Street Photography

Bis zur Endstation im Stadtteil Flushing passiert der »International Express« 21 Stationen – 18 davon in Queens.

Bis zur Endstation im Stadtteil Flushing passiert der »International Express« 21 Stationen – 18 davon in Queens. Foto: Julius Schrank

Julius Schrank

»Je mehr auf der Straße los ist, desto einfacher hat man es als Straßenfotograf«

Den zur Zeit in Amsterdam lebenden Fotografen Julius Schrank hat man vielleicht nicht als erstes im Kopf, wenn man an Street Photography denkt. Man bringt ihn wohl eher mit seiner Arbeit »New Burma Shadows« in Verbindung, die 2014 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet wurde. Die Fotostrecke »International Express NYC« über die U-Bahn-Linie 7 in New York zeigt jedoch, dass Julius Schrank sich auch in der Street Photography zu Hause fühlt und ein Gespür für Stimmungen und den richtigen Moment hat.

FREELENS: Wie sind Sie zur Street Photography gekommen und was reizt Sie besonders daran?

Julius Schrank: Mich fasziniert beim Fotografieren auf der Straße, dass man sich wunderbar treiben lassen kann. Häufig habe ich bei Aufträgen oder Projekten bestimmte Bilder im Kopf, denen ich nachjage oder die ich probiere zu reproduzieren. Bei der Street Photography ist das anders. Ich gehe möglichst neutral an die Sache heran und gucke, was für Situationen sich ergeben.

Ein anderer interessanter Aspekt ist, dass man die Straßenfotografie eigentlich immer und überall betreiben kann. Im Prinzip muss ich nur vor die Haustür gehen und kann loslegen. Das schärft die Sinne und ist eine gute Übung achtsam zu bleiben, was um einen herum passiert.

Wenn Sie mit drei Adjektiven Ihre Street Photography charakterisieren müssten, welche wären das?

spontan, neutral, lebendig

Unterwegs in Richtung Queens während der Rushhour am Nachmittag.

Unterwegs in Richtung Queens während der Rushhour am Nachmittag. Foto: Julius Schrank

Gibt es ein Konzept, das Sie auf die Straße mitnehmen?

Nein, Street Photography ist ein bisschen wie Fernsehen, eigentlich muss man nicht viel machen, die Dinge passieren einfach vor deinem Auge. Diese Art der Fotografie scheint manchmal banal, aber ist doch eine Bestandsaufnahme städtischen Lebens. Als Fotograf braucht man jede Menge Geduld, ein Gespür für den besten Winkel, das schönste Licht und natürlich den richtigen Moment, um den Auslöser zu drücken.

Wenn ich auf der Straße fotografiere ist es mir wichtig, als neutraler Beobachter zu agieren – die Fliege an der Wand. Wenn möglich, fotografiere ich unbemerkt.

Haben Sie als Straßenfotograf immer Ihre Kamera dabei?

Meine Kamera habe ich nicht immer dabei. Eigentlich nur, wenn ich an einem Projekt oder einem Auftrag arbeite. Was ich natürlich immer dabei habe, ist mein Smartphone. Das eignet sich hervorragend, um in vielen Situationen unbemerkt zu fotografieren.

Sprechen Sie die Menschen an und halten Ihnen einen Model Release unter die Nase, bevor Sie fotografieren oder fotografieren Sie einfach drauf los?

Ich habe noch nie jemanden ein Model Release unterschreiben lassen und werde das auch so schnell nicht tun. In der Praxis ist das meiner Meinung nach fast unmöglich. Die Street Photography lebt von Spontaneität und Zufall – Blicke, die sich treffen, ein Lichtstrahl, der auf eine Person fällt oder eine lebendige Marktszene. In so einem Moment mit einem Model Release zu wedeln, würde die Situation zerstören und unterschreiben würde es wahrscheinlich eh niemand.

Straßenmusiker in der U-Bahn-Station am Times Square, Manhattan.

