MAGAZIN #27

Abseits ausgetretener Pfade

Hinter den Kulissen: Didier Lefèvre führt uns in die verborgene Welt afghanischer Mudschaheddin. KayLynn Deveney begleitet den Alltag eines Rentners, und Geert van Kesteren besucht Menschen, die dem täglichen Kriegsterror entfliehen (wollen).

Text –

Michael Klein-Reitzenstein

Fotos –

Didier Lefèvre, KayLynn Deveney & Geert van Kesteren

Der heimliche Treck durch die Kriegsregion

Eine ungewöhnliche Kombination aus Dokumentarfotos und Tagebuchnotizen des Fotografen Didier Lefèvre, ergänzt mit Comics zeigt das Leben der afghanischen Mudschaheddin.

1986 bekommt der junge französische Fotograf Didier Lefèvre von »Ärzte ohne Grenzen/Medecins sans Frontières« (MSF) den Auftrag, eine Gruppe von Medizinern vom pakistanischen Peshawar nach Badakhshan zu begleiten, einer Region im Norden Afghanistans. Ziel der Expedition ist es, ein kleines von MSF betriebenes Kriegslazarett in einem abgelegenen Tal zu erreichen und ein zweites in der Nähe neu einzurichten.

Der Krieg der prokommunistischen afghanischen Regierungstruppen und der russischen Besatzungsmacht gegen die von den Amerikanern unterstützten islamischen Mudschaheddin, tobt seit sieben Jahren, ohne absehbares Ende.

Da ausländische Hilfsorganisationen nicht geduldet sind und die Strassen streng kontrolliert werden, ist die Gruppe gezwungen, die Strecke illegal zurückzulegen – normalerweise eine Tagesreise. Zu Fuß quer durchs Gebirge über mehrere 5000 Meter hohe Pässe, benötigen sie für den Weg, den sie meist bei Nacht zurücklegen, etwa drei Wochen. Sie schließen sich einer Waffenschmugglerkarawane an, die von bewaffneten Mudschaheddin geschützt wird.

Neben Bildern, die von den Strapazen der beschwerlichen Reise berichten, aber genauso von der Schönheit dieser unwegsamen und kargen Gebirgslandschaft, hat der Fotograf seine Kamera immer wieder auf die Menschen gerichtet, denen er begegnete und dabei beeindruckende Porträts dieser wilden und stolzen Männer fotografiert, aber auch das Leiden der Kinder dokumentiert, dieser unschuldigsten aller Kriegsbeteiligten. Auch wie die Afghanen auf dem Pferdemarkt ihre Geschäfte tätigen, nur durch Mimik, Blicke und einen Händedruck, erfährt der Leser in einer fesselnden Serie.

Die Fotografien Lefèvres und seine Tagebuchnotizen bilden die Grundlage dieser außergewöhnlichen Buchform. Emanuel Guibert ergänzte den Ablauf der Geschichte mit Comiczeichnungen und überarbeitete Lefèvres Texte journalistisch. Frederic Lemercier setzte die Zeichnungen in Szene und kolorierte sie.

Wie im klassischen Comic, wechselt die Darstellung ständig zwischen den schwarzweißen Fotoserien und den farbigen, gezeichneten Passagen. Die meist sparsam, ohne detaillierte Hintergründe und in monochromer Farbigkeit gehaltenen Bildstreifen stehen in scharfem Kontrast zu den detailreichen Fotografien, was den Erzählfluss entscheidend prägt. Beide Genres besinnen sich dabei auf die ihnen innewohnenden Stärken. Durch diese Vermischung entsteht ein einzigartiger Erzählstil. Die beiden Gattungen ergänzen sich optimal und intensivieren so den Gesamteindruck der Schilderung.

Emanuel Guibert, Didier Lefèvre, Frederic Lemercier
Der Fotograf
Band 1: In den Bergen Afghanistans / Band 2: Ärzte ohne Grenzen / Band 3: Allein nach Pakistan (erscheint im Frühjahr 2009)
Zürich, Edition Moderne
je 80 Seiten, mit zahlr. SW-Fotografien und farbigen Comiczeichnungen
Hardcover, 23×30 cm, je 24,00 Euro

 

Hommage an die Würde des Alters

Mit viel Liebe zur Person und zum Detail porträtiert die Amerikanerin KayLynn Deveney den Alltag eines Rentners – und nimmt ihm jegliche Banalität.

