MAGAZIN #23

In ständiger Angst

Weil er für westliche Medien arbeitet, ist der tschetschenische Fotograf Musa Sadulaev in seiner Heimat nicht mehr sicher. Die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte lud ihn und seinen Sohn für ein Jahr in die Hansestadt ein – zu einer Auszeit von Verfolgung, Krieg und Terror.

Text –

Theresa Hallermann

Adam Sadulaev ist zehn Jahre alt. Wie es sich anfühlt, ohne ständige Angst und in Frieden zu leben, weiß er erst seit kurzem. In seiner Heimat Tschetschenien bestimmt der Krieg den Alltag. Seit Adam denken kann. Aufgewachsen in Trümmern, kommt ihm der bunte Hamburger Stadtteil Eimsbüttel vor wie ein fremder Planet.

Auch sein Vater Musa Sadulaev, 38, hatte schon fast vergessen, was Sicherheit ist. Nur langsam konnte er sich abgewöhnen, bei jedem lauten, unvermittelten Geräusch zusammenzuzucken. Der Fotograf Sadulaev hat gesehen, was außerhalb der Vorstellungskraft vieler liegt. Seit Ausbruch des ersten Tschetschenienkrieges 1994 arbeitete er als Fotoreporter – zuletzt für die Nachrichtenagentur AP. »Mit meinen Bildern erzähle ich die Geschichte meines Volkes«, sagt Musa Sadulaev. Doch die russische Armee will den Krieg unter Ausschluss der Öffentlichkeit führen. Westlichen Medien die Wahrheit zu zeigen, ist eine gefährliche Angelegenheit. So gefährlich, dass sich der Fotograf nie länger als zwei Tage am selben Ort aufhielt und Nacht für Nacht in seinen Kleidern schlief. »Ich wollte sicher gehen, nicht im Pyjama abgeführt zu werden«, erklärt er.

Seit September 2005 kann er solche Ängste vorerst zurückstellen. Ein Jahr lang gewährt die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte ihm und seinem Sohn Schutz und Erholung in der Hansestadt. 1.300 digitale Bilder brachte Musa Sadulaev mit nach Deutschland. Auf Ausstellungen in verschiedenen Städten finden sie einen Zuspruch, mit dem er nicht gerechnet hätte. »In Tschetschenien ist das Interesse an meinen Bildern geringer«, sagt der Fotograf – vielleicht, weil Schrecken und Elend dort in all den Jahren des Terrors Routine geworden sind.

Die Körber-Stiftung und die Stiftung HH Presse sponsorten ihm eine Kamera, so dass Musa Sadulaev auch in Hamburg arbeiten kann und nicht auf das Fotografieren verzichten muss. Für seine tschetschenischen Freunde hält er fest, was hier wohl den Wenigsten ein Foto wert wäre: Straßenkreuzungen oder Häuserfassaden. Für uns stinknormal, für Musa und Adam Sadulaev eine Märchenwelt. Eine, die vor 50 Jahren auch in Schutt und Asche lag – wie Grosny heute. Um den Tschetschenen Mut zu machen, will Musa Sadulaev seine Hamburger Stadtansichten bald in der Heimat ausstellen. Denn eins steht für ihn fest: »Tschetschenien ist zwar eine Ruine, aber es ist mein Zuhause! Dort muss ich meine Arbeit fortsetzen.«

www.hamburger-stiftung.de

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Theresa Hallermann
ist freie Journalistin in Hamburg