MAGAZIN #28

Geschichten mit 140 Grad

Er fotografiert seine Reportagen mit der Panoramakamera, ganz dicht an den Menschen. Geschichten wie Filme, erzählt in einem Foto. Nach seinem ersten Buch über das Nachkriegsjugoslawien stellt der dänisch-schwedische Fotograf Jens Olof Lasthein sein bemerkenswertes Buch »White Sea Black Sea« vor

Text –

Bernd Euler

Fotos –

Jens Olof Lasthein

»Bildjournalismus interessiert mich nicht«, sagt Jens mit einer wegwerfenden Handbewegung, »das ist mir zu schwarzweiß, die Perspektive ist zu eng!« Solch einen Satz muss man erst mal sacken lassen. Wir sitzen in seinem Lieblingsrestaurant in Stockholm, dem Pelikan. Ein großer Saal mit unendlich hoher Stuckdecke, livrierten Kellnern und einer gediegenen Karte. Es gibt einheimisches Bier, Klopse mit Bratensoße, Kartoffelbrei und Preiselbeeren. Deftig schwedisch. Wir sitzen auf Holzbänken und reden über seine Bilder. Die Bücher von Jens Olof Lasthein liegen auf dem Tisch, und er erklärt seine Welt.

»Ich erzähle Geschichten.« Der Satz fällt fast beiläufig, als wir über seine Vorgehensweise sprechen. Seine Bilder entstehen aus einer Wechselbeziehung. Da ist die Realität, das Sujet in dem er sich bewegt. Und da ist er selbst, der sich in die Situation einbringt. Das macht die Sache vielschichtig. Im Gegensatz zum allgemein verwendeten Bildmaterial im gängigen Bildjournalismus, gibt es in der Arbeit von Lasthein nicht nur die eine Wahrheit.

Deswegen fotografiert der 44-jährige Schwede mit der Widelux. Da kann viel passieren in diesem Bildfeld, zum Teil Widersprüchliches. Die Panoramakamera vermeidet eine zu offensichtliche Sehweise, weil sie das ganze Umfeld mit ihrer 140-Grad-Perspektive einbezieht. »Damit stehe ich mitten in einer Situation und kriege alles und jeden ins Bild« – aber eigentlich fing alles damit an, dass er sich schlicht in die Kamera verliebte. Das war 1992, gleich nach seiner Ausbildung an der Nordic Photo School in Stockholm. Ein Jahr früher hatte er die Widelux entdeckt, aber nicht gekauft. Seine Liebe blieb platonisch, die Sehnsucht wuchs mit der Erkenntnis: »Ich wäre ja dumm zu glauben, ich könnte in einem Bild eine Geschichte erzählen.« Es klingt fast empört und er fährt sich mit der Hand über sein kurz geschnittenes Haar. Die Kellner räumen die leeren Teller weg. Subjektive Fotografie? – Nein, das ist ihm zu Ich-bezogen, Selbstbespiegelung ist seine Sache nicht.

Politische Fotografie? »Politische Dinge könnten eine treibende Kraft sein«, meint er nachdenklich und reibt einen imaginären Fleck von der Holztischplatte. Aber dann schaut er schnell und geradeaus aus seinen hellblauen Augen. Und erzählt, dass er seine politischen Ideen bei der Zusammenstellung seiner Bilder beiseite stellen musste. Bleiben wir also beim Geschichtenerzähler.

Seine Technik impliziert seine Herangehensweise. Mit einer Widelux auf Reportage zu gehen, Menschen in den Mittelpunkt der Sujets zu stellen, bedeutet ganz nah rangehen. Kein Teleobjektiv verkürzt die Distanz zwischen Fotografen und seinem Gegenüber.

Mit der 140-Grad-Festoptik musst du deinem Gegenüber richtig auf den Pelz rücken. Sonst schafft die Panoramakamera weitläufige Landschaften mit drapierten Statisten. Die Bildkompositionen von Lasthein sind tief gestaffelt. Sie stellen einen Menschen in den Vordergrund und in der Tiefe der Bilder entstehen die Szenarien, um die sich die Geschichten der Protagonisten ranken. So erzählt das Umfeld, die Landschaft immer etwas über die Menschen, die sich darin bewegen. Ein zwangsläufiger Effekt der Widelux, und es ist hochgradig anspruchsvoll, ihn gestalterisch einzusetzen.

