Schwerpunktthema

Erfolgreiche Instagram-Posts zeichnen sich oft durch klare Formen und die Verdichtung von Informationen aus – aber bei diesem Hundeschnappschuss wäre wohl auch der »Niedlichkeitsfaktor« ein Garant für Likes.

Erfolgreiche Instagram-Posts zeichnen sich oft durch klare Formen und die Verdichtung von Informationen aus – aber bei diesem Hundeschnappschuss wäre wohl auch der »Niedlichkeitsfaktor« ein Garant für Likes. Foto: Philipp Reiss

Social Media für Fotograf*innen

Instagram – alles eine Frage des Stils?

Text – Wiebke Loeper

Welchen Einfluss haben Social-Media-Plattformen wie Instagram darauf, wie wir Bilder konsumieren? Worin liegt überhaupt der Reiz für professionelle Fotografen, Werke auf Instagram zu posten und was für Eigenschaften benötigen Bilder, um im Feed zu funktionieren? Fragen, denen Fotografie-Professorin Wiebke Loeper auf den Grund geht.

Die Aufgabe, einen Artikel über Instagram zu schreiben, mutet an, wie die Aufgabe, einen Artikel über das Fernsehprogramm oder die Warenwelt zu schreiben. Ähnlich groß ist die Breite und Vielfalt der Beiträge, die man findet. Es kommt also darauf an, mit welcher Fragestellung man sich dem Medium nähert. Hier soll es im Besonderen um die Bildsprache und die Auswirkungen auf die Fotografie gehen, auf die Art und Weise, wie wir Bilder konsumieren.

Was ist Instagram? Eine unschuldige Spielwiese, auf die wir Bilder, die wir mögen, hochladen? Ja und nein. Wenn ich die mir selbst gestellte Aufgabe, als kleine fotografische Fingerübung jeden Tag ein gutes Bild auf Instagram hochzuladen anschaue, ja, wenn ich die AGB lese, nein.

Wir müssen schlucken, wenn wir lesen, was Instagram in Bezug auf unsere Bilder und Daten alles erlaubt ist. Und die Dimension des Ganzen wird erahnbar, wenn wir uns bewusst machen, dass das Netzwerk die Regeln außerdem jederzeit ändern kann.

Als Fotografin und Professorin für Fotografie bin ich also in einer Zwickmühle. Darf ich Studierende überhaupt ermutigen, ihre Daten in dieses Netzwerk einzuspeisen und ihre Bilder hochzuladen? Wo ich sie doch sonst dringend ermahne, sich selbst die AGB von Fotowettbewerben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend genau durchzulesen? Darf ich den Eindruck erwecken, dass ich Instagram relevant finde?

Und wenn ich zu dem Schluss komme, dass ich aufgrund dieser AGB keinem Studierenden Instagram ans Herz legen darf, sind die Studierenden und ich dann noch zukunftsfähig?

Hier poppt ein Dilemma auf, das nicht nur Romane wie »Der Circle« von Dave Eggers beschreiben.

Auch soziale Netzwerke erfordern Medienkompetenz

Wenn ich mich sozialen Netzwerken verweigere, komme ich in ihnen nicht nur nicht vor, ich weiß auch nicht, wie sie funktionieren. Unser Leben besteht inzwischen aus einer analogen und einer digitalen Welt. Verweigere ich mich den sozialen Netzwerken, heißt das, dass ich an einem großen Teil der Kommunikation unserer Zeit nicht teilnehme und auch die Mechanismen dieser weder erlerne noch erlebe.

Ich kann die Inhalte, Formen und Phänomene dieser Kommunikation zwischen meinen Mitmenschen weder beurteilen noch einschätzen. Zu dieser Position kann man sich entschließen, das kann man vielleicht aushalten, aber es grenzt definitiv aus. Hiermit meine ich einen Teil der Medienkompetenz, die wir aufgrund einer solchen Verweigerung nicht erwerben. Ich sage nicht, dass wir dadurch sozial in irgendeiner Weise verarmen würden.

Martin Giesler veröffentlicht auf seinem Blog »99 Gedanken zur Entwicklung von Social Media und Journalismus« als Punkt 88 »Medienkompetenz wird Bürgerpflicht.«. Dem kann ich ohne Zweifel zustimmen, was längst nicht heißt, dass wir unser Tun dadurch überblicken würden. Wir müssen uns also bewusst sein, dass jedes Bild, das wir hochladen, sich von da an unserer Kontrolle entzieht – mehr noch, dass wir ein Bild von uns und den Dingen, Orten und vielleicht sogar Menschen, die wir lieben, preisgeben und somit erkennbar werden, mehr noch: einschätzbar. Zusätzliche Informationen liefern wir frei Haus durch Likes und gewährte oder obligatorische Zugangsrechte.

Was könnte uns als Fotograf*innen außer der verheißungsvollen Medienkompetenz und der Neugier auf Phänomene unserer Zeit, dazu bringen, Instagram zu nutzen? Was lockt?