»I believe photographs of our possessions and domestic patterns can be portraits, just like photographs of our faces.« Diese Aussage der jungen amerikanischen Fotografin KayLynn Deveney ist programmatisch für ihr erstes Buch.

Für ein Fotostudium zog sie 2001 nach Südwales. Auf ihrem täglichen Weg in die Stadt bemerkte KayLynn Deveney einen alten Mann, der häufig an seinem Gartentor stand und die Welt um sich herum betrachtete oder seine Blumen pflegte. Neugierig geworden, wagte sie es eines Tages, ihn anzusprechen. Es entwickelte sich eine Bekanntschaft und sie begann, Albert Hastings öfter zu besuchen. Im Laufe der Zeit entstand eine Freundschaft. Eines Tages fragte sie, ob sie ihn fotografisch durch den Alltag begleiten dürfe.

Behutsam fotografierte Porträts zeigen Albert Hastings bei der Verrichtung alltäglicher Dinge. Er bügelt seine Wäsche, backt einen Kuchen oder sitzt am Wohnzimmertisch und liest Zeitung. Andere Bilder erzählen von Ritualen und der täglichen Routine: Die regelmäßige Fütterung der Tauben im Garten mit sorgfältig in Würfel geschnittenem Weißbrot, die gewissenhafte Rasur und das Anlegen des guten Anzugs nebst Krawatte vor einem Pubbesuch oder das Vergnügen beim Genuss des abendlichen Glases Whiskey. Zugleich richtete sie ihr Augenmerk immer wieder auf die unscheinbaren und gewöhnlichen Dinge in der Wohnung und im näheren Umfeld von Albert Hastings: Das gemachte Bett mit dem akkurat zusammengelegten Pyjama, auf einem Drahtbügel zum Trocknen aufgehängte Socken, penibel auf kleine Zettel notierte Listen der Fernsehsendungen der nächsten Tage, ein Stillleben mit Blume und Bügeleisen auf der Fensterbank – scheinbar banale Details, Muster und Strukturen erweckt sie durch ihre poetischen Aufnahmen zu ungeahnter Schönheit, gleichzeitig drücken sie mehr über die Person aus, als es eine reine Porträtserie vermocht hätte.

Man merkt den Fotografien die Symphatie und die Anteilnahme an, die die beiden füreinander empfanden. Nur durch diese gegenseitige Nähe war es möglich, ein so intimes und inniges fotografisches Porträt entstehen zu lassen.

Ihre eigenen Fotografien ergänzt KayLynn Deveney mit Faksimile wiedergegebenen Zeichnungen von selbstgebauten Uhren, die Hastings anfertigte, Gedichten die er immer wieder schrieb, und alten Familienfotos aus seiner Vergangenheit.

Bei ihren regelmäßigen Besuchen brachte Deveney Kontaktprints der entstandenen Fotos mit, die sie für ihn in eine Kladde geklebt hatte. Dabei bemerkte sie, dass er ihre Fotografien oft völlig anders wahrnahm und interpretierte als sie selbst.

Daraufhin bat sie ihn, seine Gedanken zu den Fotografien zu notieren. In krakeliger Schrift hat Albert Hastings seine Anmerkungen geschrieben. Diese manchmal rührenden, oft lakonischen, der Stimmung der Bilder scheinbar widersprechenden Kommentare hat KayLynn Deveney den Fotos in ihrem Buch beigefügt und damit die Arbeit noch um eine aufschlussreiche Ebene, die von Wahrnehmung und Eigenwahrnehmung handelt, erweitert.

Liebe, Achtung und Respekt für ihren Freund spricht aus dieser anrührenden Arbeit. Es gelingt Deveney, dem Betrachter diesen Menschen wirklich nahe zu bringen.

