MAGAZIN #08

Reifeprüfung auf glattem Parkett

Zwei FreeLenser zu Gast beim Gesellschaftsabend der VG Bild-Kunst

Text –

Ogando

Der Mann am Saaleingang des Restaurants Zur Leese umschließt die angebotene Grußhand gleich mit beiden Händen. »Meyer mein Name, im Namen der Bild-Kunst heiße ich Sie ganz herzlich willkommen.« Der Verwaltungsdirektor scheint sich wirklich zu freuen. »Meinen aufrichtigen Glückwunsch an FreeLens. Wissen Sie eigentlich schon, daß FreeLens in diesem Jahr mit dem größten Stimmenpaket aller Organisationen angereist ist? Sie haben 635 Stimmübertragungen. Erst mit 408 und 404 Stimmen folgen DJV und AGD.« Und schon sind wir mittendrin in der Politik – an die netten Worte reihen sich nahtlos die Fakten, Zahlen und Abkürzungen.

»Missfits – Nicht Gesellschaftsfähig« – mit diesem Etikett wurde in den drei Jahren seit der Gründung versucht, das FreeLens-Bild in Kreisen der Bild-Kunst zu prägen. FreeLens-Repräsentanten durften nur aus der sicheren Distanz des »Katzentisches« der Politik der Verwertungsgesellschaft zuschauen. Doch dann mußte der Stolz den Stimmenverhältnissen weichen und nun kann der Verwaltungsrat den vermeintlichen Straßenkindern nicht mehr die Tür weisen.

Aus einer Gruppe plaudernder Gäste vor uns löst sich ein hochgewachsener Mann mit angegrautem Haar. Zielstrebig steuert er auf uns zu. Herr Pfennig, der Geschäftsführer der VG Bild-Kunst. Ein Herr mit Weinglas und frankophilem Habitus gesellt sich hinzu. Wieder Glückwünsche für FreeLens – nun auch vom Chef persönlich. Der mit dem Weinglas fällt ihm ins Wort. »Sie sind also diese FreeLenser. Von Ihnen haben wir ja allerhand gehört und bestimmt verfassen Sie wieder irgendsoeinen Schmutz-Artikel in ihrem Vereinsblättchen nach dem Strickmuster Völlerei und Verprassen von Geldern bei der VG Bild-Kunst, stimmts oder hab ich Recht ?!« Erst danach gibt er sich zu erkennen, Eberhard Hauff ist für die Berufsgruppe der Filmer angereist.

Zurück zur Sache, meint Pfennig daraufhin, es geht um das »Problem« der morgigen Wahl. Bei der Stimmstärke unseres Verbandes werden wir sicherlich einen Sitz im Verwaltungsrat besetzen können, »der die Bedeutung ihrer Organisation dokumentiert«. Allerdings sei »die Zahl der Verwaltungsratsitze mit der Zahl der Verbände nicht mehr in Einklang zu bringen«. Es stelle sich also die drängende Frage, welcher der etablierten Verbände seinen Stuhl räumen muß. Ob wir uns denn zu diesem Problemkomplex schon Gedanken gemacht haben, fragt er. Haben wir nicht, schließlich soll das durch eine Wahl entschieden werden.

Im Anschluß weist Gerhard Pfennig darauf hin, daß der Verlegersitz des Börsenvereins des deutschen Buchhandels unantastbar sei. Die VG-Satzung gibt keinerlei Hinweis auf derlei Sonderabsprachen bei einer Wahl. Außerdem, bemerken wir, gibt es doch bei einer demokratischen Wahl kein Gewohnheitsrecht. Herr Pfennig zieht uns ins Vertrauen: Darüber soll es einen Vertrag geben, wenngleich nicht schriftlich niedergelegt. »Trinken Sie Weißwein oder Rotwein?«, fragt der Kellner. »Danke, Orangensaft. Ist Ihre Absprache in der Satzung nachzulesen, Herr Pfennig?« »Nein, aber da könnten wir es reinschreiben«, sagt Pfennig, »doch es war nie ein Problem«. Ein unmißverständliches Briefing für die morgige Wahl und ein tiefer vielsagender Blick vor der Vorspeise.

Gemeinsam lassen wir uns an der gedeckten Tafel nieder, überlassen das Kopfende – und damit die Ehre einen Trinkspruch auf die versammlte Gesellschaft auszubringen – Herrn Hauff, dem Mann mit dem Weinglas. Heute Abend wird Abschied von verdienten Vorstandsmitgliedern gefeiert. Geehrt werden heute abend Anatol Buchholtz, der Frankfurter Künstler, außerdem Roland Klemig, ehemaliger Leiter des Bildarchivs Preussischer Kulturbesitz und Professor Siegfried Neuenhausen. Aus Altersgründen scheiden sie nach Jahrzehnten aus der Vorstandsarbeit der VG Bild-Kunst aus und wechseln bis auf Neuenhausen in den Beirat, den Ehrenvorstand.

