MAGAZIN #22

Boccia-Partie als visuelles Kapital

Das optische Gedächtnis einer Epoche wird öffentlich – seit kurzem ist das analoge Spiegel-Bildarchiv im Internationalen Haus der Photographie in Hamburg zugänglich.

Text –

Christian Mürner

Adenauer spielt Boccia mit Kokoschka, dem bekannten österreichischen Künstler, am 28.2.1968 – diese Kurzbeschreibung findet sich auf der Rückseite einer Fotografie, die in einer Archivmappe mit dem Registraturreiter »Adenauer privat« steckt. Und es ist nur eine von vielen Aufnahmen des ersten Bundeskanzlers. Von Helmut Kohl gibt es fünf Regalmeter, etwa 30.000 Abzüge, von Franz Josef Strauß ebenso, von Willy Brandt einen Meter weniger. Noch ein paar weitere Prominente stehen mit eigenen Mappen unter ihrem Namen in dieser kolossalen Fotosammlung; alle anderen – deshalb nicht weniger wichtige – Personen sind unter einer fortlaufenden Nummer von 1 bis über 125.000 abgestellt, die sich über eine Liste entschlüsseln lässt.

Das analoge Bildarchiv des Spiegel ist Geschichte – das heißt: Einerseits ist es für die aktuelle Arbeit der Redaktion kaum mehr von Belang, und andererseits erhält es eine neue Bedeutung als Kulturgut.

Seit Anfang 2000 wurden in der Redaktion des Magazins in der Brandstwiete keine analogen Pressefotos mehr ins Bildarchiv übernommen. Ende April 2005 wechselte die Fotosammlung als Dauerleihgabe einen Steinwurf weit die Straße hinunter in das Internationale Haus der Photographie in die Deichtorhallen, also in eine öffentliche Institution.

Die Initiatorin für diesen Wechsel – die Spiegel-Bildredakteurin Christiane Gehner – sagte, dass es keinen Grund mehr gebe, »massenhaft Fotografien aus dem täglichen Geschäft zu archivieren, wie das früher der Fall war. Diese Bilder liegen ja bei Agenturen oder Fotografen online, und wir können sie dort binnen Sekunden abrufen.«

Der Orts- und Statuswechsel bedeutet zugleich Neuland – denn die Fotos gehören ja nicht dem Spiegel, sondern den Fotografen, die sie ursprünglich dem Nachrichtenmagazin gegen eine Archivgebühr oder zur Veröffentlichung gegen Honorar zur Verfügung stellten. Wenn also ein Nutzer des Archivs Interesse an einer Aufnahme hat, muss er sich an den Fotografen wenden, weil bei diesem die Urheberrechte liegen. Einige Besucher zeigen kaum Verständnis für diese besondere Situation. Doch gilt, wie Margret Spohn betont, die seit 1981 im Spiegel-Bildarchiv arbeitet, dass es keinen direkten Verkauf der Nutzungsrechte gibt und im Prinzip kein Foto das Haus verlässt.

Die Idee, das vom Spiegel seit 1947 gesammelte und archivierte Bildmaterial dauerhaft zu sichern, ist mehr als berechtigt. Denn es stellt ein Dokument der Zeitgeschichte – der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – dar. Etwas Ähnliches gab es nicht vorher, und aufgrund der Digitalisierung wird Entsprechendes auch kein zweites Mal entstehen. Der Fundus ist eine schlummernde Schatzkammer der Pressefotografie. Im Übrigen befindet sich im Archiv nicht allein das, was publiziert wurde, sondern alles, was auf professioneller Basis und bei einer Recherche fotografiert wurde: Viele der Fotos sind unveröffentlicht.

Durch die Angliederung an das Internationale Haus der Photographie wurde das Bildarchiv aufgewertet. In einer Pressehierarchie, die üblicherweise das Wort bevorzugt, kamen die Fotos oft am Schluss, wurden nur als dekorative Zu­gabe verstanden. Im Rahmen des Ausstellungsbetriebs und eines lebendigen Archivs erhalten sie nun einen Eigenwert. Eine Fotografie kann für eine Ausstellung unter bestimmten geregelten Bedingungen ausgeliehen werden, so dass sie nicht verloren geht; sie wird also behandelt wie ein Kunstwerk, bemerkt der Direktor der Deichtorhallen, Dr. Robert Fleck.

