Diskussion um Giovanni Troilo

Screenshot World Press Photo und Homepage des Fotografen.

Screenshot World Press Photo und Homepage des Fotografen. Foto: Giovanni Troilo

Alles andere als Fotojournalismus

In diesem Jahr wurden besonders viele der für den World Press Photo Award eingereichten Fotos wegen Manipulationen oder unerlaubter Nachbearbeitung disqualifiziert. Wer aber davon ausgeht, man müsse nur auf Basis technischer Aspekte eine Diskussion über die Integrität und die journalistischen Standards beim World Press Photo Award führen, hat sich getäuscht.

Auch beim diesjährigen Wettbewerb sorgt mindestens ein Fall für Aufsehen, bei dem die Arbeitsweise und der Umgang mit Bildbeschriftungen bei einer prämierten Arbeit in Frage gestellt werden müssen. Dies erinnert an die Diskussion über Paolo Pellegrins Bild eines Mannes mit Gewehr aus dem Jahr 2013.

Am 25.02.2015 soll ein Brief der Gemeinde Charleroi bei World Press Photo eingegangen sein, berichten die französische Website OAI13 und das Time Magazine.

In diesem Brief fordert Charlerois Bürgermeister Paul Magnette, dass dem Fotografen Giovanni Troilo der Preis, den er mit einer Reportage über den Ort Charleroi gewonnen hat, aberkannt werden soll. Die Internetseite OAI13 zitiert aus dem Schreiben:

»Frau Vorsitzende der Jury, Herr Direktor, ich bin sicherlich kein Experte der Fotografie. Aber ich weiß, dass es im Journalismus und auch in der Fotografie notwendig und üblich ist, sein Thema einzugrenzen. Gleichwohl, bestimmte Aspekte einer Geschichte mit unbelegten oder verzerrten Fakten zu verschleiern, die Realität zu verfälschen, indem man Bilder stellt, ist kein Fotojournalismus. Zumindest ist das nicht die Art von Fotojournalismus, die Sie üblicherweise auszeichnen. ›World Press Photo engagiert sich weltweit für die Aufrechterhaltung und die Weiterentwicklung hoher Standards im Fotojournalismus und der dokumentarischen Fotografie‹
Wir fühlen uns auch diesem Leitbild verpflichtet. Deshalb bitten wir Sie, Giovanni Troilo den Preis angesichts unserer Argumente und unserer Ausführungen abzuerkennen«.

Giovanni Troilos Bilder laufen unter dem Titel »The Dark Heart of Europe« und zeigen Charleroi als einen apokalyptischen Ort, der den sprichwörtlichen Untergang des Abendlandes vorweg zu nehmen scheint. Ganz ohne Zweifel ist das nicht das Bild, welches Bürgermeister gerne von ihrer Gemeinde sehen. Aber wir haben es hier wohl nicht mit dem Klischee des beleidigten Bürgermeisters zu tun, denn bei genauerem Hinsehen wirft Troilos Arbeit einige Fragen auf.

Auf seiner Website schreibt Troilo über die Serie:

»Charleroi, La Ville Noire (The Black City), a town close to Bruxelles, symbolizes by itself the whole of Europe. The collapse of the industrial manufacturing, the rising unemployment, the increasing immigration, the outbreak of microcriminality. The regression of the social welfare, the lack of a shared identity. This feature is a journey to the roots of my family, which moved from Italy to the district of Charleroi in 1956 to work in the steel industry. Two generations have already succeeded in the promised land and, in the meantime, everything has changed. At this crossroad many populations united under the same roof of working opportunities were left without anything to share, as work vanished. Today social unease combines with the lives of the citizens. The roads, once blooming and neat, appear today desolated and abandoned, industries are closing down and spontaneous vegetation eats the old industrial districts. A perverse and sick sex, race hate, neurotic obesity and the abuse of psychiatric drugs seem to be the only cures being able to make this endemic uneasiness acceptable. The same thing in a broader scale is happening in Europe. Does it make any sense to stay together when the initial mission has almost failed? Will it be possible to have another chance? This is the question for Europe, this is the question for Charleroi, the dark heart of Europe.«

Das klingt, bezogen auf Europa, schon apokalyptisch und man fragt sich, ob wirklich ein Ort existiert, in dem sich das alles auch noch so dermaßen zuspitzt, wie es die Bilder zeigen.

