FREELENS Gemeinschaftsprojekt

Der Gebetsraum der Al-Nour Moschee wird als Notunterkunft für die Nacht umgenutzt. Am Eingang bekommt jeder eine Decke und sucht sich dann einen Platz auf dem Gebetsteppich.

Der Gebetsraum der Al-Nour Moschee wird als Notunterkunft für die Nacht umgenutzt. Am Eingang bekommt jeder eine Decke und sucht sich dann einen Platz auf dem Gebetsteppich. Foto: Philipp Reiss

Philipp Reiss

»Ich wollte das Flüchtige der Situation festhalten«

Ab dem 11. Februar 2016 präsentiert die FREELENS Galerie in der Ausstellung »Bitte warten…« Auszüge aus einem Gemeinschaftsprojekt, in dem FREELENS Fotografen die Situation von Geflüchteten dokumentieren. Sie begleiten die Menschen in ihren Herkunftsländern ebenso wie deren langen Weg nach Europa, das Warten und Bangen, das Ankommen und sich Zurechtfinden in einer neuen Welt.

Unter den ausstellenden Fotografen ist auch Philipp Reiss, der rund um den Hamburger Hauptbahnhof Orte fotografierte, in denen durchreisende Geflüchtete Schutz und ein Bett finden. Von ihm stammt auch das Motiv für die Einladungskarte zur Ausstellung. Frank Keil sprach mit ihm über seine Bilder.

Frank Keil: Wie kam es zu deiner Fotostrecke?

Philipp Reiss: Das ist erst mal wenig romantisch, dass war schlicht ein Auftrag: Ich war mit zwei Schreibern der »Zeit« unterwegs. Es war Herbst geworden, die Nächte wurden immer kälter, und die Geflüchteten, die spät abends im Hamburger Hauptbahnhof ankamen, wo sie weiter wollten, aber keinen Anschlusszug hatten, mussten irgendwo die Nacht verbringen. Und da formierte sich eine Gruppe von Freiwilligen und kümmerte sich darum, und sie fand Unterstützung in der Kunsthalle, im Schauspielhaus und in der Al-Nour Moschee – alles in St. Georg. Das war das Thema, darüber sollten wir berichten.

Nachts mit den Füchtlingen unterwegs zu sein, war das besonders?

Absolut! Es war eine ganz besondere Atmosphäre, es war immer sehr, sehr ruhig. Und es war auch sehr schön zu erleben, wie erleichtert die Geflüchteten waren, wenn plötzlich jemand mit so einer knallgelben Leuchtweste auftauchte, arabisch sprach oder Urdu und dann sagte: »Kommt‘ mit, wir zeigen euch, wo ihr schlafen könnt«. Und dann tippelten 20, 30 Leute Richtung Moschee oder Kunsthalle.

Das Nachtlager im Gebetsraum der Al-Nour Moschee ist zwar improvisiert – aber es bietet den Flüchtlingen die Möglichkeit, sich ein wenig von den Reisestrapazen erholen, bevor sie sich auf ihren weiteren Weg machen.

Das Nachtlager im Gebetsraum der Al-Nour Moschee ist zwar improvisiert – aber es bietet den Geflüchteten die Möglichkeit, sich ein wenig von den Reisestrapazen zu erholen, bevor sie sich auf ihren weiteren Weg machen. Foto: Philipp Reiss

Wie ging es dir als Fotograf?

Ich habe nicht versucht, irgendwelche geheimen Bilder zu machen oder irgendeine Situation zu pushen. Die Geflüchteten haben mich auch sofort wahrgenommen, man sah ja, was ich tat. Manchmal haben mich die Menschen, auch wenn sie schon auf den Matratzen und unter den Decken lagen, zu sich gerufen: »Foto! Foto! Foto!« Aber es wäre sehr schwierig gewesen, diese Bilder zu verwenden, denn ich muss ja jeweils eine Freigabeerklärung unterschreiben lassen und viele konnten kein Englisch. Und wenn man ihnen dann einen Zettel hinhält, den sie nicht lesen können…

Du hast stattdessen deine Motive sehr grafisch gestaltet, man sieht keine Gesichter…

Ich habe nach Alternativen gesucht, ich wollte das Thema ruhig gestalten, wollte dokumentarisch arbeiten, wollte Licht und Schatten nutzen und nun nicht wilde, szenische Motive inszenieren. Ich habe mich gefragt: Was gibt die Umgebung her? Und ich wollte das Flüchtige der Situation festhalten – denn man nächsten Morgen sind ja alle wieder weg.

Wie ging es dir, nachdem du deine Bilder gemacht hattest und du gehen konntest?

Ich war vor allem überwältigt von der Hilfbereitschaft der Freiwilligen. Das waren tolle Leute, voller Energie, voller Eigeninitiative. Also – ich hatte einerseits einen Kloß im Hals, weil man natürlich um die Schicksale der Geflüchteten weiß oder sie wenigstens ahnen kann. Und andererseits wusste ich, da sind Leute, die helfen den Geflüchteten, zur Ruhe zu kommen – die wussten ja manchmal gar nicht so recht, in welcher Stadt sie überhaupt sind und wo diese in Deutschland liegt.

Wären die Ehrenamtlichen für dich Thema einer Fotostrecke?

Auf jeden Fall! Das habe ich auch vor. Mir ist eine Frau besonders in Erinnerung geblieben: Elif. Eine Deutsche, eine Konvertitin, also mit Kopftuch, eine resolute norddeutsche Frohnatur, die mir im breitesten Hamburgisch erzählte, dass in ihrem Job gerade nicht viel los ist und da mache sie doch lieber Flüchtlingsarbeit! Also: Da muss ich noch mal los!

Die Hamburger Kunsthalle lässt die Menschen nicht im Regen stehen und bietet als Übergangsunterkunft Schlafmöglichkeiten an.

Die Hamburger Kunsthalle lässt die Menschen nicht im Regen stehen und bietet als Übergangsunterkunft Schlafmöglichkeiten an. Foto: Philipp Reiss

Eines deiner Bilder ist unsere Einladungskarte geworden. Magst du was zu dem Motiv sagen?

Es zeigt den Seiteneingang zur Kunsthalle. Da ist so eine Wand aus Riesensteinblöcken, eine Kalksandmauer, die Kunsthalle wirkt wie eine Trutzburg. Das fand ich sehr passend: Die Geflüchteten stehen vor der Festung Europa, sie sind kurz davor anzukommen und finden nun für eine Nacht Schutz hinter diesen dicken Mauern. Deswegen mag ich das Bild selbst sehr gern.


Philipp Reiss
studierte zunächst Geographie in Hamburg und Paris, bevor er sich entschied die Fotografie zu seinem Beruf zu machen. Er arbeitet als Fotojournalist mit Schwerpunkt Reportage- und Porträtfotografie. Seit 2016 wird er von der Agentur Focus vertreten.

www.philreiss.de