MAGAZIN #10

Geteilte Geschichte – geteilte Sicht

Pressefotografie im west-östlichen Parallel-Universum: Chronologische Schnitte durch die Bilderwelten der Neuen Berliner Illustrierten und des Stern zeigen, wie deutsch-deutsche Perspektiven auseinanderdrifteten

Text –

Andreas Krase

Zwei Zeitschriften, zwei Perspektiven: Schon 1945 begann im Osten mit der Neuen Berliner Illustrierten die Nachkriegs-Ära der Bildmagazine; der West-Trendsetter Stern kam ab 1948 heraus. Beide Blätter prägten die bildlich-mediale Existenz der beiden deutschen Staaten, beeinflußten Entstehung und Präsentation der Pressefotografie maßgeblich. Doch der Vergleich zwischen hüben und drüben wird mit dem Lauf der Jahre zunehmend schwierig, denn Gesellschaftssysteme, journalistischer Stil und Medienprofile entwickelten sich nach unterschiedlichen Gesichtspunkten.

DIE NEUE BERLINER ILLUSTRIERTE (NBI)

Die NBI erschien – mit einer sowjetischen Lizenz versehen – bereits im Herbst 1945 als erstes Magazin dieser Art im Osten. Im Titel bezog man sich deutlich auf die traditionsreiche, 1891 gegründete Berliner Illustrirte Zeitung, die in den 30er Jahren »gleichgeschaltet« worden war und bis in den März 1945 hinein Durchhalteparolen für den Endkampf verbreitet hatte. Als Redakteur fungierte anfangs Hans Reuter, ein politisch unbelasteter ehemaliger Redakteur der Agfa-Photoblätter.

Obwohl die Redaktion jegliche Stellungnahme zu ihrer Orientierung an historischen Vorbildern unterließ, war die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung in Gestalt von Lilly Becher anwesend, der Ehefrau des Schriftstellers und späteren Kulturministers der DDR. Lilly Becher hatte bereits vor 1933 als Chefredakteurin der A-I-Z gewirkt und übernahm 1947 diese Aufgabe bei der NBI. Ein direktes Anknüpfen an die sozialengagierte Reportage in dieser Zeitschrift oder an die Fotomontagen und Bildgedichte von John Heartfield und Kurt Tucholsky gab es jedoch nicht.

Der Bezug zur Berliner Illustrierten war zunächst unübersehbar. Die NBI erschien im gleichen Format und mit 16 Seiten Umfang wie zuletzt die Kriegsausgaben ihrer Vorgängerin. Die erste Oktoberausgabe 1945 titelte: »Oberbürgermeister Dr. Werner besuchte Klingenberg.« Die Fotografie von Hans H. Hartmann zeigt – überdeutlich die Symbolik des Neuanfangs inszenierend – einen würdigen weißhaarigen Mann und eine junge Frau mit Kind auf dem Arm vor den rauchenden Schloten des Kraftwerks Klingenberg in Berlin. Die bedeutungsvolle Pose, die auf Verbreitung eines optimistischen Lebensgefühls zielende Bildinszenierung, gehörte bis zum Ende der 50er Jahre zum Ausdrucksrepertoire der Pressefotografie in der SBZ/DDR.

Die folgenden Beiträge resümierten das schreckliche Ende des Krieges und wiesen auf Zeichen des Neuanfangs. Ein wichtiges Thema der unmittelbaren Nachkriegszeit folgte: Aufnahmen aus vier deutschen Konzentrationslagern, die von alliierten Fotografen stammten. Das zweite Oktoberheft eröffnete mit einem Gruppenbild Berliner Kinder, fotografiert von einem alten Bekannten, Gerhard Gronefeld, der noch im Januar desselben Jahres im Vorgängerblatt einen Sonderbericht zur Lage an der Südwestfront beigesteuert hatte.

Die erste namentlich ausgewiesene Reportage in der NBI war Hans H. Hartmanns »Berlin: Die Trockenlegung des Nordsüdbahn-Tunnels: Ein gigantisches Werk unter Tag«. Hier wurde der um 1930 aktuelle Reportagestil aktiviert – die Rekonstruktion eines Geschehens durch aufeinanderfolgende Fotografien. Bald tauchten aber auch neuartige Themen auf, die im Westen keine Rolle spielten: Die sowjetische Besatzungsmacht hatte die Bodenreform beschlossen, und die Landverteilung begann. Im ersten Novemberheft profilierten sich mit einem »Berliner Bilderbogen« Otto Donath, Fritz Eschen und Gerhard Gronefeld – Vertreter der älteren Generation, die unter verschiedensten Bedingungen die Nazizeit überlebt hatten und später alle im Westen arbeiteten.

Kontinuität, auch im Ästhetischen, war also eine Selbstverständlichkeit. Die NBI des Jahres 1945 steht für die einheitlichen Ausgangspunkte der Pressefotografie unmittelbar nach dem Krieg. Inhaltlich gab es jedoch recht bald Änderungen, die den steigenden politischen Spannungen im besetzten Deutschland entsprachen.

DER STERN

Auch im Westen gingen bebilderte Publikumsmagazine früh an den Start. Als erste von der amerikanischen Militärverwaltung herausgegebene Illustrierte erschien schon ab September 1945 die Zeitschrift Heute. Bis zur Währungsreform wurden in den Westzonen etwa zehn größere Illustrierte lizensiert, die sich teils als nur kurzlebig erwiesen. 1948 kamen u.a. die Zeitschriften Quick und der von Henri Nannen gegründete Der Stern. Die grosse Illustrierte heraus. Beide Blätter rekrutierten ihre Redaktionsmannschaften aus den ehemaligen Mitarbeiterstäben der Berliner Illustrierten Zeitung und der Wehrmachtszeitschrift Signal; eine eher zweifelhafte Kontinuität auch hier. Anfangs überaus bieder wirkend, knüpfte Der Stern an eine mit anspruchsvollen Bildstrecken ausgestattete Film- und Theaterillustrierte gleichen Titels an, die 1938/39 im Deutschen Verlag erschienen war. Zu deren Bildlieferanten hatten u.a. schon Hanns Hubmann, Hilmar Pabel und Dr. Wolf Strache gehört.

