MAGAZIN #03

Digitale Fotografie

Der Aufbruch ins»digitale Fotozeitalter« ist nicht mehr aufzuhalten. Auch Fernando Baptista will sich dieser neuen »Errungenschaft« nicht in den Weg stellen, sondern versuchen, mit ihr besser zurecht zukommen. Er beschreibt, wie digitale Fotografie sinnvoll und ihren technischen Möglichkeiten entsprechend optimal einzusetzen ist und wo die Knackpunkte liegen.

Text –

FERNANDO BAPTISTA

In der digitalen Fotografie ist Deutschland gegenwärtig noch ein »Entwicklungsland«. Doch einige Verlage, allen voran der Axel Springer Verlag, setzen zum großen Sprung in die neue Technik an. So verlangt die Bild-Zeitungsgruppe von ihren freien Fotografen, sich für rund 35.000 Mark eine digitale Kameraausrüstung zu kaufen oder sie zu leasen. Die Fotografen werden mit dreijährigen Verträgen »gelockt«, um die Belastung angeblich zwischen Verlag und Fotografen zu teilen. Wer darauf nicht eingehen will, bekommt einfach keine Aufträge mehr.

Welche Vorteile bringt die digitale Fotografie nun tatsächlich, beispielsweise in der Arbeit der BILD-Redaktion? Hier gehen die Fotografen auf Termin und legen dabei Entfernungen von in der Regel zwischen 20 und 100 Kilometern zurück. Gegenüber der herkömmlichen Fotografie (Negativfarbfilm, nur entwickeln, keine Kontakte, keine Abzüge und nur einscannen) schrumpft der durch die digitale Fotografie herausgeholte Vorsprung auf ein Minimum zusammen, wenn man nach dem Termin mit der digitalen Kamera wieder in die Redaktion zurückfährt. Der Zeitvorsprung beträgt nach meinen zahlreichen Erfahrungen mit beiden Medien maximal 15–20 Minuten. Selbst ein Zeitunterschied von 30 Minuten wäre lächerlich angesichts der immer späteren Andruckzeiten. Ausnahmen sind späte Abendtermine, die aktuell ins Blatt sollen. Aber die sind eher selten und auch hier reicht die herkömmliche Fototechnik.

Der Fotoredakteur braucht dieselbe Zeit, um sich einen Film unter der Lupe anzuschauen und die Fotos auszuwerten wie zur Sichtung aller 125 auf einer Kamerafestplatte befindlichen Fotos. Das Herunterladen der digitalen Fotos aus der Kamera in den Computer dauert etwa ein bis zwei Minuten pro Foto/Datensatz. Das Einscannen vom Negativ dauert dagegen nur etwa 30 Sekunden pro Foto. Rechnet man das Prescanning (also die Voransicht für den Bildausschnitt) dazu, sind es höchstens eine Minute pro Foto für einen erfahrenen Fotografen oder Fotoredakteur. Auch hier also kein Zeitvorsprung für das digitale Verfahren.

Verlage argumentieren, daß digitale Fotos besser in den Ganzseitenumbruch einzupassen seien. Ein weiterer Vorteil sei der einfachere und schnellere Druck von Farbfotos. So stand es im Februar-Heft der DJV-Zeitschrift Journalist. Doch ein digital fotografiertes und ein konventionell fotografiertes und anschließend eingescanntes Foto besitzen beide die gleiche Eigenschaft und somit Bearbeitungsqualität. Beide sind auf dem Computerbildschirm digitalisiert. Nicht einmal ein Profi ist in der Lage einen Unterschied festzustellen, da es keinen gibt. Beide Datensätze bestehen aus digitalisierten Computerinformationen, also aus Bites und Bytes.