Aber Jens Olof Lasthein kann mit seinem Instrument spielen – keine Frage. »Sag niemals nie zu einem guten Spiel«, sagt er irgendwann einmal während meines Besuches.

Auf den Balkan trieb es ihn aus Wut. Nach zwei Weltkriegen in dieser Region hatten Generationen in der Schule von Konzentrationslagern und Todesfabriken gehört. Warum dann dieser Rückfall in die Barbarei! Und was kommt danach? Wie geht es nach so viel Hass weiter? Ihn interessierte  der Alltag im Schatten des Krieges. Menschen, die sich wieder einrichten in der zerschossenen Landschaft, Alltag zwischen Ruinen, spielende Kinder auf Autowracks, eindrückliche, wuchtige Szenen der Zerstörung: Der Blick durch ein zersplittertes Fenster auf ein ausgebranntes Hochhaus. Erst auf den zweiten Blick realisiert man die Silhouette eines Mannes. Wie Blut fließt der Rost aus den Einschusslöchern eines alten VW-Käfers. Selbst wenn Lasthein keine Menschen im Bild zeigt, spürt man sie immer.

»Während meiner Reisen im früheren Jugoslawien erhielt ich einen eindrucksvollen Einblick in die Realität des Krieges und seiner Nachwirkungen. Der Widerwille, sich damit zu befassen, lässt mich zu dem Schluss kommen, dass es immer wieder passieren kann.« Wir schauen am Kneipentisch auf diesen letzten Satz in Jens Olof

Lastheins Buch. Die Melancholie dieser Erkenntnis durchzieht die Stimmung seiner Bilder. Wir sind die letzten Gäste im Pelikan. Wir zahlen und gehen.

Im Hotel schaue ich mir noch einmal seinen zweiten Bildband an. »White Sea Black Sea«. Seine Bilder lassen mir keine Ruhe. Ich verstehe, dass er dem real existierenden Bildjournalismus nichts abgewinnen kann. Gezwirbelte Realität. Gut gebaute, gestaltete Wirklichkeit für den Bildermarkt. Die kann man nicht schaffen mit Jens’ Credo. »Ich treffe die Leute auf einer menschlichen Ebene«, hatte er am Abend gesagt, »immer so nah wie möglich.« Und die Widelux ist sein Katalysator. Seine Bilder interpretieren die erlebten Momente, er stellt sie in Räume, in die Tiefe. Unter seine Fotos passen deshalb eigentlich keine Bildunterschriften, die Aufnahmen sind zu komplex.

Typisch dafür ist mein Lieblingsbild aus seinem aktuellen Band »White Sea Black Sea«. Eine junge hübsche Frau aalt sich auf der Bank einer Bushaltestelle selbstverloren in der tief stehenden, warmen Abendsonne – an sich schon eine Ikone von Sinnlichkeit. Aber der Blick erfasst noch weit mehr: Im Hintergrund eilt eine andere Frau über die Straße. Genau auf der Linie eines Schlagschattens. Jens erwischt genau den Augenblick, in dem sie scheinbar schwerelos über den Asphalt schwebt. Sie schaut aus der Blickrichtung des Fotografen, man kann aus ihrer hektischen Gestik schließen, wie schnell die Autofahrer wohl gerast sein mögen. Diese scheinbar beziehungslosen Momente reihen sich auf wie Wörter in guter Lyrik. Auf gut Straßendeutsch: Fotografie auf den Punkt, einfach geil!

