gibt nunmal keine Obdachlosen in San Franciscos Shoppingdistrikten, und auf den Kanaren regnet es nie.