MAGAZIN #12

Das Ende einer Geschäftsidee

Niedergang und Aufstieg und... In Berlin probierte Gruner+Jahr unterschiedliche Geschäftsmodelle. Redaktionsgemeinschaft flopp – Bildervermarktung topp

Text –

Manfred Scharnberg

Das Agenturkonzept der Gruner+ Jahr-Redaktionsgemeinschaft ist gescheitert. Zum 29. Februar diesen Jahres endeten die Wirtschaftsbeziehungen der Verlagsobjekte Berliner Kurier, Hamburger Morgenpost, Kölner Express und der in Sachsen erscheinenden Morgenpost in Form einer Redaktionsgemeinschaft. Erst zum Juli 1999 war die dieser Zusammenschluss der Tageszeitungen gegründet worden. Dr. Bernd Kundrun, Geschäftsführer der G+J Kaufzeitungen Verlagsgesellschaft mbH, bildete aus Mitarbeitern des Berliner Kurier und der Hamburger Morgenpost eine Zentralredaktion in Berlin. Sein Haus versorgte federführend die vier Boulevardblätter zunächst nur mit Berichten und Fotos aus dem Bereich Service; später sollten auch Nachrichten und Politikthemen hinzukommen.

Die Idee war einfach: Alle Einzelredaktionen produzieren normalerweise täglich jeweils ähnliche Beiträge zu vergleichbaren Themen. Alle könnten aber mit demselben Material aus einer Zentralredaktion beliefert werden. Und dabei wird eine Menge Geld gespart. So wurde dieser Geschäftsidee denn auch aus den Verlagsleitungen Beifall gespendet – ein erfolgversprechendes Synergiemodell.

Die betroffenen Arbeitnehmer sahen das allerdings anders, sie befürchteten einen Stellenabbau. Und als Folge der Übernahme der Ressorts Nachrichten und Politik durch eine Zentralredaktion vermuteten sie den Rückgang journalistischer Eigenständigkeit ihrer Publikation. So sprachen sich denn auch die Betriebsräte der Hamburger Morgen­post und des Berliner Kurier gegen die Redaktionsgemeinschaft aus. »Die beiden Betriebsräte bedauern die gesamte Entwicklung hin zur Redaktionsgemeinschaft. Ohne jede Häme stellen sie fest, dass alle von ihnen formulierten Bedenken gegen die Kundrunsche Idee ein falscher Weg zur Sicherung der MOPO war«, hieß es in ihrer Presseerklärung zum Ende der Redaktionsgemeinschaft.

Auch Fotojournalisten sahen in der Gruner+Jahr-Geschäftsidee ein Geschäft auf Kosten anderer. Einen Monat nach Gründung der Redaktionsgemeinschaft bekamen die für den Berliner Kurier arbeitenden Fotografinnen und Fotografen ein Schreiben über die »Erweiterung der bestehenden Honorarvereinbarungen« zugeschickt. Was darin als »Erweiterung« der Marktchancen verkauft wurde, stellte sich bei genauerer Betrachtung als Einschränkung von Fotografenrechten und Preisdumping heraus. Denn mit einem Einmalhonorar von 135 bis 160 Mark wollte Gruner+Jahr bis zu vier Veröffentlichungen vergüten. Ein geradezu klägliches Angebot, wenn man die MFM-Honorarübersicht zur Hand nimmt. Danach wäre von den vier angeschlossenen Zeitungen entsprechend ihrer Auflagenhöhe ein Gesamthonorar von 640 Mark zu zahlen. Und selbst nach dem Tarif­vertrag für arbeitnehmerähnliche freie Fotografen (der nur für fest-freie Redaktionsfotografen gilt) kommt man auf eine Gesamtentlohnung von 514 Mark – statt der angebotenen 160 Mark.

So schlechte Rechner, für die die Verlage sie offenbar halten, sind Fotojournalisten allerdings nicht. Bereits am Ankunftstag des Schreibens landete dieses auch im FreeLens-Büro, und es hagelte Empörung über die »Knebelhonorare der neuen Redaktionsgemeinschaft«. Auf einen FreeLens-Vorschlag, die doch sehr unterschiedlichen Auffassungen über Fotohonorare in einem Gespräch zu klären, antwortete Dr. Christian Stenz, Leitung Personal/Recht beim Berliner Verlag, ziemlich barsch. Die Vergütungsvorstellungen von FreeLens lägen »völlig neben der Sache«, schrieb er.