Während die Quick sehr bald zum Marktführer aufstieg, spielte der anfangs ebenso wie die NBI nur 16 Seiten starke Stern eine zunächst unauffällige Rolle als Unterhaltungsblatt. Von seiner Durchschnittlichkeit kündete ein Schauspielerporträt auf dem Titel der ersten Ausgabe, die auch vom Layout her Elemente des früheren Der Stern übernahm. Es war ein Bildnis der jungen Hildegard Knef, die zum erstenmal in die USA übergewechselt war. Das Standfoto aus einem Film stellte mit seiner Konzentration auf die Physiognomie des Stars ein Muster von Titelblättern vor, wie es bis Ende der 60er Jahre für ca. 70 % der Ausgaben verbindlich bleiben sollte. Das Ungewöhnliche an diesem Porträt: Es zeigte die Schauspielerin mit halb verschattetem Gesicht und geschlossenen Augen.

1948 – VERSCHÄRFUNG DES KALTEN KRIEGES

Die NBI folgte von Beginn an den politischen Leitlinien der sowjetischen Militäradministration und der ostdeutschen Behörden. Dies drückte sich auch im Stil der fotografischen Berichterstattung aus. Pressefotografen in der SBZ hatten durchaus auch Inhalte zu bedienen, die im Westen keinen Vergleich fanden, darunter die besonderen Rituale der Politik und die Illustration der gesellschaftlichen Zielvorstellungen der späteren DDR-Staatsführung.

Diese Standardvorgaben prägten sich bildjournalistisch in Form einer parabelhaften und belehrenden fotografischen Erzählweise erstaunlich schnell aus. Als Fotoreporter der alten Schule hielt sich Gerhard Gronefeld noch eine Weile, bevor er sich – zunehmend behindert durch die politische und währungsmäßige Teilung Berlins – 1949 ganz in den Westen zurückzog. Von ihm stammten auf Spannungsmomente angelegte Reportagen wie »‚Stadtmitte, Bahnhof Stadtmitte!‘ Stoßverkehr im U-Bahn-Knotenpunkt« (4/1948), »Wie ein Berliner Arbeiter den 1. Mai erlebte« (20/1948) und eine umfangreiche Bilderzählung über die Wohnungsrenovierung bei einer vaterlosen Berliner Familie (52/1948). Ironischerweise lieferte der im Westen Ansässige einen der wenigen Bildkommentare zum entscheidenden politischen Konflikt: »Muß Berlin hungern … und frieren«, hieß es anklagend; Fotos aus dem ‚hellen‘ Osten und dem energiesparenden ‚düsteren‘ Westen sollten auf die bessere Seite hinweisen (43/1948).

Die prototypische Ikone des sozialistischen Arbeiters dieser Jahre wurde von Herbert Hensky geschaffen. Sie erschien im November auf dem Titel der Zeitschrift und zeigt in dramatisierender Perspektive von unten gesehen den dynamisch stemmenden »Rekordhäuer Hennecke, der durch seine aufsehenerregende Leistung ein neues sozialistischen Arbeitsethos verkörpert« (46/1948). Die angespannten Muskeln, der konzentrierte Blick des Bergmanns, der schräg von unten nach oben geführte Preßlufthammer wurden in ihrer fotografischen Fixierung durch zahlreiche Veröffentlichungen weit verbreitet.

Die Aufnahme wurde als beispielhaftes Zeugnis der neuen Arbeitsethik eingesetzt, entsprach aber dem überkommenen Bildklischee des Bergarbeiters. Der dazugehörige Beitrag folgte nach einer Polemik gegen den Kalten Krieg und bildete damit ein Element der antithetischen Struktur in der visuellen Argumentation von Gut (Sozialismus) und Schlecht (Kapitalismus), die zu den Merkmalen der DDR-Presse bis 1989 gehörte.

1953 – TOD STALINS UND DER OSTDEUTSCHE ARBEITERAUFSTAND

Gerhard Kiesling und Horst E. Schulze, die zu den nachgerückten Bildreportern der NBI gehörten, kommentierten den »Tag der Trauer« in der DDR pflichtgemäß und zugleich mit echter emotionaler Bewegung (12/1953). Der propagandistische Ton wurde schärfer, und es verstärkte sich der hymnische Grundtenor bei der Schilderung sozialistischer Errungenschaften. Dementsprechend half man der ungenügenden Realität mit Bildinszenierungen auf: Das Titelfoto von Horst E. Schulze »Flucht aus dem Elend« zeigt den fürsorglichen Empfang von übergetretenen Westberlinern durch Volkspolizisten: Zwei junge, gutgekleidete Paare mit einem Kinderwagen werden durch Handschlag von zwei Polizisten begrüßt. Im Hintergrund erhebt sich das Symbol der Staatsgrenze, das Brandenburger Tor (17/1953). Die »faschistischen Provokationen am 17. Juni 1953 in Berlin« kommen als rauchende Trümmer ins Bild; Massenaufläufe und -demonstrationen sowie die Präsenz russischer Panzer bleiben ausgespart.

Vom Stern übernahm man ein »Bilddokument der Schande« – angeblich ein Beleg für die Mißhandlung von »Friedensfreunden« im Westen Berlins (27/1953). Eine Aufnahme von Jochen Moll verdeutlichte hingegen die offizielle Sicht über den Ausgang des Aufruhrs: Das Foto zeigt lachende Sowjetsoldaten, die mit »Berliner Mädels« tanzen und von den dankbaren Berlinern umringt sind.

Zwei Ausgaben des Stern berichteten von den Unruhen in Ostberlin und weiteren Städten (26, 27/1953). Mittels einzelner Bilder von verschiedenen Fotografen (Severin, Busse, Klicks) und Agenturen wurden die Ereignisse rekonstruiert. Schon der Titel des ersten Heftes bemühte wieder das Symbol Brandenburger Tor: Das Bild zeigt die deutsche Fahne schwenkende Demonstranten nach Durchschreiten des Tores. Die weiteren Aufnahmen konzentrieren sich auf die Aktionen der Protestler auf den Straßen. Durch eine Teleoptik räumlich stark verkürzt, bietet sich die Leipziger Straße dem Leser als Gewirr von Masten und Drähten, von Panzern, Lkws und Menschengruppen dar – der Gegensatz zur NBI war beträchtlich. Auch eine Fotografie mit steinewerfenden Jugendlichen in der Nähe eines Panzers war abgedruckt worden, eine Variante des bekanntesten, von Wolfgang Albrecht stammenden Bildes zweier jugendlicher Steinewerfer vor einem Panzer.

