MAGAZIN #13

Widerstand im Nachbarland

Auch in Frankreich versuchen die Verlage, Fotografen der Kontrolle über ihre Werke zu berauben und alle Rechte daran exklusiv und auf alle Zeiten handeln zu dürfen. Seit geraumer Zeit formiert sich unter den französischen Kollegen Widerstand

Text –

Markus Bollen

Sie nannten sich Contrat Carré und trafen sich am 1. August in Paris – Fotografinnen und Fotografen, die die kontinuierlich schlechter werdenden Arbeits- und Vertragsbedingungen nicht länger hinnehmen wollten. Um weitere KollegInnen für den Protest zu gewinnen, arbeiteten sie ein Manifest aus (s. Kasten). Nachdem die Beteiligten erfuhren, dass in Deutschland aus ähnlichen Überlegungen heraus schon vor Jahren FreeLens gegründet worden war, nahmen sie Kontakt mit dem Hamburger Büro auf und fragten an, ob Contrat Carré sich FreeLens France nennen dürfe. Sie durften.

Treibende Kraft der Bewegung sind Marie Dorigny, Lorenzo Virgili und einige Fotografen der Agenturen Oreil Public und Tendance Fleue. Sie brachten das Manifest in Umlauf und organisierten eine Konferenz während des Festivals »Visa pour l’Image« in Perpignan. Zu diesem Treffen luden sie auch einen Vertreter von FreeLens Deutschland ein. Interessant war im Vorfeld dieser Konferenz die Aussage von Mike Abrahams von Network aus England, dass auch im angelsächsischen Recht das »work for hire«-Prinzip – der Auftraggeber erhält automatisch alle Rechte an den Bildern – seit einigen Jahren nicht mehr Gesetz ist, Verlage dies gleichwohl immer wieder Fotografen gegenüber durchzusetzen versuchen.

Perpignan, 7. September 2000: Im mit über 200 Interessenten gut gefüllten Saal des Palais des Congres war eine von Sympathie für die Bewegung getragene, sehr emotionale Spannung zu spüren. Lorenzo Virgili moderierte, Olivier Brillanceau von SAIF – der Société des Auteurs des arts visuels et de l’image Fixe – berichtete, warum gerade jetzt die Anstrengungen der Verlage so groß sind, diese radikalen Verträge durchzusetzen, und welche Auswirkungen die technisch-digitale Revolution auf die Verwertung von Bildern hat.

Daphné Juster als Rechtsanwältin von Magnum warnte vor den Auswirkungen, nämlich dem Verlust von Einkünften durch die Zweitverwertung. Christian Caujolle von der Agentur VU wusste von einem Memo bei Marie Claire, demzufolge Vertrags-Verweigerer auf eine schwarze Liste gesetzt werden, und dass einer Fotografin für verlagsinterne Nutzung ihrer sämtlichen Bilder im Verlaufe eines gesamten Jahres 1 Franc und 20 Centimes gezahlt wurden – keine 50 Pfennig! Caujolle legte dar, warum Manager der Medien-Konzerne nur Profit im Sinn haben, die Autoren nach französischem Urheberrecht aber sehr wohl Kontrolle über die Verwendung ihrer Werke ausüben können.

Marc Grosset, Leiter der Agentur Rapho, sprach vor allem über das Problem der Persönlichkeitsrechte – besonders wenn journalistische Fotos in werblichen Kontext gesetzt werden. Mike Abrahams von Network, der über die Situation in England berichten sollte, brachte zu genau diesem Punkt die fotografische Ethik ins Spiel. Wie kann ein Fotograf, der für seine Bilder das Vertrauen der Dargestellten braucht, dieses dann für einen möglichen Werbeeinsatz der Aufnahme missbrauchen?

Carlos Munoz vom Urheberverband ANJRPC – der Association Nationale des Journalistes Reporters Photographers & Cinéastes – erzählte kurz, wie Magnum ANJRPC gründete und warum die Unterstützung des Manifestes so wichtig ist. FreeLens Deutschland begrüßt das Entstehen von FreeLens France, regt die Gründung weiterer Landesverbände an und sichert jede mögliche Unterstützung zu.

Die anschließende, mit 30 Minuten leider viel zu kurze Diskussion erbrachte statt Lob und moralischer Unterstützung der Organisatoren vor allem Kritik: »Warum sitzen die Agenturen mit im Boot?«, lautete eine der Fragen (im Moment tobt in Frankreich der Übernahmekrieg), und »Warum wurde bis jetzt noch kein Gegenvertrag ausgearbeitet?«. – Letzteres verlangen immer diejenigen, die nie was tun. Die Rolle der Firmenchefs, einschließlich derjenigen von Marc Grosset, beim Verkauf der Agenturen wurde durch Michael von Graffenried kritisch beleuchtet, was Grosset aber abblockte. Einer Anregung, die Gunst der Stunde und den offensichtlich vorhandenen Enthusiasmus zu nutzen und am nächsten Tag ein Diskussionsforum für interessierte Aktivisten anzusetzen, konnten Marie und Lorenzo nicht folgen – angeblich sei die Organisation nicht so kurzfristig möglich. Beide haben sich sehr um Presseinterviews bemüht; im Figaro, im L’Express und in anderen Zeitungen sollte über FreeLens France berichtet werden.

