MAGAZIN #13

Wenn Prinz Charles Königin wird

Bildnachrichtendienste sind Global Player auf dem Markt der Pressefotos. Doch während die Agenturen gute Geschäfte machen, arbeiten ihre vielen freien Fotografen – die Stringer – weltweit häufig unter gefährlichen Bedingungen, werden dürftig bezahlt, sind rechtlich kaum abgesichert. Ein Blick hinter die Kulissen

Text –

Tracy Baker

Ob ein Vopo beim Bau der Berliner Mauer über Stacheldrahtrollen in die Freiheit springt oder russische Truppen die Stützpunkte tschetschenischer Rebellen stürmen, ob Präsidenten sterben oder neue Nationen entstehen – fast immer haben Fotografen von Nachrichtenagenturen die Fotos dazu gemacht und die Geschichten um die Erde getragen. Diese Agenturen – fast alle finanzstarke internationale Unternehmen – liefern die Bilder weltweit an führende Magazine, unzählige Tageszeitungen, nationale wie internationale Fernsehgesellschaften bzw. Sender sowie an solche Kleinstadtzeitungen, die es sich nicht einmal leisten können, eigene Reporter und Fotografen zur Berichterstattung in die nächste Kreisstadt zu schicken. Und die Agenturen kassieren Spitzenpreise für ihre Dienste.

Schon immer haben junge Fotografen gehofft und darauf hingearbeitet, in die Reihe der hoch angesehenen »Frontkämpfer« der Nachrichtenagenturen vorzudringen, doch nur wenige konnten eine der begehrten Festanstellungen ergattern. Die Firmen sind nie für ihre Großzügigkeit bekannt gewesen, weder hinsichtlich des Geldes noch der Jobs. Jahrzehntelang ging unter Fotografen ein geflügeltes Wort um: »You can’t spell cheap without ‚ap‘« – man kann ‚cheap‘ (geizig) nicht ohne ‚ap‘ buchstabieren.

Viele Nachrichtenagenturen haben ihre Profite gesichert, indem sie drastische Einsparungen vornahmen, die Zahl der Angestelltenposten auf ein Minimum begrenzten und die Arbeit draußen durch ein weites Netzwerk von »stringers« – freien oder fest-freien (Bild-)Journalisten bzw. Pauschalisten – erledigen ließen.

Eine ganze Reihe davon sind schwer verletzt oder getötet worden, während sie ihren Job machten. In vielen – wenn nicht allen – Fällen war ihre Bezahlung relativ niedrig, Sozial- oder Sonderleistungen gab es nicht. Oftmals haben diese Stringer die gleiche Arbeit verrichtet und dieselbe Verantwortung getragen, die in anderen Büros Aufgabe gut bezahlter, fest angestellter »staffers« in sicheren Jobs mit guten Sozialleistungen sind.

STRINGER STATT STAFFER

Seit in der Welt der Nachrichtenagenturen Kostenreduzierung zum Lebensstil geworden ist, wird es für Stringer immer härter, eine Anstellung als Staffer zu ergattern – obwohl es, vor allem in außergewöhnlichen Fällen, durchaus vorkommen kann. Ungeachtet des heiß kritisierten Stringer-Vertrags der AP in den USA – den viele Freelancer als Mutter der heute üblichen, sämtliche Rechte beanspruchenden Kontrakte verdammt haben – entschied sich Alan Diaz, für Associated Press zu arbeiten. Und das hat dem 53-jährigen Stringer des AP-Büros in Miami den großen Preis gebracht. Nachdem seine exklusive Aufnahme, wie Mitarbeiter der amerikanischen Einwanderungsbehörde den sechsjährigen kubanischen Jungen Elian Gonzalez – den Überlebenden eines gesunkenen Flüchtlingsschiffes – in Gewahrsam nehmen, im vergangenen April über den Draht ging, gab ihm die Agentur eine Festanstellung im Büro in Miami.

