MAGAZIN #29

Wenn das eigene Bild verschwimmt

»Konfetti im Kopf – Demenz berührt mit vielen Gesichtern«, lautet der Titel der Kampagne, die Michael Hagedorn mit seinen Bildern initierte. Über vier Jahre hinweg begleitete er das Leben von dementen Menschen und schafft so einen überraschend neuen Zugang zu dem Thema. Einen durchweg positiven 

Text –

Bernd Euler

Fotos –

Michael Hagedorn

Demenz! Eine schaurige Diagnose. In Deutschland leben 1,2 Millionen Menschen mit Demenz und 2015 sollen es 1,6 Millionen sein. Der Kopf projiziert sofort Bilder von alten Menschen mit leerem Blick. Altenheim, Einsamkeit, Verlorensein, Gedächtnisverlust – man mag es sich lieber nicht vorstellen, und wendet sich innerlich ab. Demenz – besser nicht, schon gar nicht hinschauen.

Michael Hagedorn hat hingeschaut, und wie! Bilder, die so gar nicht zu unseren Projektionen passen. Helle, freundliche Bilder. Alte Menschen, denen es gut geht, die sich amüsieren, Freude am Leben haben. Zärtliche Bilder. Fotos, die den Menschen würdig sind. Demenz – wie bitte?

Eine eingängige Bildreportage ist das nicht, was Michael Hagedorn da anbietet. Wir sehen keine GEO oder Focus-Optik, keine alten Menschen in blau angeblitzten Kernspintomographen, keine Ärzte, die mit den Gehirnscans ihrer Patienten in der Hand posieren, keine Angehörigen, die betroffen in die Kamera schauen, »oder so ein Kram«, wie Michael mit abschätziger Stimme seine Aufzählung abschließt. »Mich interessiert die menschliche Ebene, ich will die Leute entdecken, um die es geht.«

Das erfordert sowohl in der fotografischen Darstellung als auch in der medialen Präsentation andere Herangehensweisen. Eine Buch, eine klassische Ausstellung womöglich in einem Museum oder einem der staatlichen »Kunsträume«, kam nicht infrage. »Da erreichst du immer nur die gleichen Leute« sagt Michael. Er wollte das Thema den Leuten in den Weg stellen, wie Werbeplakate. Das Thema sollte über die Leute kommen – eine Kampagne. Kein wirklich kleinlicher Ansatz für einen Fotografen! Und so wird der Berliner Hauptbahnhof ein Teil der Inszenierung. Auf 400 Plakatwänden, Citylights und Großbannern werden Passanten mit farbigen Porträtfotos von Menschen mit Demenz konfrontiert.

Zur selben Zeit wird auf dem Pfefferberg, einem alten Industriekomplex im Stadtteil Prenzlauer Berg, eine Open-Air-Fotoausstellung präsentiert. »Auf sechs Themeninseln, die Titel tragen wie ›Charakterköpfe‹, ›FacettenReiche‹, ›Familienbande‹ führt Fotograf Michael Hagedorn die Betrachter immer tiefer in die außergewöhnliche Welt von Menschen mit Demenz ein, die er seit Jahren fotografisch begleitet. Auf den Themeninseln sind nicht nur Fotos, Zitate und Informationen zu sehen. Die Besucher können auch mit allen ihren Sinnen das Thema Demenz neu betrachten, berühren, begreifen und auf sich wirken lassen.« verspricht die Homepage der Kampagne.

Das weitere Rahmenprogramm besteht aus Flashmob-Aktionen, Filmvorführungen, Workshops für Angehörige, Lesungen. Was hier im Laufe von vier Jahren Projektarbeit entstanden ist, hat nichts mehr nur mit Fotografie zu tun. Die gesamte Konzeption hat sich der Fotograf ausgedacht, und mit Texter, Art-Director und Konzeptioner umgesetzt. Es zeigt, wie tief er sein Thema durchdrungen hat, und wie er es den Betrachtern in den Weg stellt, demonstriert Entschlossenheit. Denn der demente Mensch ist nicht notwenig unglücklich, sondern er wird zuweilen unglücklich durch die Behandlung, die ihm widerfährt.

