Ausstellungseröffnung

Eröffnung der Ausstellung »Home Among Black Hills« von Jens Olof Lasthein in der FREELENS Galerie.

Die Ausstellung »Home Among Black Hills« von Jens Olof Lasthein läuft vom 14. April bis 3. Juni 2016. Foto: Evgeny Makarov

Home Among Black Hills

Jens Olof Lasthein in der FREELENS Galerie

Rede anlässlich der Eröffnung von Jens Olof Lastheins Ausstellung »Home Among Black Hills« am 14. April 2016 in der FREELENS Galerie. Von Peter Lindhorst

Alle Fotos: Evgeny Makarov

Elvis lebt! Er sitzt in Charleroi in einer Kneipe, nippt an seinem Tee und blickt etwas nachdenklich drein. Vielleicht fragt er sich, was genau an diesem Ort mache ich hier, bevor er irgendwann ein paar Münzen aus der Tasche seines schmucken weißen Anzugblazers kramt, sie auf den Tisch fallen lässt und grußlos in sein Heartbreak Hotel kehrt.

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Der für wallonische Städte prägnante Rathausglockenturm schraubt sich hoch in den Himmel, er ist in das Weltkulturerbe-Programm der Unesco aufgenommen. Hier und da begegnen dem Besucher der Stadt die prägnanten pastellfarbenen Art-Nouveau-Häuser, das Schloss von Monceau-sur-Sambre steht inmitten eines englischen Gartens, das riesige Musée de la Photographie befindet sich in einem ehemaligen Karmeliterkloster. Es gibt eine renovierte Fußgängerzone, einen renovierten Bahnhof und einen ebensolchen Vorplatz. Wer von einem der Flieger vom Low Cost-Flughafen in den Zug in die belgische Hauptstadt umsteigt, wird vom wahren Gesicht der Stadt wenig mitbekommen.

Unsere Stadt hat doch so viel Charme und Seele! – beeilen sich denn die Offiziellen bei jeder Gelegenheit zu versichern. Und es klingt ein wenig Trotz in ihrer Stimme durch. Gleich darauf drücken sie dem Fremden, der sich tatsächlich nach Charleroi verirrt hat, Hochglanzbroschüren in die Hand, in der ambitionierte Stadterneuerungsprojekte angepriesen werden: Wissenschaftsparks, die auf der grünen Wiese entstehen sollen. Finanzielle Anreize für Investoren werden versprochen, die sich, wenn sie neue Jobs schaffen, aus dem EU-Subventionstopf bedienen dürfen. Es gibt Pläne für exklusive Wohnanlagen in der Innenstadt. Auf der Website der Stadt wird die Erneuerung von 80 Straßen angekündigt und vielversprechende Szenarien für den Handel in der Innenstadt vorgestellt.

Aber Charleroi ist nicht so, sondern eigentlich ganz anders. Wie unser Gast Jens Olof Lasthein bin ich schon mehrere Male da gewesen. Die in einem großen kohleartigen Becken liegende Stadt wurde von den Lesern der niederländischen Tageszeitung De Volkskrant vor ein paar Jahren gar als die »hässlichste Stadt der Welt« gewählt. Lange war Charleroi Zentrum einer boomenden Kohle- und Stahlindustrie, doch seit den 70er-Jahren kämpft die ehemalige Hochburg des Steinkohlebergbaus und der Eisenverhüttung mit Krisen und ihrem Niedergang. Die Kohleminen wurden stillgelegt, die Stahlfabriken schlossen eine nach der anderen die Tore und rosten stoisch vor sich hin; für die Jüngeren gibt es in der Stadt kaum Perspektive.

Die 200.000-Einwohner-Stadt hat eine Arbeitslosenquote von 26 Prozent und eine im nationalen Vergleich relativ hohe Kriminalitätsrate. Ein großer Teil der Bewohner verarmt mehr und mehr. Geschäfte stehen leer und verfallen, neue Pächter finden sich nicht. Der Fluss der Stadt strömt dunkelgrün schimmernd zwischen Fabriken und Lagerhallen hindurch, die keine Funktion mehr haben. Brachliegende Flächen sind übersät mit leeren Bierbüchsen, alten Zeitungen und Plastikflaschen.

Am anderen Flussufer stehen riesige Gebäude, deren Fassaden mit Ruß überdeckt sind. Irgendjemand hat einen Sessel auf einer Wiese abgeladen, während im Hintergrund verwaiste Kräne und ein Kühlturm stehen. Bitte nehmen Sie Platz in diesem Sessel, meine Damen und Herren, und lassen Sie sich also die Stadt Charleroi von unserem heutigen Gast Jens Olof Lasthein vorführen. Weiden Sie sich ein wenig an dem Elend der Anderen und genießen Sie die »Bonjour Tristesse«!

Das wäre die offensichtliche Erwartung, die ein Fotograf wunderbar bedienen könnte (und wir erinnern uns: Der Fotograf Giovanni Troilo hatte beim renommierten World Press Photo Wettbewerb letztes Jahr seine Serie »The Dark Heart of Europe« eingereicht – eine Serie, die Bilder aus Charleroi präsentierte, bei der aber der Bürgermeister heftig intervenierte, weil sie die Wirklichkeit der Stadt verzerre… und wie sich dann übrigens herausstellte, waren einige Bilder inszeniert und gar nicht in Charleroi entstanden. Die Serie wurde disqualifiziert).