Diaz’ Geschichte ist die Ausnahme, nicht die Regel. Überragende Performance wird längst nicht immer so ansehnlich belohnt wird wie in diesem Fall. Streben nun alle Stringer einen Staffer-Job an? »Es ist nicht so, dass jeder eine feste Anstellung will«, sagt Kai Pfaffenbach, ein deutscher Reuters-Pauschalist. »Ich habe kein Bedürfnis nach einem festen Job – ich fühle mich in meiner jetzigen Stelle gut aufgehoben. Ich bin bei Reuters gut gesichert und kann viele interessante Sachen fotografieren.« Ein anderer Fester-Freier – tätig als Kameramann bei einer Fernsehnachrichtenagentur – sieht die Frage der Festanstellung eindeutig anders. »Ich würde es wollen«, meint er. »Als Fester ist es einfach anders. Man gehört dazu, kriegt ein 13. Gehalt. Du bist im Krankheitsfall besser abgesichert. Wenn du ein paar Jahre für ’ne Firma gearbeitet hast, kann sie dir ruhig eine Stelle anbieten.« Und ein weiterer freier Fotograf sagt: »Wenn du Fester bist, ist die Psychologie einfach ganz anders.«

Stringer, die manchmal reguläre Verträge haben, doch für gewöhnlich auf Basis mündlicher Absprache, eines Handschlags und eines »gentleman’s understanding« arbeiten, sind schon immer das Rückgrat der Agenturen gewesen. In den goldenen Tagen der internationalen Dienste – als AP und UPI sich im weltweiten Wettbewerb ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten – fand man überall internationale Staffers, deren meist recht großzügige britische oder amerikanische Gehälter durch steuerfreie Zuschüsse zu Miete und Lebenshaltungskosten ergänzt wurden. In den frühen 80ern gab es solche Stellen noch häufig – und im Allgemeinen sehr kostenträchtig. Doch in den Neunzigern waren die meisten der internationalen Staffer-Jobs dann verschwunden, ersetzt durch vor Ort angeheuerte Leute im mittleren und oberen Management und als Leiter der wichtigeren Büros.

Als viele der teuren Staffer in den Ruhestand gingen, wurden ihre Stellen nicht wiederbesetzt, sondern in Posten für freie Mitarbeiter umgewandelt. AP hat sowohl Afrika als auch die ehemalige Sowjetunion effektiv mit Stringern abgedeckt und die Zahl der dortigen fest Angestellten minimiert. Und oft verrichten diese neuen Leute fast dieselbe Arbeit in Planung, Termingestaltung und Bürodienst, die einst von Staffern erledigt wurde – nur halt billiger.

FEST ODER FREI – DIE EIGENE WAHL?

Auf die Frage nach den heutigen Aussichten für den Sprung vom Stringer zum fest angestellten Staffer antwortete ein altgedienter dpa-Pauschalist mit einer Gegenfrage: »Was sind die Chancen, dass Prinz Charles Königin wird?« Das mag zwar ein wenig übertrieben sein, doch die Perspektiven für den Wechsel in eine Festanstellung werden für Freie zunehmend schlechter, ungeachtet gelegentlicher Fälle wie von Alan Diaz oder der Gruppe von Stringern, die vor ein paar Jahren in den USA vor Gericht gingen und – nachdem sie die Richter und Beisitzer davon überzeugt hatten, dass ihre Firma sie als Staffer einsetzte – AP dazu zwangen, sie fest einzustellen. Diese Niederlage gab der Associated Press den Anstoß zu einem ersten Versuch, seinen Stringern eine schriftlichen Vertrag aufzunötigen, demzufolge ihnen die Benutzung der Büros, Labore, Kameras, Objektive und Übertragungsgeräte der AP untersagt ist und die in den meisten US-amerikanischen AP-Büros praktizierte Haltung beendet wurde, den Stringern die verbrauchten Filme zu ersetzen.

Bei Deutschlands größter Nachrichtenagentur dpa übertrifft nach Äußerungen von Hans-Peter Hill – dem Redaktionsleiter des Bilderdienstes, der lange Jahre in der deutschen AP-Niederlassung Erfahrung gesammelt hat, ehe er bei der dpa die Zügel in die Hand nahm – die Zahl der Staffer noch diejenige der Freien. dpa verfügt in der Bundesrepublik über 30 fest angestellte Fotografen, zu denen weitere 20 Pauschalisten und 20 bis 30 Stringer hinzukommen, die den dpa-Dienst nur bei Gelegenheit mit Fotos beliefern. Und der neue ddp-Bildnachrichtendienst, der Anfang 2000 gestartet wurde, ist laut Firmenleiter Bernd von Jutrczenka – dem früheren Fotochef der überregionalen Tageszeitung Die Welt – »vertraglich mit etwa 30 Fotografen verbunden«, und gut die Hälfte davon seien Staffer. »Darüber hinaus«, sagt er, »arbeiten wir natürlich mit vielen freien Fotografen zusammen, darunter auch einigen, die vorher nie mit Agenturen zusammengearbeitet haben«.