Im Laufe des Jahres verstärkte sich der Einsatz von Berichten, die sich vor allem auf den Aussagewert des fotografischen Bildes stützten und Kommentare immer knapper einsetzten: So der »Blick hinter die Fassaden« des Sternreporters Gerd Heidemann »über den grauen Alltag der‚ fortschrittlichen Volksdemokratien«, speziell aus Rumänien (37/1953), und der Bildbericht von Jochen von Lang und Nikolaus von Gorrissen über die obskure Zellulartherapie eines Schweizer Arztes (39/1953).

Immer wieder gab es Beispiele einander kommentierender Berichte zwischen NBI und Stern. »Sechs marschieren durch das Tor zur Freiheit« zeigt freigekommene politische Häftlinge beim symbolischen Erreichen der Freiheit – sie durchschreiten ein eisernes Gittertor. Ebenso wie in Schulzes Inszenierung am Brandenburger Tor wurden politische Aussagen also gelegentlich durch fotografische Inszenierungen verbildlicht – nur unter umgedrehten Vorzeichen (34/1953). Historische Ereignisse fanden jeweils entgegengesetzte Bewertung: Stalins Tod wurde im Stern bildlich nur knapp kommentiert (11/1956), die Krönung der englischen Königin hingegen in opulenter Ausführlichkeit gewürdigt. Umgekehrt verhielt es sich in der NBI. In der westlichen Illustrierten verstärkte sich die Tendenz zu längeren Bildstrecken, während die NBI es auch wegen des geringeren Heftumfangs bei Berichten mit bis zu vier Aufnahmen beließ.

1956 – JAHR DES UNGARN-AUFSTANDES

Die NBI brachte in dieser Zeit weniger propagandistische und mehr alltagsbezogene Themen. Über den Aufbau eigener Streitkräfte – insbesondere der DDR-Volksmarine – wurde mit ungewöhnlich aktionsbetonten Aufnahmen berichtet (12/1956). Daß der Live-Fotografie inzwischen insgesamt mehr Geltung eingeräumt wurde, ließ auch ein wohlwollender Bericht über Edward Steichens The Family of Man durchblicken (13/1956). Es finden sich zunehmend gelungene Beispiele von Live-Reportagen, etwa den Bericht über eine Lungenoperation mit Fotos von Horst E. Schulze (21/1956).

Die traumatischen Ereignisse des Ungarn-Aufstandes wurden zunächst ohne eigene Bilder als antikommunistisches Verbrechen charakterisiert. Zu einem entsprechenden Foto heißt es: »Friedliche Demonstranten begrüßen die Ankunft sowjetischer Panzer« (45/1956). Erst im Dezember erschienen verharmlosende Bildberichte von Horst E. Schulze und Gerhard Kiesling über Besuche bei den »Opfern des weissen Terrors«, die eine Normalisierung der Situation signalisieren sollten (50, 51/1956). Fotografisch kommentiert wurde der Fortgang von Reparatur- und Aufräumarbeiten. Ein zweiter Beitrag porträtierte genesende Opfer. Mitleidsgefühle sprach das Bildnis eines Babys »Im Waisenhaus« an, dessen Vater angeblich »von den Feinden der Arbeiterklasse ermordet« worden war.

Das gleiche Ereignis konfrontierte die Stern-Leser mit einer Vielzahl peinigender Bilder, die aus einer extremen Ereignisnähe heraus fotografiert wurden und einen Eindruck von der Gewaltsamkeit der Auseinandersetzungen gaben. Rolf Gillhausen schilderte in einer Dreiersequenz Phasen der Lynchjustiz an einem »Kommissar«. Nun war es zugelassen, daß selbst die Tötung eines Menschen zum Inhalt einer Bildstory wurde (45/1956; 43, 46, 49/1956). Die Pressefotografie westlicher Prägung folgte zunehmend den Gesetzen des Enthüllungs- und Sensationsjournalismus. Sehr präzise, auf Ausdrucks- und Handlungsmomente zugespitzte, auf den visuellen Schock setzende Fotografien waren ihre Mittel.

Und der Typus des Stern-Reporters entstand – des risikofreudigen, Regeln mißachtenden, hyperaktiven Bildjägers und Ausnahmemenschen. Damit reagierte man auf internationale Entwicklungen im Fotojournalismus, die bis zum Verlust von Menschenleben führen konnten: Anläßlich von Bildberichten zur Suezkrise wurden die Namen von mehreren umgekommenen Fotografen erwähnt (47/1956). Rolf Gillhausen berichtete – hier gibt es thematische Analogien zur NBI – über den Wiederaufbau der Luftwaffe von Bord eines Düsenjägers aus (5/1956). Gillhausen und Eberhard Seeliger schlichen sich, wie Erich Salomon um 1930, als Kellner verkleidet in den engeren Kreis der »Märchenhochzeit in Monaco« ein (17/1956). Jochen Grossmann »testete« aus dem Blickwinkel des Beteiligten vier Armeen (15, 16/1956), und zwei Sternreporter machten heimlich Aufnahmen aus der Perspektive der Vorbeimarschierenden bei einem Umzug in Ostberlin (19/1956). Ein Höhepunkt des Erlebnisjournalismus war eine »Verbrecherjagd aus der Luft«, ein authentischer, aus dem Hubschrauber fotografierter Bildbericht von Ernst Grossar (52/1956).

Der Vergleich von Stern und NBI trifft bereits in diesen Jahren auf große Probleme. Die Frage nach verbindenden Aspekten der Pressefotografie in Ost und West hatte sich eigentlich schon seit diesem Zeitpunkt erledigt. Bei den großen Zeitereignissen, die in beiden Staaten reflektiert wurden, dominierte das politisch Konträre der Perspektiven. Gemessen an den folgenden Jahrzehnten waren die stilistischen Möglichkeiten der Pressefotografie mit Ausnahme des Einsatzes der Farbe bereits voll entwickelt.

