Nachgefragt

Aus der Serie »Neugierig«, 1990.

Aus der Serie »Neugierig«, 1990. Foto: Hinrich Schultze

Hinrich Schultze

»Es geht auch darum, unsere Geschichte zu schreiben«

Im Rahmen unseres Schwerpunktthemas stellen wir in loser Folge Street Photographer und deren Arbeiten vor. Dabei präsentieren wir nicht nur die unterschiedlichen Herangehensweisen und die dadurch entstandenen Fotos, sondern befragen sie auch zu verschiedenen Aspekten der Street Photography.

Hinrich Schultze betrachtet sich selber zwar nicht als typischen Straßenfotografen, da sein Arbeitsschwerpunkt aber in der sozialdokumentarischen Fotografie liegt, entstehen seine humorvollen Serien oft nebenbei, so wie die hier vorgestellte Serie »Neugierig« mit Fotografien aus den 90er Jahren.

FREELENS: Wie sind Sie zur Street Photography gekommen und was reizt Sie besonders daran?

Hinrich Schultze: Ich habe mir nie vorgenommen, Straßenfotograf zu werden. Aber wenn ich mir so einige meiner Bilder ansehe, handelt es sich möglicherweise um Street Photography. Das, was mich bewegt, was mich ärgert, was mich erfreut, oder – wie es einst hieß – »die gesellschaftlichen Verhältnisse« spiegelt die Straße wider. Meist nur für winzige Augenblicke. Mit der Kamera kann ich sie festhalten, dokumentieren und meine Sicht der Welt weitertragen.

Wenn Sie mit drei Adjektiven Ihre Street Photography charakterisieren müssten, welche wären das?

Schnell, schnell, schnell. Die schönen Augenblicke sind schneller als der Wind.

Gibt es ein Konzept, das Sie auf die Straße mitnehmen?

Konzept? Ich fotografiere, was mich bewegt oder erregt.

Haben Sie als Straßenfotograf immer ihre Kamera dabei?

Ja!

Gibt es ein besonders gelungenes Bildbeispiel Ihrer Street Photography?

Ich arbeite an mehreren Serien, die das öffentliche Leben auf der Straße zeigen. Zum Beispiel das Langzeitprojekt St. Pauli – Reeperbahn. Ich denke, daran kann man gut erkennen, wie sich das soziale Leben auf dem Kiez im Verhältnis zu heute verändert hat.

Aus dem Langzeitprojekt »St. Pauli – Reeperbahn«, 1985.

Aus dem Langzeitprojekt »St. Pauli – Reeperbahn«, 1985. Foto: Hinrich Schultze

Sprechen Sie die Menschen an und halten Ihnen einen Model Release unter die Nase, bevor Sie fotografieren oder fotografieren Sie einfach drauf los?

Wie gesagt, der Augenblick ist flüchtig. Es geht darum, die Wirklichkeit zu dokumentieren, so wie sie ist. Nicht darum, sie nach dem Ausfüllen bürokratischer Formulare nachzustellen.

Wie reagieren die Menschen, wenn sie merken, dass sie fotografiert werden und haben Sie schon einmal schlechte, oder auch besonders gute Erfahrungen gemacht?

Aktuell wird es schwieriger in Deutschland. Viele Menschen sind ängstlich und misstrauisch.

Früher gab es hauptsächlich Probleme mit Polizeibeamten. Da hatte ich bisher drei Prozesse, die ich alle gewonnen habe oder die eingestellt wurden. Außerdem unzählige Personalienfeststellungen und mehrere Beschlagnahmungen von Arbeitsgeräten – und dies sogar mehrfach ohne Quittung und auch ohne Rückgabe der Kameras. Allerdings waren diese Vorfälle fast alle in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren. Nach massiver, politischer Arbeit von engagierten Kollegen und Berufsverbänden hat sich die Situation auf diesem Gebiet wesentlich verbessert.

Bisweilen macht man komische Erfahrungen. In Blackpool in England wurde ich auf dem Nachhauseweg von mehreren Polizeibeamten umringt und festgenommen: Es habe eine Fahndung gegeben nach einem Fotografen, und ich würde genau auf die Personenbeschreibung passen. Mehrere Anrufe seien bei der Polizei eingegangen. Ein unbekannter Mann würde sinnlose Fotos machen. Er fotografiere dort, wo es absolut nichts zu fotografieren gäbe. Keine schönen Blumen, kein Denkmal und auch keine bekannte Sehenswürdigkeit der Stadt, von denen doch so viele existieren würden. Es könne sich daher bei mir nur um einen Terroristen oder perversen Kindesverführer handeln.