Associated Press betreibt in Deutschland eine kleinere Dependance mit acht als Fotografen tätigen Staffers (von denen zwei nur eine Teilzeitstelle haben), neun Bildredakteuren, einer relativ kleinen Crew von Pauschalisten mit Verträgen über 10 bis 20 Tage im Monat und einer schwankenden Zahl von ganz freien Fotojournalisten, sagt Wolfram Steinberg, der im letzten Jahr Fotochef bei AP in Frankfurt wurde. Aus Wettbewerbsgründen will er die genaue Zahl von bundesdeutschen AP-Pauschalisten nicht preisgeben – man könne jedoch davon ausgehen, dass AP in Deutschland mehr Pauschalisten und ganz Freie als Staffer habe.

Steinberg kennt das Leben eines Stringers aus eigener Erfahrung, hat sich aber für einen Bürojob entschieden, nachdem eine wütende Menschenmenge 1993 in Mogadischu seinen Freund, den deutschen AP-Pauschalisten Hansi Krauss, sowie zwei weitere Agenturfotografen und einen TV-Tontechniker erschlug. »Wenn wir dabei ehrlich sind, unterschätzen wir alle – aber gerade die jüngeren Fotografen – die wirkliche Gefahr. Man denkt, das ist ein Räuber-und-Gendarm-Spiel, man denkt, das ist alles spannend. Es könnte einem vielleicht passieren, verletzt zu werden … aber niemand denkt, dass man wirklich getötet wird. Dass man ausgelöscht wird, dass nichts mehr von einem bleibt. Das ist mir damals durch Hansis Tod erstmals klar geworden. Ich hatte das in meinem Bewusstsein nicht so zugelassen – den Gedanken, dass der Tod möglich ist.«

Mit fünf Büros, vier fest angestellten Fotografen und nur acht Pauschalisten unterhält Reuters den kleinsten Bildnachrichtendienst in Deutschland. Der Bilderdienst von Reuters entstand, als die Firma Mitte der Achtziger den Übersee-Bilderdienst des bekannten, aber finanziell angeschlagenen Nachrichtendienstes United Press International kaufte. Bis 1990 hatte UPI Reuters mit Bildern aus den USA beliefert. Doch als die restlos überlastete UPI immer weniger Material schickte, startete Reuters im März 1990 den eigenen USA-Dienst.

Heute deckt Reuters die USA mit 20 fest Angestellten – die sowohl fotografieren als auch am Desk arbeiten – und einem Netzwerk aus 200 Freien ab. Die mit ihnen geschlossenen Verträge betonen die Eigenständigkeit der Stringer und lehnen nahezu jegliche Verantwortung und Haftung seitens der Agentur ab. Im Unterschied zu den meisten deutschen Pauschalisten-Verträgen sichern die US-Kontrakte von Reuters wie auch von Associated Press keine Mindestzahl an Beschäftigungstagen oder ein monatliches Mindesthonorar zu.

SICHERHEIT AUF PAPIER

In der Bundesrepublik schließen drei der großen Agenturen – dpa, ddp und AP – schriftliche Verträge mit ihren freien Mitarbeitern, in denen praktisch alle Aspekte von Haftungsfragen über Ausrüstung und Tagessätze bzw. Honorare bis zur Mindestzahl der Beschäftigungstage und den Urheberrechten festgehalten ist. Die vierte Firma – Reuters – hat keine fixierten Kontrakte; es gibt aber eine schriftliche Vereinbarung über die Urheberrechte. Unter Hinweis auf »Wettbewerbsgründe« waren die Agenturen nur zu allgemeinen Angaben über die Honorierung bereit; die genannten Werte seien flexible Orientierungsgrößen, über die bei besonderen Bedingungen verhandelt werden könne. Ihre aktuellen Verträge wollten sie aber nicht zugänglich machen. Einblick in konkrete Kontrakte gewährten jedoch ein paar ehemalige Stringer der jeweiligen Agenturen.

dpa honoriert pro Bild, und der derzeitige Satz beträgt 120 Mark pro Aufnahme. Ein aktueller Vertrag für einen Vollzeit-Stringer regelt den Lieferumfang auf Basis einer Garantieabnahme von 40 Bildern pro Monat mit einem monatlichen Fixum von 4.800 Mark, zahlbar zwölfmal im Jahre. Besondere Einsätze, heißt es in einer Klausel, können nach Absprache mit einem Tageshonorar von 350 Mark vergolten werden; außerdem wird ein Teil der Aufwendungen erstattet. Andererseits stellt dpa freien Mitarbeitern, wenn sie die Einrichtungen der Agentur benutzen, »für die vor- und nachbereitenden Tätigkeiten der Bildberichterstattung« monatlich 300 Mark in Rechnung.