Wie doppelzüngig Herr Stenz argumentierte, zeigt ein Blick auf die Kundenpräsentation seiner eigenen Verlagssyndication. Der ist zu entnehmen, dass deren Honorarvorstellungen sich »orientiert nach Honorarsätzen BVPA-Basis«, also nach den MFM-Sätzen. Diese doppelte Moral – für sich selbst Branchenstandards in Anspruch zu nehmen, diese anderen hingegen zu verweigern – setzte sich in der Stenz’schen Argumentation fort. Einerseits begründete er die Ablehnung von Gesprächen damit, dass freie Fotografen nicht dem Tarifvertrag unterlägen. Andererseits berief er sich im selben Brief aber auf diese tariflichen Vereinbarungen.

Die Spar-Idee aus dem Hause Gruner+Jahr beruhte auf einem grundsätzlichen Denkfehler. Man ging davon aus, der Einkauf von Fotos durch eine Zentralredaktion könne als eine einzige Veröffentlichung angesehen werden. Das ist aber nicht der Fall. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Veröffentlichungen in vier verschiedenen Zeitungen, die unterschiedlichen Verlagen zugehören, bleiben immer noch vier Veröffentlichungen – die jeweils separat honoriert werden müssen. Danach verfahren Bildagenturen, die dem Bundesverband der Pressebildagenturen (BVPA) angeschlossen sind, seit längerem und berechnen jede einzelne Veröffentlichung. Der BVPA hat sich – wie FreeLens und der DJV – gegen die Geschäftspraktiken der Redaktionsgemeinschaft ausgesprochen.

Die Hamburger Fotografin Susanne Eichel schildert ihre persönliche Erfahrung: Sie habe einen Auftrag bekommen, für die Redaktionsgemeinschaft einen berühmten Arzt zu porträtieren. Die ablehnende Haltung der Fotografin aufgrund der damals noch ungeklärten Honorarsätze konnte die Bildredakteurin angeblich zerstreuen. »Sie meinte, dass wir uns über das Honorar schon einigen würden«, erzählt Sabine Eichel. Der Termin drängte, die Fotografin nahm ihn wahr und will fünf unterschiedliche Motive geliefert haben. Zunächst soll die Redaktion dafür ganze 100 Mark geboten haben. »Später wollte man die Bilder für 500 Mark exklusiv und mit allen Weiterverkaufsrechten«, schildert die Fotografin, die das Angebot damals abgelehnt haben will. Nach ihren Angaben sollen trotzdem Fotos im Kölner Express und im Berliner Kurier gedruckt – und bis heute nicht honoriert – worden sein.

Obwohl die Redaktionsgemeinschaft nach Darstellung der Fotografin nicht einmal das Recht zur einfachen Veröffentlichung erworben habe, wollte die Redaktion offenbar von einem zusätzlichen Recht Gebrauch machen: dem zum Weitervertrieb. So wurde die Fotografin eines Tages aus der Redaktionsgemeinschaft angerufen. »Man meinte, es sei eine ganz tolle Nachricht, dass vier dieser Bilder an eine Hannoversche Zeitung verkauft worden seien«, berichtet Susanne Eichel. »Und ich bekäme sogar das gesamte Honorar, etwa 550 Mark.« Als die Fotografin danach aber selbst in Hannover anrief, will sie zu ihrem Erstaunen erfahren haben, dass das von der Redaktionsgemeinschaft angeblich geforderte Honorar doppelt so hoch sei, nämlich mehr als 1.000 Mark beträge.

So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass man von Seiten der Bildlieferanten dem Ende des Sparmodells Redaktionsgemeinschaft keine Träne nachweint. Wer in einer solchen Weise mit seinen Lieferanten und Vertragspartnern umgeht – das meinen manche Fotografen –, muss sich nicht wundern, wenn so ein Projekt scheitert.

Auch intern kam kaum Begeisterung auf. Nach Angaben der betroffenen Gruner+Jahr-Betriebsräte haben es die beteiligten Zeitungen »in der ganzen Zeit nicht geschafft, die geplante Redaktionsgemeinschaft ernsthaft mit Leben zu erfüllen. Kein einziger avisierter Termin konnte gehalten werden«, schreiben sie. Als die Hamburger Morgenpost im November 1999 aus dem Gruner+Jahr-Verlag ausschied und damit nicht mehr wirtschaftlich in die Redaktionsgemeinschaft eingebunden war, nahm der Kölner Express die Gelegenheit wahr, um ebenfalls auszusteigen. Der Vertrag, der vorsah, dass die Redaktionsgemeinschaft gegen einen jährlichen Betrag von einer Million Mark Material zu überregionalen Themen nach Köln liefert, wurde fristlos gekündigt. Das war das Ende des Redaktionsverbundes.

