MAGAZIN #35

Ein Licht aufgegangen: In einem Porträt-Workshop bei Peter Rigaud wird das Setzen des Lichts mit einer LED-Leuchte aus dem Baumarkt geübt.

Ein Licht aufgegangen: In einem Porträt-Workshop bei Peter Rigaud wird das Setzen des Lichts mit einer LED-Leuchte aus dem Baumarkt geübt. Foto: Andreas Hub

Erkenntnis entsteht ganz nebenbei

Warum sollen Profis Workshops von Profis besuchen? Fotografieren können sie doch schon. Fotojournalist Andreas Hub sieht Workshops als Chance, Dinge anders auszuprobieren und eingeschliffene Denkweisen zu hinterfragen.

Fotos & Text –

Andreas Hub

Berner Oberland, morgens um fünf. Schneeketten auf freier Strecke montieren. In der einen Hand das fummelige Kettenschloss, in der anderen die magische Baumarktlampe für 19,95 Euro. In diesem Moment wusste ich: Der Workshop hatte sich gelohnt, ohne die Lampe wären die Aussichten ziemlich finster gewesen.

Ein paar Wochen zuvor hatte ich ein Porträt-Seminar des in Berlin und Wien ansässigen Fotografen Peter Rigaud besucht. Nach den Geheimnissen für seine oft ungewöhnlichen Lichtinszenierungen befragt, zog der Kollege – oder Lehrer, ganz wie man mag, aber dazu kommen wir noch – eben jene billige LED-Stableuchte aus dem Koffer. Es war Sonntag, daher konnte ich erst am Montag in den Baumarkt fahren. Großartiges Teil. Ach so, zum Fotografieren habe ich die Leuchte noch nicht eingesetzt, das Licht ist ziemlich grell und nicht so leicht zu bändigen. Aber übermorgen muss ich wieder zu einem Job in die Berge. Die Lampe liegt schon neben den Schneeketten im Kofferraum.

Das zu der Frage, was man von Workshops mitnehmen kann. Ob man gar besser fotografieren lernen kann? Wahrscheinlich nicht, das sollte man vorher schon können, denn hier geht es ja nicht um Wochenenden in der Volkshochschule, sondern um Seminare, die Profis für andere Profis geben. In den USA schon lange eine Selbstverständlichkeit, gibt es sie mehr und mehr auch bei uns, angeboten von Freelens oder auch von Agenturen. Die oben angesprochene Veranstaltung gehört zur Workshop-Reihe der Kölner Agentur laif und ist für Berufsfotografen ebenso offen wie etwa die Angebote der Berliner Ostkreuz-Schule.

Ich gebe zu: Je älter ich werde, je länger ich im Beruf bin, desto mehr Spaß habe ich daran, Workshops zu besuchen. Größeren Geistern – als man selbst es ist – zuzuhören und zuzuschauen, wirkt anregend und aufregend. Manchmal erntet das in Kollegenkreisen Unverständnis: Wie, was willst du denn da noch lernen? Und teuer ist es auch.

Genau in diese Falle geriet ich, als ich vor einigen Jahren an einer Reportage-Woche mit dem National Geographic-Fotografen Gerd Ludwig (von Freelens veranstaltet) teilnahm. Eigentlich wollte ich mir beweisen: Was der kann, kann ich auch. Doch ich war schlecht vorbereitet, trat bei der Anfangspräsentation flapsig auf und hatte für den Rest der Woche den Ruf weg, der zu sein, der sich selbst nicht ernst nimmt – und den man deshalb auch nicht ernst nehmen muss. Das also hat wenig Sinn.

Um rauszufinden, wer den Längsten hat, sollte man nicht zu Workshops fahren. Die Rollen sind klar: Der eine ist der Lehrer, der andere der Schüler, der eine hat die Hosen an, der andere macht sich nackig. Um Komplimente zu hören, bezahle ich kein Geld. Aber wenn ich nach Hause gehe, entscheide ich, ob der da vorne Recht hatte oder doch nur ein blöder Hund ist. Mit dieser Einstellung kann ein Workshop richtig gut werden.

Kann, muss aber nicht. Denn ein Fotograf kann auf seinem Gebiet noch so brillant sein – Didaktik ist eine andere Sache. Außerdem geraten Dozenten manchmal auch in eine Falle: Sie zeigen Scheu, mit Kollegen Tacheles zu reden und wollen lieber lieb gehabt werden.

Es gibt auch die Sorte von Workshops, in denen es um die Vermittlung reinen Fachwissens geht. Da sind die Dozenten meist Profis im Unterrichten. An einer Adobe-Schulung mit Maike Jarsetz teilzunehmen, die ihre Bücher wahrscheinlich auswendig rückwärts beten kann, heißt Wissen bimsen, aufpassen, viel mitschreiben, anwenden.