1961 – BAU DER BERLINER MAUER

Die nunmehr mit einem Umfang von 32 Seiten erscheinende NBI folgte in ihren Themen der Liturgie immer wiederkehrender Gedenk- und Feiertage zwischen Maidemonstration und Tag der Republik sowie den stets aktuellen Topoi des tätigen Antifaschismus und der sozialistischen Errungenschaften. Jochen Moll, Gerhard Kiesling und Horst E. Schulze lieferten als Spezialisten für Produktionsreportagen mehrere Beiträge aus den volkseigenen Betrieben (1, 34, 38, 45, 47/1961).

Das Layout der NBI hatte inzwischen an Flexibilität und Großzügigkeit gewonnen, insbesondere was die Positionierung von Abbildungen betraf. Offensichtlich lagen die Anforderungen an das fotografische Bild mittlerweile ebenfalls höher: Gewünscht waren nun auch hier Aufnahmen, die den Eindruck vermittelten, aus einer authentischen Situation heraus entstanden zu sein. Doch damit hatte es seine Schwierigkeiten – Juri Gagarins sensationeller Weltraumflug wurde ausführlich mit Agenturfotos dargestellt (16, 17/1961), der Eichmannprozeß mangels eigener Bilder nur nebenbei erwähnt (17/1961).

Das Bemühen, westliche Modeerscheinungen, Jugend- und Lifestyle-Themen zu domestizieren, spiegelte sich in Beiträgen wie »Jurke und sein Feuerstuhl« über eine »beispielhafte Einrichtung für junge Motorradbesitzer« (30/1961) und »Schnelle Jungs – goldene Puppen« über den Ernteeinsatz von Jugendlichen wider (36/1961). Der zugespitzten innerdeutschen Situation wurde mit moritatenhaften Beitragsfolgen wie »Tragödie eines Grenzgängers«, »Es wurde alles wieder ausgepackt« und »Zwickaus grüner Salon« entsprochen (32/1961).

Dieser Beitrag von Horst E. Schulze berichtete von kollektiven Urlaubsfreuden einer Betriebsbelegschaft an der Ostsee – im Verhältnis zum Stern herrschte nach wie vor das Prinzip der umgekehrten Perspektive, denn dort wurden die Probleme von Flüchtlingen, der Grenzschmuggel und der Alltag in der DDR unter entgegengesetzten Vorzeichen aufgefaßt.

»Berlin an diesem Sonntag« schilderte die Ereignisse des 13. August als friedlich verlaufendes Straßengeschehen vor einem Hintergrund zustimmender Äußerungen aus den Betrieben ohne jede Dramatik (34, 35/1961). Ähnlich unspektakulär ging es weiter: »Panzer, Blumen und Genossen« lautete der Titel eines Beitrags. Gerhard Kiesling zeigt – nach vier Porträts von Grenzschützern, aus der Distanz fotografiert – pausierende Soldaten auf ihren Panzern in der Nähe des Reichstags. Eine andere Aufnahme bildet Berliner Frauen ab, die mit Blumensträußen gekommen waren, um einigen Uniformierten zu gratulieren (35/1961).

Der Widerhall der Ereignisse im Stern war völlig entgegengesetzt. Das inzwischen pro Ausgabe bis zu 132 Seiten zählende Journal verfügte bereits über seinen legendären, weltweit tätigen Stab von Bildreportern und lud für eine Serie ausländische Kollegen ein, über das demokratische Deutschland zu berichten. Das Layout war nochmals modernisiert worden und nun ganz auf die Rhetorik des Bildes ausgerichtet. Offensichtlich hatte der Twen stilistisch eingewirkt.

Bereits die ersten beiden Nummern konfrontierten mit den schockierenden Szenen des Aufruhrs in Algier, aufgenommen von Max Scheler und Eberhard Seeliger aus der Position der Steinewerfer und auf Doppelseiten übergroß wiedergegeben (1, 2/1961). Die Themen Prominente und Stars (Jacqueline Kennedy), insbesondere Filmstars, Urlaub und Freizeit, Lifestyle, Sex und Mode, vermischt mit Elementen des Paparazzo-Journalismus (»Die Nackten und die Reichen«, 34-35/1961), sowie politische Enthüllungen nahmen zunehmend Raum ein, ebenso immer wieder sensationelle Gerichtsverfahren. Anders als die NBI im Fall des russischen Weltraumstarts konnte der Stern mit Live-Aufnahmen von Start und Bergung der amerikanischen Rakete aufwarten (21/1961).

»KZ der SED« hieß es Ende August 1961: In vier Nummern wurden Fotografien von den Ereignissen um den Mauerbau gebracht (35, 36, 37, 42/1961). Die atmosphärisch dichtesten Beobachtungen an der Grenze stammten von Max Scheler. Sein Beitrag – eingerahmt durch Modefotografien von Rico Puhlmann und den Bericht über eine Audienz bei Papst Johannes XXIII – bringt Bildszenen auf einem von Grenzsoldaten bewachten Friedhof (36/1961). Es gelang außerdem eine Sequenz mit Bildern von einem geglückten Fluchtversuch durch die Stacheldrahtverhaue (42/1961).

Bald herrschten wieder andere Themen vor. Rolf Gillhausen und Joachim Heldt setzten mit den intensiven Bildern ihrer Afrika-Serie neue Maßstäbe der Auslandsreportage. Vermutlich lag dieser Kontinent inzwischen näher als der verriegelte, kalte Osten. Werbung und redaktionelle Beiträge begannen sich ins Ununterscheidbare zu vermischen.

1968 – INTERNATIONALE WENDE DER NACHKRIEGSZEIT

Dieses hochdramatische Jahr wurde von den beiden Illustrierten höchst unterschiedlich dargestellt. Der westliche investigative Bildjournalismus fand, beflügelt durch die Ereignisse, nochmals einen Höhepunkt. Thomas Hoepker demonstrierte mit eindrucksvollen Fotografien aus Mexiko vor der Olympiade die Möglichkeiten einer ganz auf Farbigkeit abgestellten Bildsprache (31/1968). »Die moderne Kamera mobilisiert das Bewußtsein der Menschen überzeugender, als jede Lehre, Theorie oder Parole«, heißt es dazu in einem Bericht zur Weltausstellung der Fotografie in Köln (25/1968).

Die NBI zählte nun 40 Seiten und druckte farbige Reportagen. Die Themen der Berichterstattung und ihre Stilistik hatten sich wenig geändert: Die Darstellung des sozialistischen Alltags beanspruchte den meisten Raum – die Regierung der DDR warb für die Zustimmung zu der neuen Landesverfassung, in der die Zielstellung der nationalen Einheit nicht mehr enthalten war.

