In eigener Sache

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Foto: FREELENS

Quo vadis, Fotojournalismus?

Liebes World Press Photo,
Lieber Fotojournalismus,

nach den Ereignissen der letzten Tage scheint es nun an der Zeit, die Trümmer bei Seite zu räumen, aus den Fehlern zu lernen und in die Zukunft zu schauen.

Wir halten fest: Dem Gewinner der Kategorie »Contemporary Issues« Giovanni Troilo wurde der Preis für seine Serie »The Dark Heart of Europe« nach öffentlichen Diskussionen und eingehender Prüfung von der World Press Photo Foundation schließlich wieder aberkannt. Troilos Fotos waren nicht nur offensichtlich inszeniert, der Fotograf hatte außerdem gleiche Bilder mit widersprüchlichen Bildunterschriften in Umlauf gebracht – und schließlich stellte sich heraus, dass eines der Bilder gar nicht in der angegebenen Stadt entstanden ist.

Die öffentliche Diskussion über die Serie zeigt, dass es unterschiedliche Auffassungen von Fotojournalismus, über Art und Umfang der Bildbearbeitung und die Entstehung von dokumentarischen Fotos gibt. Und sie zeigt, wie wichtig es ist, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Während es jedem Fotojournalisten klar sein sollte, dass Bilder wahrheitsgemäß zu beschriften sind, wirft allein die Disqualifikation von rund 20 Prozent der in die Endauswahl gekommenen Fotos aufgrund »technischer Manipulationen« beim diesjährigen World Press Photo Award bereits viele Fragen auf.

Es ist nicht ersichtlich, welche Manipulationen zur Disqualifikation geführt haben – was nicht nur auf Fotografenseite eine große Verunsicherung in der Frage schafft. Dies wird noch dadurch verschärft, dass auch unter den prämierten Bildern solche sind, bei denen offensichtlich eine sehr weitgehende Bearbeitung stattgefunden hat.

In einer Welt, in der die Arbeit der Presse stärker hinterfragt wird denn je, sollten nun also Standards und Leitlinien diskutiert werden, die das Vertrauen in den Fotojournalismus aufrechterhalten und stärken. Wir müssen uns klar machen, was erlaubt ist in unserer Arbeit und was nicht. Wir müssen Standards dafür finden, wie wir Fotos machen, uns aber auch darüber klar werden, wie wir diese im weiteren Arbeitsprozess behandeln.

Und eine solche Diskussion ist nur gemeinsam zu bewältigen. Setzen wir uns zusammen, tauschen wir uns aus, definieren wir eine zeitgemäße fotojournalistische Ethik, die den technischen Neuerungen Rechnung trägt, die aber auch das Handeln des einzelnen Fotografen mit einbezieht. Es gibt nicht das eine objektive Foto, das die Wahrheit einer Geschichte zeigt, ebenso wenig wie die eine starre Regel, die universell anwendbar ist und zu ethisch korrekten Entscheidungen führt.

Unser Ziel muss vielmehr ein transparent und nachvollziehbar definierter Rahmen sein, in dem sich die fotografische Ethik bewegt – und dieser muss fortwährend weiterentwickelt und justiert werden. Dazu zählen dann auch Auseinandersetzungen wie jene um den diesjährigen World Press Photo Contest, die hoffentlich ein guter Ausgangspunkt für die längst überfällige Diskussion sein wird…