Nachdem ich meinen Namen genannt hatte, wurden die Griffe der Polizei wesentlich fester und die Gesichtszüge grimmiger. Es sei ein Pädophiler bekannt, der einen ähnlichen Namen wie ich habe. Glücklicherweise konnte ich die Beamten auf der Wache schließlich davon überzeugen, dass ich mich dienstlich für einen deutschen Fernsehsender in Blackpool aufhielt.

Lässt sich mit Street Photography Geld verdienen und wenn ja, wie? Können Sie Ihre Fotos verwerten, z.B. in Magazinen, Büchern oder Ausstellungen?

Wenig – im Bereich Kunstausstellungen kann ich bisweilen etwas verkaufen.

Kommt es vor, dass Sie Bilder nicht veröffentlichen, z.B. wenn abgebildete Menschen unvorteilhaft erscheinen?

Manchmal ja. Unvorteilhaftes Aussehen, nur um sich darüber lustig zu machen, ist sinnlos.

Glauben Sie, dass die Street Photography aufgrund einer rigiden Rechtsprechung in Deutschland (Persönlichkeitsrechte) bald »tot« sein könnte?

Ja. Und an der Entwicklung haben wir teils mitgewirkt: Es ist nicht nur die Rechtsprechung. Es ist auch die Politik. Wir haben damals, vor 30 Jahren, im Rahmen des Volkszählungsboykotts, die Bevölkerung für ihre Persönlichkeitsrechte sensibilisiert. Es ging darum, den persönlichen Lebensbereich vor der Neugier und dem Zugriff des Staates zu schützen und den Überwachungsstaat zurückzudrängen. In bundesweit hunderten Initiativen organisierten sich die Menschen und leisteten Widerstand gegen den computergestützten Angriff auf ihre Privat- und Intimsphäre. Zählbögen wurden vernichtet, Volkszähler aus den Treppenhäusern gejagt. Die Sensibilisierung ist gelungen. Aus dem Widerstand resultierte das Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichtes im Jahre 1987.

Leider verfährt der Staat seit diesem Zeitpunkt mit einem üblen Kompromiss. Fürsorglich nimmt er sich der Sorgen der Bürger und vermeintlicher Angriffe auf ihre Privatsphäre an, solange es sich um nichtstaatliche Vorkommnisse handelt. Datenschützer wurden eingestellt, das Selbstbestimmungsrecht des Bürgers wird regelmäßig gestärkt. Gleichzeitig wird die staatliche Überwachungsmaschinerie, gegen die sich der Widerstand der achtziger Jahre richtete, in einem Umfang ausgebaut, wie wir es uns damals nicht auszumalen vermochten.

Fühlen Sie sich in Ihrer fotografischen Praxis durch die Rechtslage eingeschränkt? Fotografieren Sie schon mit der »Schere im Kopf«?

Ja. Viele schöne Augenblicke habe ich nicht dokumentiert, weil es mir keinen Spaß macht, mich auf der Straße mit Menschen zu streiten. Und das Fehlen dieser Bilder ist nicht nur deswegen ärgerlich, weil es schöne Augenblicke waren. Es waren auch wichtige Momente. Augenblicke des Widerstandes und des Engagements. Es hieß dann meistens »Wir brauchen keinen Fotoapparat. Wir behalten den heutigen Tag in unserem Herzen.« Doch das stimmt nicht. Das Herz ist vergesslich.

Doch wenn ich meine historischen Fotos zeige, kommt die Erinnerung zurück. Den Menschen wird klar, was sie schon alles vergessen oder verdrängt haben. Und es geht nicht nur um die, die vergessen haben. Es geht auch darum, unsere Geschichte zu schreiben. Eine Geschichte, die sich bisweilen unterscheidet von der Geschichte, wie sie in den Lehrbüchern gelehrt wird. Und die auch eine Anregung für neue Generationen sein kann. Geschichte ist wichtig. Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wie machen wir uns ein Bild von Geschichte? Von gestellten, behördlich abgesegneten Fotos? Welche Bilder bleiben bestehen im kollektiven Gedächtnis, welche Bilder oder Ereignisse verschwinden dagegen?

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Hinrich Schultze
Jahrgang 1953, lebt in Hamburg. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der sozialdokumentarischen Fotografie. Er veröffentlicht seit den 1980er Jahren in Tageszeitungen, Zeitschriften und Büchern und war viele Jahre Taz-Fotoredakteur in Hamburg. Hinrich Schultze ist Gründungsmitglied von FREELENS und seit einigen Jahren auch an Filmprojekten, hauptsächlich in Lateinamerika, beteiligt.

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