30. September bis 1. November 2015

Kundgebung der DSU (Deutsche Soziale Union) im Februar 1990 in Leipzig.

Kundgebung der DSU (Deutsche Soziale Union) im Februar 1990 in Leipzig. Foto: Martin Jehnichen

Martin Jehnichen

Als sie träumten

1990 wandelte sich in kürzester Zeit für einen Teil der Deutschen die Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung grundlegend. Welche Spuren dies in den Seelen der Menschen hinterlassen hat, darüber lässt sich nicht immer leicht sprechen.

Sie zu dokumentieren und minutiös zu verfolgen, ist eine große Möglichkeit der Fotografie. Mit ihrer Hilfe lässt sich von den prägenden Umständen des Anfangs erzählen – davon, wie der Transformationsprozess im Herbst 1989 eingesetzt hat. Die Fotografien von Martin Jehnichen halten die Atmosphäre von damals fest. Und beschreiben, welche Paradigmenwechsel sich in den Wochen des »nicht mehr« und des »noch nicht« vollzogen haben.

Montagsdemo für die »Wiedervereinigung« am 26. Februar 1990 in Leipzig.

Montagsdemo für die »Wiedervereinigung« am 26. Februar 1990 in Leipzig. Foto: Martin Jehnichen

»Sie träumten und sie kämpften, diskutierten und resignierten – ich war dabei und gehörte dennoch nicht dazu. Zugereist aus dem Westen des Landes, noch den Spruch meiner Elterngeneration in den Ohren ›Geh doch rüber, wenn’s dir hier nicht passt‹. Und dann, umgezogen in den Osten, gegenüber auf der Hauswand zu lesen: ›Bundi go home!‹ – Das Durcheinander erleben und aufzusaugen, zu fotografieren – wissend, dass nichts für niemanden hier so bleiben wird wie es war«, erinnert sich Martin Jehnichen.

»Und jetzt 25 Jahre später, das Erstaunen bei der Durchsicht der über 7000 Bilder, alle in Schwarzweiß und doch hunderte von Zwischentönen darin. Das Erstaunen über die Emotionalität und Lebendigkeit, die Unzufriedenheit, die Wirrnis und die Gewalt dieser Zeit, kurz nach der ›Wende‹. Mit einem Vierteljahrhundert atemloser Pause scheint diese Zeit sich in veränderter Kulisse zu wiederholen.«

Wahlabend mit Kurt Biedenkopf, dem neuem Ministerpräsidenten von Sachsen, Dresden, Oktober 1990.

Wahlabend mit Kurt Biedenkopf, dem neuen Ministerpräsidenten von Sachsen, Dresden, Oktober 1990. Foto: Martin Jehnichen

Die Ausstellung zeigt nicht, wie es war, sondern wie es sich anfühlte. Wer jedoch diesen Blick auf die »Innenseite der Weltgeschichte« (Werner Krauss) riskiert, wird zwangsläufig auch an heute denken. Und sich fragen, ob Aufruhr und Aufbruch des wilden Jahres 1990 nicht womöglich zu schnell in den übernommenen Strukturen der Bundesrepublik zum Stillstand gekommen sind und jetzt, 25 Jahre später, wieder die Straßen erobern, in manchem ähnlich wie damals, in manchem anders, und genauso verwirrt und ratlos.

Ausstellungseröffnung am Mittwoch, 30. September 2015 um 19.30 Uhr im Haus des Buches Leipzig. Eröffnungsbeitrag von Holger Witzel (»Schnauze Wessi« u.a.).

Martin Jehnichen
Als sie träumten – das wilde, wirre Jahr 1990
30. September bis 1. November 2015

Haus des Buches
Gerichtsweg 28
04103 Leipzig

www.haus-des-buches-leipzig.de

Öffnungszeiten
Montag bis Donnerstag 9–17 Uhr
Freitag  9–15 Uhr

Eine Veranstaltung im Rahmen des Projektes »Silberhochzeit. 25 Jahre Deutsche Einheit«, veranstaltet vom Jungen Literaturhaus Leipzig e.V., gefördert durch den Freistaat Sachsen im Rahmen des Förderprogramms »25 Jahre Deutsche Einheit«, die Kulturstiftung des Landes Sachsen sowie das Kuratorium Haus des Buches Leipzig e.V.