Am nächsten Morgen schlendern wir durch seinen Stadtteil, durch das Südquartier Stockholms. Die breiten Straßen säumen Mehrfamilienwohnhäuser aus dem 19. Jahrhundert und belanglose Architektur der Fünfzigerjahre. Hier wohnen Künstler, Kreative, die Szene. Man sieht es an den vielen Bars und Cafés. Ansonsten ist das Viertel aufgeräumt. Eine bürgerliche Gegend. Jens lebt seit dem Ende seines Studiums hier. Sein Geld verdient er mit Reportagen und Porträts für Zeitungen und Magazine. Mit vier Kollegen teil er sich ein Büro. In dieser langweiligen Gegend ist seine jetzt 13-jährige Tochter aufgewachsen. Erst seit sie ihm die Fan-Gesänge des ansässigen Fußballvereins nahe brachte, hat Jens für sein Stockholm ein Heimatgefühl entwickelt.

Jens Vater ist Däne, seine Mutter Schwedin. Die Eltern sind gleich nach seiner Geburt nach Dänemark gezogen, von Stadt zu Stadt. Zuhause fühlte er sich da nirgends, für seine Kumpels war er immer der Halb-Schwede. »War aber kein großes Ding«, sagt er heute. Gereist ist er früh. Die goldenen Zeiten der InterRail-Tickets führten ihn nach Frankreich, Deutschland, Italien. Dann, mit 20 trampte er hinter dem Eisernen Vorhang durch Polen, Rumänien, die damalige Tschechoslowakei und Ungarn. Er traf Menschen, saß mit ihnen zusammen, setzte sich ihnen aus – und fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben zuhause. Seelenverwandtschaft nennt man das. Und deshalb ließ ihn dieser Menschenschlag nie los.

Rund 15 Jahre nach der Auflösung der Sowjetunion will er wissen, wie es den Leuten geht, hinter dem jetzt virtuellen Eisernen Vorhang. Fotoaufträge und selbstfinanzierte Reisen bringen ihn hin. Und Lasthein bringt uns widersprüchliche Bilder seiner Seelenverwandten mit. Armut und Verfall im Kontrast zur Werbeästhetik, kleine Geschichten von der Straßenecke, Glücksmomente, Familienidyll mit rostigen Autos. Wer gehofft hatte, hier eine blühende Aufbruchstimmung zu sehen, wird enttäuscht. Wer einfach nur hinschaut, so wie Lasthein hingeschaut und sich auf die Menschen eingelassen hat, wird viele Geschichten entdecken, in den Filmbildern vom Zuhause des Fotografen.

Jens Olof Lastein
Geboren 1964 in Schweden wuchs Jens Olof Lasthein in Dänemark auf. Seine fotografische Grundausbildung absolviert er von 1989–1992 an der Nordic Photo School in Stockholm. Seit seinem Abschluss arbeitet er als freiberuflicher Fotograf in Stockholm.
Er fotografiert vorwiegend Reportagen und Porträts für Magazine und Zeitungen und entwickelt eigene freie Projekte. Mit vier Kolleginnen und Kollegen teilt er sich eine Bürogemeinschaft. Daneben gibt Jens Olof Lasthein Workshops und arbeitet als Dozent an Fotoschulen in Stockholm, Kopenhagen und Minsk.
Auswahl seiner Bücher:
Moments in Between
Stockholm: Journal-Verlag, 2000.
ISBN 91-973629-6-4
White Sea Black Sea
A Visual Journey along the Eastern Border of the European Union
Stockport: Dewi Lewis Publishing, 2008.
ISBN 978-91-7126-110-6
Ausstellungen und Preise:
Seine Liste von 32 Einzelausstellungen zwischen 1995 bis heute, beeindruckt durch ihre Internationalität. Neben schwedischen, west- und osteuropäischen Galerien, wurden seine Fotos schon in Kambodscha, Südkorea und China ausgestellt.
Jens Olof Lasthein wurde im letzten Jahr für den Arbeitspreis für Dokumentarfotografie der Europäischen Zentralbank nominiert und erhielt zahlreiche schwedische Stipendien und Auszeichnungen.
www.lasthein.se

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Bernd Euler
ist Freiberufler und lebte einige Jahre in Brasilien. Heute arbeitet er wieder in Hamburg, als Fotograf, Autor und Redakteur.