Aber eine offensichtliche Elendsvorführung will von unserem heutigen Gast partout nicht erfüllt werden. Jens Olof Lasthein war mehrere Male in Charleroi, hat sich lange im Kern und an den Rändern der unter der Last ihres ökonomischen Abstiegs ächzenden Stadt bewegt, hat Menschen kennengelernt, ist mit ihnen ins Gespräch gekommen und richtete seinen Blick auf deren Geschicke. Eine raue Herzlichkeit und eine Hilfsbereitschaft der Carolos sind ihm dabei immer wieder begegnet.

Beim Betrachten seiner Bilder bekomme ich das angenehme Gefühl, der Fotograf habe sich sehr wohl in den Straßen gefühlt und er habe den wahren Charme und die Seele herausgearbeitet – das was die Stadtvertreter unwirksam in ihren Broschüren beschwören. Und hinter all dem Fatalismus, der diese Stadt beherrscht, ist noch etwas anderes. Die Leute hadern nicht mit ihrem Schicksal. Sie nehmen es, wie es ist. »Gott schuf den Tag, und wir schleppten uns hindurch« schreibt der belgische Autor Dimitri Verhulst in seinem Roman »Die Beschissenheit der Dinge«. Es könnte auch ein Motto für diese Leute sein.

In den Straßen benutzt Jens Olof Lasthein seine Widelux-Panoramakamera und ist aufgrund der Technik immer sehr nah an seinen Akteuren dran. Sein Blick ist dabei ganz und gar keiner, der den ästhetischen Reiz des Verfalls übertreibt oder gar wissentlich verfälscht. Die Verlockung wäre nur zu groß, aber man spürt, dass sein Betrachten immer ein großes Maß an Wahrhaftigkeit und Empathie mit sich führt.

Seine fotografische Sprache hat unser Gast schon lange gefunden und zur Vollendung gebracht. Man sollte sich unbedingt auch seine beiden anderen großen Zyklen anschauen, um zu verstehen, wie er vorgeht: »Moments in Between«, eine Arbeit über Exjugoslawien während und nach dem Krieg oder »White Sea Black Sea«, Bilder aus dem Grenzland zwischen Ost- und Westeuropa. Und gerade auch in der hier gezeigten Arbeit erfasst Lasthein mit seiner Panoramafotografie Straßenszenen im Cinemascope-Format, er arbeitet mit einer 140-Grad-Perspektive, die es ihm erlaubt, nicht nur den einen Umstand, die eine Episode, die eine Geschichte zu erzählen, sondern immer auch einen Kontext zu bieten. Da kann vielleicht einiges gleichzeitig passieren in einem Bild und die einzelne Szene ist von einer Unvorhersehbarkeit bestimmt.

Für sein Porträt der wallonischen Stadt führt Lasthein uns dort an die unterschiedlichsten Orte und zeigt junge und alte Einwohner; er betrachtet das Geschehen auf der Straße, in den Kneipen, zeigt gelangweilte junge Männer, die an ihren Karren schrauben oder mit diesen ziellos durch die Stadt cruisen; zeigt uns seine Begegnungen mit Familien auf der Straße, die den Fremden und letztendlich uns, die wir uns tief in die Szenen versenken, interessiert mustern.

Ein Mädchen schaut neugierig aus der Haustür, ein anderes posiert in einem Hinterhof mit einem Hahn auf ihrem Arm. Eine junge Mutter, noch im Schlafanzug an der offenen Haustür, führt in gleicher Weise ihr Baby vor, herrenlose Hunde streifen durch die öden Straßen. Auf Bänken sitzen diejenigen, die ihre viel zu reichlich vorhandene Zeit damit totschlagen, ihre Bierdosen zu leeren. Am gegenüberliegenden Ufer des Flusses Sambre erheben sich düstere postindustrielle Landschaften, die sich aus Lagerhallen, Förderbändern und Türmen zusammenschichten. Manchmal tauchen im Hintergrund des Geschehens die Halden auf, überdimensionierte Maulwurfhügel, die wild bewachsen sind. Das schwarze Land, das »pays noir«, ist ein wenig grün geworden.

Jens Olof Lasthein hat für das Porträt der Stadt und ihrer Bewohner, für die gesellschaftlichen Randbereiche und Schieflagen einen mal leichten, dann wiederum eindringlichen Ton gefunden, oft von einem feinen Humor ziseliert. Er exponiert seine Figuren nicht, die zwischen Komik und Verzweiflung changieren, bleibt angenehm unironisch und vermeidet alles Mitleidtriefende. Er ist nicht gierig nach den Sozialdramen, die sich in der Stadt zweifellos abspielen, sondern kommt den Menschen nahe und will sie ein Stück weit so zeigen, wie sie vielleicht tatsächlich sind.

Vielleicht macht diese Arbeit Sie also neugierig und Sie steigen im besten Fall auf ihrem nächsten Billigflug nach Brüssel am Bahnhof von Charleroi aus und geben sich ein paar Stündchen, um die Stadt zu erkunden. Vielleicht gehen Sie in eine Kneipe und kommen mit den Carolos in Kontakt, für die die Stadt nicht die hässlichste der Welt ist, sondern Heimat, und die nicht mit der Beschissenheit der Dinge hadern, sondern sie gleichmütig ertragen. Und vielleicht sitzt am Nebentisch ein Mann mit weißem Anzug, der vor sich hinstarrt und ab und zu an seinem Tee nippt. Wenn Sie Elvis treffen, bitte grüßen Sie ihn von mir!