Moderne medizinische Ansätze setzen in ihrem Pflegekonzept bei Menschen mit Demenz auf Validation, das heißt, den anderen so akzeptieren, wie er ist. »Dass sich die Persönlichkeit auflöst bei Alzheimer Patienten, ist einfach nicht der Fall« ereifert sich Michael Hagedorn, und erzählt weiter vom Gegenteil. Dass Angehörige erstaunt registrieren, wie Eltern mit Demenz plötzlich aufblühen, weil sie die gesellschaftlichen Konventionen nicht mehr erfüllen müssen, sie nicht mehr funktionieren müssen. »Das hörst du durchweg von den Angehörigen, das sind irre Geschichten!«

Das Projekt »Konfetti im Kopf« ist sein Beitrag für einen Paradigmenwechsel. »Wir wollten einen Gegenpol schaffen zu diesem unheimlich negativen und nüchternen Bild, das in den Medien zu diesem Thema verbreitet wird«, umschreibt der Fotograf sein Ziel der Kampagne.

Der lange Weg begann vor vier Jahren. Als sich Michael entschloss, sich dem Thema Demenz zu verschreiben, beschritt er »den klassischen Weg«. Er hat Alzheimer-Organisationen angesprochen, Altenheime, Beratungsstellen, hat Multiplikatoren gesucht, die ihm halfen, sein Thema horizontal zu fotografieren. Viele Ansätze, viele Reisen durch die Republik. An eines seiner ersten Anlaufpunkte, das Alzheimer Therapiezentrum in Bad Aibling, kann er sich noch sehr gut erinnern und er lächelt in sich hinein, als er davon erzählt.

»Die Leute waren total nett am Telefon und luden mich gleich nach Süddeutschland ein.« Aber anstatt ihn mit seiner Kamera loslegen zu lassen, verlangte die Leiterin, dass er erstmal ein Gefühl zu dem Thema, beziehungsweise zu ihrer Arbeit entwickeln müsse. Ein Tag verbrachte der Fotograf bei Spieltherapie, Singspielen und Beratungsgesprächen – und durfte dann nach Hause fahren! »Ich war frustriert, weil das Klinkenputzen kein Ende zu nehmen schien«, erinnert er sich.

Aber es war richtig, wie die Dame verfahren ist, weiß er heute. Er ist beim nächsten Besuch wirklich orientierter, reflektierter an seine Arbeit gegangen. Das gegenseitige Vertrauen wuchs auch dadurch, dass er diese Rituale akzeptierte. Es ergaben sich neue Kontakte, und er konnte sein Thema immer breiter verfolgen. Über 200 Fototermine hat er abgearbeitet in diesen vier Jahren und mehr als 20000 Bilder blieben davon in seinem Bestand. Michael Hagedorn kennt sich jetzt aus in der Pflegeszene für Menschen mit Demenz, hat selbst als Fotograf eingegriffen.

Mit einer Kunsttherapeutin hat er ein Fotoprojekt gemacht. Sie haben von Demenz betroffene Menschen mit ihren eigenen Bildern konfrontiert und erstaunt festgestellt, wie positiv die Menschen sich sahen, und gerne erzählt Michael den Kommentar der alten Dame, die sagte: »Ich fühle mich durch das Foto aufgerichtet.« Der Erfolg dieser Aktion war messbar, denn noch ein Jahr später erinnerten sich Teilnehmer an dieses Projekt. »Man nennt das Highlight-Therapie«, erklärt der Fachmann, »ein Therapieansatz, zu dem man besondere Anreize schafft, die in Erinnerung bleiben.« Diese Projekte hat er mit der Videokamera begleitet, er hat Interviews geführt, Tonaufnahmen gemacht und Texte für die Fachpresse geschrieben. »Das Thema wird mich noch weit über die Berliner Kampagne hinaus begleiten.« Was aus dieser audio-visuellen Materialsammlung noch werden soll, er zuckt mit den Schultern, dann kommt der schöne Satz: »Ich arbeite an einem Puzzle, von dem ich nicht weiß, wie viele Teile es hat.« Über das Fotografieren hinaus wurde Michael Hagedorn zum Fachmann für sein Thema, entwickelte eine Haltung dazu. Die ist es schließlich, die seine eigene spannende Formsprache ausmacht. Es sind Bilder, die über das Dokumentarische hinausgehen, die bisweilen auch mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben und dadurch nicht eindimensional wirken.