Aus »Konkurrenzgründen« enthält sich ddp-Bilderdienstchef von Jutrczenka jeglicher Auskunft zu den Honoraren, die seine noch junge Firma zahlt, meint aber, »es würden nicht so viele hervorragende Leute für uns arbeiten, wenn wir schlecht bezahlen würden«. Ein ddp-Vertrag aus dem Frühjahr 2000 sichert eine monatliche Vergütung von 3.000 Mark auf Basis eines Einzelhonorars von 150 Mark, einer Halbtagespauschale von 175 Mark und einem Ganztagessatz von 350 Mark zu. Doch der betreffende Fotograf und ddp beendeten ihre Zusammenarbeit, als die Agentur nur bei einem vollen achtstündigen Einsatz den Ganztagessatz zahlen wollte; Jobs von vier bis sieben Stunden Dauer sollten nur mit 250 Mark entlohnt werden. Dies hätte nicht 8,5, sondern 12 bis 15 Arbeitstage bedeutet, um die Pauschale von 3.000 Mark zu erreichen.

»Wir haben derzeit keine Pauschalisten-Verträge«, sagt Wolfgang Rattay von Reuters Deutschland, »es gibt aber doch eine schriftliche Vereinbarung, und zwar die Nutzungsrechte betreffend. Hierfür gibt es eine ‚Royalty‘-Ausschüttung für Bilder, die über unsere Internetdatenbank RPA (Reuters Pictures Archive) ‚gezogen‘ werden.« Reuters zahlt einem deutschen Stringer für gewöhnlich einen Tagessatz von 350 Mark; für sehr lange Einsätze und besondere Arbeitsbedingungen kann jedoch eine höhere Honorierung ausgehandelt werden. Ein früher für Reuters tätiger freier Fotograf bestätigt, dass die Firma für jeden Job den vollen Tagessatz zahlt, auch wenn der Einsatz kürzer war. Zwar gibt es keine verbindlichen Vereinbarungen über eine monatliche Mindestbeschäftigung, doch Rattay beruhigt: »Unsere Stringer kommen in der Regel sogar meist auf mehr als 20 Tage.«

Wer für die Bildredaktion von The Associated Press GmbH tätig wird, bekommt einen Vertrag über 10, 15, 18 oder 20 Tage im Monat – je nachdem, wo der Stringer lebt und ob es in der Region ein hohes Nachrichtenaufkommen gibt. Ein Vertrag aus dem Jahr 1994 für einen Fotografen in einer deutschen Großstadt sicherte bei 20 Arbeitstagen im Monat und einem Tagessatz von 300 Mark ein jährliches Honorar von 72.000 Mark plus Mehrwertsteuer zu.

REICHE STAFFER …

Niemand fängt für die Agenturen zu arbeiten an, um dadurch reich zu werden – nicht einmal die Staffer. Doch sie können mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 37,5 bis 40 Stunden einen angenehmen Lebensstandard erreichen. Ein Blick in die USA: Ein amerikanischer AP-Staffer ohne Berufserfahrung würde wöchentlich ein Minimum von 566 Dollar brutto verdienen. Das bedeutet bei den derzeitigen US-Steuersätzen einen Nettoverdienst von 1.800 Dollar im Monat. Ein Staffer mit sechsjähriger Berufserfahrung käme monatlich auf etwa 2.650 Dollar netto. Hinzu kommen Zusatzleistungen zur Kranken- bzw. Rentenversicherung, von der Firma gestelltes Equipment, Urlaub, Kostenerstattung bei Verwendung des eigenen Autos, eine Berufsunfall-, Berufsunfähigkeits- und Arbeitslosenversicherung etc. Und natürlich sind die Gehälter steigerungsfähig. Zusammen mit oft steuerfreien Gratifikationen und Bonuszahlungen würde dieser fiktive AP-Staffer in den USA ein Bruttoeinkommen von bis zu 90.000 Dollar erzielen, wenn er auch die geldwerten Sonderleistungen ausgezahlt bekäme. Weil er ein Angestellter der Associated Press ist, verfügt die AP über alle Urheber- und Nutzungsrechte an seinen für die Firma fotografierten Bildern.

