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Journalistische Inhalte auf Instagram? Die Plattform bietet einige Funktionen, die für das visuelle Storytelling interessant sind, man muss sie nur nutzen.

Journalistische Inhalte auf Instagram? Die Plattform bietet einige Funktionen, die für das visuelle Storytelling interessant sind, man muss sie nur nutzen. Foto: Evgeny Makarov

Social Media für Fotograf*innen

Wie sich Instagram journalistisch nutzen lässt

TEXT – SUSANNE KRIEG

Instagram und Journalismus – passt das zusammen? Ja, ziemlich gut sogar, finden Medien wie National Geographic, die BBC oder die New York Times. Während hierzulande viele Publisher noch zögern, hat man vor allem im angelsächsischen Raum begonnen, innovative Formen für visuelles Storytelling auf Instagram zu entwickeln. Höchste Zeit also, sich ein paar Beispiele anzuschauen!

Immer mehr Menschen erleben ihren digitalen Alltag weitestgehend auf Instagram. Nach sieben Jahren verzeichnet das Netzwerk weltweit bereits über 700 Millionen Nutzer und ist in Deutschland mittlerweile beliebter als Twitter. Instagram birgt Chancen, die klassische Medien wahrnehmen sollten, wenn sie ihre Bekanntheit und Reichweite künftig aufrecht erhalten oder gar erhöhen wollen. »Tatsächlich finden uns viele Leute inzwischen nicht mehr primär über unsere Webseiten, Fernsehkanäle oder Radiosender«, sagt Mark Franknel, Social-Media-Redakteur bei BBC News. Eine wachsende Zielgruppe bekäme nur noch über soziale Außenposten wie Instagram Kontakt mit der Medienmarke.

Seit zwei Jahren probiert die BBC darum eigens für Instagram entwickelte Formate aus, etwa News in Form von Bildern mit Meldungen oder kurze Videos mit Texteinblendungen. Und neuerdings läuft man sich auch mit journalistischen Beiträgen im sogenannten Stories-Format warm, das Instagram im August 2016 eingeführt hat. Eine entscheidende Neuerung von Stories ist dabei die Möglichkeit, Links in Beiträge zu integrieren und so Traffic auf weiterführende Inhalte der eigenen Website zu generieren – etwas, was in klassischen Instagram-Posts bisher nicht angeboten wird.

 

Was genau ist Instagram Stories?

Oft wird behauptet, Instagram Stories sei ein Abklatsch von Snapchats »Story«. Nicht ganz zu unrecht. Tatsächlich können Nutzer hier genau wie bei der Konkurrenz Bilder und eigene Videoclips (Maximale Länge: 15 Sekunden) hochladen, sie bei Bedarf mit Filtern, Stickern, Text und Zeichnungen versehen und in einer Art automatisierter Slideshow aneinanderreihen. Zu finden ist das Feature in einer Leiste über dem Instagram Home-Screen, wo alle Profilbilder jener Accounts auftauchen, die eine aktuelle Story hochgeladen haben.

Tipp: Mit einem Google Chrome-Add-on können die Stories auch auf der Desktop-Version von Instagram angeschaut werden.

Das Besondere an diesen Sequenzen, egal ob sie in der App oder am Computer abgerufen werden, ist das vertikale Format, in dem sie gepostet werden. Und – ganz wie bei Snapchat – verschwinden sie auch nach 24 Stunden automatisch wieder.

Wozu nun, bitte, Inhalte produzieren, die sich nach nur einem Tag selbst zerstören? Eine Frage, die sich auch der Medienjournalist Richard Gutjahr stellte – bis ein junger Social-Media-Nutzer von ihm wissen wollte, wie oft er sich denn die Fernsehnachrichten von vorgestern anschaue. Ein berechtigter Einwand… Warum also nicht auch Instagram Stories für aktuelle Berichterstattung nutzen? Aber was taugt das Feature tatsächlich für visuellen Journalismus?

Instagram Stories: BBC News

Zu ihren erfolgreichsten Instagram Stories zählt BBC News nach eigenen Aussagen eine Sequenz über das muslimische Amerika kurz nach den Wahlen, in der Muslime erklären, was Trump als neuer Präsident für sie bedeutet. Zu sehen ist der archivierte Beitrag hier.

https://www.journalism.co.uk/news/bbc-news-experiments-with-instagram-stories-to-engage-younger-audiences-/s2/a697503/

Gearbeitet wird dabei vornehmlich mit Porträtfotografie, die hier im 16:9-Format erstaunlich gut funktioniert, und mit den O-Tönen der Porträtierten untermalt wird.

Instagram Stories: New York Times

Auch die New York Times beweist, dass vertikale Bilder und Videos eine ganz eigene Dynamik, ja, sogar Ästhetik entwickeln können. Wie man sie geschickt einsetzt, zeigt etwa diese in schwarz-weiß gehaltene Geschichte über London nach dem Brexit:

Ein weiterer New York Times Beitrag analysiert den innovativen Schwimmstil des Olympioniken Ryan Lochte. Vor allem in der zweiten Hälfte der Geschichte scheinen sich die Aufnahmen vom Schwimmer perfekt an das Hochformat anzupassen.

Auf ihrem Youtube-Kanal hat die New York Times Bildredakteurin Kerri MacDonald übrigens weitere Instagram-Stories archiviert. In einem Interview mit Harvards Niemann Journalism Lab erklärt sie, dass man weiterhin mit diesem Format experimentieren wolle und dabei verstärkt mit Fotografen und Videofilmern arbeiten werde, die bereits eigene Erfahrungen mit Instagram gesammelt und ein Auge für die dortigen Formate hätten.