Unser Tischnachbar Pfennig möchte uns tiefer in die Gesellschaftsphilosophie einweihen. Und damit auch in die internen Absprachen, die er mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels ausgehandelt hat. Die Unantastbarkeit ihres Verwaltungsratsitzes per Vorabwahl, werden wir belehrt, sei ein Verhandlungskompromiß, der viele Jahre zurückliegt. Es war eine Zeit der zähen Verhandlungen um die Fotokopierabgabe, die heute für die VG-Mitglieder selbstverständlich ist.

Um den Preis des Sitzes erzielte Herr Pfennig ein Verhandlungsergebnis, mit dem die VG Bild Kunst offensichtlich zufrieden ist. Der Verwaltungsrat wurde für den Börsenverein um einen ständigen Sitz erweitert. Seitdem hat ein Verlegerverband als einzige Gruppierung ein Stammrecht auf einen Sitz im Verwaltungsrat, einem Gremium, das die Interessen von Fotografen und Designern vertreten soll. Und dann kam FreeLens. Mit dieser Neugründung, meint Pfennig, bekomme im Gesellschaftsgefüge der VG Bild-Kunst die Interessenslage der Fotografen ein zu starkes Gewicht. Zum Nachteil der anderen Gruppierungen. Am Beispiel FreeLens spürt man den Unwillen von Fotografen sich in existierende Organisationen einzugliedern, sagt Herr Pfennig und sucht zustimmende Blicke in der Tischrunde. Aber jetzt droht der zweite Gang wirklich kalt zu werden. Es folgen abenteuerliche Spekulationen zur Politik der Partner-Verbände.

Besser nicht drauf einlassen, nicht auf dem spiegelglatten Parkett des VG-Gesellschaftsabends. Wo doch die Zuhörerschaft unsere Antworten sehr aufmerksam verfolgt. »Sagen Sie mal, FreeLens«, fragt eine Dame in forschem Berliner Jargon, »warum gebärden Sie sich bei der Bild-Kunst immer so unbequem?« Wurde aber auch Zeit, daß mal eine Frage gestellt wird, die nicht schon die Antwort in sich trägt. Frau Gundelach sitzt für die Dokumentarfilmer am Tisch, läßt sich von uns die Zusammenhänge von existentiellen Geschäften mit Zweitverwertungsrechten in Zeiten knapper Produktionshonorare erklären. Schließlich, sagen wir, stehen für uns bei Überschneidungen zwischen den Geschäftsaktivitäten der Bild-Kunst und denen der individuellen Fotografen Grundeinkünfte und nicht ein Zubrot auf dem Spiel – im Unterschied zu anderen Berufsgruppen vielleicht. Käse – der Geruch ist eindeutig. Die Nachspeise ist also eingetroffen. Wir wechseln auf die Terrasse und genießen die abendliche Brise, die durch das Rheintal weht. Dann steht Frau Wedekind vor uns, grüßt charmant. Die Frau mit den zahlreichen Ämtern in der Bildbranche. »Sie sind doch sicher Hans Madej«, sagt sie, »der Bilderberg-Fotograf!«.

Der Hinweis auf ihren kleinen Irrtum hindert Frau Frau Wedekind nicht daran, eine Mahnung anzubringen. FreeLens lebe entscheidend vom schlechten Image derer, die der Verein anprangert. Sie unterstreicht ihre Behauptung mit einem Katalog von Beispielen, die alten offenen Rechnungen gleichen. FreeLens, das sei so eine Art Protestpartei ohne echtes Programm, die ohne Feind nicht leben kann. Da duldet die Dame keinen Widerspruch.

Der frisch gekürte Ehrenvorstand Klemig kommt mit seinem tadellos gezapften Pils vorbei. »Ich habe gerade mit ein paar alten Hasen gesprochen«, raunt er geheimnisvoll. »Sie, Herr Kluyver, als Neuzugang in unserer Runde sollten hier vor versammelter Gesellschaft eine Rede halten – jetzt, als Einstand versteht sich.« »Das verschieben wir auf den Zeitpunkt, an dem wir rechtskräftig in den Verwaltungsrat gewählt sein werden«, antworten wir und einigen uns darauf, die alten Hasen und ihre Geschichten zu verlassen. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag – Wahltag.