Im ersten Heft zeigt Karl-Eduard von Schnitzler Ausschnitte seiner zusammen mit Rita Maahs erarbeiteten Ausstellung. Die sozialistische Menschenfamilie, eine ferne Nachfolgerin von The Family of Man und Reaktion auf Karl Paweks Ausstellung Was ist der Mensch. Für die herausragende Stellung der sowjetischen Wissenschaft stand der Herzchirurg Amossow mit der Serie »Herzen in meiner Hand«. Drei Bildbeiträge von Lothar Hitziger und Joachim Mirschel zeigen ihn in der Klinik und bei der Operation; auch sein Tagebuch wurde abgedruckt (7–9/1969). Dieser fotogene Arzt war das Gegenstück zum ebenso ansehnlichen südafrikanischen Herzchirurgen Chris Barnaard im Stern.

Über die »Offensive in Vietnam« wurde in der NBI in Ermangelung eigener Bilder mittels Material von internationalen Agenturen berichtet (11/1968). Dies betraf auch den Report über die Ermordung von Martin Luther King (16/1968) und den Anschlag auf Rudi Dutschke.

Die politische Temperatur stieg: »Ostern in Berlin-West. Augenzeugenbericht von Jochen Moll und Günter Karau« wurde als reine Bildreportage mit eindeutiger politischer Aussage angelegt. Diese bezieht sich auf ein hochdramatisches Bild. Es zeigt ein Grüppchen von Demonstranten, das sich hinter ein aufgerichtetes, überlebensgroßes Kreuz und eine Fahne schart, mitten in der hell sprühenden Gischt von Wasserwerfern (17/1968). Um die frevelhafte Aggressivität der westlichen Polizei anzuklagen, wurde das ansonsten eher unerwünschte Symbol des Christentums zulässig. Ein ähnliches Foto findet sich im Leserbriefteil des Stern (25/1968). Hier begegnen sich die Bildwelten: Die Aufnahme unterscheidet sich nur in wenigen Details von derjenigen Molls.

Fotografien des bei klassenkämpferischen Erkundungen im Westen stets verläßlichen Jochen Moll behaupteten, daß im Ruhrgebiet tristes Arbeitermilieu vorherrsche – die gegenseitige Wahrnehmung war nach wie vor vom Geist der ideologischen Feindschaft und der visuellen Manipulation bestimmt: »Die Miete und die Menschlichkeit« (50/1961).

Peter Fiebig und Gerhard Kiesling lieferten bemerkenswerte, erstmalig auch mit Fisheye-Objektiv aufgenommene Reportagen über die Errichtung des neuen Stadtzentrums in Ostberlin (21, 48/1968). Barbara Meffert trat mit eindrucksvollen Künstlerporträts an (20, 40/1961), Thomas Billhardt besetzte die Themenbereiche Solidaritätsporträt (30, 37/1961) sowie Sozialistische Jugend (29/1961).

Dem Einmarsch in Prag wurde mit der üblichen Klassenkampfrhetorik begegnet: »Einhalt geboten« – hier handelte es sich nach Meinung der NBI um eine faschistische Provokation westdeutscher Sender, analog zum Modell Hitlerdeutschlands im Jahre 1938 (36-41/1968). Fotografien von Peter Fiebig aus Prag priesen die wiedergewonnene Normalität: »Nachdenklich hört der Jugendliche dem sowjetischen Soldaten zu.« Zu sehen ist ein sowjetischer Uniformierter, auf einer Bordsteinkante neben einem Jugendlichen sitzend; offensichtlich ist die Aufnahme stark retuschiert worden (38/1968).

In den Parallelnummern des inzwischen bis zu 240 Seiten umfassenden Stern wurde die Realität eines Alptraums visualisiert. Eine absolute Zuspitzung erfuhren die Bildberichte über Prag in einer Dreiersequenz über das Explodieren eines Munitionstransporters inmitten einer Menschenmenge (36, 37, 41, 43/1968). Hilmar Pabel, Thomas Höpcker, Max Scheler und Volker Krämer lieferten zunächst die Bilder, andere kamen hinzu. Der Blick in völlig verwüstete Straßenzüge mußte jeden Leser über das Ausmaß militärischer Gewalt aufklären. Siebzehn Sternreporter schrieben schließlich »das Stundenbuch der tschechischen Tragödie« (41/1968).

Die Ermordung von Robert Kennedy veranlaßte den Stern zu umfangreichen Bildberichten (23, 25/1968). Aus kurzer Distanz fotografierend, blickte Robert Lebeck über den Sarg des Ermordeten hinweg in die Gesichter der Angehörigen. Unmittelbar danach entstand ein inzwischen weltbekanntes Foto: das Doppelporträt der beiden trauernden Schwestern (25/1968).

Vom Krieg aus Vietnam berichtete im Stern erneut Hilmar Pabel – so wie Billhardt in der NBI (37/1968) – zumeist mit Porträts; er lieferte Bilder, die nach Ablauf des Kampfgeschehens entstanden waren. Über dieses hatten vorher David Douglas Duncan und Don McCullin mit Fotos aus nächster Nähe berichtet und das Grauen des Krieges in nicht mehr steigerungsfähiger Direktheit dargestellt (8-10, 16/1968). Eine ganze Serie mit Aufnahmen von Max Scheler porträtierte den Medienstar und Herzchirurgen Chris Barnaard (9, 12, 13, 18/1968).

Die unterschiedliche Bewertung von Zeitereignissen bestimmte auch weiterhin den Blick: Der Stern berichtete von den beginnenden Conterganprozessen zurückhaltend (22/1968), die NBI sah sich hingegen zur Anklage der westlichen Gesellschaft veranlaßt (29/1968). Die Olympiade in Mexiko war für das Blatt vor allem das Fanal des Protests schwarzer Sportler gegen Rassismus (44/1968); die Sportereignisse konnte man nur mit Reproduktionen von Fernsehbildern nachvollziehen. Der Stern klagte mit doppelseitigen Bildern von Eberhard Seeliger, die die Gewalthandlungen der Polizei hautnah wiedergaben, die »vorolympischen Massaker in Mexiko« an (42/1968).

