CNN Journalist Award 2015

Mit ihrem Fotoessay über das »Leben Trotz Krise in Andalusien« konnte sich Jelca Kollatsch beim diesjährigen CNN Journalist Award durchsetzen.

Mit ihrem Fotoessay über das »Leben Trotz Krise in Andalusien« konnte sich Jelca Kollatsch beim diesjährigen CNN Journalist Award durchsetzen. Foto: Jelca Kollatsch

Jelca Kollatsch

Häuser ohne Menschen und Menschen ohne Häuser

Jelca Kollatsch, FREELENS Mitglied und Fotostudentin in Hannover hat mit ihrer Arbeit »Häuser ohne Menschen und Menschen ohne Häuser« den CNN Journalist Award in der Kategorie Foto gewonnen. Der CNN Journalist Award ist der Nachwuchspreis für Auslandsjournalismus von CNN International. Er prämiert jährlich herausragende Print-, Radio-, TV-, Online- und Fotobeiträge von Nachwuchsjournalisten. Ihre Arbeit wurde zuerst in der Zeitschrift »verdi publik« veröffentlicht.

Der Fotoessay von Jelca Kollatsch hat die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Menschen in Andalusien (Spanien) mit der höchsten Arbeitslosen- und Zwangsräumungsrate des Landes, sowie die Reaktionen der Bevölkerung auf die Sparpolitik der Regierung zum Thema. »Armut ist längst nicht mehr ausschließlich ein Thema der Dritten Welt. Allerdings kommt es in Europa nicht so exotisch daher. Umso wichtiger, dass sich Jelca Kollatsch dieses Themas auf so beeindruckende Weise fotografisch angenommen hat«, sagte Rolf Nobel, Professor für Fotografie an der Hochschule Hannover. »Mit ihrer Reportage über die Auswirkungen der Finanzkrise hat Jelca Kollatsch erneut belegt, dass guter Journalismus ein Langstreckenlauf und kein Sprint ist, denn sie hat einige Wochen Arbeit in dieses wichtige Thema investiert«, sagte Nobel weiter.

 

Hier der Text von Jelca Kollatsch, den sie zu dem Projekt unter dem Titel »Jenseits der Kastagnetten-Klänge« verfasst hat:

Vom Widerstand gegen die Auswirkungen der Krise

Wie sieht das Leben aus, wenn die Krise über das Heimatland hereinbricht? Wenn Banken mit bis zu 100 Milliarden Euro gerettet werden? Wenn parallel 27 Prozent aller Menschen arbeitslos sind? Wenn die Hälfte aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen keinen Job hat?

Was passiert da in Spanien, wenn immer weiter gespart werden muss, weil die Troika ihre Kreditzusagen daran knüpft? Wie geht es den Menschen, den Einzelnen und den Familien, wenn das Sozialsystem kaum mehr existiert? Was passiert mit ihren Wünschen und Gefühlen? Woraus schöpfen sie Hoffnung? Was gibt den Menschen Kraft, wenn sie ihre Hypotheken nicht mehr zahlen können? Wenn sie ihr Zuhause verlieren?

Wohin richtet sich ihre Wut, wenn sie erkennen, dass die Banken gerettet und sie geräumt werden? Was passiert mit der Würde der Menschen, wenn sich die Lebensbedingungen plötzlich und unverschuldet derart ändern? Wofür lohnt es sich zu kämpfen, wenn alles gegen einen verschworen zu sein scheint?

Die Auswirkungen der Finanzkrise Spaniens sind im sonnigen Süden des Landes besonders spürbar. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote beträgt in den ländlichen Regionen Andalusiens bis zu 47 Prozent und zwei Drittel aller Jugendlichen sind betroffen. Nach sechs Jahren Krise bekommt kaum noch jemand Arbeitslosengeld, die Hypotheken und Mieten sind von der Sozialhilfe nicht bezahlbar und so sind heute laut Caritas 350.000 Menschen unterernährt.

Sechs Millionen Wohnungen stehen in Spanien leer, das sind etwa 25 Prozent des gesamten Wohnungsbestandes. Parallel dazu finden täglich bis zu 500 Zwangsräumungen statt. Den Betroffenen in ihrer schwierigen Situation stehen Bankgiganten gegenüber und nur durch die starken Selbsthilfegruppen und Solidaritätsaktionen ist es einigen möglich, die Räumung abzuwenden oder aufzuschieben.

»Corrala de Vecinas la Utopía«, »Nachbarinnen des Wohnblocks Utopie«, tauften 36 Familien im Mai 2012 ein großes Gebäude, das sie besetzten. Es war der Beginn einer Besetzungsbewegung durch Familien, die keine andere Option mehr für sich sahen und wussten, dass es eine Öffentlichkeit, eine große Solidaritätsbewegung braucht, um ein Recht auf soziale Mieten zu erstreiten.

»Zuerst kaufen wir Essen für unsere Kinder, und dann zahlen wir unsere Schulden«, ist eine Aussage, die Banken nicht beeindruckt, doch die Ausgangssituation vieler Familien beschreibt. Die Angst, dass ihnen ihre Kinder wegen Obdachlosigkeit vom Sozialamt weggenommen werden, verleiht vor allem den Frauen ungeahnte Kräfte. Sie widersetzen sich und machen plötzlich Politik.

In 20 Monaten Besetzung, mit Gerichtsprozessen und äußerst medienwirksamen Aktionen, konnte die Räumung der »Corrala Utopía«, nicht verhindert werden. Selbst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte untersagte Spanien die Räumung von Wohnungen, wenn den Betroffenen keine Alternative zu einem Leben auf der Straße bliebe. Dennoch wurde am 6. April 2014 die »Corrala de Vecinas la Utopía« zwangsgeräumt.

Die Andalusische Arbeitergewerkschaft (SAT) ist ein Unikum. Gegründet wurde sie in den 1970er Jahren von katholischen Priestern. Die Gewerkschaft führte einen ländlichen Kampf, der keine Parallele zu dem hatte, was im Rest von Europa passierte. Bis heute sehen sich die armen und arbeitslosen Bauern und Bäuerinnen gezwungen fruchtbares, unbestelltes Land zu besetzen.

Die Farm Somonte ist dafür das deutlichste Beispiel. Sie liegt zwischen den Provinzen Sevilla und Córdoba, einer Region mit einer der höchsten Arbeitslosenquoten in Andalusien. Diese Farm, zu der öffentliches Land gehört, sollte für einen unverschämt niedrigen Preis an einen Großgrundbesitzer verkauft werden. Landarbeiter*Innen besetzten sie und verteidigen sie gegen die versuchten Zwangsräumungen durch die Polizei. Sie bestellen das Land und sind heute in der Lage, die Farm zu verwalten.

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Jelca Kollatsch
wurde 1984 in Lübeck geboren und beendete 2010 ihre duale Ausbildung zur Fotografin an der Fachhochschule Hannover. Seit 2010 studiert sie Fotojournalismus an der Hochschule Hannover bei Prof. Rolf Nobel. Das Essay über das Leben trotz Krise in Andalusien ist als das Buch »Jenseits der Kastagnetten-Klänge« im Selbstverlag erschienen. 100 Exemplare stehen zur Verfügung und können bei Jelca Kollatsch per E-Mail bestellt werden. Der Preis ist 25,– Euro exkl. Versand. Für 35,– Euro plus Versand können Sie helfen die nächste Fotogeschichte zu realisieren und erhalten zum Dank einen original Foto-Abzug aus dem Buch als Zugabe.