Aber hier stehen die Begegnungen mit Menschen im Mittelpunkt, die einem wirklich die Lampe in der Birne anknipsen können. Ich erinnere mich an einen Vortrag des Dalai Lama, den ich 1993 in einer kleinen Kirche in München erlebte. Am Ende sagte er: »Wenn Sie meinen, das alles, was ich hier erzählt habe, Blödsinn ist, dann haben Sie vermutlich recht.« Eben, es geht meist nicht darum, was jemand sagt, sondern wie er es vermittelt.

Erkenntnisse entstehen gelegentlich ganz nebenbei. Bei dem Workshop mit Peter Rigaud kam es zu einer Sequenz, in der er kurz und knapp alle Teilnehmer porträtierte. Mir wurde zum ersten Mal klar, welche Erleichterung es bedeuten kann, dem Menschen hinter der Kamera komplett die Führung zu überlassen und alle Verantwortung über Bord zu werfen.

Manchmal muss es gar kein langer Workshop sein, es reicht auch eine kurze Begegnung: Vor vier Jahren fuhr ich aufs Lumix-Festival in Hannover, um eine Präsentation des amerikanischen Fotografen und Multimedia-Journalisten Ed Kashi zu sehen, dessen Arbeit über seinen demenzkranken Vater mich sehr beeindruckt hatte. Da stand jemand auf der Bühne, der nicht nur tolle und tiefgründige Bilder zeigte, sondern dessen mitreißende Präsenz und Wahrhaftigkeit sich sofort auf das Publikum übertrug, und ich fuhr wirklich guten Mutes zwei Stunden später wieder nach Hause.

Unerwartetes kann geschehen. Vor einigen Jahren geriet ich bei einer Nikon-Road-Show mehr oder weniger wider Willen in einen Workshop von Joe McNally, den ich bis dahin für einen ziemlichen Schaumschläger gehalten hatte. Ihm gelang es, durch praktische Beispiele alles ins Wanken zu bringen, was ich bis dahin in Sachen Blitztechnik für richtig und wichtig gehalten hatte. Die Lichtkoffer verstauben seitdem, der Rücken dankt es bis heute.

Wichtiger als technische Aspekte – obwohl ich Leuten gerne Löcher in den Bauch frage über ihre subjektiven Objektive – ist Ausstrahlung. Am nachhaltigsten wirkt bis heute ein Freelens-Reportage-Workshop mit dem dänischen Kriegsfotografen Jan Grarup nach, der wegen seines gelegentlich etwas egozentrischen, um nicht zu sagen, narzisstischen Auftretens nicht nur Freunde hat. Bei der Eröffnung stellte sich heraus, dass er nicht so richtig gut präpariert war, kein Thema hatte und vermutlich an einem Hangover des vorangegangenen Wochenendes litt. Um dann zu erklären: »Ich habe mir ein deutsches Handy besorgt. Ruft mich jederzeit an, wenn ihr nicht weiter kommt. Wir haben eine Woche und wollen was schaffen.«

Live begins where your comfort zone ends

Der Rest war leicht – außer den Themen, die wogen schwer. Es entstanden ziemlich gute Reportagen über Wohnungslose, Abbruchsiedlungen, Kampfsportler oder Menschen mit Demenz. Grarup würzte seine Rede mit Four-Letter-Words und gelegentlichen Kalendersprüchen wie »Life begins where your comfort zone ends«. Aber da zeigte sich ein Besessener, einer, der für eine Geschichte brennt und der gleichzeitig die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit und dem Versagen auf den Tisch packen konnte, um sich schließlich selbst in den Hintern zu treten und doch weiterzumachen.

Diese Stimmung übertrug sich und wirkt immer noch nach, zumindest bei einigen. Die Runde der Teilnehmer steht bis heute in Kontakt miteinander. Langzeitfolge des Workshops für mich: Vor kurzem die erste Veröffentlichung einer »harten« Reportage in der taz – mein allererstes freies Thema nach fast 40 Berufsjahren, in denen ich fast immer »schöne« Geschichten fotografieren durfte. Auf keine GEO- oder Stern-Doppelseite war ich je so stolz wie auf diese Veröffentlichung. Ein Aufbruch, ein Aufbrechen, der Mut oder die Lust, die Oberfläche anzukratzen, Dinge zu versuchen, die man noch nie probiert hat.

Ich war bis neulich auch noch nie mit Schneeketten gefahren. Kann ich jetzt. Wenn Workshops also dabei helfen, nicht gänzlich doof zu sterben – bitte sehr!

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Andreas Hub
ist Fotojournalist und Autor und gehört seit 20 Jahren zur Agentur laif. Seit 1995 ist er FREELENS Mitglied.