MAGAZIN #29

Wird das Standard RAW zum RAW-Standard?

Wieso können unterschiedliche Kameras nicht mit demselben RAW-Format arbeiten? Wie lange ist das Archiv meiner Original RAW-Dateien noch lesbar? Und wann gibt es endlich einheitliche Standards?

Text –

Achim Duwentäster & Thorsten Steinbach

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Ogando

Das Fotografieren im RAW-Format hat sich inzwischen zum Standard in der professionellen Fotografie entwickelt. Neben den Vorteilen hat das RAW-Format jedoch immer noch schwerwiegende Nachteile: Jeder Hersteller und sogar jedes einzelne Kameramodell schreibt weiterhin sein eigenes RAW-Format. RAW-Dateien können deshalb nicht ohne weiteres von jedem Programm gelesen werden.

Richtig ärgerlich wird es, wenn der Kauf einer neuen Kamera weitere Investitionen notwendig macht, um aktuelle RAW-Formate bearbeiten zu können. Im Extremfall kann dies bedeuten: Die neue Kamera benötigt ein neues Bildbearbeitungsprogramm, dieses wiederum ein neues Betriebssystem und wenn man Pech hat, benötigt das neue Betriebssystem gleich auch noch einen neuen Rechner.

Bis jetzt ist die Katastrophe der Unlesbarkeit noch ausgeblieben. Die Vielzahl der professionellen Kameramodelle wird bisher zwar noch unterstützt, damit kann aber schon bei der nächsten Soft- oder Hardware-Generation Schluss sein. Eine RAW-Archivierung ist deshalb mit sehr großem Risiko verbunden.

Im Alltag bereiten aber noch andere Aspekte Schwierigkeiten. Das fängt damit an, dass jeder RAW-Konverter ein anderes Bildergebnis liefert, weil ein Konvertermodul nicht jede Spezifikation der RAW-Datei kennen kann. Manchmal soll es das auch gar nicht, da die Kamerahersteller die Rohdaten mit der kamerainternen Software optimieren, sei es um Pixelfehler und/oder Rauschen der Sensoren zu kaschieren oder um RAW-Daten zu schärfen. Dass Kamerahersteller kein Interesse daran haben, Schwachpunkte wie auch Innovationen ihrer Produkte offen zu legen, liegt auf der Hand.

Es gibt also genügend gute Gründe für FREELENS sich weiterhin für ein offenes RAW-Format einzusetzen. Ein viel versprechender Lösungsweg dahin könnte die Aktualisierung des TIFF/EP-Standards sein, genauer der ISO-Norm Nr. 12234-2. Dieses Datenformat wurde schon Anfang der 90er von der ISO (Internationale Organisation für Normung, die internationale Version des DIN-Instituts) mit genormten Spezifikationen standardisiert. Im Klartext: Das TIFF/EP ist genau so wie JPEG oder MPEG ein für alle zugängliches und nutzbares Dateiformat mit exakt festgelegten Eigenschaften.

Das TIFF/EP unterstützt grundsätzlich zwei unterschiedliche Bildtypen durch so genannte Kompatibiltätsprofile: Profil 1 meint Bilddaten wie das bekannte TIFF. Profil 2 dagegen wird für RAW-Daten genutzt und bietet sich als RAW-Standard gerade zu an. Dieser Standard ist auch die technische Basis für Adobes DNG Format.

Die TIFF/EP-Norm wird nun von der ISO überarbeitet und die Möglichkeiten RAW-Daten zu transportieren sollen aktualisiert werden. Der zuständige Standardisierungsausschuss für Fotografie der ISO besteht aus Vertretern vieler relevanter Firmen. Hier diskutieren die Global Player der Branche, was ein Standard werden und was dieser beinhalten soll.

Neben Firmen wie Adobe, Canon, Nikon, Fuji, Kodak, Olympus, Intel, Siemens, Sony, u.a. sitzt auch ein Vertreter von FREELENS, Prof. Dr. Ing. Gregor Fischer, vom Institut für Medien- und Phototechnik Köln, mit am Tisch, um die Interessen der Berufsfotografen wahrzunehmen. FREELENS unterstützt das ISO Projekt »RAW-Standard« mit dem Ziel, einen so attraktiven, kompatiblen und zukunftsweisenden Standard zu schaffen, an dem der Markt nicht vorbeikommt.