Instagram besitzt im Gegensatz zu Facebook visuelle Klarheit. Das Bild steht befreit vom hässlichen Drumherum im Vordergrund und wird lediglich durch den Accountnamen, eventuell einen kurzen Text und mögliche Hashtags begleitet. Kurz, die visuelle Oberfläche garantiert Ruhe für die Bilder. Und das sowohl in der Übersicht, in der drei Bilder nebeneinander erscheinen, als auch in der einfachen Abfolge zum Scrollen. Dies ist für visuelle Menschen verführerisch, denn das Bild steht ganz für sich.

Es muss nicht immer nur das Selfie sein! Für viele Fotografen, so Wiebke Loeper, liege der Reiz von Instagram inzwischen darin, spontan auf Aktualität und politisches Tagesgeschehen reagieren zu können.

Es muss nicht immer nur das Selfie sein! Für viele Fotografen, so Wiebke Loeper, liege der Reiz von Instagram inzwischen darin, spontan auf Aktualität und politisches Tagesgeschehen reagieren zu können. Foto: Philipp Reiss

Wie funktioniert ein Bild auf Instagram?

Sind die nacheinander folgenden Bilder verschiedener Autor*innen noch so unterschiedlich, hat jedes Bild den Raum für sich, seitlich begrenzt vom realen Rahmen des genutzten Endgerätes. Der Ärger über schlechtes Layout oder beschnittene Bilder fällt weg. Doch welche Eigenschaften benötigt ein Bild, um auf Instagram zu funktionieren?

Es muss im schnellen Betrachten und in der Kleinheit funktionieren, unabhängig von Zeit und Raum, vom Kontext, von einer Geschichte.

Das bedeutet, dass das Bild nicht zu kompliziert sein darf, es muss die Aufmerksamkeit seiner Betrachter*in enorm schnell fangen – beim Durchscrollen auf dem Telefon. Es muss uns auf Anhieb interessieren und faszinieren, zum Lesen der Hashtags verführen, zum Liken oder Kommentieren – zum Innehalten. Doch wie funktioniert das?

Über klare Formen und große Verdichtung von Information oder Atmosphäre. Das bedeutet Reduzierung von Details oder Oberflächeninformation zugunsten von Lichtstimmung und grafischer Klarheit. Dieser Zwang zur Reduzierung ist Herausforderung und Reiz. Das leuchtende Medium des kleinen Smartphone-Displays strahlt und besitzt eine hohe Farbdichte, die Kleinheit des Bildes erinnert alte Hasen wie mich an die Verheißungen eines Kontaktbogens von Mittelformatnegativen, die uns vielleicht in der Vergrößerung enttäuschen.

Bilder fangen uns blitzschnell, sei es am Zeitungsstand, beim Blättern in einem Buch, in einer Galerie oder auf Instagram. Ein Bild erreicht uns über einen emotionalen Link, der uns höchstwahrscheinlich nicht einmal bewusst ist. Ist unser Interesse geweckt, verweilen wir und beginnen es zu überprüfen – ob es uns wirklich interessiert, ob es hält, was es verspricht und was es uns erzählt. Sobald sich unser Denken aufgrund eines Bildes in Bewegung setzt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns später daran erinnern.

Im Falle von Instagram liken wir vielleicht das Bild oder schreiben einen Kommentar. Besonders allerdings ist, wie viele Bilder wir in Hochgeschwindigkeit checken, wie viele wir sofort wieder vergessen und warum wir dann plötzlich verweilen, warum das eine Bild uns fängt. In diesen Wettkampf um das kurze Innehalten einzusteigen, reizt, weil es der Wirkungsweise der Fotografie so sehr entspricht, und gleichzeitig erzählen uns unsere Reaktionen beim Scrollen viel über uns selbst und darüber, was uns an der Fotografie interessiert.

Der sogenannte »Instagram-Look« spielt im professionellen Umfeld kaum eine Rolle

Instagram bietet in der App verblüffend einfache, aber vielfältige Bearbeitungsmöglichkeiten. Die verfügbaren Filter führten bald zum sogenannten »Instagram-Look«. Meiner Beobachtung nach spielt das im professionellen Umfeld kaum eine Rolle mehr, ist aber amüsant, da oft analoge Phänomene nachgeahmt werden.

Insofern haben Fotograf*innen, denen die analoge Fotografie vertraut ist, lustige Déja-vus, sei es die Erinnerung an die charmanten Eigenheiten des SX-70-Polaroids oder die Vignettierung schlechter Objektive mit zu geringem Bildkreis. Ich bin immer wieder überrascht, wenn sich Studierende heute beim Betrachten quadratischer Fotografien sofort auf Instagram beziehen, statt auf das 6×6-Aufnahmeformat. So ändern sich die Zeiten!

Doch auch das ist schon fast passé, denn zunehmend werden nicht nur die »klassischen Instagram-Quadrate« hochgeladen, auch nicht nur schnelle Smartphone-Bilder. Längst fotografieren professionelle Instagrammer wie Michael Schulz mit professionellem Equipment.

Längst geht die Konzeption eines Auftritts bei Instagram auch über das einzelne Bild hinaus und spielt mit dem Rhythmus in der Bildübersicht – mit Bildern, die in dieser überhaupt erst sichtbar werden, weil sie aus drei, sechs oder mehr Einzelteilen bestehen, wie beispielsweise bei Albina Maks @lostmysoulinberlin.

