27. Visa pour l’Image

Einer der beeindruckendsten Ausstellungsorte ist wie in jedem Jahr die Église des Dominicains.

Einer der beeindruckendsten Ausstellungsorte ist wie in jedem Jahr die Église des Dominicains. Foto: FREELENS

Post aus Perpignan

Wenn Fotografie plötzlich ihre Wucht entwickelt

Geschäftiges Treiben in Perpignan. Man merkt: das Festival Visa pour l’Image ist ins Rollen gekommen, die Veranstaltungen und Treffpunkte füllen sich. Es ist das 27. Mal, dass Perpignan zu dem Treffpunkt für Fotojournalismus wird. Immer mehr Leute treffen ein, einige von ihnen sind schon unzählige Male dabei und geben gerne ihre Anekdoten und Geschichten aus Anfangszeiten zum Besten. Für einen Neuling wie mich gibt es keine Routine, ich bin zum zweiten Mal da, und es ist aufregend, die Atmosphäre aufzusaugen, sich als Teil eines internationalen Publikums zu fühlen und mein individuelles Programm aus zahlreichen Ausstellungen und Veranstaltungen zusammenzufügen. Welche Ausstellung sollte ich mir anschauen? Wer ist heute Abend im Screening? Welchen Vortrag könnte ich mir anhören? Mühelos lässt sich der Tag so verplanen.

Während die Orte der Ausstellungen auch beim zweiten Besuch imposant bleiben, ist die Art der dortigen Präsentation nach wie vor gewöhnungsbedürftig. So wünschte ich mir einen seriöseren Umgang mit Bildern, mit der Präsentation und der Editierung. Im Couvent des Minimes, dem Hauptausstellungsort, muss ich mich durch so manche Arbeit regelrecht durchkämpfen. Die Hängung, dazu die beigefügten Texte auf den Passepartouts, all das führt bei Saunatemperaturen zu leichtem Verdruss.

Hauptausstellungsort ist das Couvent des Minimes.

Hauptausstellungsort ist das Couvent des Minimes – u.a. mit »The Congo River – Exploring a Legend« von Pascal Maitre. Foto: FREELENS

Vielleicht ist aber mein Anspruch hier verkehrt, es geht um Inhalte, Informationsvermittlung, nicht um eine kreativ-künstlerische Präsentation, die inspirieren soll. Trotzdem hadere ich, z.B. mit Bildunterschriften direkt auf dem Passepartout. So kämpfe ich mich durch manche Ausstellung, etwa die Serie »Spain’s Housing Crisis« von Andres Kudacki, der mitten in das Herz existentieller Not in Spanien blickt. Sozial schwache Familien können ihre Miete nicht mehr zahlen und werden gnadenlos auf die Straße gesetzt. Ein wichtiges Thema – allerdings wäre es um Klassen besser, hätte man es um die Hälfte gekürzt.

Von Pascal Maitre findet man eine Farbserie über den Fluss Kongo, die ein Publikumsmagnet zu sein scheint. Der Magnum-Fotograf Eli Reed ist dabei mit einer Retrospektive, die Arbeiten aus fünf Jahrzehnten umspannt. Als Deutscher ist Gerd Ludwig vertreten mit seiner Serie über einen neuen Katastrophen-Tourismus, der entstanden ist, nachdem die Sperrzone um Tschernobyl geöffnet wurde. Ein reichhaltiges Angebot von bekannten und unbekannten Arbeiten, die man am besten dosiert anschaut.

Die kanadische Fotojournalistin Adrienne Surprenant führt durch ihre Ausstellung »The Future Nicaragua Canal«. Die Festivalbesucher erfahren gerne mehr über die Hintergründe zur Entstehung der ausgestellten Reportagen.

Die kanadische Fotojournalistin Adrienne Surprenant führt durch ihre Ausstellung »The Future Nicaragua Canal«. Die Festivalbesucher erfahren gerne mehr über die Hintergründe zur Entstehung der ausgestellten Reportagen. Foto: FREELENS

Und gerade, als man über seine Rolle als Betrachter bei der Menge dargestellten Elends reflektiert – soeben hat man sich noch die so bemerkenswerte wie erschütternde Serie über »Ebola« von Daniel Berehulak angeschaut – gerät man in eine Ausstellung von Juan Manuel Castro Prieto, der, inspiriert von dem großen peruanischen Fotografen Martín Chambi, eine wunderbar leichte Reportage über Menschen in den Anden gefertigt hat. Ein Gegenpol zu den meisten der hier gezeigten Arbeiten – eine Entdeckung. Sehr poetische Porträts und Landschaften sind zu sehen, die für den Betrachter einen kurzen Moment des Verschnaufens und der Beschwingtheit bereithalten, inmitten all der Arbeiten, die direkt aus den Kriegs- und Krisengebieten berichten und oft thematische Redundanzen aufweisen.