Instagram Stories: National Geographic

Ganz ähnlich denkt der stellvertretende Fotochef von National Geographic, Patrick Witty. Er erklärt, die Redaktion habe seit den ersten, für Instagram Stories produzierten Beiträgen vornehmlich mit Fotografen kollaboriert, die selbst hohe Reichweiten auf ihren Kanälen erzielen und über die nötigen Kenntnisse rund um das Foto-Netzwerk verfügen.

Wenn diese Fotografen für eine National Geographic Geschichte los geschickt werden, bekämen sie immer auch den Zugang zum Instagram-Account, damit sie exklusiv und aktuell in einer »Behind-the-Scenes«-Geschichte für Instagram Stories berichten. Fotografen schätzten das Format dabei, so Patrick Witty, weil sie dadurch Geschichten mit mehr als nur einem Bild erzählen könnten. Der Zuschauer erhalte gleichzeitig einen Blick hinter die Kulissen und erfahre, wie ein Fotograf für National Geographic arbeitet.

Texte auf Instagram

National Geographic-Fotograf Pete Muller zeigt auf seinem eigenen Instagram-Account, dass es sich manchmal sogar lohnt, Fotos mit längeren Texten zu versehen. Immerhin erlaubt Instagram bis zu 2.200 Zeichen unter einem Post. Der hier verlinkte Beitrag zeigt, welche positiven Reaktionen ein Bild mit einer gut erzählten Geschichte selbst auf einer visuell ausgerichteten Plattform wie Instagram hervorrufen kann:

https://www.instagram.com/p/BU6w0iRgeJ6/?taken-by=petekmuller

Mullers Text zum Foto dreht sich dabei um die Frage, was Wissenschaftler wie den im Post porträtierten Chris Boyes eigentlich draußen in der Wildnis Afrikas aufrecht hält. Was folgt, ist Boyes Feststellung, dass es der tägliche, wohlgemerkt schlechte Kaffee sei, vor allem aber die Tatsache, dass dieser stets im Team getrunken werde – ein Ritual, dass ihn und die Gruppe unglaublich zusammenschweiße. Der Text wurde von Nutzern explizit honoriert, wie nicht nur die 3.800 Likes sondern vor allem auch die zahlreichen, Bezug nehmenden Kommentare zeigen.

TIPP: Längere Texte für Instagram-Beiträge sollte man natürlich nicht auf dem Smartphone tippen, sondern mit einer Tastatur am Desktop schreiben, um sie anschließend etwa über die von uns bereits vorgestellten Planungstools Buffer und Hootsuite in Posts einzufügen. Außerdem sollte man etwas Arbeit in einen knackigen Anfang stecken, denn Instagram schneidet in der Vorschau Texte nach nur drei Zeilen ab. Auch hier gilt also die alte Journalistenregel: »Mit einem Erdbeben beginnen!«

 

Das Instagram Carousel

Eine weitere, für journalistisches Storytelling interessante, aber ebenfalls noch sehr neue Funktion ist das Carousel. Sogenannte Carousel Posts kennt man auf Instagram dabei schon länger von Anzeigen, die mitunter im Feed auftauchen. Doch seit Ende Februar 2017 können alle Nutzer sogenannte Sammel-Posts mit bis zu zehn Bildern und sogar Videos erstellen. Im Gegensatz zur Stories-Funktion bleibt das Carousel permanent in der Galerie erhalten. Zu erkennen sind Carousel-Posts an den blauen Punkten am unteren Rand sowie zwei kleinen weißen Quadraten oben rechts. Wie man ein Carousel erstellt und wie es funktioniert, führt Instagram hier vor:

https://vimeo.com/204951185

Seit seiner Einführung beginnen immer mehr Medienkanäle das Carousel zu nutzen. bei dem horizontal von links nach rechts und zurück durch Bilder und Videos gewischt werden kann. Meist gehören dabei die Posts, durch die man sich horizontal wischen kann, einer thematischen Klammer an. Allerdings gibt es dabei nicht für jedes Bild und Video einen eigenen Text, sondern eine Beschreibung für alle. Außerdem kann nur im quadratischen Format gepostet werden.

Beispiel Carousel Washington Post

Die Washington Post nutzt das Carousel zum Beispiel, um auf Beiträge der eigenen Website hinzuweisen, die meist in der Bio des Profils verlinkt werden. Denn anders als im Stories Feature können im Carousel keine Links gesetzt werden.

https://www.instagram.com/p/BVP7TAcjawh/?taken-by=washingtonpost

https://www.instagram.com/p/BT1-PstDFxq/?taken-by=washingtonpost

Beispiel Refinery29

Das Online-Portal Refinery29 nutzt das Carousel für Anleitungen – vielleicht auch eine Inspiration für rein journalistische Beiträge?

https://www.instagram.com/p/BRQQzVWA9zd/

Beispiel Elle

Das Frauenmagazin Elle zeigt mit dem Carousel, wie sich die Sängerin Rihanna im Laufe der Zeit verändert hat. Transformationen ließen sich dabei sicherlich auch auf Landschaften, Umwelt, Städte etc. übertragen.

https://www.instagram.com/p/BQ0eKwRBNKa/

Und jetzt seid Ihr dran! Nun heißt es: Ideen sammeln, selbst ausprobieren, experimentieren. Denn bald werden sicher auch die deutschen Publisher verstärkt nach Fotografen suchen, die sich mit visuellem Storytelling auf Instagram auskennen.


Susanne Krieg
Journalistin mit einer Leidenschaft für multimediale Inhalte. Nach über zehn Jahren als GEO-Redakteurin arbeitet die inzwischen zertifizierte Social-Media-Managerin als Texterin und Dozentin für crossmediale Themen.
www.susanne-krieg.de