Andere meiner Student*innen entwerfen eine eigene Identität in Einzelbildern über eine verbindende Bildsprache – beweglicher, spielerischer und aktueller als auf jeder Website in einer Mischung aus Tagebuch, Einblicken in jüngste Jobs oder Ausstellungen wie bei leabraeuer_, franzgruenewald oder moritzjekat. Manches Mal überrascht mich die Intensität und Ausformulierung einer Bildsprache von Studierenden auf Instagram, obwohl ich im Fotografiekurs wenig zu sehen bekomme. Spreche ich sie darauf an, was mich auf Instagram an ihrer Arbeit interessiert, eröffnet sich die Verbindung zu ihrem gestalterischen Studium.

#burgerlove: Viele User entwerfen auf Instagram eigene Identitäten mit Bildern aus ihrem Alltag… Und so wird auch das Mittagessen millionenfach zum Ereignis, das einen Post »wert« ist.

#burgerlove: Viele User entwerfen auf Instagram eigene Identitäten mit Bildern aus ihrem Alltag… Und so wird auch das Mittagessen millionenfach zum Ereignis, das einen Post »wert« ist. Foto: Philipp Reiss

Wenn wir uns entschließen, dass wir mitreden wollen, dann wie?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir aus meiner Sicht vorerst klären, mit welchem Ziel wir Instagram bespielen wollen. Wollen wir als Fotograf*innen, Autor*innen sichtbar sein im Sinne eines Blogs oder einer Website? Dann entwerfen wir eine eigene Identität über Bilder, die etwas mit unserem täglichen Leben zu tun haben, etwas von uns erzählen oder wir formulieren eine Bildsprache ohne direkten persönlichen Bezug, die wir durch immer neue Beiträge einprägen und mit uns verbinden.

Auch dann sollten wir überlegen, wollen wir Aufträge im klassischen Sinne (Reportage, Werbung etc.) generieren? Erhoffen wir Zweitverwertung durch die Recherche von Redakteur*innen über Hashtags auf Instagram? Wollen wir als Fotograf*innen für Firmen und Agenturen direkt Bildmaterial für Instagram-Accounts generieren? Oder wollen wir gar als Influencer selbst Werbeträger werden?

Oder suchen wir tatsächlich Austausch mit Kolleg*innen und Kollegen, wollen Neues entdecken, Spaß an unserem Medium haben und uns mit Gleichgesinnten vernetzen?

Spätestens dann kommt das Universum der Hashtags an die Reihe, die unendlich vielen Spielarten und kleinen Geheimzeichen für Vernetzungen und Trends. Dies kann auch Formen neuer Poesie annehmen, aber auch auf Geschäftsmodelle deuten.

Ist Instagram für uns als professionelle Fotograf*innen wichtig?

Längst nutzen sehr renommierte Fotografen, Agenturen, Institutionen und Unternehmen Instagram mit ganz eigenen Konzepten entsprechend ihrer Absichten. Stephen Shore installierte in seiner Retrospektive 2016 bei C/O Berlin ein iPad, auf dem Ausstellungsbesucher*innen live seine Aktivitäten bei Instagram verfolgen konnten

Wolfgang Tillmans agiert wie in seinen Ausstellungen und Büchern auch auf Instagram engagiert politisch und reagiert auf politisches Tagesgeschehen. Martin Schoeller, der täglich für Magazine mit Großbild VIPs fotografiert, beeindruckt mit seiner für Instagram produzierten Kampagne für Obdachlose und wirbt damit Gelder für deren Versorgung ein. Der Text unter seinem Acountnamen lautet kurz und knapp: Please donate now.

Doch auch der tägliche, schnelle Austausch über Bilder auf Instagram ist faszinierend. Als ich im Jahr 2014 für eine Woche als Gast an der Hartford Art School im Master of Fine Art Photography Program lehrte, erlebte ich einen sehr inspirierenden morgendlichen Wettkampf zwischen Alec Soth und den Studierenden. Als wir uns um 10 a.m. an einem sehr nebeligen Morgen zum Unterricht trafen, hatte auf Instagram längst der Wettlauf um das beste Bild des außerordentlichen Nebels stattgefunden und ich überlegte erstmals, mich auf Instagram anzumelden – denn ich hatte lediglich gefrühstückt.

Heute inspiriert es mich sehr, die Arbeit meiner oft fernen Kolleginnen und Kollegen und den sehr lebendigen Output meiner Studierenden auf diese Weise zu verfolgen.

Das Dilemma der AGB bleibt.


Wiebke Loeper
geboren 1972 in Berlin, studierte künstlerische Fotografie bei Arno Fischer und Joachim Brohm an der HGB in Leipzig und assistierte für Porträt und Mode Sibylle Bergemann. 20 Jahre arbeitete sie als selbstständige Fotografin im Kollektiv der lux fotografen. Ihre Arbeiten und Bücher werden international in Ausstellungen gezeigt. 2008 wurde sie als Professorin für Fotografie an den Fachbereich Design der Fachhochschule Potsdam berufen.