Große Sorgen bereitet Lorenzo die Frage, ob man nicht besser aus vorhandenen Organisationen wie der ANJRPC heraus die Verlage zum Einlenken bewegen könne. Die Sympathie für einen eigenen Zusammenschluss à la FreeLens ist zwar groß, und Marie und Lorenzo sind sehr zielstrebig, müssen aber erst eine schlagfertige Organisation aufbauen – und in Deutschland hat das ja auch eine Weile gedauert.

Die öffentliche Diskussion über die Lage der Fotografen in Frankreich und die Ansätze zur Gründung einer neuen Interessenvertretung waren top-aktuell: Nur einen Tag später verkündete Achet den Kauf der Agentur Rapho, und Corbis hält am gleichen Ort eine Pressekonferenz ab, in der die Bedenken der Fotografen – erfolglos – zerstreut werden sollten.
___
Markus Bollen
kam über den Umweg der Sinologie zur Fotografie und arbeitet seit 1987 als Architektur- und Porträtfotograf.

LE MANIFESTE

Der Aufruf von FreeLens France

Wir Pressefotografen erleben heute eine Zunahme von ungesetzlichen Vertragspraktiken, die für uns nicht akzeptabel sind und welche die freie Ausübung unseres Berufes gefährden. Diese Praktiken stellen das seit nun mehr als sechzig Jahren zwischen den Zeitungsverlagen und den Fotografen existierende austarierte Kräfteverhältnis in Frage.

Seit einigen Monaten wollen uns die meisten der großen Medienkonzerne in Frankreich wie im Ausland Verträge aufzwingen, die unsere Zusammenarbeit mit ihren Presseorganen neu definieren. Diese Verträge stellen die im Gesetz verankerten Rechte der Fotografen (Urheberrecht, Arbeitsrecht), die professionellen Usancen und die für die Ausübung unseres Berufes notwendigen Bedingungen in Frage.

Deshalb lehnen wir diese Verträge kategorisch ab, mit Hilfe derer sich diese Presseorgane unsere Bilder aneignen wollen, ganz besonders aus den folgenden Gründen:

– Die vollständige und exklusive Abtretung der Urheberrechte für jedwede Weiterverwendung in der Presse, auf Datenträgern und in der Werbung.
– Das Fehlen einer zusätzlichen Vergütung für jede neue Verwendung dieser Bilder.
– Das Abwälzen jeglicher Verantwortung vom Herausgeber allein auf den Fotografen bei Rechtsstreitigkeiten, die den fotografierten Gegenstand betreffen.
– Den Entzug der freien Wahl eines Partners und der Verbreitungsart seiner Arbeit.

Alle diese Punkte implizieren den Verlust der Kontrolle des Urhebers über die Verwendung seiner Bilder und deren Verbindung mit Produkten oder geschäftlichen Praktiken, ohne dass er sich dagegen wehren kann. Sie befinden sich in absolutem Widerspruch zur Berufsethik der Pressefotografen.

Wir lehnen es ab, dass unsere Fotografien einfachen Waren gleichgesetzt werden. Die Herausgeber der Presseorgane gefährden die Rolle unseres Berufes und unsere Fähigkeit, diesen unter angemessenen Bedingungen auszuüben, indem sie unsere schöpferischen Freiheiten sowie unsere Informationsfreiheit einschränken, somit eine Art Arbeitserpressung praktizieren und uns den gerechten Preis für unsere Bilder verweigern.

Wir appellieren an alle Fotografen, alle Agenturen, an die Gesamtheit der Berufsverbände, an alle unsere Partner in der Welt des Bildes wie auch an alle Amtsträger, sich dessen bewusst zu werden, dass Reichhaltigkeit und Verschiedenartigkeit des fotografischen Ausdrucks zum Untergang verurteilt sind, wenn man diese entwürdigenden Zustände zulässt und ihrem Fortdauern nicht wehrt.

Gemeinsames Handeln tut not. Lasst uns gemeinsam die Unterzeichnung dieser ungerechten und ungesetzlichen Verträge verweigern.

Dieser Aufruf geht auch Sie an. Unterzeichnen Sie ihn und geben Sie ihn weiter.