1977 – ESKALATION DER GEWALT DURCH DIE RAF

Die NBI kam seit längerem mit einem etwas erweiterten Umfang von 48 Seiten heraus, vergleichsweise wenig gegenüber den bis zu 300 Seiten des durch Werbung ständig weiter aufgeblähten Stern. Auf den Seiten des Ost-Magazins gab es nach wie vor Berichte aus der Produktion, mit denen nun als nachgerückte Reporter Bernd-Horst Sefzik, Eberhardt Klöppel, Uwe und Detlef Steinberg beauftragt wurden. Zaghaft näherte man sich der Popkultur als einer vermeintlich westlichen Dekadenzerscheinung. Der Beitrag »Disko« präsentierte Aufnahmen mit tanzenden Jugendlichen, die u.a. von Thomas Sandberg, Klaus Morgenstern und Günter Gueffroy stammten; er war damit einer der Versuche, die soziale Realität nicht vordergründig ideologisch gefiltert darzustellen.

Die staatstragende Reportage, das Resümieren von Errungenschaften und besonders der in antithetische Inhaltsstrukturen eingebundene Bericht über schlechte soziale Verhältnisse im Westen waren aber nach wie vor aktuell (2, 23/1977). So zitierte man ausnahmsweise eine Titelseite des Stern (»Generation der Absteiger«, 30/1977), um anklagend über Jugendarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik zu berichten (31/1977). Eine große Ausnahme: Sowohl der Stern (22/1977) als auch die NBI (20/1977) gaben Nachrichten über den Freitod eines ausbildungslosen Jugendlichen wieder.

Die gezähmte Aktualität und der durch zahlreiche Reglementierungen eingeschränkte Wirklichkeitszugang der DDR-Pressefotografie wurde gerade an Ausnahmen deutlich, wie einem unmittelbar nach dem Ereignis erfolgten Bericht von Thomas Sandberg über die Verwüstungen durch ein Zugunglück (28/1977). Die Tätigkeit im Ausland war insgesamt etwas ausgeweitet worden – parallel zur diplomatischen Anerkennung der DDR. Mehrfach kamen Beiträge aus »befreundeten« Ländern Afrikas, wieder von Jochen Moll fotografiert (16, 18, 31/1977). Der Bundesrepublik galten – wie üblich – Berichte über Neofaschismus, u.a. in der Bundeswehr (36, 43/1977), und über Waffenhandel (42, 48/1977). Die Stammheimprozesse und die Attentate im westlichen Nachbarland wurden in der NBI mit keinem Wort erwähnt. Auch auf dieser Seite lag Afrika näher.

Der Stern brachte gelegentlich Berichte über den im Vorjahr ausgebürgerten Wolf Biermann und dessen Umkreis, auch über weitere bekannte Ausgereiste wie Manfred Krug. Im September wurde über die Unterdrückung intellektueller Opponenten geschrieben, doch der Beitrag war wiederum nur spärlich bebildert (37/1977).

Damit erschöpften sich deutsch-deutsche Themen fast schon, da westliche Bildjournalisten in der DDR nur sehr eingeschränkt arbeiten konnten. So gab es nur indirekt Möglichkeiten, beispielsweise bei Gelegenheit eines großen Stern-Bildberichts über die Künstler der 6. Documenta, in dem Robert Lebeck und Thomas Hoepker auch die DDR-Künstler Willi Sitte und Wolfgang Mattheuer porträtierten (27/1977).

Das Gros der innenpolitisch wichtigen Ereignisse erwies sich aber als ausgesprochen unfotogen. Die RAF-Prozesse im Zuchthaus Stammheim waren für die Bildpresse nicht zugänglich. Die visuelle Ausstattung anhängiger Berichte bewegte sich auf dem Niveau unscharfer Fahndungsfotos und stark vergrößerter Ausschnitte ästhetisch belangloser Bilder (43, 44/1977). Der getitelte Beitrag »Das Leben der Susanne Albrecht« (34/1977) mußte sich auf diese Weise behelfen. Zum bekanntesten Porträt des Jahres wurde das Polaroid des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer vor dem RAF-Symbol (39, 43/1987).

Es fällt auf, daß der Druck der Ereignisse den Stellenwert der klassischen Themen des Bildjournalismus – also Zeitgeschichte, Außenpolitik und Soziales – gegenüber den immer weiter vordringenden Lifestyle-Themen noch einmal erhöhte. Gute Schwarz-Weiß-Fotografie wie im Bericht von Volker Krämer und Hans-Dieter Bollinger über »Das neue Spanien« erhielt dadurch eine neue Chance (25/1977).

1989 – ZUSAMMENBRUCH DES OSTBLOCKS

Die NBI begann memorierend. »Foto: Jochen Moll. Gedanken zu alten Fotos« hieß der erste Beitrag des Jahres, der mit ganz frühen Aufnahmen des Bildreporters ausgestattet war und so zugleich die Geschichte der NBI thematisierte. Als »Errungenschaften« folgte die Gegenüberstellung alter Bilder der Berliner Wilhelmstraße und neuer Aufnahmen vom Wohnungsbau an dem nun nach Otto Grotewohl benannten Straßenzug. Fotos von Plattenbauten auf dem Gelände der alten Reichskanzlei, kombiniert mit Bauarbeiterporträts von Kiesling und Klöppel – so wurde ein Aufsteigen aus dem Dunkel der Geschichte illustriert. Als Antithese folgten Bildberichte aus einem Aus- und Übersiedlerheim in West-Berlin, über das Leben in Containern und eine Darstellung sozialer Errungenschaften in der DDR. Den Abschluß bildete ein Porträt des prominenten Gewandhauskapellmeisters Kurt Masur, das von Günter Bersch fotografiert worden war (1/1985).

Diese monolithische Fassade hielt, wie bekannt ist, nicht mehr lange. Die Nummer 42 der Zeitschrift pflegte im Oktober mit Bildern von Thomas Sandberg und Gerhard Zwickert über die Staatsfeierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR noch einmal die übliche Hofberichterstattung. Bereits die folgende Ausgabe berichtete von »Sorge über die entstandene Lage« im Versuch, die sich anbahnenden Veränderungen zu beherrschen. Nun entstanden nach 40 Jahren einer fragwürdigen Kontinuität in rascher Folge neuartige Formen des fotografischen Berichtens. »Offensiv und ohne Tabus« wollte sich das neue Staatsoberhaupt in einem Porträt von Werner Schulze den Arbeitern stellen (44/1989).

