Street Photography

Jugendliche auf dem Zehnmeterturm, Stadionbad Bremen, 2002.

Jugendliche auf dem Zehnmeterturm, Stadionbad Bremen, 2002. Foto: Julia Baier

Julia Baier

»Die schönsten Geschichten schreibt das Leben selbst«

Ein Element zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten von Julia Baier – das Wasser. Die Berliner Fotografin hat mittlerweile nahezu jeden Ort dokumentiert, an dem Menschen nass werden. Schwimmbäder und Badehäuser, Strände und Seen. Ob in Deutschland oder Island, in Japan oder Ungarn.

Mit ungewöhnlichen Perspektiven gelingt es ihr, zeitlose Momentaufnahmen zu erschaffen, die uns das Besondere im Alltäglichen zeigen. Im Rahmen unseres Schwerpunktthemas hat sie sich unseren Fragen gestellt und zeigt uns, wie Street Photography auch ohne Straßen funktionieren kann…

FREELENS: Wie sind Sie zur Street Photography gekommen und was reizt Sie besonders daran?

Julia Baier: 1995/1996 habe ich ernsthaft damit begonnen. Ich war damals am Anfang meines Fotografiestudiums an der Hochschule für Künste Bremen. Die Jahre zuvor hatte ich mich lange mit diversen Spielarten des Mediums beschäftigt, also mit Dunkelkammerexperimenten wie Fotogrammen oder Doppelbelichtungen, dann mit Porträts von FreundInnen oder auch Inszenierungen im Studio. Im Jahr 1996 hatte sich parallel eine Fotogruppe außerhalb der Hochschule gegründet. Wir haben uns sehr intensiv mit der dokumentarischen Fotografie und allgemein mit der Fotogeschichte beschäftigt, indem wir zum Beispiel alle Klassiker studiert haben. Da war es dann folgerichtig für mich, die Straße als Bühne zu entdecken.

Wenn ich es mir genau überlege, habe ich eigentlich schon etwas früher begonnen – Anfang der Neunzigerjahre mit Bildern von Demonstrationen. Als ich nach Bremen zog, war Deutschland frisch wiedervereinigt und plötzlich erstarkte der Rechtsradikalismus. Ich war politisch aktiv und bin auch viel gegen Nazis und Rassismus auf die Straße gegangen – häufig war die Kamera dabei.

Wenn ich meine eigene Fotografie reflektiere, so brauche ich das Leben draußen, das mich inspiriert und auf das ich reagieren kann. Leere Studiowände haben mich immer geängstigt, sie haben keinerlei Kreativität in mir ausgelöst. Vergleichbar mit der Blockade vor dem weißen Blatt Papier. Aus dem Nichts zu schöpfen funktioniert bei mir nicht, ich brauche immer etwas, das mir optische und erzählerische Reize gibt, etwas, das mich zu visuellen Kommentaren herausfordert, sonst fühle ich mich verloren.

Fotografie ist für mich nur interessant, wenn sie mit den Versatzstücken der vermeintlichen Abbildung der »Realität« spielt. Mich interessiert es nicht, eine neue Welt künstlich zu inszenieren oder gar am Rechner zu generieren, dann würde ich lieber gleich zum Zeichenstift greifen. Diese Arten von Fotografie haben ihre Berechtigung, aber für mich liegt die Motivation in der Kreation von neuen Bildern aus dem Vorgefundenen und dabei gerne auch unsere Wahrnehmung über das Gesehene zu irritieren.

Nicht zuletzt liegt meiner Vorliebe an der Street Photography auch ein gewisses soziologisches Interesse zugrunde, sich die Gesellschaft, in der ich lebe, genau anzuschauen und zu analysieren.

Wenn Sie mit drei Adjektiven Ihre Street Photography charakterisieren müssten, welche wären das?

verrätselt, respekt- (und humor)voll, aufgeräumt

Schachspieler im Szechenyi Thermalbad, Budapest, Ungarn, 2009.

Schachspieler im Szechenyi Thermalbad, Budapest, Ungarn, 2009. Foto: Julia Baier

Gibt es ein Konzept, das Sie auf die Straße mitnehmen?

Ich muss da unterscheiden zwischen den Straßenbildern, die ich im Zusammenhang mit Aufträgen mache, und denen, die ich für meine eigenen Arbeiten aufnehme. Wenn ich einen Job habe, zum Beispiel eine Reisereportage über Odessa zu fotografieren, so muss ich ganz gezielt Orte aufsuchen, wie dort die Potemkinsche Treppe, um einschlägige Motive zu finden. Ich verweile dort, bis ich gefühlt mindestens ein Bild im Kasten habe, das im besten Falle ein Aufmacher sein könnte (und dann auch noch Platz für eine Headline hat und ein Hochformat ist). Redaktionelle Wünsche beeinflussen also meine Arbeit. Natürlich entstehen auf solchen Reisen auch viele ungeplante Bilder, die später vielleicht sogar die eigentlichen Aufmacher werden. Aber vor der Kür muss immer die Pflicht erfüllt werden, sonst hast du deine Aufgabe verfehlt.

Wenn ich Projekte auf der Straße (oder bei mir ja gerne auch am Wasser) umsetze, so bieten sich grundsätzlich zwei Konzepte an: erstens das, keins zu haben und unterwegs impulshaft zu fotografieren, wenn dir etwas auf-, miss- oder gefällt. Zweitens gibt es die gezielten Bilder, die an Orten entstehen, die ich bewusst aufsuche, weil mir für eine Serie noch gewisse Themen fehlen oder weil dort das Licht zu einem besonderen Zeitpunkt das richtige ist. Und dann heißt es auch hier: warten und beobachten. Denn beiden Vorgehensweisen basieren auf dem Grundsatz, dass ich nicht in das Geschehen eingreife.

Haben Sie als Straßenfotografin immer ihre Kamera dabei?

Ja. In den meisten Fällen. Gerade versuche ich mich allerdings etwas zu zügeln, permanent Neues zu produzieren, denn es gibt einen Rückstau an Bildern, die auf den Festplatten schlummern und editiert werden wollen. Und das kann das latente Gefühl hervorrufen, eigentlich nicht fertig zu sein – und das kann unangenehm sein.

Sprechen Sie die Menschen an und halten Ihnen einen Model Release unter die Nase, bevor Sie fotografieren oder fotografieren Sie einfach drauf los?

Ich habe keine Modelreleases dabei, selbst für eine monatliche Straßenumfrage, die im NEON Magazin erscheint, haben wir keine dabei. Das würde ganz pragmatisch in den seltensten Fällen mit den Unterschriften funktionieren und die Absprachen erfolgen ausschließlich mündlich. Wer sich der Straßenfotografie widmet, der oder die muss damit leben, dass man sich in einer rechtlichen Grauzone bewegt, und dass eigentlich nur das Vertrauen in das eigene Gespür für die Situation und in einen respektvollen, sensiblen Umgang mit anderen der Leitfaden sein kann. Ich fände es äußerst bedenklich, wenn wir heutzutage nur noch Bilder von leeren Straßen abbilden würden. Und ich persönlich habe auch keinerlei Interesse daran, leere Schwimmbadarchitektur zu fotografieren, sondern genau das Gegenteil! Öffentliche Badeanstalten wurden für den Menschen geschaffen, sie sind ein Ort der menschlichen Begegnung und deshalb sind Menschen zwingender Bestandteil meiner Aufnahmen.

Daher versuche ich weiter so zu fotografieren wie bisher, ohne dauernd Angst zu haben, irgendetwas falsch zu machen. Ich muss allerdings sagen, dass all die aktuellen juristischen Vorfälle und Diskussionen meine Arbeit durchaus beeinflussen, dass ich zögerlicher und defensiver geworden bin.

Laugardalslaug, Islands größtes Geothermalbad. Reykjavik, 2015.

Laugardalslaug, Islands größtes Geothermalbad. Reykjavik, 2015. Foto: Julia Baier

Wie reagieren die Menschen, wenn sie merken, dass sie fotografiert werden und haben Sie schon einmal schlechte, oder auch besonders gute Erfahrungen gemacht?

Zum Glück habe ich bisher so gut wie noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Ein einziges Mal musste ich auf einem Sommerfest, auf dem ich für den Veranstalter Fotos gemacht hatte, ein Bild von einem Kind löschen, weil die Eltern das nicht wollten. Und einmal hatte eine Frau, die ich in den Sentos, den japanischen Bädern fotografiert habe, im Anschluss gesagt, sie möchte doch nicht, dass ich ihr Bild in die Serie aufnehme.

Ich hatte letztes Jahr in Island ein Stipendium, um meine Serie zu den öffentlichen Bädern fortzusetzen – ein sensibles Thema, das ich schon in diversen Ländern fotografiert habe. Es bedarf immer wieder eines großen Fingerspitzengefühls, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und dann Bilder von ihnen zu machen. In den Bädern kann ich mich nicht verstecken, das heißt, es läuft immer auf eine Kontaktaufnahme hinaus. Mal erfolgt sie vor, mal nach der Aufnahme. Wenn möglich, nehme ich dann die Emailadresse der Person auf und versuche den Leuten dann die Bilder später zu schicken.

Um auf Island zurückzukommen, so war es dort eine sehr angenehme Erfahrung zu spüren, dass die Menschen sehr positiv auf mich als Künstlerin im Wasser reagierten und sich sogar geehrt fühlten, Teil eines künstlerischen Projekts zu werden. So herum kann es auch sein! Das hat mich stark motiviert.

Lässt sich mit Street Photography Geld verdienen und wenn ja, wie? Können Sie Ihre Fotos verwerten, zum Beispiel in Magazinen, Büchern oder Ausstellungen?

Ja, aber nur ein Bruchteil dessen, was ich brauche, verdiene ich mit reiner Street Photography. Die meiste Zeit verwende ich auf redaktionelle und meine eigene Arbeiten, wobei bei ersterem Porträts einen Großteil meiner Bilder ausmachen. Die redaktionelle Auftragslage ist insgesamt bedeutend schlechter geworden. Du musst sehr umtriebig mit deinen eigenen Projekten sein und diese dann auch an die Öffentlichkeit bringen. Dann lässt sich manchmal auch Street Photography in Ausstellungen als Print beziehungsweise als Buch oder an Magazine verkaufen. Ich mache sehr gern Ausstellungen und gerade komme ich von einem Workshop, das ist auch eine indirekte Möglichkeit mit Street Photography Geld zu verdienen.

Am Ufer des Balaton, Ungarn, 2009.

Am Ufer des Balaton, Ungarn, 2009. Foto: Julia Baier

Kommt es vor, dass Sie Bilder nicht veröffentlichen, zum Beispiel wenn abgebildete Menschen unvorteilhaft erscheinen?

Ja, da bin ich sehr vorsichtig, ich möchte niemanden »vorführen« und habe in meiner Erinnerung auch noch kein Bild veröffentlicht, auf dem eine Person nach meinem Empfinden respektlos abgebildet war. Da würde ich mich sehr unbehaglich fühlen. Natürlich ist es letztlich eine subjektive Einschätzung, ab wann jemand unvorteilhaft erscheint. Aber diese Entscheidung muss jede/r Fotograf/jeder Fotografin selbst treffen, sie kann nicht durch eine allgemeingültige Formel beantwortet werden.

Fühlen Sie sich in Ihrer fotografischen Praxis durch die Rechtslage eingeschränkt? Fotografieren Sie schon mit der »Schere im Kopf«?

Wie oben schon angeklungen ist, hege ich tatsächlich die Befürchtung, dass mich die Rechtslage seit ein paar Jahren stärker beeinflusst. Ich mache mir weit mehr Gedanken, ob ich Bilder zeigen darf oder nicht. Und es hat auch schon einige Bilder verhindert, die ich vielleicht vor 10 bis 15 Jahren noch gemacht hätte. Oder ich bin versucht, ein Bild so aufzunehmen, daß man die Personen nicht erkennt.

Das nervt ziemlich – dieses allgemeine Misstrauen, das Wittern einer Chance, sich etwas Geld durch Klagen zu verdienen, all die Eitelkeiten…

Ich appelliere deshalb an alle: Entspannt euch, statt so misstrauisch zu sein, oder gar zu klagen. Man kann über Bilder gegebenenfalls sprechen, statt gleich vor Gericht zu gehen. Es handelt sich doch nur um Bilder! Nehmt euch vielleicht einfach selber nicht so wichtig. Wollt ihr, dass wir in Zeitungen und in Büchern in ein paar Jahren nur noch menschenleere Straßenzüge oder U-Bahnen sehen?

Glauben Sie, dass die Street Photography aufgrund einer rigiden Rechtsprechung in Deutschland (Persönlichkeitsrechte) bald »tot« sein könnte?

Ich finde, dass sie sich bereits verändert hat, dass man selten richtige Street Photography in Magazinen und außerhalb von Ausstellungskontexten findet. Das bedauere ich sehr und ich hoffe, dass sich über den aktuellen Präzedenzfall mit Espen Eichhöfer, der gerichtlich für die Freiheit der Kunst und somit für die Straßenfotografie kämpft, die Rechtslage in einem für uns Fotograf*innen positiven Sinne klären wird. Denn es macht keinen Spaß, zu fotografieren und dabei das Gefühl zu haben, etwas Verbotenes zu tun, obwohl man doch eigentlich eine positive Absicht hat: das Interessante am Leben in unserer Gesellschaft in all seinen Schattierungen festzuhalten und uns als Spiegel vorzuhalten.

Über allem steht nämlich der Satz: Die schönsten Geschichten schreibt das Leben selbst. Das könnte ich mir oft gar nicht ausdenken!


Julia Baier
studierte Psychologie, Kunst und Grafik Design mit Schwerpunkt Fotografie in Bremen. Sie lebt und arbeitet als freie Fotografin in Berlin. Ihre Arbeiten werden national und international in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt und in Magazinen und Büchern publiziert.

www.juliabaier.de