Street Photography

Hamburg, 2011.

Hamburg, 2011. Foto: Siegfried Hansen

Siegfried Hansen

»Was am Ende bleibt, sind die Bilder«

Sie sind verblüffend einfach und dennoch rätselhaft. Den Bildern von Siegfried Hansen liegt ein ganz eigenes formales Konzept zugrunde, für das ihn seine Anhänger lieben. Der Hamburger hat für seine Arbeiten zahlreiche Auszeichnungen erhalten, er ist Mitglied in wichtigen Straßenfotografie-Gruppen und seine erste, in diesem Jahr erschienene Publikation hat sich gut verkauft. Ohne Frage – Siegfried Hansen ist derzeit einer der erfolgreichsten Straßenfotografen in Deutschland. Am 19. November eröffnet die FREELENS Galerie die Ausstellung »Hold the Line« mit dem Fotografen. Grund genug, ihn im Vorfeld zu einem Gespräch zu treffen.

Peter Lindhorst: Im April ist dein erstes Buch »Hold the Line« erschienen. Was ist seitdem passiert und wie waren die Reaktionen?

Siegfried Hansen: Die Reaktionen waren sehr gut, besonders international fand das Buch Aufmerksamkeit und es gab weltweite Bestellungen. Die erste Auflage von 800 Exemplaren ist ausverkauft. Ich habe nur noch wenige signierte Exemplare, aber spätestens mit der Ausstellung bei FREELENS dürfte der Bestand dann vollends weg sein.

Es gab sehr positive Buchbesprechungen im In- und Ausland und das Buch wurde u.a. auch in der Kategorie »First Photo Book« auf die Shortlist bei den »2015 Paris Photo–Aperture Foundation Photo Book Awards« gewählt. Es wird jetzt bei der Paris Photo gezeigt. Das ist ein schöner Erfolg.

Hamburg, 2009.

Hamburg, 2009. Foto: Siegfried Hansen

Ist das Buch ein eher ungewöhnliches Veröffentlichungsmedium? Immerhin verbreitest du deine Straßenfotografie ja hauptsächlich über andere Kanäle.

Eigentlich arbeite ich nur mit Einzelbildern. Mit diesem Buch ist es mir erstmalig gelungen, meine Bilder zu etwas Kohärentem zusammenzufassen – es ist eine Serie. Wer im Buch blättert wird sofort merken, dass die Idee geholfen hat, verschiedene Farbseiten als Verbindung zwischen die Arbeiten zu setzen. So entwickelt das Buch einen Fluss.

In den ersten Jahren habe ich einfach fotografiert, ohne Verwertungsgedanken an Bücher oder Ausstellungen. Ich habe die Bilder dann vor allem ins Netz hochgeladen. In einem Buch geht es aber nicht darum, einfach nur die besten Einzelbilder zu präsentieren. Das Problem in meiner Straßenfotografie sehe ich darin, die Bilder zu einer Strecke zusammenzufügen. Genau das hat mir anfangs bei »Hold the Line« einige Kopfschmerzen bereitet. Ich habe lange editiert und Leute befragt. Aber es gelang mir nicht, ein überzeugendes Buch daraus zu formen. Auf einem Book-Workshop entstand die Idee, meine Fotos mit farbigen Seiten zu rhythmisieren. Plötzlich konnte ich den Schalter umlegen und habe das Buch dann innerhalb kurzer Zeit fertiggestellt.

Wie wichtig ist eine unverwechselbare Handschrift in der Straßenfotografie?

Als Fotograf hat man schon das Problem, einen identifizierbaren Stil zu finden. Ich habe eine sehr grafische Herangehensweise, die ich über die Jahre immer weiter verfeinert habe. Mit meiner Arbeitsweise wird es dennoch schwer werden, jedes Mal auf’s Neue zu überraschen.

Was macht deine Straßenfotografie aus? Kannst du das beschreiben?

Ich gehe raus, scanne das Geschehen und versuche, einen ganz bestimmten Ausschnitt zu isolieren, der mein Interesse weckt. Ich hab ein gutes Gespür dafür, wie Linien zusammenlaufen, grafische Flächen zueinander stehen und wie ein Bild aufgebaut sein muss, um zu funktionieren. Ich kann über das Formale hinaus auch das Skurrile in ganz alltäglichen Dingen erkennen – dabei suche ich das kompositorisch anspruchsvolle Foto. Ich habe jahrelang gesammelt, bevor ich überhaupt einen Gedanken an ein Buch oder eine Ausstellung verschwendet habe. Eine Handschrift erarbeitet man sich ja nach und nach. Ich glaube, mir hat es geholfen, rauszugehen und einfach loszulegen, ohne immer daran zu denken, wie ich meinen Stil ausprägen konnte.

Tokyo, 2002.

Tokyo, 2002. Foto: Siegfried Hansen

Wenn Menschen in deiner Straßenfotografie vorkommen, sind sie letztendlich auch als grafische Elemente zu begreifen. Sie werden nicht identifizierbar abgebildet. Ist das auch dem Grund geschuldet, einer unsicheren Rechtslage für Straßenfotografen auszuweichen?

Die rechtliche Problematik, mit der sich viele Kollegen beschäftigen, hat bei mir nie eine Rolle gespielt. Wenn man meine ersten Bilder von 2002 betrachtet, erkennt man darin schon den grafischen Charakter: Linien, die sich durch die Bilder ziehen, strenge Aufteilung des Bildes, Abstraktion des Moments. Ich hatte in Japan eine André Kertész-Ausstellung gesehen – das war meine Initialzündung. Ich mochte, wie Kértész genau die Dinge ausdrücken konnte, die ich in der Fotografie vorher noch nicht gesehen hatte. Das Studium seiner Bilder war für mich die größte Motivation: rauszugehen, auf der Straße zu fotografieren und Abstraktionen selbst zu entdecken und festzuhalten.