Erst allmählich begann auch die festgefügte Struktur der Zeitschrift zu bröckeln, denn zunächst und zwischendurch liefen noch die gewöhnlichen, vorbereiteten Beiträge weiter, deren Bildrhetorik immer anachronistischer wirkte. Der Fotoreporter Bernd-Horst Sefzik veröffentlichte ein Eingeständnis der Manipulation: »Wie lange ist es her, daß ich so spontan zur Kamera griff? […] Die Bilder, wie sie sich boten, sahen anders aus, als man sie gestern noch auf Zeitungsseiten gewohnt war, ohne vordergründiges Strahlen.«(44/1989).

Die Zeiträume wurden in jeder Beziehung kürzer: »Nur zwei Sekunden« war eine Reportage betitelt, die unmittelbar nach dem Geschehen und mit einer neuartigen Drastik die Folgen eines Verkehrsunfalls beschrieb (44/1989). Ein Beitrag über die »Tage der Kultur der DDR in der UdSSR« mit Aufnahmen von Eberhard Klöppel war nur noch ein Zeugnis der auseinanderdriftenden Ereigniszeit (45/1989). Der Wirklichkeitsgewinn setzte sich fort mit Berichten über Ausreisewillige in Warschau und neue demokratische Formen. Schließlich folgten unter dem Titel »Wir sind das Volk« Bilder der großen Demonstrationen in Leipzig (46/1989) und über die Maueröffnung »Die Schranke ist oben« mit Beiträgen der bislang linientreuen Reporter Günter Blutke und Eberhard Klöppel (47/1989). Und dann drang man – sichtlich ungelenk – sogar zu Formen des »investigativen Journalismus« vor und berichtete über die kleinbürgerlichen »Privilegien« der zurückgetretenen Staatsführung (49/1989).

Diese Lehre kam spät. Noch in der Ausgabe 48 erschien der Slogan der »antiimperialistischen Solidarität«, während Eberhard Klöppel einen Bericht von der geplanten Schließung des Mansfeldkombinates bildlich begleitete. Nun begannen die Fotografen der NBI auch über Bürgerinitiativen zu berichten. Bisher unterdrückte Themen wie die Immunschwächekrankheit AIDS wurden erstmalig auch mit Fotografien dargestellt. Nikolaus Becker und Gerhard Zwickert statteten einen Augenzeugenbericht über die Gewalttaten der »bewaffneten Organe« mit Aufnahmen aus, die während der nächtlichen Prügeleien unmittelbar vor dem Verlagsgebäude gemacht worden waren. Jetzt hatten die Unruhen auch den unmittelbaren Redaktionsbereich und die Ästhetik der Bilder erfaßt – zu sehen sind die unscharfen Konturen hin- und herwogender Menschengruppen in einer von wenigen Straßenleuchten nur spärlich erhellten Szenerie (49/1989).

Die Bemühungen, der NBI in der Presselandschaft des bald wiedervereinigten Deutschland einen Platz zu sichern, schlugen jedoch fehl. Nach einer längeren orientierungslosen Phase stellte das Magazin mit Ausgabe 10/1991 sein Erscheinen ein.

Der Stern hatte im Lauf des Jahres 1989 bereits mehrfach über die Auflösungserscheinungen im Osten berichtet, während die NBI das Thema weitgehend ignorierte. Im Mai erschienen erstmalig Modefotografien von Sibylle Bergemann, die Modelle der alternativen Gruppe „Allerleirauh« aus dem Prenzlauer Berg in Berlin vorstellten – für diese Zeit war das als Blick hinter die Kulissen schon eine Sensation (21/1989).

Bereits im August titelte die Zeitschrift »DDR: Ein Staat verliert sein Volk« und berichtete mit Aufnahmen von Dirk Eisermann über die Flüchtenden in Ungarn (34/1989). Das folgende Heft brachte ein DDR-Extra über dieses Thema mit Bildern von verschiedenen Fotografen. Zunehmend trat nun die Schwierigkeit hervor, ein tagesaktuelles, in zahlreiche Einzelaktionen fragmentiertes Geschehen ins Bildhafte zu übersetzen. Interessanterweise gab es in diesem Zusammenhang auch erste Veröffentlichungen von Fotografen, die bisher (Jens Rötzsch, Jürgen Gebhardt) oder vormals (Ludwig Rauch) in der DDR gearbeitet hatten (36, 47/1989). Thomas Köhnle faßte im ersten Oktoberheft die ganze Dramatik der Ausreise von DDR-Bürgern aus Prag zusammen: Die farbige Aufnahme – entlang eines Zuges fotografiert – zeigt winkende Hände, deren Reihung sich im Unscharfen verliert (41/1989).

Die folgenden, rasant vor sich gehenden Ereignisse erbrachten seitens des Stern kaum Bilder von Belang. Das Jahr schloß im Stern mit einem Bildbericht des Leipzigers Stefan Thomm über eine Menschengruppe, die sich medienbewußt eigens für die Kamera inszenierte und noch Stoff für zahlreiche Aufnahmen liefern sollte: Junge Rechtsradikale »Heim ins Reich?« (52/1989).

Auch die NBI hatte das Jahr mit thematisch gleichen Warnungen beschlossen. »Neonazis ante Portas« hieß es hier, aber das Bildmaterial zitierte die Westberliner Zeitschrift Blickpunkt (51/1989). Mit der verbindenden Problemlage begannen nun die bisher strikt getrennten Themenstellungen und Deutungsperspektiven wieder vergleichbar zu werden.

VERSUCH EINES RESÜMEES

Die bisherigen Veröffentlichungen zur Pressefotografie nach 1945 haben sich stets auf bestimmte Zeitabschnitte und Sachthemen beschränkt. Deutliche Lücken offenbarte 1997 selbst die mit höchsten Ansprüchen aufwartende Publikation Deutsche Fotografie. Macht eines Mediums 1870–1970.

