MAGAZIN #08

Blick zurück ohne Zorn

Mappe gut, alles gut? Erfahrungsberichte von Fotografen über die Vorstellung in Bildredaktionen reichen vom puren Pessimismus bis zur gedämpften Euphorie. Daher bat das FreeLens-Magazin einen Außenstehenden einmal in die Rolle eines fotojournalistischen Neulings zu schlüpfen. Textautor Henrik Zorn, ausgestattet mit einer Fotomappe und Visitenkarten, zog aus um das Fürchten zu lernen. Es ist weder ein repräsentativer noch ein erschöpfender Blick in den Redaktionsalltag, sondern: Eine Woche im Leben eines Handlungsreisenden in Sachen Fotografie

Text –

Henrik Zorn

Montagmorgen in München, ich komme direkt vom Flughafen und bin guter Dinge. Nämlich: am Freitag erst habe ich mich zu erkennen gegeben, »die Bildredaktion vom Playboy bitte …«. Die Leitende selbst habe auf gar keinen Fall Zeit, ließ mich eine Redakteurin wissen, »aber dann nehme ich mir sie eben«.

Mein Name sei Zorn, Henrik Zorn (wie die Wut); der Wohnort: Frankfurt am Main. Mein Spruch: ich »wäre gerade an diesem Tag am Ort und würde mich einfach gerne einmal mit meiner Mappe bei Ihnen vorstellen«. Das mulmige Gefühl ist groß, denn ich habe so etwas noch nie gemacht, auch als Schreiber nicht.

Ich bin verspätet, die S-Bahn, die U-Bahn, und dann der lange Flur. Zimmer 236, und meine Ansprechpartnerin kommt mir bereits auf dem Flur entgegen: »Und ich bin der … H-Henrik, hallo ….« »Magst an Kaffee?«

Zwanzig Minuten Blättern in meiner Mappe. Eine weitere Kollegin schließt sich unserer Couch-Runde an, während ich erzähle. »Und das ist Lydia Bruckner«, sage ich zum Beispiel, sehr bekannte Schauspielerin, Glasknochenkrankheit. Die beiden Frauen nicken wissend, dankbar für jede Erläuterung. Dabei ist das gar nicht Lydia Bruckner, sondern Carole Piguet, deren Name ich schon wieder vergessen habe, meinerseits dankbar für die Unwissenheit meiner Gastgeberinnen, denn alles andere wäre verräterisch.

Natürlich geben die Bilder von den Obdachlosen aus einer süddeutschen Stadt nicht unbedingt die Coverstory für das Männerheft ab. Immerhin zeigt man trotzdem Interesse an dem unbekannten Fotografen und seiner Arbeit. Ich habe durchaus das Gefühl, Henrik Zorn könnte sich hier ausbreiten. Andererseits bleibt vieles unkonkret; ich erfahre auch auf Nachfrage hin nichts über mögliche Themenspektren, zu denen Henrik Zorn hätte Vorschläge machen können. Am Schluß der übliche Austausch von Visitenkarten, ich verspreche, noch die kleine Auswahl für das Archiv zu schicken, die man von Henrik Zorn wünscht.

Nachmittags im Backsteingebäude des Focus. Ich sitze zunächst bei einem dieser Pförtner, die jede Ansicht teilen und jede en passant hingeschleuderte Floskel dankbar erwidern. Auch hier habe ich mich erst am Freitag gemeldet. Nach neun Bandansagen nimmt der Leitende schließlich doch persönlich ab, einen Augenblick später wird minutenlang am anderen Ende schweigend im Terminkalender geblättert, bis sich doch noch eine Lücke findet.

»Da sind sehr gute Sachen dabei«, stellt der Mann sehr ernst fest, als er jetzt die Auswahl ausgedruckter Bilder durchblättert. Ich zähle auf, für wen Henrik Zorn schon alles gearbeitet haben könnte. Zum Glück bemerkt der Focus-Mann selbst, was auf Henrik Zorns Bildern zu sehen ist, er kennt den Namen der Schauspielerin mit der Glasknochenkrankheit und weiß, wie man die Schafsgeschichte aus Spanien nennt, die die Farbreportage zeigt. Denn so brauche ich mich nicht zu blamieren. Zehn Minuten schweigendes Blättern, aber einige Bilder werden durchaus singulär gemustert. »Das muß ich mal meinen Kollegen zeigen …« Und ich soll mitkommen.