Am eindrucksvollsten ist für mich die sehr persönliche Serie von Nancy Borowick, die ihre Eltern, die beide an Krebs erkrankt sind, fotografisch begleitet. Man muss den Begleittext am Anfang der Ausstellung gar nicht lesen und weiß trotzdem sofort, dass es nicht gut ausgehen wird. Fotografische Auseinandersetzungen mit Krebs gibt es einige, doch wie hier die Tochter ihre sehr persönliche Geschichte darbietet und eine passende fotografische Umsetzung dafür findet, ist imponierend. Die Intensität verlangt dem Betrachter einiges ab, aber letztendlich ist es eine wunderbare Rezeptionserfahrung, die allen Unmut über schlechte Hängungen etc. sofort pulverisieren lässt. Man verlässt angeschlagen den Raum, ist aber beseelt von der Wucht, die Fotografie plötzlich auf einen ausüben kann.

Berührende Bilder in der Ausstellung »Cancer Family« von Nancy Borowick.

Berührende Bilder in der Ausstellung »Cancer Family« von Nancy Borowick. Foto: FREELENS

Plötzlich rückt die eigene Heimat in der französischen Ferne ganz nah. Bekannte Orte präsentieren sich einem in Maria Fecks Serie »Lampedusa in St. Pauli«, die in der Gruppenausstellung mit dem Titel »Beyond the Facts« zu sehen ist. Neben den offiziellen Angeboten auf dem Festival (Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Portfolioreviews, Vorträge und natürlich die allabendlichen Screenings), gibt es eine Reihe von Off-Veranstaltungen, die überwiegend enttäuschen.

Eine unbedingte Empfehlung ist aber die etablierte Ausstellung der Studenten aus der Hochschule Hannover im »La Salle des Libertés«, einem Gebäude der Stadtverwaltung. In dem geräumigen, aber nicht ganz leicht zu bespielenden Saal haben die verantwortlichen Studenten auch in diesem Jahr eine Präsentation hinbekommen, in der sich die einzelnen Positionen plausibel und daher bravourös zu einem Ganzen zusammenfügen. Inzwischen ist es das 14. Mal, dass diese Korporation zwischen der Stadt Perpignan und der Hochschule zustande gekommen ist. Dazu gehört immer auch eine obligatorische Eröffnungsveranstaltung, die gut besucht ist und auf der man einige der ausstellenden Fotografen antreffen kann.

Mit »Beyond the Facts« hat auch die Hochschule Hannover wieder eine Ausstellung im Rahmen des Off-Festivals in Perpignan. Bereits zum 14. Mal präsentieren die Hannoveraner Studenten dort ihre herausragenden Arbeiten.

Mit »Beyond the Facts« hat auch die Hochschule Hannover wieder eine Ausstellung im Rahmen des Off-Festivals in Perpignan. Bereits zum 14. Mal präsentieren die Hannoveraner Studenten dort ihre herausragenden Arbeiten. Foto: FREELENS

Als Besucher der Eröffnung wird einem schnell klar: Es ist kein »Best of«, keine reine Leistungsschau der Hochschule, sondern eine sorgfältig kompilierte Mischung. Interessante Korrespondenzen und Unterschiede zwischen den Arbeiten lassen sich so herstellen – etwa, wenn besagte Flüchtlingsgeschichte einer Schwarzweiß-Serie über die zynisch dargestellte Finanzwelt von Hannes Jung gegenübergestellt ist. Es gibt Max Ernst Stockburgers großartige Dokumentation über den Abzug der amerikanischen Garnison aus Schweinfurt, sehr schön sind auch die ausschließlich in indischen Zügen entstandenen Arbeiten von Tamina-Florentine Zuch, die sich reisend der »Seele« Indiens zu nähern versucht.

Emile Ducke präsentiert in einer dichten atmosphärischen Serie elegische Ansichten und Porträts aus der abgespaltenen, konfliktreichen Republik Transnistrien. Schließlich sei an dieser Stelle unbedingt die Abschlussarbeit von Florian Müller zu nennen – eine im wahrsten Sinne fesselnde, zuweilen verstörende Serie über Menschen, die seltsamen Fetisch-Sex praktizieren. Acht verschiedene Arbeiten werden insgesamt vorgestellt, die eine erstaunliche Bandbreite von Themen und Bildsprachen offerieren. »Beyond the Facts« zeigt eine Realität, die, wie es in einer Eröffnungsrede hieß, mehr als ein »Kontaktabzug der Wirklichkeit« sein will. Mit den diesjährigen Arbeiten ist wieder ein interessanter Mix sehr subjektiver Perspektiven gelungen, der sich auch mühelos im Hauptprogramm bewegen könnte.

Peter Lindhorst