Wie ein Rohbild zu einem RGB-Bild von einem RAW-Konverter zu verarbeiten ist, geht aus den im RAW enthaltenen Metadaten hervor. Sie signalisieren dem Programm, wie es das Bild darstellen, ob und wie es schärfen soll. Unter anderem enthalten sie Informationen über die Eigenschaften des Bildsensors, die es zu berücksichtigen und zu korrigieren gilt. Und genau hier beginnen die Probleme mit den Kameraherstellern, da diese nur teilweise ihre Daten offen legen wollen. Dennoch sind die Gespräche schon soweit, dass Informationen über defekte Pixel und notwendige Sensorkorrekturen in die Version eines neuen RAW-Standards eingebunden werden können.

Das neue TIFF/EP für Rohdaten soll zudem ein neues 2-stufiges Farbmanagement enthalten, dass ein verbessertes internes Farbmanagement ermöglicht und so die Konvertierung in einen Ausgabefarbraum, wie z.B. Adobe RGB, optimiert. Hier könnte man auch die spezifische Farbempfindlichkeit des Kamerasensors hinterlegen, was noch auf Widerstände der Kamerahersteller trifft.

Dennoch wird die Offenlegung der Metadaten dafür sorgen, dass verschiedene RAW-Konverter identische Ergebnisse ein und derselben Datei ausgeben können. Ebenso könnte es durch diese offen zugänglichen Informationen möglich werden, RAW-Dateien direkt aus Bilddatenbanken und mit normalen Browsern anzuzeigen. Eine weitere Innovation betrifft die Zunahme der Dateigrößen. Durch die stetig wachsende Auflösung der Sensoren werden auch die RAW-Dateien immer größer. Deswegen liegt es nahe, diese Daten stärker als  bisher möglich zu komprimieren. Die aktuellen verlustfreien Komprimierungsmethoden lassen die Datein höchstens um ein Drittel schrumpfen. Eine stärkere, aber verlustbehaftete Komprimierung dagegen verringert den Qualitätsvorteil des RAWs gleich mit.

Deswegen kommt eine an der Fachhochschule Köln erfundene Datenreduktion ins Spiel, die durch verschiedene, hintereinander geschaltete Berechnungen eine Komprimierung auf etwa 20 Prozent der Originaldateigröße ermöglicht – ohne sichtbare Qualitätsverluste, wie Studien belegen. Aufgrund dieser positiven Effekte hat sich die ISO-Arbeitsgruppe darauf geeinigt, ein solches komprimiertes RAW gleich mit zu standardisieren, als Option.

Der neue RAW-Standard wird sich gegen Adobes DNG behaupten müssen, welches die genannten Probleme allerdings nur zum Teil löst. Die Wahrscheinlichkeit, dass das DNG auch in vielen Jahren noch lesbar sein wird, ist groß, da Adobe dahinter steht. Zwar lassen einige Hersteller ihre Kameras schon direkt im DNG-Format speichern, allerdings ist das DNG auf Adobes Verarbeitungskette (Photoshop, Lightroom) abgestimmt. Da auch Adobe nicht alle Spezifikationen der Quelldatei kennt, können zudem wie bei jeder anderen Konvertierung Informationen verloren gehen. Außerdem besitzt Adobe alle Rechte am DNG und könnte die Nutzung jederzeit einschränken oder kostenpflichtig machen. Das DNG ist also nicht die große Lösung, sondern nur ein anständiger Kompromiss.

Im Moment scheint sich auch Adobe hinter das neue Standard RAW zu stellen. Das liegt wohl daran, dass für die Weiterentwicklung des neuen Standards das DNG als Ausgangspunkt benutzt worden ist – mit Erlaubnis von Adobe. Schwieriger gestaltet sich die Einbindung der großen Kamerahersteller, weil sie Nachteile im Wettbewerb befürchten. Erfahrungsgemäß sehen das kleinere Hersteller anders, sie profitieren von genormten Standards, da sie nicht ihr eigenes Süppchen kochen müssen. Es bleibt abzuwarten, welcher Hersteller zuerst die Option anbieten wird, ein Standard RAW zu speichern.

So oder so, auf jeden Fall wird es früher oder später einen neuen und offenen RAW-Standard geben. Noch ist es aber nicht so weit, die endgültige Verabschiedung des Standards durch die ISO ist bisher nicht erfolgt, ein Termin ist noch offen. Erst danach können die Hersteller in die Pflicht genommen werden und Adobe muss zeigen, ob es tatsächlich das DNG zugunsten des genormten RAW aufgeben wird.

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Achim Duwentäster
arbeitet als Fotograf und Bildredakteur. Er ist Mitglied von »teamwork«, Fotoagentur und Redaktionsbüro in Hamburg.

Thorsten Steinbach
arbeitet als Redakteur bei der Bildagentur »laif«.