Wo soll also der Gewinn liegen? Ganz offensichtlich setzen die Zeitungen wegen der enormen Kosteneinsparung auf die digitale Fotografie. Labors fallen weg, Materialkosten erübrigen sich, Laboranten werden nicht mehr gebraucht – man spart praktisch eine ganze Abteilung ein. Ebenfalls entfallen die Reprokosten für Fotos. Zusätzlich argumentieren die Verlage (so geschehen beim Axel Springer Verlag), daß Fotografen ja nun keine Film- und Laborkosten mehr hätten und somit eine Kürzung des Honorars hinnehmen müßten. Bei BILD wurde bislang ein Schwarzweiß-Foto (selbst entwickelt) mit 122 Mark zuzüglich MwSt honoriert. Da laut Verlag die Entwicklung wegfällt, werden nur noch 95 Mark pro Foto bezahlt. Die Fotografen werden als nicht nur »gezwungen« sich digitale Kameras zuzulegen, deren Anschaffungspreis bei 27.300 Mark liegt, nicht mitgerechnet mindestens zwei zusätzliche Festplatten à 800 Mark sowie ein Superweitwinkel für 1.300 Mark. Alle Preise selbstverständlich zuzüglich 15 Prozent MwSt. Sondern sie sollen dafür auch noch weniger Honorar akzeptieren.

Doch mit den genannten Kosten ist es bei weitem nicht getan. Durch das Fehlen eines Negativs ist der Fotograf nicht mehr in der Lage, seine Fotos unmittelbar weiterzuverkaufen oder für sich zu archivieren. Er ist schon aus Eigeninteresse gezwungen, die digitalen Datensätze auf CD zu speichern. Beim Axel Springer Verlag bietet man den freien Fotografen an, die Fotos gegen eine noch nicht genau festgelegte Gebühr auf CD zu speichern. Diese Kosten werden vielleicht nicht extrem hoch sein, aber was soll der Fotograf mit einer CD mit rund 650 MB an digitalen Fotos (etwa 2200 Stück), wenn er sie weder anschauen, drucken noch an Dritte weiterschicken kann?

Die Anschaffung eines Computers ist also notwendig. Hinzu kommen noch ein Bildbearbeitungsprogramm (Photoshop), entsprechend zusätzlicher Arbeitsspeicher für den PC oder Mac, eine ISDN-Karte und ISDN-Leitung zur Übermittlung, ein Bildarchivierungsprogramm und zu guter Letzt noch das Wissen, dieses alles zu bedienen. Rechnet man alle diese zusätzlichen Geräte zusammen, deren Anschaffung unerläßlich ist, dann fallen nochmals Kosten von 11.000 bis 14.000 Mark an. Möchte der Fotograf auch noch einen Scanner haben für eventuell noch anfallende Negative und/oder einen Fotopapierdrucker für Farbfotos sind es 5.000 bis 20.000 Mark mehr (siehe Kasten).

Geht man außerdem davon aus, daß die freien Fotografen bis auf eine kurze Einweisung in die Bedienung der digitalen Kamera von den Verlagen keinerlei Schulungen bekommen, muß man die notwendige Zeit für die Qualifikation in die Bewertung der Investitionskosten sowie der zukünftigen Honorare zwingend einfließen lassen. Ein festangestellter Fotograf bekommt solche Schulungen vom Verlag bezahlt. Eine Schulung im Photoshop kostet den Verlag beispielsweise zwischen 1.000 und 2.500 Mark am Tag. Ein freier Fotograf, der die ganzen Kosten selbst bestreitet, müßte er sogar mehr Honorar für ein Foto bekommen als es die Gewerkschaften und Verbände zur Zeit empfehlen!

Nicht vergessen werden darf die höhere Arbeitszeit, die beim Archivieren entsteht. Vorausgesetzt ein Fotograf legt sich das notwendige Equipment zu, braucht er im Schnitt zwei bis drei Stunden täglich, um seine digital gemachten Fotos vernünftig zu sichten, zu bearbeiten und zu archivieren. Natürlich braucht er nicht alle gemachten Fotos zu behalten. Einige werden auch von den Verlagen selbst archiviert. Aber für freie Fotografen ist das Archiv ihr Kapital und auch eine kleine Altersabsicherung. Also Vorsicht: Nach dem Löschen einer Platte sind alle Datensätzen unwiederbringlich weg! Im Unterschied dazu ist eine relativ einfache Art der Archivierung schon gewährleistet, wenn man seine Filme in einen Ordner abheftet – zu einem Bruchteil der Kosten.

Der nächste konsequente Schritt zur besseren Ausnutzung der digitalen Fototechnik, wäre für die Verlage, daß die Fotografen nach der digitalen Aufnahme nur noch die Kamera an ein Powerbook anschließen, die Redaktion anwählen und die Fotos übertragen, um anschließend entweder zum nächsten Termin oder in die Redaktion zurückzufahren. Dies macht aber zumindest für den täglichen aktuellen Lokalbedarf wenig Sinn. Bei immer späteren Andruckzeiten rechnet es sich nicht, die höheren Kosten für die Bildübermittlung vom Handy in die Redaktion in Kauf zu nehmen. Es sei denn man rechnet das Kilometergeld dagegen.