»Kollege Zorn ist gerade aus Frankfurt gekommen, müßt ihr euch mal anschauen, sehr schöne Sachen.« Und von der Seite zu mir: »Karte hierlassen.« Dann entschwindet der Leitende. Die große Ausfragestunde findet zum Glück nicht statt. Die Redakteurin bietet mir Kaffee an, und die Sichtung beginnt von vorne. Die Frau beweist auch Humor, als die Obdachlosen in Schwarzweiß erscheinen: »Du weißt ja, die negativen Seiten der Welt sind bei uns etwas unterbelichtet.«

Henrik Zorn ist wohl – zumindest hier – gewissermaßen ein Glücksfall, denn es ist anscheinend nicht ganz unpraktisch, daß er in der Mainmetropole zu wohnen vorgibt. Auch hier scheint keine wirkliche Eile geboten zu sein, und die Redakteurin begegnet mir nicht ohne Wohlwollen. Allerdings erfahre ich auch diesmal nicht, ob – und wenn ja, woran – man Bedarf hätte, von den Konditionen einmal abgesehen. Auch hier soll Henrik Zorn, wenn ich will, noch ein paar aktuelle Sachen schicken: »Ich denke, wir hören bald von uns.«

Bei Marie Claire ist man hingegen kurz angebunden, der Termin wurde Henrik Zorn eher gewährt als angeboten; ein kurzes, schnelles Blättern durch die Mappe, ein Nicken, keine angebotene und auch keine angeforderte Karte. Aber: »Wir melden uns gegebenenfalls mal bei Ihnen.« Sagte sie »vielleicht auch nicht«? Zumindest hat sich das so angehört. Ortswechsel.

Die Leitende bei der ZEIT in Hamburg scheint die Angelegenheit ernster zu nehmen, als ich anrufe und meinen Spruch aufsage. Dumm ist nur, daß gerade Wahlen anstehen: »Da habe ich einfach keinen freien Kopf für so etwas.« Aber ich solle mich doch so »ungefähr im Oktober« wieder bei ihr melden. Auch der Leitende vom Abendblatt winkt ab: »Keine Chance/vielleicht nächste Woche/Sie melden sich/danke/ tschüß ….«

Bei der Fernsehwoche ist offenbar niemand richtig für Fotografen zuständig, denn ich werde mal von A nach B verwiesen, dann von C an D, die mich wieder freundlich bittet, es doch bei B zu versuchen, die aber leider, leider gerade bei Tisch sei. Als ich B zwei Stunden später erreiche, wird meine Telefonnummer notiert: »Wir rufen zurück.« Habe ich wieder ein »vielleicht auch nicht« vernommen? Jedenfalls spiele ich diesmal den Hartnäckigen und rufe nach weiteren zwei Stunden abermals an. Jetzt ist plötzlich Umbruch – »Versuchen Sie’s doch nächste Woche wieder….«

Besondere Standhaftigkeit ist ebenfalls beim Büro Hamburg erforderlich, wo das ADAC Special produziert wird. An einen Termin ist wohl auch in absehbarer Zeit nicht zu denken, geschweige denn kurzfristig. Ich solle doch mal unverbindlich »vierzig bis fünfzig Dias« schicken. Woran man denn aktuell Bedarf habe? Doch da hat die Kollegin schon aufgelegt.

Ich versuche es beim FAZ Magazin in Frankfurt und gebe mich als Kölner aus. »Im Moment sind wir völlig unterbesetzt, versuchen Sie’s doch Ende Oktober nochmal.«

Auch die Bildredakteurin von Allegra antwortet mir durch den Hörer mit einem betonten »Wie bitte, diese Woche!?«. Auch wenn ich aus Frankfurt käme: »Frühestens in drei Wochen, ich schleuse hier jeden Tag drei Fotografen durch – mehr ist einfach nicht drin.« Schade, wäre ich Fotograf hätte es mich wahrscheinlich gefreut, wenn man sich für meine Arbeiten wirklich Zeit nehmen will. Einen Termin können wir offenbar deshalb nicht ausmachen, weil gerade kein Terminkalender greifbar ist. Und scheinbar muß die Kollegin noch länger suchen: »Rufen Sie doch Ende nächster Woche wieder an.«

Und so probiere ich mein Glück beim Spiegel. »Was machen Sie denn?«, fragt die Redakteurin, zu der ich durchgestellt werde, »Reportage und Porträts? Dann sind Sie bei mir völlig falsch.« Kollege »Liebling« wäre der zuständige Mann. »Er nimmt sich gerne Zeit für so etwas.«

Leider ist dort aber erst niemand zu erreichen, dann läuft über Stunden ein Band. Am späten Nachmittag erreiche ich den Spiegel-Mann doch noch. Mein Name scheint Herrn »Liebling« offenbar nicht zu passen, jedenfalls legt der Redakteur auf, als ich ihn ausgesprochen habe. Natürlich bin ich brav, vermute zuerst ein Versehen. Und drücke die Wahlwiederholung. Doch jetzt läuft plötzlich wieder das Band.