KayLynn Deveney
The Day-to-Day Life of Albert Hastings
New York, Princeton Architectural Press, 2007
116 S., mit 75 Farbabb. & 20 SW-Illustr.
Hc.,
15,9×20,3 cm, 19,80 Euro

 

Ein kleines Stückchen Normalität

Mit seinem zweiten Buch führt uns Geert van Kesteren die zerrissene Gesellschaft im Irak vor Augen. Menschen auf dem Rückzug in die Privatheit – oder ins Ausland.

Ein menschliches Skelett liegt am Bordstein einer Straße in Baghdad, die Knochen sind verstreut, wilde Hunde oder Ratten haben daran gefressen, niemand hat sich um den Toten gekümmert. Eine irakische Familie im Wohnzimmer, friedlich vereint beim Dominospiel. Zwei Bilder, wie sie unterschiedlicher nicht sein können – beide beschreiben den Alltag im Irak des Jahres 2008.

Nach »Why Mister Why« in dem Geert van Kesteren das Kriegsgeschehen während und kurz nach dem zweiten Irakkrieg 2003/2004 und dessen Auswirkungen auf die Bevölkerung schilderte, hat er dieses Jahr sein zweites Buch über den Irak veröffentlicht: »Baghdad Calling.«

Mehr als vier Jahre nach der offiziellen Kapitulation der Streitkräfte Husseins ist der Irak heillos im politischen, religiösen und kriminellen Chaos versunken. Ein geordnetes Leben ist für den größten Teil der Bevölkerung unvorstellbar. Eine kaum existente Infrastruktur, Terroranschläge und Entführungen zwingen die Menschen ihr Land zu verlassen. Mehr als 2,5 Millionen Iraker leben im Exil.

Den Schicksalen dieser von der Weltöffentlichkeit nahezu vergessenen Menschen widmet van Kesteren in »Baghdad Calling« seine Aufmerksamkeit. Er ist in die Exilländer gereist, hat irakische Flüchtlinge in Syrien, Jordanien und in der Türkei aufgesucht und ihr Leben vor Ort fotografiert.

Dazu hat er hunderte Fotografien gesammelt, die Iraker auf ihren Handys und Digitalkameras aus ihrer Heimat mitgebracht haben. Die Amateurfotos, seine eigenen Aufnahmen und die Gespräche, die er mit Flüchtlingen geführt hat, sind die Bestandteile, aus denen van Kesteren sein Buch zusammengefügt hat.

Eine Serie, montiert wie eine Autofahrt durch Bagdhads Straßen, aufgenommen durch die Windschutzscheibe: Rauchfahnen, von Bombeneinschlägen zerstörte Häuser, ausgebrannte Autowracks. Eine Familie mit Weihnachtsmannmützen hat sich Heiligabend vor dem Tannenbaum zum Feiern getroffen.

Die Geschichte von Manaf, der entführt wurde. Seine Mutter findet ihn nach vier Tagen tot im Leichenschauhaus, 40 Kugeln haben ihn getroffen, er wurde nur 20 Jahre alt.

Bilder einer ausgebrannten Wohnung, die Besitzer stehen ratlos und verzweifelt in den Trümmern ihres einstigen Zuhauses. Porträts von Freunden aus der Heimat, niemand weiß, wo sie sind, und ob sie noch leben.

In den Amateuraufnahmen und Texten der Betroffenen spiegelt sich die ganze Bandbreite eines Lebens zwischen dem Wunsch nach Normalität, der Sehnsucht nach Heimat und dem tatsächlichen Horror des Bürgerkriegs.

Die in den Exilländern entstandenen Fotos van Kesterens zeigen ein Leben in relativer Sicherheit, aber eben in einem fremden Land. Menschen, die ernst und nachdenklich in seine Kamera schauen, denen Krieg und ihre Vertreibung oft ins Gesicht geschrieben scheint.

In den ergänzenden Texten berichten die Flüchtlinge in zum Teil erschütternden Worten von ihren Erlebnissen und der Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. So ist ein bemerkenswertes Buch über die Mentalität und die Befindlichkeiten der Iraker entstanden.

Geert van Kesteren
Baghdad Calling
Rotterdam, Episode Publishers, 2008
388 S. mit zahlreichen Farbfotos
Paperback, 17×25,5 cm, 27,90 EURO

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Michael Klein-Reitzenstein
leitet die Buchhandlung im Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen.