Die Geschichte hinter dem Bild

Aus der Serie »Demenz«, 2011.

Aus der Serie »Demenz«, 2011. Foto: Cindi Jacobs

Cindi Jacobs

Ein Stück aus dem realen Leben

TEXT – KAY MICHALAK

Fast wirkt es wie eine Szene aus einem Thaterstück. Ein Vorhang, der das Bild zu beiden Seiten einfasst, alles in ähnlichen apricot-roten Tönen, ein leerer Sessel im Vordergrund. Ein alter Mann, der mit nur hauchdünnem Abstand vor einer Wand steht, sein unscharfer Schatten an der Wand.

Die Zeit scheint still zu stehen. Es ist eines dieser Bilder, die ich nicht wieder loswerde, es beunruhigt, es verstört auf eine ganz besondere Art. Und es wirft Fragen auf. Aber dieser Moment ist nicht inszeniert, es ist ein Stück aus dem realen Leben.

Cindi Jacobs hat mehrere Tage auf einer Station einer Pflegeeinrichtung fotografiert, die sich auf Menschen mit Demenzerkrankung spezialisiert hat. »Der Mann fiel mir auf, weil er die für diese Erkrankung typische Unruhe in sich hatte. Er lief ständig herum, blieb immer wieder vor dieser Wand stehen, immer an derselben Stelle. Dort hielt er kurz inne, drehte sich um und lief weiter. Mehrmals hintereinander wiederholte sich diese Bewegung. Bemerkt oder beachtet hat er mich gar nicht. Diese Unruhe ist ein typisches äußerliches Merkmal dieser Krankheit. Für mich ist aber dieses Bild die Verdeutlichung dessen, was in diesen Menschen vor sich geht: Die Welt wird immer enger, Erinnerungen werden immer weniger, die Sackgasse dieser Krankheit wird verdeutlicht.«

Die Fotografin ist ausgebildete Altenpflegerin und kennt sich gut aus mit diesem Krankheitsbild. »Ich konnte ein wenig erahnen, was gleich passiert, das hat es mir etwas erleichtert, dieses Bild festzuhalten. Ich suchte nach einer bildnerischen Zuspitzung dieses Zustandes, ich wollte ein Bild finden für diese Erkrankung – auch weil die meisten Menschen keine Erfahrungswerte mit dieser Symptomatik haben und nicht wissen, was es bedeutet, seine Identität zu verlieren.«

Obwohl das Bild nur eine Facette dieser Krankheit zeigen kann, sagt es aber auch etwas über das Umfeld des Mannes aus, welches eher stationär wirkt als häuslich. »Schwierig war es für mich bei der fotografischen Arbeit auf dieser Station, meinen beobachtenden Standpunkt nicht zu verlassen und meinem Impuls, einzugreifen zu folgen, der zu meinem anderen Beruf gehört.«


Cindi Jacobs
ist Fotografin und arbeitet stundenweise in der Altenpflege. Ihre fotografischen Schwerpunkte liegen in der Porträtfotografie, sozialen Themen und der Tierfotografie. Sie studiert im Masterstudiengang Integriertes Design an der HfK Bremen bei Peter Bialobrzeski. Cindi Jacobs lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Bremen.

www.cindijacobs.de