18. Oktober 2016 bis 20. Januar 2017

Aus der Serie »Land ohne Eltern«.

Aus der Serie »Land ohne Eltern«. Foto: Andrea Diefenbach

Andrea Diefenbach

Land ohne Eltern

Wie lassen sich mit Fotografien Geschichten erzählen, die uns die Augen für Zusammenhänge öffnen, die wir bislang übersehen haben? Andrea Diefenbach zeigt es uns. Sie fotografierte Kinder, die in Moldawien zurückbleiben und deren Eltern, die in Italien – mühsam und teils illegal – ihr Geld verdienen. »Land ohne Eltern« öffnet den Blick für schwer vorstellbare Zustände und entgeht dabei der Kitschfalle.

Andrea Diefenbach schreibt über ihr in Moldawien (ofizielle Bezeichnung Republik Moldau) realisiertes Projekt: »Als ich im April 2008 in der ersten Klasse der Schule eines kleinen Dorfs im Südosten der Republik Moldau stand, wo die Lehrerin fragte, ›Wessen Eltern leben in Italien?‹ und etwa zwei Drittel der Kinder mit einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit aufzeigten, war ich erschrocken. Es ist etwas völlig anderes, all die Statistiken über Arbeitsmigranten und Rücküberweisungen zu lesen, als in einem kalten Klassenraum vor 30 Sechsjährigen mit Wollmützen zu stehen und zu wissen, diese Kinder haben ihre Eltern oft seit Jahren nicht gesehen, weil diese 2.000 km entfernt als Putzfrau oder Erntehelfer arbeiten.«

Aus der Serie »Land ohne Eltern«.

Aus der Serie »Land ohne Eltern«. Foto: Andrea Diefenbach

Die Republik Moldau ist ein armes Land; es gibt Statistiken, die besagen, dass es das ärmste Land Europas sei. Das war nicht immer so. Bis zur Unabhängigkeit Anfang der 1990er-Jahre war Moldawien eine der wohlhabendsten Sowjetrepubliken. Doch seitdem hat sich die wirtschaftliche Lage drastisch verschlechtert. Der durchschnittliche Monatslohn beläuft sich auf rund 110 Euro, und 40 % der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Wer kann, versucht seine Situation zu verbessern und außerhalb des Landes Arbeit zu finden. Laut amtlichen Schätzungen lebt und arbeitet mindestens ein Viertel der 4,3 Millionen Moldauer und Moldauerinnen im Ausland. NGOs meinen, dass die Zahl eine Million übersteigt.

Es gibt kaum eine Familie, in der nicht mindestens ein Elternteil im Ausland arbeitet. In der Regel bleiben die Kinder zurück und wachsen bei Verwandten, Bekannten oder auch ganz alleine auf. Da die meisten Eltern illegal das Land verlassen, sehen sich Kinder und Eltern häufig jahrelang nicht. Andrea Diefenbach hat diese geteilten Familien begleitet. Die Kinder in der Republik Moldau und ihre Eltern, die meist illegal in Italien leben, dem Land im Westen, in das die meisten Moldauerinnen und Moldauer emigrierten.

Aus der Serie »Land ohne Eltern«.

Aus der Serie »Land ohne Eltern«. Foto: Andrea Diefenbach

Für ihre kritischen und empathischen Reflexionen sozialer Zu- und Missstände wurde Andrea Diefenbach bereits vielfach ausgezeichnet (u.a. Abisag Tüllmann Preis 2013 und n-ost-Reportagepreis 2012). Seit 2013 lehrt sie Fotografie an der Hochschule Darmstadt im Fachbereich Gestaltung und seit 2015 an der Fachhochschule Bielefeld. Sie lebt mit Mann und Sohn in Wiesbaden.

Am 18. Oktober 2016 um 19 Uhr wird die Ausstellung in der FHV-Galerie in der Bibliothek der FH Vorarlberg mit einem Vortrag von Andrea Diefenbach eröffnet (Raum W2 11/12). Die Ausstellung ist bis zum 20. Januar 2017 in der FHV-Galerie zu sehen.

FHV-Galerie
FH Vorarlberg, Campus V
Hochschulstraße 1
6850 Dornbirn, Österreich

Öffnungszeiten
Montag 15. bis 21 Uhr
Dienstag bis Freitag 9 bis 21 Uhr
Sonnabend 11.30 bis 17 Uhr