Schwerpunktthema

@everydayafrica – Wettrennen vor Schulbeginn auf dem Sportgelände der Aga Khan Academy in Mombasa, Kenia.

@everydayafrica – Wettrennen vor Schulbeginn auf dem Sportgelände der Aga Khan Academy in Mombasa, Kenia. Foto: Austin Merrill

Social Media für Fotograf*innen

»The Everyday Projects«: Foto-Kollektive im Zeitalter Sozialer Medien

Text – Susanne Krieg

Soziale Plattformen haben die Art und Weise, wie wir Medieninhalte produzieren und konsumieren, von Grund auf verändert. Während dem traditionellen Journalismus der westlichen Welt die Felle zunehmend davon schwimmen, eröffnen sich anderswo für Fotograf*innen völlig neue Chancen…

Vielleicht ist sie schon jetzt der heimliche Gewinner der digital-sozialen Zeitenwende: die neue Generation visueller Storyteller aus Regionen der Welt, über die lange, wenn überhaupt, nur durch die Augen westlicher Medien berichtet worden ist, gern in eurozentrischen Erzählmustern und gebetsmühlenartig wiederholten Stereotypen.

Ihre Stunde scheint gekommen – nicht zuletzt, weil das Internet und die sozialen Medien es so einfach wie nie zuvor machen, unabhängig zu publizieren, sich zu vernetzen und auf globaler Ebene Aufmerksamkeit zu erzeugen. Immer mehr Fotografen und Journalisten aus afrikanischen und asiatischen Ländern, Lateinamerika und dem Nahen Osten scheinen dies erkannt zu haben und beweisen, wie man ausgerechnet die Plattform Instagram dazu nutzt, eigene Perspektiven und alternative Themen in die Welt hinaus zu transportieren – so erfolgreich, dass selbst traditionelle, westliche Medien beginnen, die Geschichten, die sie mit ihren Bildern erzählen, aufzugreifen.

Die »Everyday Projects« gelten als Wegbereiter dieser Entwicklung. Inzwischen folgen weit über eine Millionen Menschen den dazugehörigen Accounts, deren Macher angetreten sind, die Fotoindustrie ein Stück weit zu dekolonisieren. Erklärtes Ziel ist es, die Welt, ihre Menschen und Orte, durch möglichst viele verschiedene Linsen und Sichtweisen zu interpretieren und verkrustete Klischees aufzubrechen.

@everydaylatinamerica – Frau beim Aufladen ihres Smartphones in einem Restaurant in Playas, Ecuador, 2017.

@everydaylatinamerica – Frau beim Aufladen ihres Smartphones in einem Restaurant in Playas, Ecuador, 2017. Foto: Yolanda Escobar Jimenez

Wie alles begann? Fast zufällig. Im März 2012 eröffnen zwei amerikanische Journalisten, der Fotograf Peter DiCampo und der Autor Austin Merrill, nach einer Recherche an der Elfenbeinküste einen gemeinsamen Instagram-Account, den sie @everydayafrica nennen. Darauf posten sie Alltagszenen, die sie während der Reise mit dem Mobiltelefon geknipst haben: Bilder von Männern, die an Autos basteln, ein Vater, der seinem Kind die Nase putzt, eine lachende Frau vor roter Mauer, Shoppingmalls. Ihnen war aufgefallen, dass diese Fotos wenig zu tun hatten mit dem, was sonst in amerikanischen Medien über Afrika berichtet wurde. Krieg, Armut, Hunger, Krankheit – immer die alte Leier von Hoffnungslosigkeit, Chaos und Verderben. »In meinen Augen schien die Alltäglichkeit unserer Handyfotos der Realität dabei viel gerechter zu werden als jede Reportage, für die ich bis dato nach Afrika geschickt worden war«, erinnert sich DiCampo heute.

Der Fotograf bittet andere Instagrammer – darunter Journalisten, Fotografen und Korrespondenten –, sich ebenfalls mit Bildern aus dem afrikanischen Alltag an dem Account zu beteiligen und schon bald sorgt die Galerie mit den ungewöhnlichen Fotos und kleinen Geschichten, die dort erzählt werden, für ein erstes mediales Aufhorchen. Auch bei den Community-Mitarbeitern von Instagram. Diese fügen den Account sogar der »Suggested User«-Liste hinzu. Ein Ritterschlag, der dem Projekt tausende neue Follower beschert.

Zum Foto-Kollektiv, das sich anfangs überwiegend aus westlichen Mitstreitern zusammensetzt, stoßen immer mehr afrikanische Fotografen, die sich mit ihren eigenen, meist per Smartphone geschossenen Beiträgen und dem Hashtag #everydayafrica beteiligen.

