UNICEF-Foto des Jahres 2011

»Sodom und Gomorrha« nennen die Einheimischen die Giftmüllhalde Agbogbloshie im Zentrum von Accra, der Hauptstadt Ghanas. Um Geld zu verdienen, zertrümmern dort Kinder und Jugendliche auf Müllbergen Computer, Handys, Fernsehapparate und andere Geräte – allen Schadstoffen schutzlos ausgeliefert.

»Sodom und Gomorrha« nennen die Einheimischen die Giftmüllhalde Agbogbloshie im Zentrum von Accra, der Hauptstadt Ghanas. Um Geld zu verdienen, zertrümmern dort Kinder und Jugendliche auf Müllbergen Computer, Handys, Fernsehapparate und andere Geräte – allen Schadstoffen schutzlos ausgeliefert. Foto: Kai Löffelbein

Kai Löffelbein

Freelenser schoss das Siegerbild

Der 30-jährige deutsche Nachwuchsfotograf Kai Löffelbein ist Sieger des diesjährigen internationalen Wettbewerbs »UNICEF-Foto des Jahres«. Das Siegerbild zeigt einen Jungen auf der Giftmüllhalde Agbogbloshie in der Nähe von Ghanas Hauptstadt Accra. Umgeben von hochgiftigen Dämpfen und Elektroschrott aus dem Westen hält der Junge das Skelett eines Bildschirms in die Höhe. Seine Pose scheint nur auf den ersten Blick triumphal. Allein aus Deutschland werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen jährlich etwa 100.000 Tonnen Elektromüll nach Afrika verschifft. Rasanter technologischer Fortschritt auf der einen Seite, Zerstörung und Elend für Menschen und Umwelt andererseits. Kai Löffelbein studiert im 7. Semester Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover.

Der zweite Preisträger des Wettbewerbs, JM Lopez aus Spanien, dokumentiert die Auswirkungen der dramatischen Unterernährung im Osten Guatemalas für die Zukunft dieser und der nächsten Generation. Für ihre Arbeit in Nigeria wird die amerikanische Fotografin Mary F. Calvert mit dem dritten Preis ausgezeichnet. Sie zeigt Kinder in Nigeria, die gegen Kinderlähmung geimpft werden. Die Abwehrhaltung gegenüber Polio-Impfungen im nigerianischen Bundesstaat Kano hatte zu einer Epidemie geführt, die auch in anderen Ländern viele Opfer forderte und noch immer Gesundheit und Leben der Kinder bedroht.

Das Siegerfoto
Kai Löffelbein »Ghana: Unser Müll in Afrika«

Umgeben von Relikten des Informationszeitalters steht ein Junge auf der Müllhalde Agbogbloshie in der Nähe der ghanaischen Hauptstadt Accra und wirft einen Monitor mehrere Male auf den Boden, um an das Metall zu kommen. Der Elektroschrott birgt einerseits Hoffnung auf Verdienst, andererseits ist er eine mitunter tödliche Gefahr für die Gesundheit und hat fatale Folgen für die Umwelt. Die Kinder und Jugendlichen brauchen das Geld, gleichzeitig wird so ihre Zukunft zerstört. Laut Schätzungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP werden weltweit jährlich 50 Millionen Tonnen Elektroabfall produziert. 6.500 Tonnen davon werden jeden Monat nach Ghana verschifft. Das meiste davon wiederum gelangt nach Agbogbloshie. Deutschland hat die Basler Konvention von 1989 zur Kontrolle des grenzüberschreitenden Transportes gefährlicher Abfälle 1995 ratifiziert.

Marisela ist sechseinhalb Jahre alt und wiegt nur neun Kilo. In Guatemala ist jedes zweite Kind unter fünf Jahren chronisch unterernährt - eine der höchsten Raten weltweit.

Marisela ist sechseinhalb Jahre alt und wiegt nur neun Kilo. In Guatemala ist jedes zweite Kind unter fünf Jahren chronisch unterernährt - eine der höchsten Raten weltweit. Foto: JM Lopez

2. Preis
JM Lopez »Guatemala: Gezeichnet durch chronische Unterernährung«

Eine Million Kinder leiden in Guatemala Hunger, jedes zweite Kind unter fünf Jahren ist von chronischer Unterernährung betroffen. Damit ist die Rate der chronisch unterernährten Kinder unter fünf Jahren eine der höchsten in der Welt. Marisela ist sechseinhalb Jahre alt und wiegt neun Kilo. Und sie ist eines von unzähligen Kindern, die im Osten Guatemalas, im so genannten »trockenen Korridor«, unter dramatischer Unterernährung leiden. Notwendige Nährstoffe fehlen ihnen in der wichtigsten Wachstumsphase; die daraus resultierenden geistigen und körperlichen Schäden zeichnen sie fürs Leben.