Straßenmusiker in der U-Bahn-Station am Times Square, Manhattan. Foto: Julius Schrank

Wie reagieren die Menschen, wenn sie merken, dass sie fotografiert werden und haben Sie schon einmal schlechte, oder auch besonders gute, Erfahrungen gemacht?

Wirklich schlechte Erfahrungen habe ich eigentlich noch nicht gemacht. Aber mir fällt auf, dass Menschen in verschiedenen Städten unterschiedlich reagieren. New Yorker zum Beispiel sind ziemlich gleichgültig, Londoner eher misstrauisch und Amsterdamer sind es sowieso gewöhnt, von Touristen fotografiert zu werden. Im Sommer bzw. bei gutem Wetter ist es auch einfacher, auf der Straße zu fotografieren. Dann spielt sich das Leben viel mehr draußen ab, die Menschen sind fröhlicher und es gibt mehr zu entdecken. Generell gilt: Je mehr auf der Straße los ist, desto einfacher hat man es als Straßenfotograf. In einem wuseligen Viertel kann man wunderbar untertauchen und mehr oder weniger unbemerkt fotografieren.

Lässt sich mit Street Photography Geld verdienen und wenn ja, wie? Können Sie Ihre Fotos verwerten, z.B. in Magazinen, Büchern oder Ausstellungen?

Wenn man gute Bilder macht und diese schlau vermarktet, lässt sich sicher mit der Street Photography etwas Geld verdienen. Allerdings ist es nicht ganz einfach, die Bilder an beispielsweise Zeitungen zu verkaufen, da häufig ein journalistischer Aufhänger oder Nachrichtenwert fehlt. Bei Reisemagazinen oder Illustrierten sieht das schon etwas anders aus.

Meine New Yorker U-Bahn Geschichte konnte ich zum Beispiel zwei- oder dreimal an Magazine und Zeitungen verkaufen. Ich überlege auch, noch weiter an dem Projekt zu arbeiten, um ein Buch herauszubringen. Ich würde mich allerdings auch nicht als reinen Straßenfotografen bezeichnen. Ich sehe die Street Photography als eine Art Disziplin innerhalb der Fotografie.

Abschiedskuss in der Station »42nd Street« in der Nähe des Times Square.

Abschiedskuss in der Station »42nd Street« in der Nähe des Times Square. Foto: Julius Schrank

Kommt es vor, dass Sie Bilder nicht veröffentlichen, z.B. wenn abgebildete Menschen unvorteilhaft erscheinen?

Ich veröffentliche Bilder nicht, weil Menschen vorteilhaft oder unvorteilhaft erscheinen, sondern weil ich ein Bild wichtig oder gut finde. Wenn ich das tun würde, wäre meine Arbeit als Fotograf sehr eingeschränkt. Aber natürlich probiere ich, Menschen nicht bewusst in schlechtes Licht zu setzen, sondern sie so darzustellen, wie ich sie wahrnehme oder erlebe.

Fühlen Sie sich in Ihrer fotografischen Praxis durch die Rechtslage eingeschränkt? Fotografieren Sie schon mit der »Schere im Kopf«?

Bei allem, was sich im öffentlichen Raum abspielt, mache ich mir keine großen Gedanken zur Rechtslage. Geht es allerdings um Fotos auf privatem Grund, probiere ich mir im Vorfeld ein »O.K.« einzuholen. Auch beim Fotografieren von Kindern und Minderjährigen, z.B. in Schulen oder Kindergärten begibt man sich, meiner Erfahrung nach, schnell auf dünnes Eis.

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Julius Schrank
Jahrgang 1984, lebt zur Zeit in Amsterdam. Der Fotojournalist arbeitet hauptsächlich für die niederländische Tageszeitung De Volkskrant, daneben wurden seine Bilder u.a. von National Geographic, Geo und Spiegel veröffentlicht. Wenn er gerade nicht im Auftrag von Zeitungen und Magazinen arbeitet, befasst er sich mit Langzeitprojekten, die in den letzten Jahren hauptsächlich auf Asien fokussiert waren.

www.juliusschrank.com