Der umstrittene Freelancer-Vertrag, den die AP in den USA vor ein paar Jahren für ihre amerikanischen Stringer ausgegeben hat, sieht bei einem normalen innerstädtischen Einsatz nur eine Entlohnung von 115 Dollar vor, wenn der Fotograf den Film im AP-Büro zur Entwicklung und Weiterverwertung abgibt. Kosten für Fahrten, Filme, Telefon etc. werden nicht erstattet. Erledigt der Fotograf die Filmentwicklung und Übermittlung der Bilder an AP selbst, steigt der Satz auf 150 Dollar.

Für das, was die AP als »größere Einsätze innerhalb des städtischen Gebietes« bezeichnet – also ganztägiges Warten auf entscheidende Ereignisse, Ermittlung bedeutender Nachrichten und dergleichen – sieht der Vertrag einen Tagessatz von 185 Dollar vor, wenn der Fotograf den Film anschließend einfach bei AP abgibt, 240 Dollar bei Entwicklung und Bildübertragung durch den Fotografen selbst. Weitere Kostenerstattungen werden auch in diesem Fall jedoch nicht gewährt.

Der amerikanische AP-Kontrakt hält zwar die Möglichkeit zu Sondervereinbarungen bei »außergewöhnlichen« Einsätzen offen; Zahlungen zur Altersversorgung bzw. Arbeitslosen- und Krankenversicherung werden aber explizit ausgeschlossen.

… UND ARME STRINGER?

Als AP diesen Vertrag – der außerdem sämtliche Rechte an allem fordert, was der Freelancer während des Jobs fotografiert – erstmalig einführte, verließen zahlreiche Freie die Firma und sind seither dem Grundsatz treu geblieben, schlechte Verträge auszuschlagen. Andere, die mit einem Großteil ihres Einkommens von Associated Press abhängig waren, mussten sich auf die Bedingungen einlassen, nur um den Kopf über Wasser zu behalten.

Ein amerikanischer Freelancer, der zwischen 1990 und 1993 täglich für das Moskauer Reuters-Büro arbeitete und den Zusammenbruch der Sowjetunion sowie die Gründung der Gemeinschaft unabhängiger Staaten im gesamten Russland bis hin nach Tschetschenien und Tadschikistan dokumentiert hat, erhielt bis zum Putschversuch in Moskau 1993 einen Tagessatz von 100 Dollar, der im Anschluss aufgrund der gestiegenen Risiken auf 150 Dollar erhöht wurde. Ein anderer, mehrfach preisgekrönter Reuters-Pauschalist arbeitete auf dem Balkan bis zum Jahr 1992 für eine Monatspauschale von 3.000 Dollar plus Kostenerstattung für evtl. beschädigte Ausrüstung; dann wurde der Satz auf 4.000 Dollar angehoben. Das Londoner Associated-Press-Büro hat die für internationale Einsätze gezahlten Honorare seit Mitte der Neunziger kaum verändert – gleichgültig, ob es sich um hoch riskante oder eher gewöhnliche Jobs handelt.

Doch es gibt nicht nur die seit vielen Jahren eingefrorenen Tagessätze, sondern auch deutliche Rückschritte. Bis 1994, berichtet Pulitzer-Preisträger Karsten Thielker, der als Pauschalist für AP in Kriegs- und Krisengebieten tätig war, »hatte AP lediglich ein einmaliges Nutzungsrecht an meinen Fotos. Die Honorare für AP-Fotografen, die Krisengebiete bereisen, variieren zwischen 100 und 200 US-Dollar pro Tag. Diese Tagessätze beinhalten seit 1994 die Abtretung aller Nutzungsrechte an AP. 1991 wurde der Höchstsatz von 250 Dollar auf 200 Dollar reduziert.« Das ist weniger, als der amerikanische AP-Vertrag als Honorar für die Bildberichterstattung von einem ganztägigen Sportereignis vorsieht.

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Tracy Baker
arbeitete als Fotograf für mehrere internationale Nachrichtendienste und Agenturen sowie für Tageszeitungen, Zeitschriften und Firmen.

Ein Folgebeitrag im FreeLens-Magazin No. 14 befasst sich mit Rechtseinräumungen, Haftungsfragen und der Absicherung von Stringern im Rahmen riskanter Einsätze.

Anmerkung der Redaktion: Fast alle der interviewten Fotografen, die gegenwärtig für eine Bildnachrichtenagentur arbeiten, haben um Anonymität gebeten, da sie andernfalls mit Schwierigkeiten rechnen.