Ich weiß nicht, was ich denken soll, und greife instinktiv zu einem anderen Apparat, der eine andere Kennung sendet. »Hier noch einmal Henrik Zorn …« Und schon wieder klickt es am anderen Ende. Ein schlechter Tag des Redakteurs, eine plötzliche interne Aufgabe, die keine

Höflichkeit mehr zuläßt? Zweimal hintereinander? Oder ist man von irgendwo gewarnt worden, oder sitzt am Hamburger Schreibtisch einfach nur ein Entnervter, der Stein und Bein geschworen hat, sich niemals wieder in die Niederungen von profanen Anleiergesprächen zu begeben?

Der Kollege bei Brigitte ist da schon zugänglicher: »Kein Problem, kommen Sie doch morgen vorbei.« Und als ich erscheine, geht es ohne Floskeln, und der Redakteur nimmt sich jedes Bild persönlich vor. Selbst ein dringlicher Anrufer wird vertröstet: »Später, ich habe gerade einen Fotografen da.« Die Schwarzweiß-Reportage über Obdachlose scheint den jungen Mann besonders zu interessieren, denn hierzu stellt er besonders viele Fragen.

Leider habe ich nichts als diese Mappe dabei, er hätte gerne noch mehr gesehen. Doch das wäre kein Problem gewesen; Henrik Zorn hätte noch eine weitere Auswahl schicken können (was ich verspreche). Es wird verabredet: er meldet sich, wenn er die übrigen Bilder gesehen hat. Oder »wenn etwas anliegt«. Bei GEO ist nichts zu machen, zumindest vorerst nicht, denn die Produktion … »Haben Sie denn schon einmal etwas für andere Redaktionen des Hauses gemacht?«, wird Henrik Zorn gefragt. Vielleicht im Oktober nochmal melden, »im Moment geht es wirklich nicht«.

Bei Gala habe ich Glück durch Tricks. Nämlich: Die Leitende hatte versucht, mich zu erreichen, um doch noch abzusagen. »Aber wo Sie nun schon mal da sind …« Man hat mir schon frischen Kaffee gereicht, als ich wartete.

»In zehn Minuten!«, sagt sie einem Kollegen, der eine Auskunft braucht. Und viel länger dauert es tatsächlich nicht, als wir uns am Leuchttisch gegenübersitzen. Ich erzähle, was ich weiß, und rette mich mit dem Nippen am Becher vor allzu detaillierten Fragen. Einmal unterbrochen von einem Telefonat, das offenbar nicht warten kann.

»Sehr einfühlsam fotografiert, das gefällt mir sehr gut«, resümiert die Leitende schließlich. Könnte oder sollte Henrik Zorn etwas vorschlagen? Doch soweit kommt es nicht. Ich erhalte ihre Karte, sie erhält meine Karte, »ich melde mich, wenn sich etwas ergeben sollte, wo ich meine, man könnte mal eine Zusammenarbeit ausprobieren«. Das war’s, kurz aber bündig.

Bei Amica komme nicht ich zur Redakteurin, sondern die Redakteurin kommt zu mir ins Foyer des Neubaus. Hier entfällt das Angebot eines Kaffees; dafür entschädigt sie mich mit allerlei Nachfragen zu den Bildern, vor allem aber durch recht genaue Angaben darüber, was die Redaktion gerne machen würde und auch machen könnte, welche Art der Zusammenarbeit vorstellbar wäre. Dabei blättert die Redakteurin immer wieder von neuem. Überhaupt werde ich hier zum ersten Mal nach Henrik Zorns Vita gefragt, nach besonderen Erfahrungen und besonderen Vorlieben. Daß für das vorgestellte Material viel Zeit aufgewendet wurde, liegt in der Natur des Themas. Ich solle das auf gar keinen Fall mißverstehen – aber ob ich wohl noch etwas »Schnelles« auf Lager hätte und zeigen könnte …? Die alltäglichen Termine: hier sei schnelles Agieren, schnelles Umstellen auf die Situation oder das Subjekt »sehr wichtig«. Oft werde das von den Fotografen unterschätzt.

Gut zwanzig Minuten haben wir in der Sitzgruppe verbracht, es ist an mir, noch Fragen zu stellen, wenn ich noch welche habe. Ich verspreche noch weitere Bilder zur Ansicht. »Ich kann mir eine Zusammenarbeit gut vorstellen«, sagt die Redakteurin zum Abschied. So etwas höre ich im wirklichen Leben auch gerne.

Mit Themenvorschlägen solle Henrik Zorn nicht lange hinterm Berg halten. »Wenn wir uns mal nicht melden, dann heißt das nichts, schon gar nichts Schlechtes.«