Dass dort auch Menschen vorkamen, die meist nicht zu erkennen waren, wurde dann automatischer Teil meiner künstlerischen Auffassung. Das geschah nicht aus Angst, rechtlich gegen etwas zu verstoßen. Denn vor 10 Jahren war das Thema nicht so im Fokus wie heute. Diese Sensibilisierung der Menschen ist erst mit dem Großwerden des Internets einhergegangen, wo jeder darauf achtet, ob und wie er abgebildet wird. Für mich ist es also kein so drängendes Thema, für viele meiner Kollegen schon.

Genf, 2011.

Genf, 2011. Foto: Siegfried Hansen

Wie wichtig sind die sozialen Netzwerke und Plattformen für einen Fotografen wie dich?

Definitiv ist das Internet für mich ein Segen. Früher war es doch so: ich habe mich mit anderen Straßenfotografen getroffen und jeder hat seine Bilder gezeigt. Heute lädt man seine Bilder ins Internet hoch und bekommt sofort Reaktionen. Das hat mich dazu gebracht, weiter Fotos im Netz zu veröffentlichen. Ich fand es angenehm, wenn Betrachter darüber diskutierten, ob das ein »typischer Hansen« sei.

Was sind wichtige Plattformen für dich?

Zuerst war ich auf der Fotocommunity und habe später auf Flickr veröffentlicht. Neben den vielen Reaktionen passierte noch mehr: Ich wurde in das Buch »Street Photograpy Now« aufgenommen. Einem der Initiatoren, Steve McLaren, waren meine Bilder aufgefallen. Das habe ich als Riesenehre empfunden, plötzlich in einem Buch mit Martin Parr, Trent Parke und Bruce Gilden aufgenommen zu werden. Es ist der bestverkaufte Titel im Bereich der Straßenfotografie, eine Art Bibel für das Genre mit seinen vielen Spielarten. Wie andere nutze ich Facebook regelmäßig, allerdings weniger zur Veröffentlichung meiner Arbeiten, sondern für Ankündigungen meiner Aktivitäten.

Hamburg, 2013.

Hamburg, 2013. Foto: Siegfried Hansen

Bist du eigentlich im Ausland bekannter als in Deutschland?

Ich weiß es nicht. Mit Google Analytics konnte ich erkennen, dass meine Seite zu 60% in den USA aufgerufen wurde, was mich überraschte. Ich habe aber eine Reihe von Fans im Ausland. Das habe ich deutlich gemerkt bei Buchbestellungen, die Mehrheit der Bücher wanderte ins Ausland. Es freut mich, wenn das Interesse für die Arbeit über einen Insiderkreis in Deutschland hinausreicht.

Wie wichtig ist Vernetzung und Austausch? Du bist ja auch in der Gruppe In-Public?

Ich empfinde es als Ehre, dabei zu sein. Die Gruppe hat im Bereich der Straßenfotografie schon einen immensen Status. Es sind Fotografen wie Matt Stewart, Nick Turpin und Trent Parke dabei. Wenn ich als einziger Deutscher in der Gruppe dabei sein kann, hat das einen guten Effekt für mich – seitdem ist meine Arbeit auch im Ausland spürbar bekannter geworden.

Wie gut muss man Marketing betreiben können? Bist du aktiv oder wartest du ab?

Wer heute abwartet, ist verloren. Wir werden heutzutage mit Bildern überhäuft. Um wahrgenommen zu werden, muss man extrem gute Arbeiten machen und gutes Marketing betreiben, ansonsten wird man nicht gesehen. Bilder sind schnelllebig. Es ist ratsam, an Wettbewerben teilzunehmen und seine Fotos an Experten zu schicken. Ich bin überzeugt – was am Ende bleibt, sind die Bilder. Qualität wird sich immer durchsetzen und das Mittelmaß wird erkannt werden.

Hamburg, 2007.

Hamburg, 2007. Foto: Siegfried Hansen

Kannst du mit deinem Erfolg auch Geld verdienen?

Für mich ist es nach wie vor eine Leidenschaft. Ich freue mich, dass ich eine Ausstellung machen kann, aber Geld verdienen? Für mich geht es darum, nach draußen zu gehen und zu fotografieren und Spaß zu haben, ohne an das Finanzielle zu denken.

Rufen Redaktionen oder andere Auftraggeber an und wollen dich buchen?

Es kommen schon Anfragen, aber ich lehne das zur Zeit fast immer ab. Auftragsarbeiten sind ein Korsett, mit dem ich mich nicht bewegen kann. Es ist nicht mein Metier – aber ich will Auftragsfotografie für die Zukunft auch nicht gänzlich ausschließen.

Was darf der Besucher in der FREELENS Galerie erwarten?

Meine Fotografie ist vielleicht undankbar, weil es um Einzelbilder geht, die kein übergeordnetes Thema haben. Wenn der Betrachter sich bei jedem Bild neu hineinfinden muss, ist das schwierig – aber gleichzeitig auch überraschend und herausfordernd. Ich freue mich, wenn Betrachter sich mit meinen grafischen, komplexen Bildern beschäftigen und plötzlich Dinge sehen, die sie in Erstaunen versetzen.