MAGAZIN #18

Drei Verrisse 35 Euro

Wer fotografiert, kann die Qualität der eigenen Arbeit häufig nur schwer einschätzen – Hilfestellung bietet die zweimal jährlich in Hamburg angebotene Portfoliosichtung.

Text –

Kay Dohnke

Den meisten sieht man ihre Spannung an. Sie haben dicke Mappen unterm Arm, Alben, und einer trägt eine große Holzkiste. Sie warten auf ihren Termin, auf ein Feedback, das – selbst wenn es differenziert ausfällt – auch ein Urteil über das eigene Können ist.

Mappenshow im Verlagshaus von Gruner + Jahr in Hamburg – die fast schon legendäre Portfoliosichtung. Fotografen aus dem gesamten Bundesgebiet nutzen hier zweimal jährlich die Chance, ihre Arbeiten einer Reihe professioneller Sichter vorzulegen und eine fachliche Einschätzung ihrer Leistungen zu bekommen. Tipps für eine eventuelle praktische Umsetzung gibt es ebenfalls. Pünktlich um zehn Uhr verschwinden alle in den Konferenzräumen, beugen sich über die Fotos, stehen Rede und Antwort.

Und was da an Bildern vor den Sichtern landet und manchmal schüchtern, ebensogut aber auch selbstsicher präsentiert wird, ist von sehr unterschiedlicher Art: »Manchen würde man am liebsten empfehlen, einen Fotokurs an der Volkshochschule zu belegen«, sagt Ute Noll vom magazin der Frankfurter Rundschau. »Aber andererseits«, differenziert sie, »sind auch echte Talente zu entdecken. Und seitens der Sichter besteht durchaus Interesse daran, auf neue Namen zu stoßen.«

Nach einer Dreiviertelstunde geht Lars Bauernschmitt wie ein Zeremonienmeister von Raum zu Raum und beendet sanft allzu intensive Diskussionen – die Zeit ist abgelaufen, nach einer kurzen Pause gehen die Fotografen zum nächsten Sichter auf ihrer Liste. »Wir stellen fest«, sagt Bauernschmitt vom Arbeitskreis Photographie, der die Portfoliosichtung organisiert, »dass vielen Fotografen in der Praxis Ansprechpartner fehlen, die ihnen sagen, wo sie stehen«. Und die halten sich hier zur Verfügung, diskutieren mit Anfängern, Studenten, Umsteigern, die künftig als Fotografen ihr Geld verdienen wollen. Seit über zehn Jahren gibt es diese »Mappenshow« bereits, Gruner + Jahr stellt kostenlos Räume zur Verfügung, und neun bis zwölf Sichter aus Werbeagenturen, Redaktionen, Hochschulen und Bildagenturen geben unbezahlt einen Samstag dran. Meist nehmen um die 25 Fotografen das Angebot an – für 35 Euro bekommt man drei ausführliche Stellungnahmen.

Nächste Runde: Wieder werden auf Pappen aufgezogene Bilder ausgepackt, Mappen aufgeschlagen, aber auch Plastikhüllen mit Dias umständlich gegen das Licht gehalten. Zu sehen gibt es Foodfotografie, Modebilder, auf denen mangels Profi-Model die Freundin posiert, Aufnahmen von unterwegs – vieles durchaus gekonnt, anderes dilettantisch.

Doch nicht nur die Fotos sind aufschlussreich, auch ihre Präsentation verrät viel. »Anhand des Portfolios kann man sehen, welche Vorstellung jemand von seiner Arbeit hat«, hat Ute Noll beobachtet. »Wenn jemand eine gute Mappe hat, kann man eher über das Projekt diskutieren. Es gibt aber auch schlechte Mappen, in denen gute Bilder versteckt sind.«

Die Portfoliosichtung findet in einer Art geschütztem Raum statt, fast wie eine Trockenübung, ehe man seine Fotos »richtigen« Bildredakteuren vorlegt – obwohl die Sichter allesamt aktive Profis sind. Und hier ist etwas mehr Zeit für Gespräche – es ist wichtig, dass Fotografen ein Forum haben, um ausführlich über ihre Arbeit sprechen zu können.

Manche der Fotografen haben schon Arbeiten publiziert – oft merkt man es an ihrem Auftreten, ihrer Selbstsicherheit. Andere haben ihre Bilder bislang nur im Freundeskreis gezeigt und empfinden spürbar Lampenfieber. Fast alle zeigen Fotos aus mehreren Bereichen, wollen dokumentieren, dass sie ihr Tun ernst meinen. Und irgendwann kommt dann noch die Frage: »Kann man sowas auch verkaufen?«

Möglicherweise ja. Aber was oft fehlt, ist eine angemessene Einschätzung, wie der Fotomarkt in der Praxis funktioniert – egal, ob es sich um Bildagenturen oder Galerien, Werbefirmen oder Redaktionen handelt. Die eigenen Arbeiten vorzulegen, ist der erste Schritt – den zweiten, raus in die professionelle Vermarktung, muss dann jeder Fotograf allein tun.