Das Archiv besteht insgesamt aus rund drei Millionen analogen Abzüge unterschiedlichster Art, Barytvergrößerungen, Schwarzweiß-Fotos auf PE-Papier, Farbabzügen, Funkbildern, Diaduplikaten. Es ließe sich daraus auch eine Art Entwicklungsgeschichte der Technik rekonstruieren. Oft sind die Abzüge von unterschiedlicher Qualität, vergilbt oder haben – weil schlecht gewässert – braune Stellen. Vorteilhaft für die Lagerung wäre eine konstante Temperatur und gedämpftes Licht. Aber das Archiv war stets ein Arbeitsarchiv, die Fotos wurden nicht mit weißen Handschuhen angefasst, was einem Sammler wie F.C. Gundlach, dem Leiter des Internationalen Hauses der Photographie, haarsträubend erscheint.

Die Fotoabzüge lagern in typisch braunen Archivmappen oder -taschen für DINA4-Material, deren Deckklappen unten links und rechts mit einem leinenen gelben Streifen zusammengehalten werden. So stehen sie in hellgrauen, etwa zehn Zentimeter breiten Plastikbehältern. Wenn die Mappen prall mit Fotoabzügen gefüllt sind, passen etwa vier bis fünf in eine solche Box. Sie tragen vorne einen vergilbten oder grünen Registraturreiter mit dem Thema in Schreibmaschinenschrift. Einige Mappen sind dazu leuchtend rot markiert, in ihnen befinden sich Abzüge, die inzwischen digitalisiert wurden. Insgesamt umfasst das Bildarchiv des Spiegel 1200 Regalmeter.

»Deutschland« ist selbstverständlich das dominierende Thema. Es gibt Kategorien wie Politik, Parteien, Justiz, Mordprozesse, Katastrophen im Bergbau oder bei der Eisenbahn, dann natürlich Fußball, Sport im Allgemeinen, Banken, Religionen, Pädagogik, Musik, Kraftfahrzeugtechnik, Lehrlinge, Militär, Börse, Kaufhäuser, Landschaften und so weiter und so fort – die Stichwörter richten sich vor allem nach den Rubriken des Spiegel.

Auf Einladung des Deichtorhallendirektors Fleck konnten Ende Oktober 2005 gut ein Dutzend Freelens-Mitglieder das Bildarchiv besichtigen. In der Archivtasche »Niederlande / Industrie / Lebensmittel / Fisch« fand Freelenser Franklin Hollander tatsächlich alle seine 18 Fotos aus dem Jahr 1992. Als Student hatte Hollander selbst im Bildarchiv des Spiegel gearbeitet; er dachte sich damals, ,Da kann ich was lernen, wenn ich beim Einordnen zugleich die Bilder studiere.‘ Auch Freelens-Mitglied Urs Kluyver entdeckte in der Archivmappe »Brasilien / Fischfang« einen seiner Abzüge aus dem Jahr 1973.

Auf der Rückseite der Prints finden sich Bemerkungen des Fotografen über Ort, Zeit und Umstände der Aufnahme, manchmal längere Texte, und auch Hinweise der Bildredaktion zu Honorar und Größe der veröffentlichen Abbildung. Einige Fotos haben noch Ausschnittmarkierungen, was spannend ist, wenn man das ganze Bild berücksichtigt. Und manche Aufnahmen sind lediglich Recherchefotos, die auf einen Redakteur zurückgehen.

Manchmal enthält eine Archivmappe zu einem Thema 30-mal das gleiche Motiv, wie still stehende Züge in Japan, ein Streik des U-Bahn Personals. Das ist für detailgenaue Historiker interessant. Zu Studienzwecken kann man nach Voranmeldung das Archiv besuchen. Zu einem bestimmten zeitgeschichtlichen Thema oder Kontext könnten auch Medienwissenschaftler, Lektoren oder Laien Forschungs- und Bildmaterial entdecken. Damit wird das Archiv aktiviert.

Etwas Vergleichbares gibt es bisher in Deutschland nicht. Die Fotografie im Wandel – im Übergang von analog zu digital – braucht unterschiedliche Blickwinkel für die Auseinandersetzung zwischen Tradition und Weiterentwicklung. Das Archiv hofft auch auf den Dialog mit den Fotografen, die erkennen, dass ein solches kollektives Bildgedächtnis zu ihrem Gewinn und ihrer Ermutigung beiträgt.

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Christian Mürner
Dr. phil., ist freier Publizist und schreibt über Kunst- und Wissenschaftsthemen, u.a. für die Wochenzeitung, Zürich.