17. April bis 30. Juli 2015

Günter Kucharski im Straßenbahnbetrieb der BOGESTRA in Bochum, ehemals Zeche Engelsburg.

Günter Kucharski im Straßenbahnbetrieb der BOGESTRA in Bochum, ehemals Zeche Engelsburg. Foto: Wolf R. Ussler

Wolf R. Ussler & Thomas Stelzmann

Keine Kohle mehr

Ende 2018 endet eine deutsche Ära: Der subventionierte Steinkohlenbergbau in Deutschland ist dann Geschichte.

Für ihr Projekt »Keine Kohle mehr« holten die Düsseldorfer Fotografen Wolf R. Ussler und Thomas Stelzmann 51 ehemalige Bergleute auf den Boden ihres einstigen Pütt zurück und setzten sie dort fotografisch in Szene. Jede dieser einzigartigen Schwarz-­‐Weiß-­‐ Kompositionen erzählt ein Stück persönlicher Geschichte. Die Arbeiten offenbaren, was das Leben eines jeden Portraitierten geprägt und diesem oft einen Sinn gegeben hat.

Behutsam widmen sich Stelzmann und Ussler seit dem Frühjahr 2011 diesem Thema menschlicher und industrieller Entwicklung. Das Projekt »Keine Kohle mehr« will jedoch mehr als nur ein Stück Lebensgeschichte dokumentieren. Es stellt auch den strukturellen Wandel einstiger Zechenlandschaften dar: Gewerbegebiete, Freizeitparks, Supermärkte und Wohnsiedlungen stehen heute an Stelle von Fördertürmen, Kokereien, qualmenden Schloten und endlosen Schienennetzen. Und nicht selten hat sich die Natur ungenutzte Flächen ehemaliger Zechenstandorte still zurückerobert.

 

Emil Noreikat in der ehemaligen Vulkanisierwerkstatt der Zeche Fritz in Altenessen.

Emil Noreikat in der ehemaligen Vulkanisierwerkstatt der Zeche Fritz in Altenessen. Foto: Wolf R. Ussler

Über viele Generationen hinweg prägte die Kohleförderung die Entwicklung des Ruhrgebietes. Urkundlich datiert der erste Kohleabbau bei Dortmund aus dem Jahr 1296. Knapp 300 Jahre später etablierte sich 1566 im heutigen Essener Stadtteil Bredeney die erste Bergbaugenossenschaft. Eine Vielzahl von Dekaden war das Schwarze Gold Quelle wirtschaftlichen Erfolgs, war Träger von Wohlstand und gab Menschen Arbeit. Kohle als Brennstoff sorgte für die Zubereitung von Speisen und für warme Stuben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bergbau gemeinsam mit der Stahlindustrie zum Motor für Wiederaufbau und Wohlstand. Bergleute waren im zerstörten Deutschland gut bezahlte Fachkräfte. Und viele Menschen folgten dem Ruf des Geldes, weil, so hieß es anspornend, man sich schon nach zwölf Monaten Maloche unter Tage ein Motorrad leisten könne. Aber schon nach wenigen Jahren Nachkriegswirtschaft wurde der Hoffnungsträger Kohle zum Sorgenkind. Überproduktion und billige Importkohle setzten in der zweiten Hälfte der 50er Jahre dem deutschen Steinkohlebergbau zu. Es begann ein langsames und unaufhaltsames Zechensterben mit Massenentlassungen. Auch Großdemonstrationen unter dem Motto »Erst stirbt die Zeche, dann die Stadt« hielten die Entwicklung nicht auf.

Peter Schedalke vor dem letzten Förderturm von Zeche Haus Aden in Bergkamen.

Peter Schedalke vor dem letzten Förderturm von Zeche Haus Aden in Bergkamen. Foto: Wolf R. Ussler

Staatliche Subventionen bewahrten entlassene Bergleute zwar vor dem wirtschaftlichen Absturz. Doch die Arbeit auf dem Pütt zwischen Unna und Kamp-Lintfort war nicht bloß irgendeine Arbeit. Für Bergleute war sie identitätsstiftend. Sie war der bestimmende Teil einer individuellen Kultur bestehend aus Pütt, engem Zechenhaus, Hühner- und Taubenhaltung sowie Fußballvereinen und einer vehement gelebten Solidarität unter und über Tage. Der Kumpel, die Nachbarschaft, die gegenseitige Hilfe zählten. So konnte der finanziell abgefederte Abschied von der Zeche oft den emotional tief empfundenen Teilverlust eines gewachsenen sozialen Kosmos nicht kompensieren.

Das Projekt »Keine Kohle mehr« ist eine Hommage an jene Menschen, die mit ihrer Arbeit eine wesentliche Grundlage für den Industriestandort Deutschland schufen und die Region an Rhein, Emscher, Ruhr und Lippe mit ihren Werten, ihrer Mentalität und ihrem Arbeitsethos über Jahrzehnte sozial, kulturell und wirtschaftlich geprägt haben. Heute stehen viele der in diesem Projekt charakterisierten Hauer, Schlosser, Steiger und Betriebsleiter gemeinsam mit den letzten drei noch fördernden Zechen – Prosper Haniel, Auguste Victoria, Ibbenbüren – am Ende einer Ära. Denn 2018 endet der subventionierte Steinkohlebergbau. Grund genug, diesen Veteranen ein fotografisches Denkmal zu setzen.

www.keinekohlemehr.de

Vom 17. April bis 30. Juli 2015 sind die bisher entstandenen Porträts als Sonderausstellung im Deutschen Bergbaumuseum in Bochum zu sehen.

Deutsches Bergbaumuseum Bochum
Am Bergbaumuseum 28
44791 Bochum

http://www.bergbaumuseum.de/

Öffnungszeiten
Montag: geschlossen
Dienstag bis Freitag: 8.30–17.00 Uhr
Samstag und Sonntag: 10.00–17.00 Uhr