MAGAZIN #08

Von der Seele einer Reportage

Die Bildgeschichte und der rote Faden

Text –

Nele Braas

Bilder erzählen andere Geschichten als Worte. Und die besten Reportagen sind für mich die, bei denen eine Geschichte aus zwei Blickwinkeln erzählt wird. Am besten gefällt es mir, wenn Autor und Fotograf mit dem gleichen Thema auf die Reise geschickt werden – und jeder eine eigene Geschichte mit nach Hause bringt.

Das bedeutet nicht, daß Autor und Fotograf sich nicht koordinieren müssen. Im Gegenteil: Damit beide Geschichten zueinander passen, muß der eine genau wissen, was der andere macht. So daß beide das Thema mit den Besonderheiten ihrer technischen Mittel umsetzen können. Aufgabe der Bildredaktion ist es, beim fotografischen Teil dafür zu sorgen, daß die beiden Seiten nicht auseinanderdriften.

Die Entscheidung, wer der geeignete Fotograf ist, treffen wir, nachdem ein Thema in der Redaktionskonferenz beschlossen wurde. Dabei spielen mehrere Kriterien eine Rolle: Welcher Fotograf hat Erfahrung auf dem Gebiet, um das es geht – oder sucht man einen »neuen« Blick, weil etwas schon sehr oft fotografiert wurde? Wer umgibt sich gerne mit vielen Menschen – wer hat es lieber mit einem »Mikrokosmos« zu tun? Wer arbeitet viel mit künstlichem Licht? Wer »baut« seine Bilder, wer läßt sie sich lieber vor seiner Kamera selbst entwickeln? Wer ist stark in Landschaftsfotografie? Wer fühlt sich sicher in der großen weiten Welt, wer ist stärker im vertrauten Umfeld? Wer ist spezialisiert auf technische Themen? Wer auf Portraits? … und so weiter. Ich versuche, dem Fotografen im Vorwege so viele Informationen wie möglich zu geben. Dabei geht es nicht so sehr um die Facts. Die kann ich in meinem Redaktionsalltag gar nicht so gut kennen wie ein Autor, ein Reiseführer oder Personen vor Ort. Meine Aufgabe ist es vielmehr, den roten Faden, den wir uns wünschen, zu übermitteln: Haben wir es mit einer Landschaftsgeschichte zu tun? Geht es in erster Linie um die Menschen? Oder geht es um Menschen, die unter bestimmten Bedingungen leben? Gibt es einen anderen, ganz besonderen Focus

Für alles weitere sorgen dann erste Gespräche mit den Autoren oder mit Institutionen, in oder bei denen fotografiert wird. Wir müssen ein großes Spektrum an fotografischen Handschriften kennen. Je größer die redaktionelle Vielfalt, desto mehr Kenntnis ist erforderlich.

Wenn ich in der Redaktion oder mit einem potentiellen Autoren ein neues Thema bespreche, entsteht in meinem Kopf die fotografische Umsetzung. Damit meine Kopfgeschichte und das spätere Resultat so ähnlich wie möglich sind, ist es wichtig, daß ich die Arbeiten der in Frage kommenden Fotografen so gut wie möglich kenne. Die wenigsten Geschichten sind so gelagert, daß man einfach irgendeinen Fotografen losschickt. Meistens möchte man etwas Besonderes herausarbeiten, eine Stimmung erzeugen. Je besser ich Fotografen kenne, desto besser kann ich beurteilen, wer das Spezifische, das Besondere einer Geschichte umsetzen kann. Das ist leider auch ein Grund dafür, daß Berufsanfänger es manchmal so schwer haben: Die Zeit und die finanziellen Mittel, Neues auszuprobieren, sind durch den Druck – unter dem auch wir stehen – sehr reduziert.

Ich verbringe einen guten Teil meiner Arbeitszeit damit, in anderen Magazinen zu blättern. Dort sehe ich die Arbeiten von mir bekannten Fotografen. Aber auch Bilder, die mir bei der »Beschaffe« weiterhelfen können – denn die gehört ja auch zu meiner Arbeit. Genauso wichtig wie die Kenntnis darüber, an welchen Themen Fotografen sonst noch arbeiten, ist der persönliche Kontakt.

Das Spezifische an einer guten Reportage ist für mich nicht das eine oder andere tolle Foto, sondern die Erzählung in Bildern, das Ganze. Ich finde es deshalb wichtig, einen guten Kontakt zu den Fotografen zu haben, mit denen ich arbeite. Über den persönlichen Eindruck kann ich auch darauf schließen, wie jemand seine Geschichte erzählt. Abgesehen von der organisatorischen Abwicklung ist dieser Entscheidungsprozeß ein tragendes Element meiner Arbeit – und auch der schönste, der kreativste Teil.

Genauso wichtig, wie die Planung der Auftragsvergabe, ist mir aber die Qualität der Präsentation. Mit einer chaotischen Projektion, in der geplaudert wird, in der es ein Kommen und Gehen gibt, mit einem schlechten Edit des Fotografen – dessen Bilder ohne jegliche (oder mit einer schlechten) Dramaturgie im Karussell stecken – sind mir ein Greuel.

Lieber gehe ich das Karussell mit einem unsicheren Fotografen vor der Präsentation nochmal kurz durch. Wenn Zeit ist, stecke ich es gemeinsam mit ihm um – oder reduziere es um Fotos, die zum Verständnis der Geschichte nicht wichtig sind.

Häufig führen schlechte Präsentationen dazu, daß die Zuschauer aus der Redaktion eine Geschichte nicht so begreifen, wie sie konzipiert ist – und wie sie vielleicht durchaus in dem Material vorhanden ist. So, wie ein Autor sein Manuskript auch nicht in einzelnen Passagen abgibt und sagt »bitte schön, Redaktion, baut euch was zusammen«, so sollte ein Fotograf sich sicher sein. Darüber, was er mit seinen Bildern erzählen will, mit welchen Fotos sein Thema am besten zu illustrieren ist. Und er sollte zu seiner Reportage auch etwas erzählen können.

Ein Fotograf, der den Anspruch hat, seine eigene Geschichte in Bildern erzählen zu wollen, sollte sie auch so präsentieren können. Auf diese Weise hat er eine Chance, daß seine Arbeit in der Redaktion auch in seinem Sinne weiter bearbeitet wird, daß Grafik und Chefredaktion etwas von seinen Intentionen erfahren, und daß sein Material anders betrachtet wird, als lediglich zur Bebilderung eines vorliegenden Textes. Eine gute Präsentation ist auch für uns als Argumentationshilfe in den folgenden Diskussionen wichtig, die bei der Layoutabnahme stattfinden.

Je enger die Zusammenarbeit, desto größer ist am Ende die Chance, daß alle mit dem vorliegenden Ergebnis zufrieden sind.

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Nele Braas
arbeitete zunächst in der Bildredaktion von GEO, war dann leitende Bildredakteurin bei MERIAN. Heute hat sie diese Funktion beim Lufthansa Magazin.