Auch der belgische Fotograf Thomas Vanden Driessche kritisiert auf OAI13 Troilos Vorgehen:

»Der Einsatz von Inszenierungen, künstlicher Beleuchtung und vor allem die irreführenden und falschen Bildunterschriften tragen zur Konstruktion einer Fiktion bei, die vorgibt, eine Reportage zu sein. Dies wäre kein Problem, würde es sich um eine künstlerische Arbeit handeln. Aber der Fotograf präsentiert seine Arbeit nicht als solche. Stattdessen nimmt er einen journalistischen und dokumentarischen Ansatz für seine Arbeit in Anspruch.«

Der Bürgermeister weist in seinem Brief auf einige Inkonsistenzen und Fehler in den Bildunterschriften hin. Das beginnt bei einem Bild, das einen Parkplatz zeigen soll, auf dem sich Pärchen zum Sex treffen und das bei WPP die Bildunterschrift trägt:

»Locals know of parking lots popular for couples seeking sexual liaisons.«

Es soll sich also um einen bei Paaren, die Sex-Kontakte suchen, beliebten Parkplatz handeln.

Auf der Website des Fotografen hat das Bild aber eine anderen Bildunterschrift. Demnach hat der Cousin des Fotografen zugestimmt, sich beim Sex mit einem Mädchen im Auto eines Freundes porträtieren zu lassen.

»My cousin accepted to be portrayed while fornicating with a girl in his friends car. For them it was not strange. There are parkings popular for the couples exchanging sex with others, also single men and women can watch anonymously the acts through the foggy windows of the cars. Shame has died‘ one says in Charleroi.«

Dann ist da auch noch das Bild einer älteren Dame, deren Kopf auf dem Tisch liegt. In der World Press Photo Bildstrecke folgen angeblich zur Ruhigstellung gedachte Pillen genau auf dieses Bild mit der Bildunterschrift: »A woman in a psychiatric asylum.«

Auf der Website des Fotografen klingt das anders:

»Meine Großmutter lebte in diesem Heim. Heute wohnt ihre Tochter – meine Tante – hier. Der Besitzer ist sehr nett. Alle, die hier arbeiten scheinen sehr stolz darauf zu sein, wie die Einrichtung sich um alte Menschen und Menschen mit psychischen Problemen kümmert. Die Frau, die mit dem Kopf auf dem Tisch liegt, ist die Freundin meiner Tante.«

Auch das Bild eines übergewichtigen Mannes, der laut Troilos Bildunterschrift in einer der gefährlichsten Gegenden der Stadt in seinem schönen Haus lebt, entspricht nach den Ausführungen des Bürgermeisters nicht der Realität, da das Haus in keiner gefährlichen Gegend liegt. Obendrein betreibt der in der Gemeinde sehr bekannte abgebildete »Eremit« Philippe Genion in seinem Haus eine Weinbar, die er sogar in einem youtube-Video bewirbt.

Der Bürgermeister vermutet, dass hier ein Bild schlicht als Beleg für die »neurotic obesity« aus dem einleitenden Text von Troilos Website herhalten musste.

Der abgebildete Philippe Genion schildert selbst, dass er vom Fotografen gebeten wurde, für das Bild in seinem Haus zu posieren. Es sei die Idee des Fotografen gewesen, dass er dabei mit nacktem Oberkörper posieren solle und dass die »beiden Künstler« klar gemacht hätten, dass sie keine Reportage anfertigen würden. Sie haben minutiös an der Ausleuchtung gearbeitet und sowohl Aufnahmen im Stehen wie auch im Sitzen gemacht. Genion verwahrt sich ausdrücklich gegen den Begriff der »neurotischen Fettleibigkeit«, denn sein Gewicht sei vielmehr dem Umstand geschuldet, dass er sein Leben genieße. Er schreibt, er wäre ob der Bildunterschrift schon etwas verwundert, könne sich aber nicht vorstellen, dass der Fotograf diese selbst geschrieben habe.

Was die Bilder Troilos journalistisch diskreditiert, sind die manipulativen Bildunterschriften, die in die Aufnahmen Dinge hineindeuten, die man entweder nicht sehen kann oder die schon durch die Formulierungen wie Mutmaßungen klingen. Man kann den Bildunterschriften nicht mehr trauen, sobald man sie sowohl bei World Press Photo als auch auf Troilos Website gelesen hat.

Wie auch immer World Press Photo in dieser Sache entscheiden wird – der Fall macht deutlich, dass die Integrität journalistischer Fotografie nur zu einem Teil an der Bilddatei selbst festgemacht werden kann. World Press Photo muss jetzt reagieren. Denn wenn schon auf Grund »technischer Manipulationen« 20 Prozent der Fotos aus der Endauswahl disqualifiziert wurden, sollten dann nicht auch die inhaltlichen Aspekte genauer geprüft werden?