Dabei sind viele von ihnen Autodidakten, doch ihre Fotos und Motive oft so gut, dass DiCampo und Merrill die Leitung und das Kuratieren des Accounts bald an die einheimischen Mitstreiter übergeben. Heute wird @everydayafrica von neun afrikanischen Kollegen im wöchentlichen Turnus gemanagt.

@africashowboy für @everydayafrica – »Afro on purple. Silhouette of my daughter. Accra, Ghana.«

@africashowboy für @everydayafrica – »Afro on purple. Silhouette of my daughter. Accra, Ghana.« Foto: Nana Kofi Acquah

Zu ihnen gehört auch Nana Kofi Acquah (@africashowboy). Der ghanaische Ex-Kreativdirektor, der in einem Dorf nördlich von Accra lebt, ist nur einer von mehreren visuellen Storytellern, die inzwischen auf internationaler Ebene Lorbeeren für ihre Fotos geerntet haben. Inzwischen arbeitet Acquah beispielsweise für Getty Images, zudem ist er im vergangenen Jahr mit dem Tim Hetherington Trust/World Press Photo Foundation Fellowship ausgezeichnet worden. Acquah sagt: »Bei Everyday Africa geht es darum, den Kontinent als Ganzes zu zeigen und nicht bloß ein paar Teile, die Fremde für berichtenswert zu halten scheinen!«

Die Idee, Kultur und Alltag eines Landes von innen her zu beleuchten statt von außen, überzeugt. So sehr, dass nicht nur die New York Times oder National Geographic über sie berichten. Sie wird auch von zahlreichen Fotograf*innen in anderen, unterrepräsentierten Regionen der Welt aufgegriffen. Zuerst in Asien (@everydayasia). Dann im Nahen Osten (@everydaymiddleeast), Lateinamerika (@everydaylatinamerica) oder Osteuropa @everydayeasterneurope. So ist ein weit verzweigtes Netzwerk entstanden, an dem immer weiter geknüpft wird.

Inzwischen setzen die Everyday Projects nicht mehr nur geografische Schwerpunkte, sondern drehen sich auch um Themen wie Klimaschutz @everydayclimatechange), Rassismus in den USA (@everydayblackamerica) oder das Leben von Geflüchteten (@everydaymigration) und Inhaftierten (@everydayincarceration).

@everydamigration – Die »Karawane der Mütter« sucht nach ihren in Mexiko verschwundenen Kindern. Unter ihnen auch die Honduranerin Priscila Cartagena, die 2007 das letzte Mal etwas von ihrer Tochter gehört hat.

@everydaymigration – Die »Karawane der Mütter« sucht nach ihren in Mexiko verschwundenen Kindern. Unter ihnen auch die Honduranerin Priscila Cartagena, die 2007 das letzte Mal etwas von ihrer Tochter gehört hat. Foto: Tomas Ayuso

Als Instagram die Everyday-Accounts 2014 auf das Photoville Festival nach New York einlädt, stehen sich die weit über den Erdball verstreuten Repräsentanten schließlich zum ersten Mal persönlich gegenüber. Sie stellen nicht nur gemeinsam ihre Bilder aus, sondern nutzen diese Gelegenheit auch, um eine Non-Profit-Dachgesellschaft zu gründen und ein Mission Statement zu formulieren. Jeder, der ebenfalls einen Everyday-Account in Angriff nehmen möchte, kann sich hier einen Leitfaden inklusive Mission Statement herunterladen.

Man wolle »lokalisiertes Storytelling« unterstützen, ist darin zu lesen. Ebenso soll Fotografie mit dem Smartphone ausdrücklich bestärkt werden. Denn die ist überall auf der Welt erschwinglich und liefert inzwischen großartige Ergebnisse. Das beweist auch das im März 2017 von Austin Merrill und Peter DiCampo initiierte erste Buchprojekt zu @everydayafrica: 250, mehrheitlich mit dem Smartphone geschossene Werke des Mutter-Accounts zeigen darin die vielfältigen Bewohner der 55 afrikanischen Staaten, und zwar so, wie sie sind – nicht wie westliche Medien sie bisher gern gezeigt haben: darunter immer wieder Menschen während der Arbeit, beim Einkaufen oder eben auch mal beim Sporttreiben. Gespickt ist das Ganze mit den Bildunterschriften der Fotografen, aber auch den Kommentaren, die Instagram-Nutzer darunter gepostet haben, manche schockierend unverblümt und sarkastisch, manche witzig und aufrichtig – eben so, wie Kommentare auf Instagram nun mal sind…


Susanne Krieg
Journalistin mit einer Leidenschaft für multimediale Inhalte. Nach über zehn Jahren als GEO-Redakteurin arbeitet die inzwischen zertifizierte Social-Media-Managerin als Texterin und Dozentin für crossmediale Themen.
www.susanne-krieg.de