Die vertikale Komponente, also Menschen mit Demenz über längere Zeiträume zu begleiten, kommt relativ schnell hinzu. Michael Hagedorn erzählt von Herrn Leypoldt, ein inzwischen verstorbener Senior, der in seiner Demenzzeit begann zu malen. Sie haben zusammen eine Ausstellung gemacht. »Ein begnadeter Maler, der in seinem früheren Leben nie einen Pinsel in der Hand gehalten hatte.« Zwei Jahre hat Leypoldt nicht aufgehört zu malen, hat hunderte von Skulpturen geschaffen, aus Gesammeltem, das er von seinen Spaziergängen mitbrachte. Was Michael Hagedorn beschreibt in Worten oder in seinen Bildern ist ein erfülltes Leben eines durch und durch kreativen – in sich glücklichen Menschen. Der nach Erfüllung seines »gesellschaftlichen Auftrags« einfach nur noch das tut, was er leben möchte. Man begreift, wie man mit der Diagnose Demenz durchaus konstruktiv umgehen kann.

In der vertikalen Perspektive des Konfetti-Projektes erkennt man am deutlichsten den Ansatz von Michael Hagedorn: Schaut ihnen in die Augen und lasst sie sein, wie sie sein wollen. Man begreift das schlüssige fotografische Konzept der Fotografie von Michael Hagedorn, der mit seinen Bildern das ausdrückt, was als Grundgedanke hinter der ganzen Konfetti Kampagne steht. Demenz wird erst dann zum Problem, wenn man sie als »Krankheit« stigmatisiert. Begreift man dagegen diesen letzten Ausweg für den Kopf als legitimen Rückzugsraum, lässt den Dementen gewähren und sein Leben und seine subjektive Wahrnehmung leben, gewährt man ihm im besten Fall eine letzte friedfertige paradiesische Zeit. Es ist das letzte Glück, das alte Menschen erleben, wenn man sie lässt, das ist es, was aus den Bildern spricht, und was Michael Hagedorns Arbeit so ansprechend irritierend erscheinen lässt.

Niemals neutraler Beobachter
Michael Hagedorn

FOTO – Manfred Scharnberg

»Du bist als Fotograf nicht unsichtbar, man ist immer beteiligt, und deswegen ist die Sichtweise immer subjektiv!« sagt Michael Hagedorn. Besonders beim Thema Demenz gelingt es nicht unauffällig zu bleiben. »Das geht gar nicht! Diese Menschen akzeptieren dich nie als neutralen Beobachter, sie plappern, da ist man immer im Dialog, und das ist das Tolle«, erzählt er begeistert.

Diese fotografische Erfahrung machte er bereits bei seinem Java-Projek. Indonesier lassen sich gerne fotografieren, posieren immer. »Da konntest Du gar nicht verschwinden, hattest keine Chance. Alle sprachen Indonesisch auf mich ein – was ich anfangs nicht verstand.« Da merkte er, dass er agieren muss, als Fotograf. Fotografie entsteht aus dem interaktiven Prozess zwischen Fotografen und der Welt, in der er sich bewegt – seinem Thema. Authentisch wird man erst, wenn man die Leute so sein lässt, wie sie sind.

Mit dementen Menschen Bilder zu inszenieren ist völlig unmöglich. »Sie wollen Dich anfassen, sie wollen mit Dir reden. Mit diesen Personen kannst du nichts erzwingen«, fasst Michael Hagedorn seine Erfahrungen zusammen. Er muss schauen, was die Situation fotografisch hergibt. »Natürlich weiß ich, wo ich hin muss, qualitativ, von der Stimmung her – ich habe meinen eigenen Erwartungshorizont.«

Werdegang
Michael Hagedorn, Jahrgang 1965, arbeitet seit 1985 als freier Fotograf. Nach zwei Semestern an der FH Dortmund brach er das Studium ab. Seine Serie zu Kafka Texten und seine interaktiven Bilderwelten zum Jahrhundertroman Ulysses machten ihn bekannt.

Der Preisträger des Festivals »reportage« in Sydney nutzt das Stipendium, um Aborigines, die unter einem besonders hohen Anteil an Demenz leiden, zu porträtieren.

www.michaelhagedorn.de

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Bernd Euler
lebte einige Jahre in Brasilien. Heute arbeitet er wieder freiberuflich in Hamburg, als Fotograf, Autor und Redakteur. Auch seine Mutter hat Demenz.