Doch vielleicht rechnet es sich auf Kosten der Fotografen. Werden dann die Fotografen wieder »gezwungen« sich ein Powerbook für 7.000 Mark anzuschaffen? Hinzu käme auch eine PCMCIA-Karte zur Übermittlung für 1.200 bis 1.800 Mark. Vorausgesetzt natürlich ein Handy oder Autotelefon mit der Fähigkeit zur Datenübermittlung und eine entsprechende Karte sind schon vorhanden, ansonsten nochmals 1.000 Mark. Wer zahlt die monatlichen Kosten für die Bereitstellung der speziellen Datenübermittlungs-Karte? Wer zahlt die Übermittlungskosten?

Fragen über Fragen, auf die niemand eine Antwort zu haben scheint. Berufsverbände, Gewerkschaften und die Kolleginnen und Kollegen müssen sich dieser gesamten Problematik annehmen und gemeinsam gegenüber den Verlegern handeln. Die Verleger müssen die Notwendigkeit erkennen, die neue Technik sinnvoll und ihrer Möglichkeit entsprechend einzusetzen. Wie viele andere Kollegen habe ich in den letzten fünf Jahren 30.000 Mark in Hard- und Software investiert, wovon natürlich meine Auftraggeber kostenlos profitieren. Die meisten von uns haben eine ungeheure Kraft und Zeit beim Aneignen des notwendigen Wissens für die Zukunft aufgewandt, um diese auf uns alle zukommenden Veränderungen zu meistern. Dieser höheren Qualifizierung der Fotografen und ihrer journalistischen Tätigkeit können sich die Verlage nicht einfach verschließen. Sie müssen in der zukünftigen Festlegung der Honorare berücksichtigt werden.

Die Technik
Die Auflistung von Anschaffungen ist unterteilt in »absolutes Muß« und »weniger zwingend«. Ob man die Technik zu den angegebenen Preise erwerben kann, ist abhängig von der eigenen Erfahrung, wo man etwas bekommt, ob man einen guten Preis erhandeln kann und der Fähigkeit, alles selbst zu installieren, anzuschließen und zu bedienen.

Unerläßliche Hard- und Software:
– Rechner (vorzugsweise Apple Power Mac plus Tastatur, Maus, Betriebssystem) und 16 MB Arbeitsspeicher) ab 4.000 Mark.
– 17 Zoll Bildschirm ab 1.100 Mark.
– ISDN-Karte oder Box zur schnellen Übermittlung der Fotos in die Redaktionen, je nach Standart (Planet oder Leonardo) von 700 bis 2.000 Mark pro Karte oder Box.
– Zusätzliche externe Festplatte (1 Gigabyte) für den Rechner. Ab 550 Mark zuzüglich Gehäuse für 130 Mark.
– Photoshop-Bildbearbeitungsprogramm. Ab 1.000 Mark.
– Cumulus-Bildarchivierungsprogramm. Von 450 bis 2.400 Mark (billigere Version »nur« für 50.000 Fotos, teuere für unendlich viele Fotos, außerdem Netzwerkfähig).
– Magneto-optisches externes Laufwerk (1,3 GB) zur vorübergehenden Datenspeicherung (im Gegensatz zur writable CD-ROM sind die Medien immer wieder zu überschreiben). Ab 1.100 Mark.
– CD Writer (wichtig fürs eigene Archiv) ab 1.200 Mark.
– Superweitwinkelobjektiv (da die Kamera einen Verlängerungsfaktor von 1,6 gegenüber normalen Kleinbildkameras hat, ist diese Anschaffung notwendig, um Weitwinkelfotografie betreiben zu können.) Ab 1.300 Mark.
– Die Kosten für die Medien : 1 writable CD 14,90 pro Stück, 1 MO-Cartridge 115 Mark pro Stück.

Nicht zwingende Hard- und Software:
– Filmscanner (35mm) Dia wie Negativ, von 2.000 bis 16.000 Mark.
– Fotopapierdrucker von 1100 bis 18.000 Mark.