Reportage

Aufgrund städtebaulicher Maßnahmen fehlt es den Wäschern an den Ghats sowohl an einem geeigneten Zugang zu frischem Wasser, als auch an Fläche zum Trocknen der gewaschenen Kleidung, die nun in der staubigen Brache neben der Baustelle trocknen muss.

Aufgrund städtebaulicher Maßnahmen fehlt es den Wäschern an den Ghats sowohl an einem geeigneten Zugang zu frischem Wasser, als auch an Fläche zum Trocknen der gewaschenen Kleidung, die nun in der staubigen Brache neben der Baustelle trocknen muss. Foto: Florian Müller

Florian Müller

Fashion Victims – Die Kleider anderer Leute

Kleider machen Leute. Doch die Leute, die die Kleider anderer Leute machen, bleiben dabei oft auf der Strecke. Während die wachsende Mittelschicht Indiens westlichen Trends hinterherjagt, verschlingt der nimmersatte hungrige Tiger seine Arbeiterklasse zum Wohle des wirtschaftlichen Aufschwungs.

Ahmedabad galt lange Zeit als das Manchester des Orients und auch heute noch schnaufen die Dampfmaschinen in den Textilfabriken in der Stadt am Sabarmati Fluss und spucken Stoffe aus, die später auf den weltweiten Markt gespült werden. Hier gründete einst Mahatma Gandhi seinen Ashram, saß am Spinnrad und verbreitete die Idee einer Nation der Gleichheit, Toleranz und Gewaltfreiheit. Doch die indische Realität sieht anders aus.

Von den Kindersklaven auf den Baumwollplantagen im ländlichen Gujarat bis hin zu denen, die die schmutzige Wäsche der Betuchten waschen, lassen sich viele Geschichten erzählen, die fernab von Fairtrade oder der schillernden Exotik Bollywoods spielen. Viele der Arbeiter schuften Doppelschichten, um ihren kargen Lohn aufzubessern. Die Armut zwingt sie, die unzumutbaren Arbeitsbedingungen hinzunehmen. Das Sonnenlicht sehen viele von ihnen kaum, gesundheitliche Schäden durch den fahrlässigen Umgang mit Chemikalien und Farben oder den allgegenwärtigen Staub, der bei der Arbeit mit Baumwolle entsteht, verkürzen die Lebenserwartung vieler Textilarbeiter, die mittlerweile unterhalb des indischen Durchschnitts von ohnehin nur etwa 64 Jahren liegt.

Doch Indien verändert sich. Inder sagen, Indien entwickelt sich. Langsam aber sicher. Doch solange Korruption und Habgier diese Entwicklung lenken, wird vom wirtschaftlichen Aufschwung nur wenig dort ankommen, wo es am nötigsten ist. Dennoch ist eine Schuldzuweisung nicht eindeutig möglich, denn letzten Endes sind es auch wir, die die Früchte unserer »Geiz ist Geil«-Mentalität tragen.

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Nach seiner Ausbildung zum Mediengestalter für audiovisuelle Medien und einigen Reisen durch Europa und Asien begann Florian Müller 2007 sein Studium des Fotojournalismus und der Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover bei Prof. Rolf Nobel und Prof. Lars Bauernschmitt. Der Tradition humanistischer Fotografie folgend, fühlt er sich der sozialdokumentarischen Reportagefotografie verpflichtet und bezieht durch dieses kraftvolle Medium Stellung. Inhaltlich beschäftigt er sich gerne lang und ausgiebig mit gesellschaftlich relevanten Themen, die sich oft in gesellschaftlichen Nischen oder Mikrokosmen abspielen, dabei aber einen Rückschluss auf das sie umgebende große Ganze erlauben.

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