MAGAZIN #23

Magie in Grau und Schwarz

Mit dem Siegeszug der Digitalfotografie verändern sich auch die nachgelagerten Professionen – die meisten sind bedroht. Nur noch wenige Experten können hochwertige Baryt-Prints anfertigen. Einer von ihnen ist Larry Lazarus aus Hamburg.

Text –

Christian Mürner

LAZARUS fine prints steht in sorgfältig schwarzer Schrift über dem Schaufenster des ehemaligen Ladenlokals in der Seilerstraße in Hamburg-St. Pauli. Auf der weiß getünchten Mauer rundherum finden sich klobige Graffitis.

Larry Lazarus ist einer der Letzten, die es noch verstehen, klassische schwarzweiße Baryt-Abzüge von professioneller Qualität herzustellen. Solange das Fotopapier dazu noch erhältlich ist.

Die Fotoliebhaber, die Galeristen, die Museumsleute schätzen das Baryt-Papier. Ein tiefes Schwarz, hervorgerufen durch den hohen Silbergehalt, und die erwiesene Haltbarkeit erklären den legendären Ruf. Jeder Abzug wirkt wie ein Original. Das Negativ ist abstrakt, der Abzug gibt der Aufnahme die Realität. Um die besten Kontraste, die passenden Helligkeiten eines Fotos herauszufinden, braucht es Erfahrung.

Mit zwölf Jahren fing Larry Lazarus an, Fotos zu entwickeln und zu vergrößern, im Esszimmer und im Bad der elterlichen Wohnung. Er habe »alles ruiniert«, erzählt er. Das war in den 1960er Jahren in London. Mit vierzehn begann er eine Ausbildung in einem Fotostudio und durchlief alle Abteilungen von der Filmentwicklung über die Vergrößerungen der Referenz-Prints und der großen Abzüge bis zur Werbeabteilung. Nach Abschluss der Lehre sollte er in einer Kneipe ein Festessen fotografieren, das Geschirr dazu aussuchen und die Models dirigieren. Doch er sagt: »Ich war jung.« Er kündigte, nahm verschiedene Jobs an und reiste durch Europa, nach Israel und nach Indien.

1981 kam Larry Lazarus nach Hamburg. Eine Agentin in London vermittelte ihm eine Arbeit bei Creativ Color. Er war zuständig für das Schwarzweißlabor. Zwei Jahre später wechselte er zu PPS. Dort aber war die Arbeit nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Darum machte er sich selbstständig. Seit gut einem Jahr ist er in der Seilerstraße zu finden. Seine Kunden kommen nicht nur aus Hamburg, sondern auch aus Berlin, Wolfsburg, Frankfurt am Main oder aus der Schweiz. Auch junge Fotografen entdecken ihn und fragen bei Lazarus nach, wenn sie etwas auf Film fotografiert haben und nun Prints brauchen. Zudem zählen Museums- und Ausstellungsleute, wie die benachbarte »Griffelkunst«, zu seinen Kunden, sie kommen meistens mit einer alte Vorlage und wünschen einen neuen Abzug, der genauso oder möglichst noch besser aussehen soll.

Es wird allerdings immer schwieriger, entsprechend gutes Fotopapier zu bekommen – nicht zuletzt, weil Firmen wie Agfa die Produktion eingestellt haben. Das Papier kostet heute schon viel mehr als zu Zeiten, als Schwarzweiß noch in Mode war.

Der Arbeitstag von Larry Lazarus hat feste Koordinaten: Filme entwickeln, trocknen, schneiden, kontakten, Bilder aussuchen, trocknen, schneiden, ausflecken… Am längsten hält er sich in der Dunkelkammer auf, die mit einem schwarzen Vorgang wie ein orientalischer Palasteingang verziert ist. Hier arbeitet Lazarus mit vier Vergrößerern, darunter ein 6×7 »Durst« und ein 8×10-Inch-»Hombrich«, Kugelkopf, mit vier 650-Watt-Lampen, sie ergeben ein ganz glattes, ebenes, weiches Licht. Dass bei einer Vergrößerung an den Rändern dunkle Bereiche entstehen, ist bei diesem Gerät ausgeschlossen. Larry Lazarus belegt es mit älteren Abzügen vom jüngst verstorbenen Wilfried Bauer und dessen Serie um den Montagne Sainte Victoire. Zudem erscheinen die Grautöne um einiges sanfter. Lazarus holt noch einen hochwertigen Digital-Print zum Vergleich dazu und erklärt: »Wenn man in die Tiefe schaut, wo es in die dunklen Bereiche übergeht, vom Mittelgrau auf Schwarz, ist kaum etwas drin, der Wechsel ist praktisch stufenlos. Aber hier« – Lazarus zeigt einen seiner analogen Abzüge von Willi Maiwald – »dagegen die volle Tönung. Die Übergänge sind viel weicher.« Im Eingangsraum von Lazarus’ Atelier hängen einige solcher Abzüge von berühmten Fotografen und ihren Motiven.

Im Durchgang zur Dunkelkammer neben dem Leuchttisch liegen die Abzüge auf Netzen zum Lufttrocknen. Die Maschine trocknet die Fotos zu schnell, die Oberfläche wird erst durch das langsame Trocknen vollkommen. Zuletzt wird jedes Foto beschnitten, da sich vor allem am Rand kleine Chemiereste absetzen.

Hin und wieder lernen auch Praktikanten bei Larry Lazarus. Für ein halbes Jahr kommen die meisten von einer Fotoschule, um zu erfahren, was Schwarzweißfilme alles leisten können. Sie versuchen durch ihre Arbeit in der Dunkelkammer, einen Teil der Technikgeschichte der Fotografie nachzuvollziehen.

Wird die Schwarzweißfotografie bestehen bleiben? Vielleicht für Museen und Liebhaber, meint Lazarus, aber nur in »super geringem Umfang«, auch wenn stets von einem Revival gesprochen wird.

Zum Schluss unseres Besuches schaut sich Larry Lazarus kurz das letzte Freelens Magazin an, das wir ihm mitgebracht haben, und sagt überrascht zu den Fotos, die im unteren Teil des Titelbildes schemenhaft zu erkennen sind: »Ach, diese Abzüge habe ich auch gemacht.«

Lazarus fine prints
Seilerstraße 44
20359 Hamburg
Tel. 040/329 607 40

www.lazarusfineprints.de