Die verläßlichste Quelle von Informationen über den Bildjournalismus in der DDR bietet immer noch ein eher schmaler Katalog von 1985 über Frühe Bilder. Eine Ausstellung zur Geschichte der Fotografie in der DDR. Hier wurde das Problem der gegenseitigen Wahrnehmung von West und Ost, der wechselseitigen Abhängigkeit von Themen und Fotografierweisen überhaupt erst benannt. Dieser Ansatz wurde praktisch jedoch nicht weiter verfolgt.

Weit günstiger sieht es mit der Dokumentation von journalistischer Fotografie in der Bundesrepublik aus. So hat das Magazin Stern anläßlich seines 50. Jahrestages eine Reihe von 50 Portfolios vorgelegt und eine Zusammenfassung in Buchform, die sich allerdings nicht auf die im Stern erschienenen Bilder beschränkt und keine Quellennachweise enthält.

Der auf die eine oder andere Seite gerichtete Blick ist lange Zeit und bei nahezu allen Publikationen – mit Ausnahme einer Untersuchung von Ludger Derenthal aus dem Jahr 1995 – beibehalten worden.

Die Geschichte der ost- und der westdeutschen Fotografie ist als »Entwicklungsgeschichte einer Divergenz« zu charakterisieren. Selbstredend gab es in Ost und West nahezu identische Anfänge, denn die Ausgangspunkte waren ähnlich. Die Bilder in den Zeitungen und Magazinen glichen sich zunächst. Im Lauf der Jahrzehnte ist jedoch eine ständig zunehmende Inkompatibilität der Vergleichsebenen zu beobachten; die Basis für Vergleiche wurde immer schmaler.

Zugespitzt formuliert: Beinahe nichts verband schließlich den Bildjournalismus in der DDR mit dem in der Bundesrepublik, es sei denn die wechselseitigen Polemiken. Ausschlaggebend war nicht die Verteilung individueller Talente, sondern die Einbindung der Pressefotografie in die sich konträr definierenden Gesellschaftssysteme. Damit war eine prägende Komplexität politischer und kultureller Leitbilder gegeben.

Stilistisch knüpfte man in Ost und West zunächst an die Pressefotografie der Weimarer Zeit an, deren bedeutendste Vertreter während des Nationalsozialismus emigriert waren. Die These vom »Krieg der Bilder« trifft für die 50er Jahre zu, als über die visuelle Argumentation in der Presse versucht wurde, jeweils die Vorteile deseigenen Systems und die Nachteile des andern darzustellen.

Bis 1989 blieb der Bildjournalismus in der NBI dieser Zielsetzung verpflichtet. Die ästhetischen Elemente einer parabelhaften und belehrenden fotografischen Erzählweise hielten sich hier deshalb wesentlich länger, ebenso die Einbindung der Fotografien in antithetische Erzählstrukturen. Spezielle Themen wie der Bericht aus der Produktion und die staatstragende Reportage waren der Form und dem Inhalt nach stark kodifiziert. Insgesamt muß von einem eingeschränkten Zugang zur Realität bzw. von einer verdoppelten Manipulation gesprochen werden – nicht nur die Bilder unterlagen einer starken politischen Kontrolle, sondern ebenso die Wirklichkeitsbestände einer manipulativen Zurichtung. Es galt das Primat der Politik über das Bild.

Anders die Pressefotografie in der Bundesrepublik, die sich stets an den Gesetzen des Bildermarktes zu orientierten hatte. Nach Anfängen in der Tradition eines aufklärerischen Journalismus und einem weiterwirkenden Selbstverständnis als einer kritischen Instanz in der medialen Öffentlichkeit griffen zunehmend die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie. Im Bereich der Fotografie äußerte sich dies in einem steten Bedarf an sensationellen, ereignisorientierten Bildern, die – von politischen Kontrollinstanzen weitgehend unbeeinträchtigt – zu Elementen eines investigativen Journalismus wurden.

Das einheitlich akzeptierte Modell in der Fotografie der Nachkriegszeit war die Live-Fotografie, wie es vor allem durch die Ausstellung Family of Man weltweit verbreitet worden war. Dieses Modell und seine Mittel behielten bis Ende der 80er Jahre Geltung. Erst durch die elektronischen Medien ist hierin eine Relativierung erfolgt. Insofern sind für die viereinhalb Jahrzehnte keine grundsätzlichen Änderungen in der Ästhetik des Pressebildes auszumachen. Die Tendenz ging auf beiden Seiten hin zu einer stärkeren Ausnutzung der informativen und vor allem der emotionalen Potenz des fotografischen Bildes. Aus den beschriebenen Gründen war dies im Westen ungleich stärker ausgeprägt.

Die Unterschiede definierten sich ab den 60er Jahren über die Inhalte bzw. deren zunehmendes Auseinanderklaffen. Tatsächlich ist von getrennten Welten zu sprechen, deren Existenz für die östliche Seite das größere Problem darstellte. Die Reaktionen auf beide Seiten berührende Zeitereignisse fielen sehr differierend aus: Nur selten gab es eine Beziehung zwischen Bildern, die ein bestimmtes Ereignis betrafen, wie beispielsweise im Unruhejahr 1968: Zwischen der Neuen Berliner Illustrierten und dem Stern herrschte das Prinzip der umgekehrten Perspektive. Die gegenseitige Wahrnehmung war vom Geist der ideologischen Feindschaft und der visuellen Manipulation bestimmt. Dieser erstreckte sich auch auf Modethemen wie die Jugendkultur oder die Stars der Herzchirurgie, die auf beiden Seiten dargestellt wurden.

Das monolithische Bild, das der Fotojournalismus der DDR in seiner veröffentlichten Form bietet, wandelte sich erst im Jahre 1989, als der Publikationskontext zerbrach. Damit begann sich auch das »Bildsystem Fotografie« aus seiner divergenten Bestimmtheit in Ost und West zu lösen. An der Krise des Bildjournalismus, der im Wettbewerb mit dem Fernsehen gerade bei rasant und fragmentiert vor sich gehenden Aktionen wie der »Wende« oft ins Hintertreffen geriet, änderte dies allerdings nichts.

(Von der Redaktion überarbeitete und stark gekürzte Fassung des Originalmanuskripts.)

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Andreas Krase
ist Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Fotografiegeschichte; Zusammenarbeit mit verschiedenenen Verlagen und Museen, u.a. der Berlinischen Galerie und dem Berliner Landesmuseum. Z. Zt. Abschluß des Promotionsverfahrens