Polio-Impfung in Nigeria – immer wieder gibt es dort Rückschläge im Kampf gegen die Kinderlähmung.

Polio-Impfung in Nigeria – immer wieder gibt es dort Rückschläge im Kampf gegen die Kinderlähmung. Foto: Mary F. Calvert

3. Preis
Mary F. Calvert »Nigeria: Polio – einen Schritt nach vorn, zwei zurück«

Kinder leiden ihr Leben lang unter Lähmungen oder sie überleben die Viruserkrankung gar nicht erst. Nachdem auch in Nigeria Polio stark zurückgedrängt werden konnte, entwickelte sich 2002 im Bundesstaat Kano eine massive Abwehrhaltung gegenüber Impfkampagnen von westlichen Hilfsorganisationen. Die Folgen waren und sind fatal: Nach vier Jahren der Desinformation wurden über 3000 Kinder mit dem Polio-Virus infiziert. Doch die ungeheure Zahl der für immer schwer geschädigten Kinder führte zum Umdenken. Prophylaxe, durch ausreichend verabreichten Impfstoff, wird inzwischen befürwortet. Gemeinsam mit anderen Organisationen führt UNICEF breit angelegte Informations- und Sensibilisierungskampagnen durch, die bereits große Erfolge zeigten: Von 2009 bis 2010 konnten Polio-Erkrankungen in Nigeria so wieder um 95 Prozent reduziert werden. Mit dieser eindrücklichen Arbeit bringt die US-amerikanische Fotografin Mary F. Calvert ihre Forderung nach körperlicher Unversehrtheit und Gesundheit, insbesondere von Frauen und Kindern, zum Ausdruck.

»Der UNICEF-Fotowettbewerb öffnet uns die Augen, wie stark Kinder unter unerträglichen und für uns unvorstellbaren Bedingungen sein müssen«, sagte UNICEF-Schirmherrin Bettina Wulff bei der Preisverleihung am Dienstag in Berlin. »Das Foto des Jahres 2011 appelliert an unser Verantwortungsbewusstsein. Es zeigt die Schattenseite des technologischen Fortschritts: Wie Elektroabfall eine Bedrohung für das Leben von Kindern auf anderen Kontinenten werden kann.«

Neben den ersten drei Preisträgern bestimmte die Jury sechs ehrenvolle Erwähnungen. In diesem Jahr hatten 119 von internationalen Experten nominierte Fotografen aus 32 Ländern insgesamt 1.228 Bilder eingereicht.

Mittagsschlaf in einer Kinderkrippe in Anju, in der nordkoreanischen Provinz Süd-Pyongan.

Mittagsschlaf in einer Kinderkrippe in Anju, in der nordkoreanischen Provinz Süd-Pyongan. Foto: Jürgen Escher/laif

 

Ehrenvolle Erwähnungen erhalten:

  • Jürgen Escher, Deutschland, Agentur Laif: Diktatur des Mangels, Nordkorea
  • Jan Grarup, Dänemark, Agentur Noor: Die Lage erscheint aussichtslos, Somalia
  • Sergey Kozmin, Russland, Agentur Focus: Strammstehen in der Schule, Russland
  • Anastasia Taylor-Lind, Großbritannien, Agentur VII: Junge Schönheiten für die Laufstege der Welt, Russland
  • Luca Tommasini, Italien, Freier Fotograf: Die Gestrandeten nach der Flut, Pakistan
  • Mugur Varzariu, Rumänien, Freier Fotograf: Zielscheibe Roma, Rumänien

Der Wettbewerb »UNICEF-Foto des Jahres«

UNICEF Deutschland zeichnet Fotografien und Fotoreportagen aus, die Kinder und ihre Lebensumstände auf herausragende Weise dokumentieren. Eine Nominierung durch einen renommierten Fotoexperten ist Voraussetzung für die Teilnahme an dem Wettbewerb. Der Sieger des Wettbewerbs erhält als Preis eine Leica M9 35 mm f/1.4 sowie als Anerkennung einen Fotoreportage-Auftrag von GEO. Über die Preisvergabe entschieden Prof. Klaus Honnef, Kunstwissenschaftler und Publizist, als Vorsitzender der Jury, Ruth Eichhorn, Leiterin der Bildredaktion GEO, Lutz Fischmann, Geschäftsführer Verband Freelens e.V. in Hamburg, Bernd von Jutrczenka, Leiter Bilderdienste dpa, Christian-Matthias Pohlert, Leiter Ressort Bild der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Prof. Rolf Nobel, Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie, Hochschule Hannover, Karin Rehn-Kaufmann, künstlerische Leiterin der Leica Galerie Salzburg, und Reinhard Schlagintweit, Ehrenmitglied des Deutschen Komitees für UNICEF.