Auch wenn eine wirtschaftliche Allianz der vier beteiligten Verlage beendet ist, geht die Zusammenarbeit weiter. Nach dem Informationsstand der Betriebsräte werden die Hamburger Morgenpost und der Kölner Express voraussichtlich eine Vereinbarung über die weitere Belieferung von Service-Seiten mit dem Berliner Kurier abschließen. Vermutlich wird also weiterhin eine Mehrfachnutzung von Fotos stattfinden. Ob dabei – wie notwendig – jede Veröffentlichung einzeln bezahlt wird oder lediglich eine Pauschalsumme, wird sich zeigen.

Der Anfang einer Geschäftsidee. »Erwarten Sie ein Feuerwerk brillanter Bilder von historisch einmalig bis einmalig aktuell« – so wirbt der Berliner Verlag auf seiner Homepage für die neueste »Geschäftsidee« aus dem Hause Gruner+Jahr, die Bildvermarktung über Berlin Picture Gate. Das Tor in die schöne neue Berliner Bilderwelt sollen das Angebot von vier Millionen konventionellen Fotos und etwa 100.000 digitalen Fotos eröffnen. Diese stammen aus dem übernommenen Archiv des Berliner Verlages oder aus den aktuellen Produktionen von etwa 30 Fotografen, die meist für den Berliner Kurier und die Berliner Zeitung arbeiten.

Die Idee der Weitervermarktung ist nicht neu, denn die Bilddokumentation des Berliner Verlages vertreibt Fotos bereits seit Juni 1998. Doch jetzt hat das Kind einen Namen, eine Vermarktungsstrategie und ist seit Herbst 1999 offensiv auf dem Markt.

Allerdings regte sich bereits in der Anlaufphase unter Fotografen Unmut über die Praxis der damaligen Honorar-Abrechnungen. So wollen FotografInnen ihre Fotos in anderen Printmedien, etwa in Super Illu, entdeckt haben ohne dass der Abdruck seinerzeit bezahlt wurde. Erst auf die Intervention der Fotografinnen und Fotografen sollen Bilder honoriert worden sein. »Die Angaben in den Abrechnungen waren so dürftig, dass nicht zu erkennen war, ob alles vollständig erfasst worden ist«, so eine der Fotografinnen. Zu ihren ersten Abrechnungen wollen die Beteiligten auf kuriose Weise gekommen sein. Mehrere Kolleginnen und Kollegen marschierten gemeinsam in die Bildredaktion, um ihre Abrechnungsbelege einzufordern. Auf den massiven Einspruch der FotografInnen hin soll die damalige Bildredakteurin daraufhin einen Stapel Umschläge aus einer Schublade gezaubert haben. Es seien die Abrechnungen gewesen – zwei Monate alt.

Ganz neu allerdings ist die Zusammenarbeit von Berlin Picture Gate mit der Deutschen Presseagentur (dpa) – zunächst in einer Testphase. Die dpa bietet über ihren Berlinreport Fotos von Berlin Picture Gate an und soll als Vertriebspartner des Archivbestandes von Berlin Picture Gate fungieren.

Aber auch hier findet sich ein Wermutstropfen für FotografInnen. Statt auf partnerschaftliche Zusammenarbeit zu setzen, arbeitete Berlin Picture Gate mit Säbelrasseln. »Sollte im Einzelfall eine schriftliche Einverständniserklärung Ihrer Duldung der Weitergabe Ihres Bildmaterials für diese zweite Vertriebsschiene bis zum 30.08.99 nicht vorliegen, gehe ich wie bisher von einer formellen, stillschweigenden Duldung aus«, schreibt Michael Weniger, Leiter der Bilddokumentation des Berliner Verlages, den FotografInnen. Übersetzt heißt das: Auch wenn ihr das Einverständnis nicht erklärt, wir benutzen eure Fotos trotzdem. FreeLens-Anwalt Dirk Feldmann dazu: »Ein derartiger Versuch ist rechtsunwirksam, weil Schweigen nach deutschem Recht keine Willenserklärung ersetzt.«

Auf Anfrage von FreeLens spricht Michael Weniger von einer »unglücklichen Formulierung« und berichtet, dass sich »einige Beteiligte etwas genötigt fühlten«. Die Wogen scheinen aber offenbar geglättet, denn inzwischen hat er ein Gespräch mit den FotografInnen geführt. Ergebnis: Man hat eine Erprobungsphase abgesprochen, will auf einem weiteren Treffen im Juni Bilanz ziehen und über die künftige Zusammenarbeit sprechen.

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Manfred Scharnberg
ist freier Bild- und Textautor, arbeitet als Chefredakteur in München. In Hamburg ist er für das FreeLens-MAGAZIN verantwortlich.